Mannheim
Compact Memory

Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1893-06-23 · 25 (23.6.1893) · page 9

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
10 (1893)
Issue
25 (23.6.1893)
Date
1893-06-23
Page
– (sequence 9)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
94% known words query
IRI
…/3020846-3020954-3020979--02525-3026618
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

3h. 25 VeyerrLMrische WortzenfitzriN SeUe 479 setzgebung. bedeuten eine vollberechtigte, doch nicht unwesentliche Belastung, welche umsomehr empfunden wird, als ja Handel und Wandel ohnedies unter der Ungunst allgemeiner Verhältnisse leiden. Mit dem in den letzten Decennien erfolgten mächtigen und raschen Emporblühen unserer Industrie sehen wir den Kaufmannsstand nicht gleichen Schritt halten; wir nehmen an ihm im Gegentheile eine rückläufige Bewegung wahr. Schwer lastet auf ihm der Druck des directen Verkehrs zwischen Producenten und Kleinhändler, ein Druck, der ihn tief in seinen Lebensnerv trifft, und der ebensowenig im Interesse der Industrie gelegen, die fürwahr höhere und wichtigere Ausgaben zu erfüllen hat; ein Zustand, von dem ich aber glaube, daß er unser mercantiles Leben noch vielmehr durchtränken muß, bis seine Unhaltbarkeit erkannt und damit der Beginn für das Einlenken in neue, gesundere Bahnen gegeben sein wird. Unsere Industrie aber sieht sich nach ihrem titanenhaften Wachsthum mehr denn je vor die Nothwendigkeit gestellt, neue fremde Absatzgebiete zu erorbern und erfährt hiebei leider eine ungünstige Beeinflußung auch durch Factoren, die außerhalb unserer Machtsphäre gelegen. Und da sehen wir gewisse Bevölkerungsschichten, w e l ch e b a r jedwed er Erkenntni ß von der Bedeutung unseres Standes, erfüllt von Animosität gegen denselben, dem Kaufmann die Existenzberechtigung absprechen, ihn als etwas ganz Ueberflüssiges bezeichnen — die Industriellen anderseits als die Ausbeuter der menschlichen Gesell s ch a f t h i n st e l l e n. In solchen Zeitläufen ist es wohl von hervorragender Bedeutung, in welche Hände der Schutz, die Wahrung unserer Interessen gelegt ist. Wien. Die Wahlen in Deutschland haben vor Allem ein ungeheures Anschwellen der Socialdemokratie gebracht, eine Erscheinung, die uns als Juden kaum berührt. Die Socialdemokraten bekämpfen den Capitalismus. kennen aber keine coufessionellen Unterschiede, sie sind vor Allem eine moralisch reine Partei- und Existenzen wie Ahlwardt, Schneider und Genossen sind in ihrer Mitte unmöglich. Auch die deutschen Antisemiten haben mancherlei Erfolge errungen. — Ahlwardt ist doppelt gewählt und um diesen Erfolg beneiden wir die Herren nicht. Man hat sich gerade von antisemitischer Seite alle Mühe gegeben, Ahlward auszumerzen, und ihn dem Parlament fern zu halten; allein die antisemitischen Wähler kehrten sich nicht um solche Sentimentalitäten und wählten Herrn A h lwardt zweimal. Neben Ahlwardt wird auch Herr Dr. B ö ck e l gewählt werden. Auch das ist wichtig. Eine pikante Enthüllung hatte nämlich der Wahlkampf über diese Persönlichkeit zu Tage gefördert. In Alsfeld-Lauterbach-Schotten erschien der Schöpfer des „Mitteldeutschen Bauernvereins", welcher bekanntlich die hessischen Bauern aus den Krallen des „Zwischenhändlers befreien" soll, in