Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 10 (1893)
- Issue
- 25 (23.6.1893)
- Date
- 1893-06-23
- Page
- – (sequence 15)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 25 Oesterreich ischr Wochenschrift Seite 485 sich hungernd und bettelnd bis hierher durchgeschlagen und ist mit wunden Füßen, zu Tode ermattet, hier angelangt. Sie setzt ihre letzte Hoffnung auf unseres Oberrabbiners Samson Wertheimers mächtigen Einfluß, auf dessen Verwendung." „Ich kann den tiefen Schmerz der armen Mutter mitfühlen", sprach Levi bewegt „und ich hoffe, daß es dem Oberhoffactor gelingen wird, die Rückgabe des Kindes an die Mutter zu erlangen. .. . Aber Ihr sprecht ja von sieben Angekommenen und habt bis jetzt nur zwei genannt!" „Es kamen noch an: Der Gesetzesrollenschreiber aus Eisenstadt, ein Jerusalemit und sein Diener, ein Handelsmann aus Proßnitz und eine Frau — vielleicht ist es ein Mädchen — aus dem Reich." „Aus dem Reich? Aus Deutschland?" schrie Levi leidenschaftlich auf. „Warum habt Ihr mir das nicht gleich gesagt?! Wie sieht sie aus? ... wo ist sie? .. . wo kann ich sie sprechen? So gebt doch Antwort, Ihr seht es ja, daß mich die Ungeduld verzehrt!" „Ihr laßt mich ja vor ungestümer Neugier nicht zu Wort kommen", hörte Lea den Gemeindediener erwidern, „sie ist nicht zu Hause, sie ist gleich nach ihrer Ankunft, etwa vor zwei Stunden weggegangen... ah! sie kommt eben zurück, ich sehe sie unserem Hause zuschreiten .... da diese ist's, die in eines der Herbergezimmer tritt". An dem Geräusche, das diesen Worten folgte, erkannte Lea, daß Levi rasch zum Fenster eilte und dasselbe aufriß: aber die Frau mußte nicht die so sehnlich Erwartete sein, denn Lea hörte, daß er tief aufseufzend halblaut ausrief: ' „Ich hätte es wissen sollen, daß ich, wie immer, auch heute vergeblich hierhergekommen! .... Daß der Mensch sich stets von Neuem von grundlosen Hoffnungen täuschen läßt!" Lea hatte von dem Momente an, wo sie Levi das erstemal gesehen, nicht eine Stunde seiner vergessen; wachend und träumend umschwebte sie sein Bild und sie hatte es sich auch nicht einen Moment verhehlt, daß sich einer Verbindung mit ihm die größten Hindernisse entgegenstellen würden, allein, daß es möglich wäre, daß Rafael Levi ihre Liebe nicht erwiderte, daran hatte sie nicht im Entferntesten gedacht! Der Gedanke lag ihr so fern, daß er in ihrer Seele gar nicht aufzutauchen vermochte und plötzlich, urplötzlich hörte sie aus Levi's eigenem Munde, daß er sich in Sehnsucht nach einer Frau — wohl seiner Gattin oder Braut — verzehrte! Sie fühlte einen heftigen Stich im Herzen! Wie in einem Märchen, das sie in ihrer Kinderzeit gelesen, durch eines Magiers Wort sich ein prachtvolles Schloß zerberstend in einen Schutthaufen verwandelte, so zerfielen jählings ihre schönsten Hoffnungen zu Staub! Sie wollte ein Wiederbegegnen, das sie vor Kurzem noch ersehnte, nun um jeden Preis vermeiden, sie wollte so rasch sie konnte davoneilen, aber sie vermochte es nicht, ihre zitternden Füße trugen sie nicht, sie mußte sich auf einen Mauervorsprung im Flur niederlassen. In dem Momente trat Rafael Levi aus dem Zimmer. Seine bleichen Züge trugen das Gepräge tiefster Traurigkeit. Offenbar in schmerzliche Gedanken versunken, wäre er, ohne Lea zu bemerken, an ihr vorübergeschritten, wenn ihm nicht zufällig der Knotenstock in seiner Rechten entfallen und er beim Aufheben desselben Lea's knisterndes Gewand gestreift hätte. „Fräulein Arnstein!" rief er und helle Röthe stammte in seinen Zügen auf, „welch' unerwartetes Glück, Sie hier zu finden! ..." er brach ab und setzte dann, offenbar nur um etwas zu sprechen, verlegen hinzu: „Was führt Sie hierher?" „Ich kam im Aufträge meiner lieben Mutter; ich wollte erfahren, ob hilfsbedürftige Glaubensgenossen angelangt sind". „Wie gut, wie edel Sie und Ihre Frau Mutter sind! Sich Armer, Unglücklicher, Verlassener, vielleicht in der weiten Welt heimaths- und ziellos Herumirrender erbarmen, ist das schönste Werk der Menschenliebe!" Es trat eine Pause im Gespräche ein; Levi blickte wieder düster vor sich hin. Lea fühlte, daß es nicht passend wäre, das Gespräch abzubrechen, sie wollte es nur kurze Zeit fortspinnen und möglichst bald mit einer passenden Redensart abschließen, das aber war einem Manne gegenüber, von dem sie nichts anderes wußte, .als wie er hieß, und daß er ihr einen großen Dienst