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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1893-06-30 · 26 (30.6.1893) · page 1

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
10 (1893)
Issue
26 (30.6.1893)
Date
1893-06-30
Page
– (sequence 1)
Language
German
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^aag^^geaafag^^Eraggfo^**. ■ Nr. *6_ Wte». 3». I«m 1883. X. Jahrgang. Centralorgsn Kr die gefammten Intereffen des Iudenthums. K. Ii. Postsprurassrnamt '! Clearnrgvrrkrhr Ile. 810.U76. Kebaclion und Rdniinistrstton: ve> i s « Iran; Ivfefs-Nnsr Nr. 8. Telephon-Nr. 6535. *=-.' —» --#- Eigrnthmner: Uerchsralhs-Alrgeordnrler Dr. KLoch. -- Erscheint jeden Freitag. Mmr sdonnirt bei allen AoflsnflsHen dr» In- und 3SuaIanbes. Bezugspreis: Halbjährig 4 fl. Einzelexemplare 25 kr. sLnzeigrn: Die 4mal gespaltete Petitzeile 12 kr. Inhalt: Leitartikel: Mancherlei ,^ur Judenfrage. — Eine Wandlung'? — Tie französische Gesellschaft für politische Oekonomie.— Vom ersten internationalen Verleumder-Congreß.— Stimmen aus dem Publikum.— Korrespondenzen: Wien, Budapest, Zwittau, Marburg, Berlin. — Ver m ischtes: Wien, Brünn, Bistriü, Budapest, Baden, Tetschen, Groß-Kanisza, Andrichau, Gablonz a. N., Stanislau, Czernowitz, Sanibor, Prag, London. — Feuilleton: Fürstengunst XBI. — W ochenkalender. — Briefkasten. — Inserate. Mancherlei zur Indenfrage. Wenn man den Juden nicht durch jahrtausend lange Verfolgung und Bedrückung, Verhöhnung und Verleumdung die größte Demuth und Bescheidenheit eingeprägt hätte, so könnten sie jetzt ungelnein stolz werden und sich für das mächtigste und größte Volk auf Gottes Erdboden halten. Ueberall hört man über die Herrschaft der Inden klagen, die wichtigsten und einträglichsten Aemter sind von Juden oder „Judensprößlingen" oder zu mindest von Judenliberaien und „Judenkuechten" besetzt. Alles was in der Welt vorgeht, geschieht nur durch Juden, oder im Interesse von Juden. Wirft sich irgendwo ein dummes Dienstmädchen ins Wasser, so haben sie Juden ermordet, macht ein hochgeborner Graf eine verfehlte Speculation in Getreide, so hat ihn ein jüdischer Bankier dazu verleitet, macht Oesterreich Anstrengungen seine Valuta zu reguliren, so geschieht es nur zum Vortheil der Juden, sinkt 'die russ!sche Valuta immer tiefer, so sind die Juden schuld daran. Die Vororte Wiens werden mit der Hauptstadt vereinigt — zum Vorth eile der Juden, eine jüdische Beamte perhorrescirende Aetiengesellschaft wird vom Staate unterstützt — aus Rücksicht auf die Inden. Daß die ganze Weltausstellung in Chicago nur zum Vortheile der Juden veranstaltet wird, und daß die große Trockenheit in den letzten Wochen nur von jüdischen Getreidespeculanten verursacht wurde, das kann jeder Antisemit beschwören. Und maw.weiß wie heilig den Freunden von Pastor Stöcker und Professor Rohling ein Eid ist. Aber alles das, was jetzt geschieht, ist nur ein Vorspiel von dem, was kommen wird. Bald werden die paarmalhunderttausend Juden in Deutschland das ganze deutsche Bierzigmillionen- Reich vollständig unterjocht haben, die armen Germanen in Ghettos einsperren und mit einem gelben oder rothen Lappen bezeichnen. Das große Russenreich wäre schon längst von diesem Schicksal erreicht, wenn ihm nicht ein Retter in Gestalt des menschenfreundlichen Ober Procurators des heiligen Synods erstanden wäre. Auch die katholische Kirche wird der Berjudung nicht entgehen, der jüdische Erzbischof wird Kardinal und wahr-' scheinlich auch Papst werden. Soll man es da chen Antisemiten übel nehmen, wenn sie die kurze Zeit der Freiheit, die den armen Christen noch gegönnt ist, dazu benützen wollen, um ein paar Judenhäuser zu plündern, ein