Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 10 (1893)
- Issue
- 25 (23.6.1893)
- Date
- 1893-06-23
- Page
- – (sequence 16)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 486 Oesterreichiptze Wochenfchrtst Nr. 25 nein! Es war Wirklichkeit, es war eine jener schweren, harten Stunden, an die dein Leben so überreich ist, du Armer, Unglücklicher!" Levi zuckte plötzlich zusammen. „Pfui, elender, herzloser Egoist! Du denkst an Dich während vielleicht." Rafael wurde in seinem Alleingespräche von zwei fremden Juden, die nach dem Herbergvater frugen, unterbrochen, er ertheilte ihnen Auskunft und schritt dann langsam gesenkten Hauptes ans dem Hause. Freitag Nachmittag waren in der Regel die Bureaux in Samson Wertheimer's Hause geschlossen und Rafael Levi hatte es ebensowenig nothwendig. als er Lust hatte, nach der eben verlebten Stunde heimzukehrcn, er fühlte das Bedürfnis, allein zu sein, in Gottes freier Luft aufzuathmen; er enteilte dem Gewühle der Stadt und ging vor das Thor, einen menschenleeren Weg aufsuchend. In Gedanken versunken vorwärtsschreitend, wurde er durch den lauten, freudigen Ausruf: „So wahr mir Gott helfe, das ist ja unser junger, gnädiger Herr Rafael!" aus seinen Träumen aufgeschreckt. Als er aufblickte, stand ein in eleganter Livre gekleideter Mann von etwa dreißig Jahren, den Hut in der Hand, ehrerbietig vor ihm. „Setzt Eueren Hut auf!" rief Levi gebieterisch und fuhr dann leise fort: „Friedrich Rogert, ich kenne Euch von meiner und Euerer Jugend an, ich hoff', Ihr wollt mich nicht verrathen. Erweist mir nicht jene Ehrfurcht, die in meiner gegenwärtigen Stellung auffallen, Unerklärlicherschemen müßte, nennt mich hier nicht mit meinem Namen, hier heiße ich Rafael Levi und bin imHause des Oberhof-und Ober-Kriegsfactors Samson Wertheimcr bedienstet." „Ich, Sie verrathen!" rief der Lakai, „da wäre ich ja das größte Scheusal, das je gelebt!.... Ich will nicht von den Wohlthaten sprechen, die meine Mütter, eine arme Witwe, und ich, in Ihrer Eltern Hause genossen, aber Ihnen danke ich mehr als je ein Mensch einem zweiten zu danken hatte. Ihnen danke ich Ehre und Leben, und weiß es Gott, noch weit mehr als Beides! Nicht ein einziger Tag ist seit jener Stunde vergangen, an dem ich nicht inbrünstig um Ihr Glück zu Gott gefleht! — Es ist mein heißester Wunsch, Ihnen meine Dankbarkeit beweisen zu können! — Sie aus einem brennenden zusammenstürzenden Hause mit Gefahr meines Lebens herauszuholen, das wäre mein höchstes Glück!" „Laßt das!" sprach Levi: „Wie geht es Euerer Mutter? Wie geht es Euch? Wie kommt Ihr nach Wien und wessen Livree trägt Ihr?" „Meine Mutter ist schon vor einigen Jahren gestorben," erwiderte Rogert „und hat Ihrer Familie und Ihnen bis zu ihrem letzten Momente unbegrenzte Dankbarkeit bewahrt. Was mich betrifft, hatte ich, wie Ihnen bekannt ist, begreiflicherweise alle Lust an meinen alten Dienst verloren und hatte um gnädige Entlastung gebeten. Ich zog in die Fremde. Sie wissen es, ich bin ein guter Lakai, ich bin hierzu in harter Schule gedrillt worden. Ich habe alles Erdenkliche, was nur im Entferntesten zum Dienste gehört, lernen müssen. Ich kann serviren, kutschiren, ftisiren, reiten, schießen, ich hatte sogar Gelegenheit mir etwas ftanzösisch und englisch anzueignen. Ich fand daher leicht eine Stelle. Nachdem ich in mehreren kleinen deutschen Residenzen gedient hatte, kam ich vor anderthalb Jahren nach Breslau zu einem Grafen. Dort lernte ich einen Kutscher kennen, der bei dem früheren preußischen Gesandten hier in Wien gedient hatte, und mir viel von der großen österreichischen Residenz und dem herrlichen Leben dort erzählte, so daß ich Lust bekam, es auch einmal in Wien zu versuchen und als der alte Graf kinderlos starb und einer seiner Verwandten, der zur Testamentseröffnung nach Breslau kam, Gefallen an mir fand und mir den Antrag stellte, mit ihm nach Wien zu gehen, nahm ich denselben an und so stehe ich seit sechs Monaten im Dienste des kaiserlichen Kämmerers und Reichshofrathes Grafen Johann Friedrich von Nimptsch. Ich habe bei ihm feit sechs Wochen die Stelle des erkrankten Kammerdieners vertreten und werde, da dieser gestern gestorben, in dessen Stelle auftücken — aber ich habe Sie schon übermäßig lange aufgehalten! Ich war glücklich Sie nach langer Zeit wieder zu sehen! Sie, der Hochstehende, waren stets gütig gegen mich. Sie sind sich gleich geblieben, Sie haben es nicht übel ausgenommen, daß ich Sie hier auf der Straße angesprochen und haben sich nach meiner Mutter erkundigt." „Rogert", erwiderte Levi, „Ihr müßt ja erfahren haben, welcher harte Schlag uns