einer Versammlung. Ueber den Verlauf der Versammlung liegt nachstehende-Mittheilung vor: ..Herr Landtags-Abgeordneter Schade behauptet, der Mitteldeutsche Bauernverein bezöge Pereente bei den Waarenbezügen. (Große Bewegnng.) — Böckel: Das ist erlogen! — Schade: Ich beweise es! — Bö ckel: Das können Sie nicht! — Scha de: Meine Herren, ich verlese hier einen Brief mit der Unterschrift „Mitteldeutscher Bauernverein", Otto Hirschel, worin ein Händler aufgefordert wird, eine gemachte Offerte an eine Ortsgruppe nochmals zu stellen, so daß dem „Mitteldeutschen Bauernverein" zwei Percent Provision gegeben werden können. (Lang andauernde Unruhe und Berachtungsuusbrüche gegen Böckel.) Böckel erklärt den Brief als gefälscht. Die Versammlung beginnt ihm zuzustinnnen. Böckel will den Adressaten wissen. Da tritt aus der Versammlung ein Händler auf, an den der Brief gerichtet war, und erklärt sich bereit, die Richtigkeit des Brieses beschwören zu wollen — Herr Gl atth aar aus Appenrod. (Wuthausbrüche bei Böckel; sichtbarer Abfall der Versammlung von Böckel.) Böckel versucht nun zu veriheidigen, daß ein Verein, der für seine Bemühungen einen Jahresbeitrag erhebe, auch noch zwei Percent von den Waarenbezügen nehmen dürfe. (Er hat keinen Erfolg damit.) In seiner Wulh geht Böckel nun so weit, seinen retirirenden Anhängern zuzurufen- „Lassen Sie den Mann, den Verräther Herrn Glaithaar uns merken!" Aus der Versammlung heraus werden dem furchtlosen Manne, der solche Manipulationen antisemitischer Agitatoren aufdecken geholfen, viele Beifallsbezeigungen gemacht. Verschiedene Landwinhe erklären sich bereit, bei Herrn Glatthaar ihr Thomasmehl direct zu kaufen, statt durch den „Mitteldeutschen Bauernverein". Man rechnet inzwischen in der Versammlung: Dr. Böckel hat vorher selbst gesagt, der Umsatz des „Mitteldeutschen Bauernverein" beträgt im Jahre zwei Millionen Mark. Also verdienen die antisemitischen Agitatoren an uns armen Bauern im Jahre 40.000 Mark, dazu noch die Jahresbeiträge des Bauernvereines mit 15.000 Mark, zusammen 55.000 Mark. Dr. Böckel wird immer aufgeregter. Er verrüth durch seine Unruhe, durch seine verzweifelten Gcsichtszüge bei den Erklärungen des Herrn Schade, sowie des Professors Backhaus, daß sie noch weitere enthüllende Briefe besitzen, daß noch sehr Vieles faul ist mit dem Böckelschen Antisemitismus." Wenn den Bauern in solch' einleuchtender Weise zu Gemüthe geführt wird, daß sie bei der Rettung aus den „Krallen" des einen Zwischenhändlers lediglich in die des anderen/und zwar in die recht scharfen ihres Retters gerathen, dann sollte die Begeisterung für diesen Retter sich abkühlen. Aber Dr. Böckel wird gewählt, Ahlwardt sogar zweimal, Fürst Bismarck aber, der Vater dieser Bewegung, fiel durch! Der Weg von Bismarck führte zu Ahlwardt. Wien. (Das Trauerspiel des Rekrute n.) Samstag Abends hat sich in der Rennweger Kaserne der Infanterist des 4. Infanterie-Regiments Ignaz A b e l e s mit seinem Dienstgewehr in die Brust geschossen; um halb 2 Uhr Morgens ist der junge Mann seiner Verletzung erlegen. Der Unglückliche ist der Sohn des in Wien, Taborstraße 63 wohnhaften Kaufmannes Herrn Karl A b e l e s, und seine Angehörigen erfuhren am Sonntag Früh, daß er am Abend vorher einen Selbstmordversuch unternommen