Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 10 (1893)
- Issue
- 26 (30.6.1893)
- Date
- 1893-06-30
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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Seite 492 Vesterrefttzifttze Wochenschrift — - Nr. 26 Vorzug der Juden. Sie wollen nie mit dem Strom schwimmen, nie mit der Majorität stimmen. Sie wollten im heidnischen römischen Reich nicht mit der Majorität Jupiter anbeten, und sie gingen nicht zum Christenthum über, als diese Majorität .christlich ward. zu viel Juden", hört man jetzt in Deutschdes Antisemitismus behaupten. Nein, wenn neu Juden gäbe, die im Reichstag so gut verdien wären wie die Katholiken, so gäbe es keinen Antisemitismus, chne es keinen Antikatholicismus gibt. Das jüdische Volk könnte auch alle anklagenden Völker mit einem Ausspruche, den wenigstens die christlichen Inden-, gegner respectiren werden, den Proceß verlieren machen: „Wer ohne Sünde ist, der werfe den ersten Stein!" „Die Menschenliebe sind wir vor allem uns selbst schuldig," hat jüngst ein Judenfeind, ich glaube sogar ein katholischer Priester, gesagt, und es wäre daher recht und billig, wenn die Anderen zuerst um die Abthuung ihrer eigenen Fehler bemüht sein möchten; aber, was geht das uns an? Mag der „Nächste" nur seinen Balken im Äuge behalten, wenn ich durch ihn von dem Splitter im meinigcu erfahre und ihn entferne, thut es mir doch gut. Wir Juden hätten also alle Ursache, unseren Gegnern dankbar zu sein, wenn sie sich nur begnügen möchten, uns unsere wirklichen Fehler und nicht auch erlogene vorzuwerfen oder gar die Folgen ihrer eigenen Fehler und Sünden. Wenn ein leich»sinniger junger Mensch sein Vermögen verschwendet und noch Schulden macht, so ist nicht er der Schuldige, sondern der Jude, der ihm Geld geliehen; wenn ein den Müßiggang liebender Handwerker, der häufiger -im Wirthshaus als in der Werkstatt zu finden ist, zu Grunde geht, so ist nur die jüdische Concurrenz daran schuld; wenn ein den Früh-, Mittag- und Abcndschoppen und sämmtltche Commerse fleißig besuchender Student bei der Prüfung durchfällt, so sind dafür nur die „sich überall vordräugenden Semiten" verantwortlich. Die Hauptsünde der Juden ist ab.' die Solidarität, sagte Einer, der nicht für einen Antisemiten gelten will; wenn man Einen angreift, nehmen sich gleich Alle seiner an und daher kommt es, daß man für die Sünden Einzelner Alle verantwort-' lich macht. Wir wollen nicht einwenden, daß sich jede Nation mehr oder weniger ihrer eigenen Angehörigen annimmt, ohne v.iel nach deren Moralität zu fragen, und es ist schon vorgekommen, daß heidnische und christliche Staaten Kriege geführt und Eroberungen gemacht haben, um eine Unbill zu rächen, die einem ihrer Unterthanen sehr zweifelhaften oder unzweifelhaft schlechten Charakters widerfahren ist. Und wenn die Juden fester Zusammenhalten, sich reger aneinander schließen, wie man ihnen vorwirft, einen Staat im Staate bilden wollen, wer hat es dann mehr verschuldet, als die anderen Völker, die ihnen seit anderthalb Jahrtausenden diese Solidarität und diese Abgeschlossenheit aufzwangen? Beging ein Christ ein Verbrechen oder einen Schurkenstreich, so war eben der Peter oder der Paul der Verbrecher oder der Schurke, ließ sich aber ein Moses oder Jacob Etwas zu Schulden kommen, so wurde,gleich der Stab über alle Juden gebrochen. Sehr oft wurden ganze Judengemeinden vertrieben, weil ein Jude ein Verbrechen begangen hat. Im österreichischen Erbfolgekriege, als der Churfürst von Bayern Linz und Prag weggenommen hatte, beeilten sich hochadelige Unterthanen Maria Theresia's ihm zu huldigen und als ihren rechtmäßigen Herrscher anzuerkennen. Als dann die Waffen der großen. Habsburgerin wieder siegreich waren und die beiden Haupfftädte besetzten, wurden einige dieser Aristokraten ziemlich gelinde bestraft; aber alle Juden wurden ausgewiesen, weil angeblich einige Prager Juden den Preußen als Spione gedient hatten. Und sind nicht im letzten ungarischen Aufstande mehreren I u d en g em e i n d e n außerordentliche Contributionen auferlegt worden, weil manche Juden den Ungarn Vorschub geleistet hatten? Freilich wird von dieser Solidarität mitunter eine Ausnahme gemacht — wenn ein Jude seinem Stiefvaterlande Ehre macht, wird er flugs annectirt. In Rußland gelten ja die Juden als frenrder Körper, der je eher je besser aus dem Staatsleibe ausgebrannt oder ausgeschnitten werden soll, fragt man aber einen Russen, was denn sein Volk Großes in der Kunst geleistet habe, so nennt er die Russen Rubinstein und Antokolski. Dann die Abschließung und Ausschließung der Juden! Wollten sie zwischen ihren christlichen Mitbürgern wohnen, so „Wir haben zur Erklärung Wort einige Millio wurden