Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 10 (1893)
- Issue
- 25 (23.6.1893)
- Date
- 1893-06-23
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 25 Oestrrrrichische Wochenschrift Seite 473 deshalb finden wir es doppelt begreiflich, wenn Herr Vergani gelegentlich des Freispruches des Herrn Alexander Scharf von seinen Getreuen die Versicherungen des aufrichtigsten Beileids erhält.??? -i- * Vergani als Schächtautorität. Versteht der Herausgeber des „Deutschen Volksblatt" etwas vom Schächten? Vielleicht behaupten das einige Antisemiten, die den Creditbedürfnissen des genannten Zeitungsunternehmers entgegengekommen sind. Was jedoch das rituelle Schächten der Juden betrifft, so hätte vielleicht Herr Vergani mehr Ursache, sich mit den Niederlagen zu beschäftigen, die er und seine Sache im Gerichtssaale erlitten, als mit der Niederlage, die er und seine Partei im Grazer Gemeinderathe erfahren haben. In derselben Woche, wo im Gerichtssaale zu Holleschau nachgewiesen wurde, daß eine „mächtige Persönlichkeit" der antisemitischen Partei, um mit dem Staatsanwalte zu reden, durch Bettelweiber Verleumdungen verbreiten läßt, bei denen es auf Justizmorde und blutige Verfolgungen abgesehen ist, heuchelt das „Deutsche Volksblatt" Mitleid gegen die Thiere und spricht von der Grausamkeit beim Schächten. Der Grazer Gemeinderath hat in seiner Majorität den antisemitischen Antrag abgelehnt und die Schychterfrage ist damit von der Tagesordnung beseitigt. Barmherzigkeit gegen die Thiere ist den Juden bereits in der Bibel an verschiedenen Stellen zur Pflicht gemacht. Durch das Gutachten maßgebender Fachmänner ist nachgewiesen, daß beim Schächten das Thier weniger leidet, als bei jeder anderen Schlachtmethode. Aber Vergani spricht doch von der „Grausamkeit" beim Schächten, obwohl Grausamkeit eine Absicht voraussetzt und jede solche Absicht von selber ausgeschlossen ist. Ist die Schächtreform Alles, was die Antisemiten dem Volke zu bieten haben? Wie der Herr, so der Knecht; die armseligste Partei hat auch die armseligste journalistische Vertretung. * * sie Die Todsünden des Generalkonsuls. Der Generalconsul für Oesterreich in Chicago hat, wie das „Deutsche Bolksblatt" behauptet, folgende Todsünden begangen: 1. Es wurden Juden in seiner Umgebung gesehen und er hat einen Juden als Privatsecretär. 2. Er hat ein Diner gegeben, angeblich zum Kostenpreise von 1200 Dollars. 3. Er hat mit Jemandem gesprochen, der angeblich ein Schwindler sein soll. Dieser Schwindler wurde, wie das „Deutsche Bolksblatt" berichtet, durch einen hochangesehenen Advocaten, Dr. Zeißler, entlarvt. „Muß denn", fragt der Schreiber im „Deutschen Volksblatt", „ein österreichischer Consul stets nur mit Juden sich umgeben? U. A. w. g." Zufällig ist der als Autorität angerusene Dr. Zeißler, Staatsanwalt von Chicago, auch ein Jude, wie unsere Leser wissen, der Sohn einer Wiener jüdischen Familie! „Muß denn", fragen wir, „das „Deutsche Volksblatt" einen Juden als Autorität citiren, und ist es denn gar so christlich und patriotisch, gegen den officiellen Vertreter Oesterreichs auf der Ausstellung ohne Grund und Ursache ein Pasquill zu veröffentlichen, dessen Bosheit schließlich ihren Ausgang in einer Lächerlichkeit findet?" Die Latkrs'sche Preisaufgabr. Wenn wir von der religiösen Seite des Talmud ganz abstrahiren, haben uns unsere Ahnen in dem talmudischen Schriftthum eine Erbschaft hinterlassen, die im Verlaufe von fast zwei Jahrtausenden zu einem Capitale angewachsen ist, das unberechenbare unschätzbare Zinsen getragen hat und nicht aufhören wird zu tragen. Hatte das kostbare Vermächtniß anfangs nur den Zweck und reichte es Generationen hindurch fast ausschließlich nur hin, den Glauben zu wecken, zu fördern und zu festigen, so ist nunmehr die Zeit erschienen, in der das weite unermeßliche Gebiet des so oft verketzerten Talmud auch in ethischer, culturhistorischer und sprachlicher Hinsicht ausgebeutet und die in demselben verstreuten Goldkörner der verschiedensten Wissenschaften gesammelt und geordnet werden. So sehen wir in zahlreichen Arbeiten die längst schon untergegangen und vergessen geglaubte Zeit von Neuem aus dem Grabe erstehen und zur Blüthe sich entfalten; wir treten die Gesammterbschaft an, und .ohne Ueberhebung können wir es kühn behaupten: Kein Volk, kein Land der Erde hat ein Denkmal der Geistesthätigkeit und der Geistesschärfe geschaffen, das dem Talmud bezüglich der unerschöpflichen Vielseitigkeit an die Seite gestellt werden könnte. Das, was in langwierigem Kampfe schwer ringender Zeiten, in der Periode des nationalen Unterganges und des stumpfen Dahinsiechens im Exil unsere Väter Jahrhunderte hin