Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 10 (1893)
- Issue
- 25 (23.6.1893)
- Date
- 1893-06-23
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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Seite 474 Vesterreichtfche Wochrnfchrtst Nr. 25 rabbinerschule im Beisein des gesammten Professorenkörpers und sämmtlicher Zöglinge des Seminars feierlich verkündet. Das überaus eingehende und vortrefflich motivirte Urtheil wurde unter lautloser Spannung vorgelesen, der ein elementarer Ausbruch nicht endenwollenden Beifalles für den preisgekrönten jugendlichen Verfasser folgte. Das Urtheil des Preisrichtercollegiums lautete dahin, daß die aus Paris angelangte Arbeit zur Concurrenz nicht zugelassen werden konnte, weil aus derselben ersichtlich war, daß der Verfasser die ihm gestellte Aufgabe gänzlich verkannt Habe, und demgemäß dieselbe auch nicht lösen konnte. Mit desto größerer Befriedigung wurde das Collegium erfüllt von der zweiten Arbeit, welche die Aufgabe in jeder Hinsicht glücklich und vollauf zufriedenstellend gelöst hat. Das Urtheil hebt unter Anderem besonders die Tbatsache hervor, daß eine Unzahl von bisher unverstandenen Ausdrücken, deren Berständniß dem Anscheine nach ein ewiges Räthsel bleiben sollte, ein für allemal glücklich und unzweifelhaft richtig erklärt worden ist, daß die einschlägige Literatur in ihrem ganzen weiten Umfange trefflich verwerthet wurde, daß der Verfasser sowohl in der engeren classischen Philologie, als auch im allgemeinen in der modernen vergleichenden Sprachwissenschaft sich überaus bewandert zeigt, daß die Auswahl der Hilfsquellen eine besonders glückliche sei und von kundiger Hand zeigt — kurz, daß eine recht wissenschaftliche Leistung vorliegt, welche nicht nur die jüdische Wissenschaft mit einem trefflichen Werke bereichert, sondern auch im Fache der philologischen Wissenschaft eine würdige Stellung einzunehmen berufen ist. Demgemäß wurde dem Verfasser nicht nur mit größter Bereitwilligkeit einstimmig der nunmehr circa 1500 Lire betragende Preis ausgefolgt, sondern es wurde ihm auch für seine nicht genug zu bewundernde Mühe und Ausdauer das größte Lob zuerkannt und der Wunsch ausgesprochen, daß das Werk durch den Druck seiner Bestimmung bald übergeben werde. Die Eröffnung des Mottobriefes durch den Leiter der Lehranstalt, Sr. Ehrwürden Herrn Rabbiner M. Bloch, ergab als Autor der preisgekrönten Arbeit den Zögling der Budapester Rabbinerschule, Dr. Samuel Krauß, der soeben seine Studien an der Anstalt beendet hat, in die er vor 9 Jahren eingetreten ist und der bereits zum definitiven Religionsprofessor an den Mittelschulen der Hauptstadt Ungarns ernannt ist. Bei dieser Gelegenheit wollen wir nur kurz bemerken, daß der Name des jungen Gelehrten in der modernen jüdischen Wiffenschaft nicht ganz unbekannt ist. Krauß legte schon frühzeitig, bald nach Beendigung seiner Gymnasialstudien Proben seines Talentes und seiner Befähigung ab, indem er für die Laxyar-Esidü-Sremle (Ungarisch-jüdische Revue) eine allenthalben gewürdigte Arbeit unter dem Titel: „Die Juden in den Werken des Hieronymos" lieferte, die in vielen Fortsetzungen in der genannten Zeitschrift erschien und mit der Krauß seine ersten Lorbeeren einheimste. In dieser Arbeit sind sämmtliche auf Juden bezügliche Aeußerungen und Daten, die sich in den umfangreichen Werken des großen lateinischen Kirchenvaters finden, ausgezogen und kritisch beleuchtet. Eine ausführliche Studie ähnlichen Charakters ist nunmehr auch im 5. Jahrgange der „Jewish Quarterly Review“ erschienen. Durch diese beiden Arbeiten erweist sich der jugendliche Verfaffer als sehr bewandert in der ungeheuer großen, patriotischen Literatur, und so manche intereffante Daten wurden durch ihn der Bergeffenheit entzogen und in das richtige Licht gestellt. Bald hernach ließ Krauß mehrere Auffätze erscheinen, die mit seiner oben erwähnten Preisarbeit im engen Zusammenhänge stehen. Abgesehen von jenen Arbeiten, die in ungarischer Sprache erschienen, von denen wir besonders die auch im Sonderabdrucke veröffentlichte Schrift: „Ungarländische Alterthümer im Talmud" hervorheben, erwähnen wir nur den Aufsatz: „Les antiquitßs Gauioises dans le Talmud“ (Gallische Antiquitäten im Talmud), welcher im XXV. Bande der „Revue des Etudes Juives“ zum Abdrucke kam. Die erste Lieferung eines intereffanten und culturhistorisch werthvollen Aufsatzes unter dem Titel: „Die römischen Besatzungen in Palästina" ist im Vorjahre im „Magazin für die Wissenschaft des Judenthums" erschienen. In