sie in besondere Straßen und Stadttheile eingeschlossen, die sie bei Nacht nicht verlassen durften, und viele Städte ließen sie überhaupt in ihrem Gebiete nicht übernachten. Sprachen sie dieselbe Sprache, trugen sie dieselbe Kleidung wie ihre Mitbürger, so wurde ihnen ein Schandzeichen, ein bunter Lappen oder Hut aufgezwungen, um sie von den Christen zu unterscheiden, wodurch übrigens die Judenfeinde, welche behaupteten, man erkenne den Juden schon an Geruch und Phy-, siognomie, der Lüge geziehen wurden. Die Kirche verbot aufs strengste die Ehe mit Juden, die Zünfte nahmen keinen jüdischen Handwerker auf und — man klagt die Juden an, daß sie sich absondern, daß sie nicht in dem'Volke aufgingen, das ihnen Gastfreundschaft gewährte. Gastfreundschaft ist eine schöne Tugend, die besonders von -den Orientalen gepflegt wird, in Europa aber hat ein verschrobener Professor die Lehre von den „Wirths- und Gastvölkern" erfunden. Alle Rechte auf Grund und Boden, auf Regierung und Herrschaft besitzen nur jene, diese werden geduldet und müssen sich dankbar mit dem Wenigen begnügen, das man ihnen gnädig gewährt. Worin besteht aber das Verdienst der Wirthsvölker? Im Alterthum-rühmten sich viele Völker, daß sie Aboriginer wären, das heißt, daß sie von Ursprung des menschlichen Geschlechtes an im Besitze ihres Landes seien. Ein solches Volk konnte sich wohl neueingewanderten Stämmen gegenüber gewiß mit Recht ein Wirthsvolk nennen. Seit der Völkerwanderung gibt es aber keine solchen Urbesitzer in Europa. Die jetzt germanischen Länder waren früher von Kelten, manche von Slaven besetzt. Wo jetzt Russen sich breit machen, saßen früher die Finnen, in Ungarn wohnten Slaven und wahrscheinlich auch Juden vor den Magyaren. Es war zum Theil unter dem bewußten oder unbewußten Einflüssen der Bedeutung des Aboriginerthums, daß man in neuerer Zeit die sogenannten Arier, die man früher stets für aus Asien Eingewanderte erklärte, zu geborenen Europäern machte. Jo, nach der allernenesten Wissenschaft stand ihre Wiege in Norddeutschland. Man übersieht dabei nur das Eine, daß man es machte wie jener Mann, der, als er nicht wußte, wo er die ganz frisch ausgegrabene Erde Hinthun sollte, eine frische Grube ausgrub, um sie dort unterzubringen. Sind die Arier geborene Europäer, dann sind sie in Asien Eindringlinge und „Gastvölker". Wir brauchen aber gar nicht in prähistorische Zeiten zurückzugehen. Die Columbusfeier erinnert uns daran, wie ein von Aboriginern bewohnter Welttheil von fremden, einer anderen Rasse angehörenden Eindringlingen überschwemmt wurde. Und diese Einwanderer, die nicht Juden und nicht Semiten waren, haben die Ureinwohner ihres Grundbesitzes beraubt, sie zu Sclaven gemacht, ihnen mit Feuer und Schwert eine neue Religion aufgedrungen und sie in jeder Weise ausgebeutet. Und geht nicht Aehnliches gleichsam vor unseren Augen in Afrika vor? Als friedliche Forscher oder Missionäre kommen zuerst einige Europäer ins Land, dann entdeckt ^man die reichen Hilfsquellen des Landes, durch List und Schmeichelei, für Glasperlen, Branntwein oder Schießpulver erwirbt man von den Eingeborenen Ländereien, aüf die man dann Souveränitätsrechte geltend macht. Oder einem Europäer wird von den unwissenden Eingeborenen irgend eine Unbill zugefttgt, dann erscheint zu rechter Zeit ein Kriegsschiff, Soldaten werden gelandet, eine zwei- oder dreifärbige Fahne aufgepflanzt und Hurrah geschrieen. Ueber Nacht' ist aus dem unabhängigen Lande eine Colonie geworden, und wenn das dumme „Wirthsvolk" das nicht begreift und in seiner alten Freiheit, nach seinen alten Sitten weiter leben will, dann werden seine Dörfer angezündet und wer sich widersetzt, wird als Rebell niedergeschossen. Und die europäischen Zeitungen wissen dann wieder von einem „Sieg der Civilisation" zu berichten. Im Namen der Civilisation und Menschlichkeit wird dann der Krieg gegen den Sklavenhandel begonnen, und hat man die arabischen Händler, die ja auch ernste Handelsconcurrenten sind, glücklich verdrängt, dann beginnt das „Gastvolk" einzusehen, daß die Sklaverei für jene Länder eigentlich eine nützliche Institution 'ist, und daß man dem müßiggängerischen „Wirthsvolk" keinen größeren Dienst erweisen kann, als wenn man es „zur Arbeit erzieht", das heißt zur Arbeit für den Europäer zwingt. Wenn man dann in Europa über Unterjochung und Ausbeutung durch die Juden klagen hört, so glaubt.man die Stimme des bösen Gewissens zu hören. Der Arier fürchtet, die Semiten könnten an ihm die Behandlung rächen, die er anderswo den Semiten, Hamiten und anderen Rassen zu Theil werden läßt. Selbstverständlich ist bei den geistigen und physischen Machtmitteln der Europäer eine solche Furcht ganz absurd, abgesehen davon, daß