Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 10 (1893)
- Issue
- 25 (23.6.1893)
- Date
- 1893-06-23
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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Seite 472 Oesterreichifchr Wochenschrift Nr. 28 erschien bei dem Vichetuler Gemeindevorsteher Josef B akala ein ihm unbekanntes Weib, um ihm zu erzählen, daß sie als Bettlerin in ein Judenhaus gerathen sei, daß man sie dort habe umbringen wollen, und daß sie aus den Händen dreier Männer sich gerettet habe. Der Bürgermeister Bakala ist scharfsinnig genug, zu errathen, daß der Vorfall sich im Hause des David Tandler ereignet habe. Er brachte auch den Vorfall zur Anzeige beim Holleschauer Bezirksgerichte. Allein die Bettlerin hatte einen falschen Eid abgelegt, und erst am 24. Februar gelang es, sie als Katharina Schönbaum zu eruiren. An demselben Tage noch wurden David Tandler, sein Sohn Friedrich Tandler und der Taglöhner Sigmund König in Verwahrungshaft genommen und zugleich gegen sie die Untersuchung wegen Mordversuches eingeleitet. David Tan d ler erzählt bei der Verhandlung, daß der Auscultant des Bezirksgerichtes ihm bei der Untersuchung das Wort mit dem Zurufe verweigert habe: „Schweigen Sie, Sie sind ein Mörder." In Folge dieser Verleumdungen kam es auch zu Straßenexcesfen und zu Bedrohungen der Juden in Holleschau. Nach drei Tagen mußten die Verhafteten als schuldlos entlassen werden. Ueber das Blutmärchen hat man auch bereits hinreichende Erfahrungen gemacht. Dennoch wurden unbescholtene Bürger auf die Aussage einer Bettlerin hin ohneweiters in Haft genommen. Der Staatsanwalt aber sagte in seiner Rede: „Der Arrangeur kam heute nicht ans Licht, ermüsse aber eine mächtige Persönlichkeitsein, weilsowohldie Schnula wie die Sch önb aum eher der Strafe sich unterziehen als seinen Namen nennen." Wer ist nun diese wichtige Persönlichkeit? Derjenige, der die beiden Weiber bezahlte, kann ihnen als „mächtige Persönlichkeit" erscheinen; aber auch er ist nur ein Werkzeug und für hohen Sold, den er empfangen, wählte er Weiber aus, denen er am Wenigsten zu zahlen brauchte. In den Blättern wird an die Landtagsscene erinnert, wo der Mechaniker Schneider sich rühmt, nach den Judenexzessen in Kolin diese Stadt ausgesucht zu haben. Schneider steht sicher höher im Rang als die Schnula und die Schönbaum. Aber auch er ist nur Werkzeug. Wer hat Herrn Deckert inspirirt, Paulus Meyer nach Oesterreich geführt? Darf aber im Staate eine unsichtbare mächtige Persönlichkeit geduldet werden, welche Verbrechen und Unruhen anstiftet, deren Consequenzen sich nicht berechnen lassen? Ist diese mächtige Persönlichkeit besser als ein Banditenchef, und wenn irgend eine Association dahinter steckt, ist sie besser als eine anarchistische Verschwörung? Wie Hyänen die Wohnungen der Menschen in Afrika umheulen, so heulen Weiber niederster Classe ihre Verleumdungen vor den Häusern der Juden. Und wie der Afrikaner glaubt, daß die Hyänen verzauberte Menschen sind, so ist es hier eine mächtige Persönlichkeit, welche die häßlichsten Gestalten sich auswählt. Hoffentlich wird man jetzt im Klaren darüber sein, daß ein Jgnoriren des Antisemitismus eine Unmöglichkeit, und daß Schweigen gegenüber seinen Angriffen gleichbedeutend mit Selbstpreisgebung wäre. Unser Auftreten gegen das Complot Deckert und Paulus Meyer war eine Nothwendigkeit, um den Attentaten vorzubeugen. Der Proceß contra Paulus Meyer und Genossen dürfte voraussichtlich interessante Ueberraschungen bringen! Auch der Staat hat die Pflicht eines energischen Handelns im Interesse der Gerechtigkeit und der öffentlichen Ordnung, Und Pflicht haben Alle zu reden, welche unser öffentliches Leben nicht durch die häßlichsten