habe. Als sie sich sofort in die Kaserne begaben, um ihn vielleicht noch lebend anzutreffen, erfuhren sie, daß er in der Nacht gestorben sei. Ueber diesen Fall erhielt das „Wiener Tagblatt" von Herrn I. Glas sen., Möbelfabrikanten in Wien, IX, Frankgasse Nr. 3, eine Zuschrift, welcher wir Folgendes entnehmen: „Herr Ignaz A b e l e s war bis zum 30. April d. I. in meiner Niederlage als Buchhalter thätig; es war dies eni Mensch von seltener Pflichttreue und Hingebung für seinen Chef, ein willensstarker Mensch, ein charaktervoller Junge, mit einem Worte, m i h nr w a r A l l e s vereint, was man in einem jungen Menschen Gutes sucht. Damit er sich das Regiment wählen könne, wartete er mit dem Emrücken nicht bis October, sondern meldete sich gleich zur activen Dienstleistung. Kaum waren drei Wochen seit der Einrückung verflossen, so kam schon Abeles zu mir und gestand mir, daß er g eo hrfei gt und beschimpft werde, und daß, wenn das so fortgehe, er sich das Leben nehmen müsse. Ich tröstete den Mann, so gut ich konnte, doch kaum waren vierzehn Tage verflossen, so kam er wieder ganz abgehärmt zu mir und erzählte, daß er wieder g e s ch l a g e n und auf die unwürdigste, unglaublichste Weise besä, impft wurde. Nach weiteren vierzehn Tagen hat sich nun dieser Aermste erschossen, als ein Opfer der ausgestandenen Oualen, die arme Seele hatte keinen anderen Ausweg mehr, als sich zu entleiben." Wir haben dieser Darstellung nichts hinzuzufügen. Wien. (Eine schamlose Lüg e.) Im Abendblatte von Dienstag, den 20. Juni l. I. schreibt Pan Verganew: „Die „Montags-Post" meldet: „Es ist nickt uninteressant zu hören, daß der größere Theil der Schadengutmacknnassumme, welche für Bürger einbezahlt wurde, von der jüdischen Hochsinan; zusammen- .geschossen wurde, uui dem Besirksrichter. der Jude war, einen „mildernden Umstand zu gewährleisten". So wird jüdischen Verbrechern seitens ihrer Cohnnationalen — sie sind ja nützliche Glieder des jüdischen Gaunerringes — stets helsend unter den Arm gegrisfen." Nun ist es allgemein bekannt, daß Hugo Bürger nicht nur arischer Abstammung, sondern ein notorischer Antisemit war. welcher aus seiner antisemitischen Gesinnung nie ein Hehl gemacht, vielmehr bei wiederholten Gelegenheiten auch als Richter sie offen zur Schau trug. Herr Vergani schrottet auch das Leuchtgasattentat des Conservatoristen Moritz Löwy zu antisemitischen Zwecken aus und schreibt darüber einen Artikel von nahezu 200 Zeilen, während über den V a t e r m o r d in Altenmarkt bei Windischgrätz in einer arischen Familie sieben, sage sieben Zeilen genügen müssen. Nicht umfangreicher war der Bericht dieses Blattes über die jugendliche Räuberbande, welche vor wenigen Tagen vor Gericht gestanden, und welche ganz im Sinne und Geiste des Herrn Vergani in ihrer Mitte keinen Judenbuben geduldet hat. Dagegen der Conservatorist Moritz Löwy verdient eine besondere Behandlung, denn er hat unberechtigt in die Privilegien der Vergani'schen Raffe eingegriffen. Kolin. (Zu den Koliner Excessen.) Der Herr Abgeordnete Dr. S i l sendet uns nachstehende Berichtigung : Herr Redacteur! Auf Grund des § 19 des Preßgesetzes ersuche ich Sie, mit Rücksicht auf die in der am 26. Mai 1893 in Wien heraus-

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.