erwiesen, nicht leicht und sie begann stotternd und schon während des Sprechens erkennend, wie unpassend das, was sie sprach, war. „Auch Sie fragen nach einer Person, die Sie sehnsüchtig erwarteten." Levi blickte befremdet auf und sprach heftig: „Woher vermuthen Sie das?.Sie kennen mich ja gar nicht, Sie wiffen nicht wer ich bin, Sie kennen ja nicht einmal meinen Namen!" „Als ich den Flur betrat, hörte ich, ohne daß ich dies beabsichtigt hatte, durch die halb offene Thüre, was im Zimmer gesprochen wurde. — Uebrigens ist mir ihr Name nicht unbe kannt. Meine Mutter hat sie vor wenigen Tagen im Cabinete meines Großoheim's Wertheimer nach meiner Schilderung erkannt und ihn um Ihren Namen gefragt, Herr Rafael Levi." „Sie haben Ihren Eltern von mir und unserer Begegnung erzählt?.Das hätten Sie nicht thun sollen, Fräulein Arnstein!" „Ich habe es nur meiner Mutter erzählt", erwiderte Lea rasch, „vor der habe ich kein Geheimniß." Es schien Lea, als wenn ein freudiger Zug über Levi's Gesicht flöge; aber oas währte nur einen Moment, seine Mienen verdüsterten sich wieder und er sprach fast hart: „Der Name eines Unbekannten hat keinen Werth, ist inhaltslos, nur ein leerer Schall. Ihr Großoheim konnte Ihrer Frau Mutter gar nichts über mich sagen.... Sie kennen mich eben gar nicht! Sie sprechen mich heute zum zweitenmale in Ihrem Leben." Das widerstrebende Wesen Levi's regte das junge Mädchen auf und sie sprudelte trotzig hervor: „Ich spreche Sie heute das zweitemal in meinem Leben und kenne Sie doch. Sie sind ein edler, aber höchst sonderbarer Mensch. Weshalb benehmen Sie sich so abweisend gegen mich? — Schon das erstemal verschmähten Sie, den mir erwiesenen Dienst hartnäckig verkleinernd, meinen Dank. Ich muß glauben, daß Sie mich gering achten, über mich aufgebracht sind und wahrhaftig, mit Willen habe ich Ihnen hierzu keinen Grund gegeben. Es scheint, daß Sie mich nicht bemerken wollten! — Sollten Sie mir etwa deshalb zürnen, weil Sie an jenem Abend um meinetwillen verwundet wurden, eine Narbe behielten? O? die Narbe steht Ihnen ganz vortrefflich." Lea hielt erschreckt inne, sie mochte wohl auch nicht weitersprechen, ihre Augen hatten sich mit Thränen gefüllt und sie fürchtete, beim nächsten Worte in Schluchzen auszubrechen. Levi ergriff ihre Hand und sprach, zuerst sich gewaltsam bezwingend ruhig, sich aber nach und nach erwärmend: „Die Narbe habe ich schon seit einer Reihe von Jahren .ich achte Sie nicht gering.ich zürne Ihnen auch nicht.wer könnte Ihnen auch zürnen?! .... Im Gegentheil! .... ich hatte Sie in der That nicht bemerkt.... aber Fräulein, daß ich einer Begegnung mit Ihnen ausweiche — das muß ich allerdings eingestehen." „Warum — weshalb?" frug Lea und blickte in angstvoller Spannung zu dem hochgewachsenen Manne empor. Rafael Levi vermochte nicht sofort zu antworten, seine breite Brust hob und senkte sich in schweren Athemzügen, endlich stieß er hervor: „Weil ich Sie glühend und doch noch selbstloser als glühend liebe, weil ich Thor fürchte, Sie könnten mich wiederlieben, — weil zwischen uns eine unübersteigliche Kluft gähnt, weil ich Unglücklicher nicht das Schicksal eines geliebten Wesens an meines knüpfen darf! — Fräulein Lea, ich flehe Sie an, vergessen Sie mich, lassen Sie das Begebnis, das uns zusammengeführt wie einen wesenlosen Traum aus Ihrem Gedächtnisse verschwinden. Wenn Sie mir Dank zu schulden glauben, beweisen Sie mir ihn dadurch — daß Sie mich zu vergessen suchen! — Leben Sie wohl! Auf Nimmerwiedersehen!" Levi wollte fortstürzen, aber Lea erhob sich zur vollen Höhe ihrer herrlichen, königlichen Gestalt, erfaßte seinen Arm und sprach mit ihrer schönen, vor Aufregung vibrirenden Altstimme. „Rafael Levi, ein Mann wie Sie kann nur die volle Wahrheit sprechen. Ich glaube Alles, was Sie gesagt. Ich glaube, daß Sie mich glühend, daß Sie mich selbstlos lieben, ick glaube, daß sich unserer Verbindung unübersteigliche Hindernisse eiitgegenstellen. Wir müssen uns in das Unabänderliche fügen! Aber, wenn ich nicht Deine Gattin werde, Rafael Levi, — so wahr ich an den einig einzigen Gott glaube, dann sterbe ich unvermählt!" Lea stürzte athemlos fort. Rafael blickte, wie aus einem Traume erwachend, um sich und fuhr sich langsam mit der Hand über die hohe Stirne. „Was war das?" sprach er, „wars eine Hallucination? ine fata morgana, ein schmerzlich süßer Traum? . . . . Nein!