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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1893-06-23 · 25 (23.6.1893) · page 11

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
10 (1893)
Issue
25 (23.6.1893)
Date
1893-06-23
Page
– (sequence 11)
Language
German
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9K. 25 VeüerrstrhMtze WochensttzrM Seite 481 werden, die geistigen Schätze unserer vieltausendjährigen Literatur sollen das nationale Schriftthum um einen edlen Zweig bereichern/ sollen im ungarischen Judenthum das Verständnis für die Lehren unseres Glaubens, für Bibel und religiöse Tradition wecken und neu beleben. Es sei eine heilige, sowohl nationale, als religiöse Pflicht, die Kenntniß des wahren Judenthums für Jedermann in unserem Vaterlande zugänglich zu machen, für unsere Glaubensgenossen, um in ihnen die religiöse Gesinnung zu stärken, für unsere nichtjüdischen Mitbürger, damit kein Vorurtheil uns gegenüber platzgreifen könne. Diese begeisterten Worte fanden lebhaften Widerhall in den Gemüthern der Anwesenden, unter denen Banoczi, Karman, Klein, Löw, Szatmari, Tencer und Schön die vorliegende Frage ihrer großen Bedeutung nach würdigend, von verschiedenen Seiten näher beleuchteten, worauf ein engeres siebengliedriges Comite zur Ueberprüfung des vorliegenden Statntenentwurfes, zur Propagirung der der Gesellschaft zu Grunde liegenden Ideen und ihrer Zwecke entsendet wurde mit dem Aufträge, die im Herbste stattfindende endgiltige Constituirung vorzubereiten. Der Schriftführer verliest hierauf die eingelangten Schreiben, nach welchen die Abgeordneten Franz Chorin und Julius Rosenberg als gründende Mitglieder mit je 200 fl., die Herren Stefan Popper, Dr. Moriz Stiller und die israel. Gemeinde zu Marczali als unterstützende Mitglieder mit je 100 fl. schon jetzt ihren Beitritt anmetden. Den Beifall, mit welchem diese Ankündigungen ausgenommen worden, steigerten noch die begeisterten Worte, in denen die Schreiben gehalten waren, sowie die nicht minder begeisterten Schreiben der Herren Berthold Weiß, Dr. Anton Neumann rc., die ihre volle thatkräftige Unterstützung zur Verwirklichung der edlen Ziele der Gesellschaft zusagen. Nach einer zweistündigen Berathung ging die Gesellschaft in dem Bewußtsein auseinander, zu einem bedeutenden Werk den Grundstein gelegt zu haben. Die Mitglieder des entsendeten Siebener- Comites sind: Präsident Dr. Samuel Ko hn, Schriftführer Dr. Franz Mezei, ferner Dr. Alexander, Dr. Bacher, Dr. Banoczi, Dr. Karman und Dr. Julius Klein. Berlin, 20. Juni. Vor der heutigen Gerichtsverhandlung gegen den Antisemiten Paasch wegen Beleidigung des deutschen Ge sandten Brandt, sowie höherer Beamten des Auswärtigen Amtes versuchte Paasch im Untersuchungs-Gefängnisse im Zustande der Exaltation sich die Pulsadern zu öffnen. Die Ver- Handlung wurde auf zwei Stunden vertagt und der Gerichtsphysikus mit der Untersuchung des Paasch beauftragt. Nach zweistündiger Unterbrechung der Sitzung erklärt Sanitätsrath Mittenzweig : „Ich habe Paasch untersucht, er hat einen Verband an beiden Armen in der Gegend der Pulsadern. Die Pulsadern sind nicht verletzt, sondern es sind nur Schrammen da. Die Vertagung der Verhandlung wäre unnöthig, wenn Paasch nicht so furchtbar aufgeregt wäre. Seine Gesichtsmuskeln fliegen geradezu, doch spricht er besonnen und logisch. Aus Gesprächen mit ihm gewann ich den Eindruck, daß er ganz von Wahnideen befangen ist' er glaubt, daß die Richter gegen ihn eingenommen sind, daß ihm durch seine Verhaftung die Möglichkeit der Vertheidigung genommen wurde, daß er in einem Netz von Jntriguen gefangen gehalten wird. Ich bezweifle seine Zurechnungsfähigkeit und beantrage, Paasch auf sechs Wochen zur Beobachtung in die Charite zu überweisen. Vertheidiger Hertwig stimmt diesem Anträge zu und betont u. A, daß Paasch besonders deshalb so aufgeregt sei, weil Landrichter Curtius, welcher am eifrigsten bemüht war, seine Angelegenheit aufzuhellen, unlängst einen Selbstmord begangen. (Der Antisemit Curtius erschoß sich, wie bereits gewedelt, auf dem Transport in eine Irrenanstalt. Anm. d. Red.) Staatsanwalt Drescher erinnert daran, daß er bereits früher die Frage gestreift, ob Paasch zurechnungsfähig sei. Paasch habe gegen den Gedanken, daß er geisteskrank sein könne, stets ängstlich protestirt. Angesichts seines ganzen Verhaltens müsse man sich aber immer wieder fragen, ob Paasch .nicht geisteskrank sei, ob ein gesunder Mensch solche absurde Behauptungen, wie z. B. der Gesandte Brandt habe ihn mittelst einer Pastete vergiften wollen, aufstellen könne. Andererseits habe Paasch öffentlich unter dem Jubel feiner Freunde fort und fort die ungeheuerlichsten Beschuldigungen erhoben, seit fünf Jahren Beleidigungen auf Beleidigungen gehäuft, und man mußte doch annehmen, daß Jemand, der das thut, auch