paar Juden zu prügeln und in Parlamenten und Landtagen in der unfläthigsten Weise zu schimpfen. Gönnt man.doch dem zu Tode verurtheilten Mörder und Räuber am Tage vor der Hinrichtung die besten Leckerbissen und eine feine Cigarre. Der großen Macht und Bedeutung der Juden in der Gegenwart und ihrer noch größeren in der Zukunft entsprechend, hat sich . eine ganze Antiuni) Pro-Juden-Jndustrie gebildet. Wie Pilze, und mitunter so giftig wie diese, schießen antisemitische Zeitungen empor, fast jeden Tag erscheint eine Broschüre gegen oder für die Juden, und manche der letzteren zwingen uns den Ausruf ab: „Gott schütze mich vor meinen Freunden!" Findige, im Antichambriren und Jnterwieven geübte Journalisten reisen herum um die Ansichten berühmter und berüchtigter Antisemiten zu vernehmen und veröffentlichen dieses Gewäsche in redseligen Berichten, ebenso wie die altbekannten Gemeinplätze der sogenannten Judrnsreunde, die den Juden vollständigste Gleichberechtigung zusichern wenn sie ihnen nur den kleinen Gefallen thun möchten und anfhörten Juden, zu sein. Und solche Berichte machen einer Zeitung Reclame und verschaffen ihr viele Leser, wie ja auch leider die Juden zu len fleißigsten Lesern antisemitischer Blätter gehören und die antisemitische Industrie am meisten durch die Juden gefördert wird. Gar manches antisemitische Blatt wäre schon längst eingegangen, wenn es nicht gerade von Juden so eifrig in den Kaffeehäusern gelesen würde. Freilich antwortet man auf meine Klagen darüber mit der alten Sentenz: ab bo3ts doceri. Aber kann man denn von diesen Feinden etwas anderes lernen, als Gemeinheit und Verlogenheit? Wie ist es aber mit dem Tadel und den Borwürfen beschaffen, die uns von den wenigen anständigen Gegnern und den gutmeinenden aber schlecht unterrichteten Freunden gemacht werden? Sollen sie uns nicht veranlassen, eine gründliche Selbstprüfung anzustellen, die Fehler, die man uns vorwirft, abzuwersen, das Gute, das mau bei uns findet, noch zu verbessern? Eine der ergreifendsten Stellen in dem jüdischen Gebetbuche für den Versöhnungstag ist jene, in der geschildert wird, wie Gott Gericht hält über die Menschen und eines der erhabensten christlichen Kirchenlieder ist das vom jüngsten Gericht. (Dies iras.) Aber mehr als die Knnst des Dichters ist es die gewaltige Größe der Idee, welche den starken Eindruck hervorbringt, die Idee, den schwachen sündigen Menschen vor dem allwissenden, unfehlbaren ewigen Richter zu stellen, gegen dessen Ausspruch man stch an kein höheres Tribunal wenden kann. Fehlbar, minder wissend und nicht immer unparteiisch ist der irdische Richter, aber auch vor ihm zu stehen, mit schwerer Anklage bedroht, ist eine sehr ernste Sache für einen Menschen, noch mehr für ein ganzes Volk. Und ist es nicht, als ob jetzt ganz Israel vor Gericht geladen wäre auf Leben und Tod? — Von allen Beiten kommen die Ankläger heran — habgierige Rabulisten, Neider und rachgierige Feinde und selbst die Dummheit fehlt nicht, welche Huß „heilige Einfalt" nannte, als sie in Gestalt eines frommen Weibes Holz zu seinem Scheiterhaufen herbeitrug. Mit unermüdlichem Eifer, mit von Haß geschärftem Spürsinn, wird in den Jahrtausenden der jüdischen Geschichte noch Anklagematerial gesucht, nichts ist zu kleinlich, nichts zu absurd, um nicht ausgenommen zu werden. Und wer sind die Richter? Eben die Ankläger selbst oder ihre Volks- und Glaubensgenossen, deren rechtliche Competenz nur iu ihrer Macht besteht, in der Macht der großen Majorität gegen die jüdische Minorität. Und daß sie eine Minorität sind, darin liegt eben der Hauptfehler, aber vielleicht auch der Haupt-

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