durch auf dem Gebiete der Erkenntniß und der Erfahrung forschenden Sinnes mit schaffender Einbildungskraft auf die Veredlung und Schärfung des Geistes stets hinzielend erreicht hatten, all das wurde dem großen Gebäude einverleibt, das den Grundbau für die Gesetze und Normen ihres Volkes sowohl in religiöser als auch moralischer und gesellschaftlicher Beziehung bilden sollte. Das Licht der modernen Forschung nun hat auch diese Schriften erleuchtet, und was sie an Helle empfangen, strahlten sie trotz oder vielleicht eben wegen der kritischen Sonde mit tausendfachem Glanze zurück. Den Anforderungen unserer Zeit genügte es nicht mehr in dem pilpulistischen Gedankengange das Wesen und das Hauptgewicht des Talmudstudiums zu erblicken. Die moderne wissenschaftliche Forschung sieht in dem Talmud auch ein Compendium, das außer einer Grundlage des theologischen Studiums so manches Wissenswerthe und der eingehenden Betrachtungen Würdige enthält und dringt mit freudigem Eifer in diesen Schacht ein, um die verborgenen Schätze zu heben. Ein altes pinm desiderium war es stets nebst anderen Hilfsmitteln zum wissenschaftlichen Studium des Talmud ein Werk zu schaffen, das die Unmasse von aus fremden Sprachen entlehnten Wörtern, durch die eben die Forschung auf dem Gebiete der talmudischen Schriften so sehr erschwert wird, den Forderungen der heutigen Philologie entsprechend in zweckmäßiger Weise zusammenstellt und die vielen bisher unenträthselten Wörter sachgemäß und richtig deutet. Es schien dies eine Arbeit zu sein, die, den Schultern eines Einzelnen zu schwer, nur durch mehrere Forscher annähernd mit Erfolg durchgeführt werden könnte. Dr. M. Lattes, Rabbiner in Mailand, hat sich um die talmudische Lexikographie, dadurch überaus verdient gemacht, daß er, so oft ein Theil des großen bekannten Levy'schen Wörterbuches erschien. Ergänzungen und Berichtigungen zu den Forschungen und Hypothesen Levy's herausgab. Ihn interessirte unter den Sprachelementen, die sich im rabbinischen Schriftthum abgelagert haben, insbesonders die ungemein große Anzahl von griechischen und lateinischen Elementen, die meist in kaum mehr zu erkennender Gestalt in den Sprachschatz des Talmud übergegangen sind und die in der That culturhistorisch für das Leben des jüdischen Volkes und für ihr Verhältnis anderen Völkern gegenüber besonders lehrreich und charakteristisch sind. Leider war es dem verdienten Forscher nicht vergönnt, sein Lieblingsthema auch nur annähernd zu erschöpfen — der unerbittliche Tod raffte ihn inmitten seiner Arbeiten dahin, und von seinem Fleiße und Eifer für die Sache gaben fast bloß seine nachgelassenen Schriften ein beredtes Zeugnis, welche nach seinem Tode zum Theile herausgegeben wurden. Um dem verdienten Forscher ein seinen Verdiensten würdiges Denkmal zu errichten, setzte der Bruder des Verstorbenen, Dr. E. Lattes, Professor an der Mailänder Universität auf den Namen seines Bruders einen Preis aus, wodurch die Bestrebungen des verstorbenen Gelehrten ausgeführt oder wenigstens fortgeführt werden sollten. Bor mehr denn 6 Jahren setzte er den Preis von tausend Lire für ein Werk aus, welches die griechischen und lateinischen Elemente im rabbinischen Schriftthum zusammenstellt, die phonetischen Verwandlungen, denen diese Elemente im jüdischen Volksmunde unterworfen waren, darstellt und insbesondere auch die morphologischen Gesetze, welche bei der Aufnahme derselben maßgebend waren, den Anforderungen der modernen Sprachwissenschaft gemäß wissenschaftlich behandelt. Die Preisarbeit sollte entweder in lateinischer oder deutscher Sprache abgefaßtsein, als Jury sollte das Profefforencollegium der Landesrabbinerschule in Pest fungiren. Drei Jahre vergingen, allein das erstmalige Ausschreiben blieb erfolglos. Augenscheinlich wagte sich Niemand an diese Herkulesarbeit heran, die ein ganzes Menschenleben zu erfordern schien. Im Herbste 1889 wurde der Preis neuerdings ausgeschrieben, und zwar wurde die Beschränkung aufgehoben, derzüfolge sich nur Zöglinge der Landesrabbinerschule in Budapest an der Concurrenz betheiligen konnten. Jedem Jünger der jüdischen Wissenschaft sollte es frei stehen, sich um den Preis zu bewerben, zu dessen Erlangung nicht nur gründliche jüdische Kenntnisse, sondern auch eine eingehende allgemeine Sprachwissenschaft — insbesonders griechische und lateinische Philologie — erforderlich waren. Nach Ablauf der festgesetzten Frist — October 1892 — waren beim Preisrichtercollegium in Budapest zwei Arbeiten eingereicht, und zwar eine aus Paris, die andere aus Budapest, beide in deutscher Sprache. Das llrtheil des Preisrichtercollegiums wurde am 7. Juni im großen Festsaale der Landes-