seine Beweise völlig, bereit habe. Nachdem der Vertheidiger Hertwig Paasch noch gegen die . Insinuation, daß dieser in seinem Denken und Fühlen in der Judenfrage nicht normal sei, in Schutz genommen und erklärt hat, Paasch fürchte nichts so sehr, als für verrückt erklärt zu werden, beschloß der Gerichtshof, die Zurechnungsfähigkeit Paasch's untersuchen zu lassen. Der antisemitische Agitator Schweinbagen, welcher gleich Ahlwardt wegen gröblicher Beleidigung Miquel's und anderer Funktionäre angeklagt war, entzog sich der Verantwortung durch die Flucht und wird steckbrieflich verfolgt. Noch im Mai prahlte Schweinhagen in einer antisemitischen Versammlung mit zu gewärtigenden großartigen und skandalösen Enthüllungen, wenn Miqnel seine Klage nicht zurückziehen würde. Paris. Der Senator C o n st a n s hat in seiner berühmten Programm-Rede in Toulouse u. A. Folgendes gesagt: „Wir wollen vor Allem nicht die Freiheit des Einzelnen antasten. Ob ein Bürger, Katholik zur Messe geht, ob er Protestant, ob er als Jude in die Synagoge geht, das sind Gewissensfragen. Sie gehen den Staat nichts au, der mit gleichem Wohlwollen allen Confessionen gegenüberstehen und sie alle umso mehr gleich behandeln muß, da die religiösen Streitigkeiten bereits die Farbe von Rassenkriegen angenommen haben". — In Paris ist am 26. v. M. der Buchhändler Armand D u r l a ch e r, der Einzige, der auch einen jüdischen Verlag in Frankreich hatte, gestorben. In London ist am 27. v. M. der bekannte Gelehrte Dr. Israel Michael Rabbinowicz nach langem Leiden gestorben. Derselbe hat eine hebräische Schulgrammatik, verschiedene werthvolle Essays, sehr bedeutende Werke und Uebersetzungen aus dem Talmud verfaßt. Die Traktate Ketuboth, Sanhedrin, Makot, Chullin, Baba Mezia, Baba Bathra, Schebuot und Erachin hat er vollständig ins Französische übertragen. Am 27. v. M. hielt der Dichter Charles Mori^e vor einem zahlreichen christlichen und jüdischen Auditorium eine Vorlesung „Ueber das Judenthum". Der Vortragende ist aus Lyon, aus streng katholischer Familie, dessen Vater das Haupt .der katholischen Partei seiner Vaterstadt ist. Der Redner widerlegt alle Angriffe der Antisemiten und führt zum Beweise der Vaterlandsliebe der Juden an, daß 1871 60.000 Juden Elsaß-Lothringen verlassen. Der Krieg, den man dem Capital überhaupt macht, kann das Judenthum nur in zweiter Linie berühren, denn die Mehrzahl der Juden ist arm. Wenn man die Juden zu vernichten sucht, dann ist immer das Capital noch nicht vernichtet, sondern man vermehrt dasjenige seiner Concurrenten, der Katholiken und Protestanten, und dann ist die Gefahr noch immer dieselbe. Man tobtet keine Raffe und keine Religion, die müssen eines natürlichen Todes sterben. Das Mittelalter hat den Beweis geliefert, daß man durch Verfolgung nur die Religion stärkt. Mit dem Verschwinden der Juden würde die Menschheit einen unersetzlichen Verlust erleiden. Der Jude ist und bleibt der Sohn seines Landes, der französische Jude ist Franzose, der russische Jude ist Russe. Die Anthropologie belehrt uns, daß jede in ein anderes Klima verpflanzte Raffe ihren ursprünglichen Charakter verliert und den neuen annimmt. Diese Verschmelzung, dieses Eingehen des Judenthums in alle Culturen ist vom höchsten Interesse für die Menschheit. Diese Rasse bringt dem gemeinsamen Patrimonium seltene und kostbare Gaben; zunächst dste bewunderungswürdige Energie, welche ihm gestattet, ohne Vaterland als die geistige Heimat seiner Religion allen Verfolgungen zu trotzen; seine erleuchtete Intelligenz und ' sein Ideal reinster und unbeugsamer Gerechtigkeit, Eigenschaften, die nöthig und erforderlich sind, um den Idealismus und das Ideal der Liebe der arischen Raffe zu ergänzen. — Reichlicher Beifall lohnte die formvollendete und geistreiche 'Art des Vortrages. Das „Journal officiell" veröffentlicht das Berwaltungsreglement für die jüdischen Gemeinden Frankreichs, welches die Aufstellung des Budgets und dann das Rechnungswesen regelt. Das Gesetz trägt die Unterschrift des Präsidenten der Republik, sowie des Cultus- und Finanzmiuisters. — Im Alter von 72 Jahren starb hier der Hauptmann der Gendarmerie, Samuel, Ritter der Ehrenlegion. Derselbe ist in Bußendorf (Lothringen) geboren, war ursprünglich zur Theologie bestimmt und besuchte die Rabbinerschule in Metz: später schlug er die Militärlausbabn ein und nach der Altersgrenze erhielt er einen Vertrauensposten bei der Eisenbahnverwaltung in Verdun, Reims und Valenciennes; derselbe war ein eifriger und gelehrter Anhänger der jüdischen Religion. Toulouse. Beim Empfange der Behörden durch den Ministerpräsidenten, Herrn Dupui, Minister des Innern, der in Begleitung seiner zwei Collegen den Süden bereist, sagte derselbe in Erwiderung einer Ansprache des Rabbiner Oury: „Ich halte

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