der „Byzantinischen Zeitschrift" erscheint soeben seine Dissertation — Krauß legte im vorigen Jahre an der Universität zu Gießen sein Doctorat ab, nachdem er ein Jahr an der Hochschule in Berlin gehört hatte — die diejenigen griechischen und lateinischen Vocabeln zum Gegenstände hat, welche m der Prosanliterätur entweder überhaupt nicht bekannt oder nur in schwer zugänglichen alten Werken begraben sind und von denen nun der Verfasser nachweist, daß sie in der jüdischen Literatur allgemein verbreitet waren und uns nur durch diese erhalten blieben. Die geistvolle Arbeit .führt den Titel: „Zur griechischen und lateinischen Lexikographie aus jüdischen Quellen". Auch den Lesern der „Oest. Wochenschrift" dürfte der Name des vielseitig gebildeten jungen Gelehrten noch erinnerlich sein durch eine längere Novelle: „Die Gäste des Friedhofes" (Jahrg. 1890), wie auch durch zahlreiche Aufsätze und Recensionen, welch' letztere meist das Pseudonym Krites tragen. Wir müssen es uns diesmal versagen, das jüngste Werk K.'s, die oben erwähnte Preisarbeit, einer eingehenden Besprechung zu unterziehen. Das umfangreiche Werk wird hoffentlich bald im Buchhandel erscheinen und uns dann Gelegenheit bieten, nochmals darauf zurückzukommen. Nur flüchtig wollen wir zur Orientirung unserer Leser erwähnen, daß das Werk aus zwei Hälften besteht; der erste allgemeine Theil behandelt zum erstenmale in mehreren hundert Paragraphen kurz und bündig die Gesetze, welche bei der Aufnahme der griechischen und lateinischen Elemente in den Sprachschatz des jüdischen Volkes maßgebend waren; der zweite Theil enthält ein vollständiges alphabetisches Wörterbuch sämmtlicher im rabbinischen Schriftthume sich vorfindenden griechischen und lateinischen Lehnwörter. Wohl steht das Werk, was den zweiten Theil anbelangt, gewissermaßen nicht mehr vereinzelt da, indem bereits vor 2 Jahren der verdienstvolle Fürst unter dem Titel: , Glossarium §raecodebraeum"ein ähnlich angelegtes Werk veröffentlichte; doch beschränkte sich dieser bloß auf die Mldrasch-Literatur, während die Mischna, die beiden Talmude, die Tosefta und die verschiedenen Targumim ganz unberücksichtigt geblieben sind. Es war in der That ein Wagnis von Krauß, sich an die ganze fast unübersehbare Literatur heranzuwagen, und dennoch ist es dem Verfasser gelungen den gewaltigen, Stoff in allgemein befriedigender Weise zu bewältigen. Wir wollen nicht entscheiden, ob dabei mehr die immense compilatorische Fähigkeit, die eindringenden Sprachkenntnisse oder die seltene, divinatorische Gabe zu bewundern ist, mit welcher der Autor gleichsam wie mit einem Zauberschlüssel uns das Verständnis so vieler Worte erschließt, die bisher wie mit einer dichten Wolke umgeben schienen, die zu durchdringen so mancher zwar versuchte, die aber ganz zu zerstreuen erst Krauß gelungen ist. Dem für den jugendlichen Verfasser, der heute schon eine Zierde der jüdischen Wissenschaft ist, überaus schmeichelhaften Urtheile des Preisrichtercollegiums, welches zum Schluffe noch hervorhebt, daß jede Anerkennung zu gering sei für dieses monumentale Werk, in dem trotz des so trockenen Stoffes ein warmer Ton, eine schwungvolle, stellenweise sogar fesselnde Sprache herrscht, wollen wir den Wunsch hinzufügen, daß der junge Gelehrte auf der eingeschlagenen Bahn unentwegt fortschreiten möge im Dienste der Wissenschaft zum Ruhm und Segen der jüdischen Wissenschaft. ^.micus. Brauchen die Juden Christenblut? Beurtheilt von D. A. Chwolson in Petersburg. Nach der 2. verbesserten und mit 9 Beilagen vermehrten Ausgabe aus dem Russischen übersetzt von Ignatz Kaufmann (Kojetein.) (Fortsetzung.) Gewiß werden manche meiner Leser nun die Frage aufwerfen: Soll das eine eingehende Widerlegung Skripizin's und seines Plagiators sein? Darauf antworte ich meinerseits mit der Frage: Gebührt solchen Albernheiten eine Widerlegung? Wenn ein Elementarschüler beispielsweise die Fragen seines Lehrers so beantwortete: Moskau liegt in Schweden, Berlin in Ungarn, Prag in Frankreich — wird der Lehrer solche Behauptungen zu widerlegen suchen? Er wird ihm einfach Null hinschreiben. Etwas Aehnliches begegnet uns bei Skripizin-Ljutostanski. Darauf kann ich eben nur sagen: Die „Denkschrift" Skripizin's und das Buch Ljutostanski's verdienen in den Ofen geworfen zu werden. Anders kann man ein Werk, in dem jedes Wort eine Albernheit oder eine freche Lüge ist, nicht widerlegen. Blättern wir nur auf's Gerathewohl darin herum und prüfen wir diese oder jene Stellewelche immer, und die wenigen Proben