getroffen. ich bin nicht mehr hochgestellt, ich muß mich hier unter fremden Namen bergeü. Wär' ich nicht von Eurer Treue überzeugt, ich hätte mich auch vor Euch verstellt und es hartnäckig geleugnet, daß ich jener bin, für den Ihr mich haltet. — Ihr wißt es wohl, wenn er erführe, wo er meiner habhaft werden könnte, wär' ich verloren. Ein Verräther könnte ein schönes Stück Geld dabei verdienen," Rafael Levi lachte bitter auf, „Ihr, das weiß ich, verlangt nicht nach dem Blutgelde." „Sie haben mich einst vor den Qualen der Folter geschützt, so wahr mir Gott in meiner höchsten Noth beistehen möge, auch wenn man mir mit glühenden Zangen lothweise das Fleisch vom Körper risse, ich würde Sie nicht verrathen. Ich werde, so lange ich lebe, nicht vergessen, daß ich tief in ihrer Schuld stehe und würde glücklich sein, Ihnen durch eine That meine Dankbarkeit zu beweisen". „Mich hat es gefreut, einen Bekannten aus meinem Vaterlande und meiner Jugendzeit zu sprechen; es hat mir wohl gethan, Jemanden zu finden, der meiner Eltern in Liebe und Ehrfurcht gedenkt, es hat mir wohlgethan, wenn auch nur kurze Zeit, nicht ein Anderer sein zu müssen, als ich in der That bin. Es wird mir zuweilen furchtbar schwer, vor Jedermann eine Maske tragen zu müssen . .. Friedrich Rogert, beweist Euch meines Vertrauens würdig, bewahrt mein Geheimniß!" Der Lakai verabschiedete sich mit einer tiefen Verbeugung. Rafael sah auf seine Taschenuhr. „Es ist spät geworden", meinte er, „ich werde schnell gehen müssen, um rechtzeitig zum Gebete einzutreffen." _ (Fortsetzung folgt.) Literatur. Soeben ist der I a h r e s b e r i ch t der Landesrabbinerschule in Budapest für das Schuljahr 1892—93 erschienen. Dem Berichte geht voran: D e r V e r t r a g nach m o s a i s ch -1 a l m u d is ch e m Rechte von Rabb. Moses Bloch. Diese ausführliche, gewissenhafte, auf sorgfältigster Quellenforschung beruhende, gediegene Arbeit zeigt uns im steten Hinblick auf das römische Recht einen der wichtigsten Theile des talmudischen Rechtes. Heute, wo ein besonderer Zweig der Rechtswissenschaft, die vergleichende Rechtswissenschaft, in kräftigem Aufblühen begriffen ist, gewinnt diese Arbeit eine besondere Wichtigkeit und Bedeutung, weil eben das talmudische Recht von Juristen noch nicht vollumfänglich in den Kreis ihrer Forschungen hereingezogen wurde. Und daß hier viele Punkte, besonders was die gegenseitige Entlehnung des talmudischen Rechtes vom römischen und umgekehrt, anlangt, noch der Aufklärung bedürfen, braucht nicht erst betont zu werden. Und wenn Prof. Köhler, der eigentliche Begründer der Rechtswissenschaft, das Recht der Japanesen und aller anderen Völker berücksichtigt, so dürfte wohl dem talmudischen Rechte ein bescheidenes Plätzchen nicht versagt bleiben. Dem künftigen Forscher der vergleichenden Rechtswissenschaft kann dieses Buch des Prof. Bloch über das talmudische Vertragsrecht als eine in jeder Hinsicht verläßliche Quellenarbeit in die Hand gegeben werden. In dieser Beziehung hebt sich eben diese Arbeit von der des Fasse! sehr vortheilhaft ab, daß sie stets bis zur ersten Quelle zurückgeht, immer klare und präcise Definitionen gibt, die einzelnen Begriffe aufs sorgfältigste von einander scheidet, alles sichtet und die Fragen von jeder Seite beleuchtet. Die Rechtsbegriffe werden in der Arbeit des Prof. Bloch nie verwirrt, moderne Rechtsanschauungen den Alten nie unterschoben und nicht das österreichische, sondern das dem talmudischem Rechte viel congenialere römische Recht wird zum Vergleich herangezogen. Mit dieser Arbeit ist ein auf bleibenden Werth mit Recht Anspruch erhebendes, wissenschaftliches Werk geschaffen worden. In die schwierigsten und oft gar nicht leicht verständlichen Fragen wird hier mit sicherem und klaren Forschergeist Licht hineingetragen. Es wird hier vorerst sachlich über den Begriff des Vertrages gehandelt, dann über Selbstbeschränkung des Willens, gewagte Verträge, obligatorische und dingliche Verträge und über Ehevertrag. Alles in extenso, alles in leicht faßlicher Darstellung, mit Klarheit und großer Sachkenntniß. Es müssen besonders hervorgehoben werden die Grund legenden Ausführungen über „Asmachta" (S. 29—43). Allein nicht nur der Jurist vom Fache wird den Ausführungen Prof. B l o ch's mit Interesse folgen, auch der Talmud-Kenner, der sich je mit dieser Seite des Talmud beschäftigt hat. Der Knäuel, der in den Quellen oft so verwickelt ist, wird hier mit geschickter Hand entwirrt und der Faden mit Leichtigkeit weiter und weiter gesponnen, bis das ganze künstliche Gewebe des Vertragsrechtes sich vor uns ausbreitet. B u d a p e st. Dr. M. P.