Auswüchse entwürdigt und die Principien reiner Menschlichkeit geschützt wiffen wollen. Aus der Woche. Der erste jüdische Landesgerichtsrath in Oesterreich. Man schreibt uns aus Krakau, 11. Juni. Herr Rathssecretär Dr. Samuel S a r e ist zum Landesgerichtsrath ernannt worden, unseres Wissens der erste Jude, welcher in Oesterreich zu dieser Würde gelangte. Dr. Samuel Sa re, der jetzt zum Landesgerichtsrath beim Landesgerichte Krakau ernannt wurde, ist einer der tüchtigsten Gerichtsbeamten des Krakauer Oberlandesgerichts-Sprengels. Unermüdlicher Fleiß, großes Fachwissen, Unparteilichkeit, Gewissenhaftigkeit wiesen ihm schon in jungen Jahren eine Stelle unter den renommirtesten Richtern an, und da er unter dem alten Regime nicht zum Rathssecretär ernannt werden konnte (?), so erhielt er diesen Titel und Charakter, den er auch mehrere Jahre bekleidete, bis ihn Justizminister Schönborn zum wirklichen Rathssecretär ernannte. Dr. Sare ist aber auch ein Mann von besonderer Charakterfestigkeit und Ueberzeugungstreue, er hätte vor zehn Jahren nur seinen Glauben zu wechseln gebraucht, und er wäre schon längst Oberlandesgerichtsrath. Doch er that dies nicht, weil er, ein schlichter, bescheidener Mann, nicht nach Würden und Aemtern auf Kosten seiner Ueberzeugung strebte. Ein wahres Muster eines Richters, lebt er nur seinem Berufe, und das trotz der jungen Jahre — er zählt jetzt ungefähr 46 Jahre — schon geschwächte Auge, das ihn zwingt, sich einer dunklen Brille zu bedienen, zeugt am besten von seinem besonderen Fleiße und!Pflichtbewußtsein. Wie hoch stehen solche Männer über den gemeinen Vorwürfen, die seinerzeit gegen die jüdischen Richter im Parlamente erhoben wurden! Der Freispruch Sttexander Scharsts. Herr Vergani, der Herausgeber des „Deutschen Volksblattes", oder um richtiger zu sprechen, der Mann, der das „Deutsche Volksblatt" nicht mehr aus seinen Händen geben will, nimmt jetzt auch Condolenzen entgegen. Mit Gefühlen der Wehmuth quittirt Herr Vergani auch das Trost-und Ermunterungsschreiben, das ihm Herr Dr. Lueger anläßlich des Urtheilsspruches des obersten Gerichtshofes, welcher den Freispruch des Eigenthümers der „Wiener Sonn- und Montagszeitung" verfügt, gesendet. Diese Revanche war übrigens Herr Dr. Lueger dem Herausgeber des „Deutschen Volksblattes" ehrlich schuldig. Auch wir sprechen Herrn Vergani.unser Beileid aus. Er soll nicht sagen, daß wir den schweren Schlag, der ihn getroffen, nicht ganz und voll mit empfinden. Wir würdigen seinen Schmerz, denn wir können es uns lebhaft vorstellen, daß Herr Vergani auch in der Erinnerung an den Pyrrhus-Sieg, den er seinerzeit in dem Schwurgerichtssaale davongetragen, keinen sonderlichen Trost finden wird. Eigentlich hätte man ihm schon damals condoliren sollen. Das Verdict der Geschworenen hatte formell sicherlich die Angeklagten verurtheilt, in merito ging aber doch aus dem Proceß Herr Vergani und das „Deutsche Volksblatt" als Verurtheilte hervor. Und das haben nicht nur die liberalen Blätter behauptet, das konnte Vergani klar und deutlich selbst in einer Reihe antisemitischer Organe lesen, die gewiß über den Verdacht erhaben waren, daß sie mehr Sympathien für den Juden Alexander Scharf empfänden, als für den antisemitischen Rädelsführer Vergani. Das Verdict hatte die Angeklagten getroffen, die Ergebnisse des Beweisverfahrens aber Herrn Vergani in der kläglichsten Rolle erscheinen lassen. Das „Deutsche Volksblatt" war nach den einstigen großmäuligen Phrasen Vergani's zu urtheilen, hauptsächlich zu den Zwecken ins Leben gerufen worden, um die capitalistischen Institute, die natürlich nie anders als „die jüdischen Institute" genannt wurden, diese Verkörperungen der „jüdischen" Corruption zu bekämpfen und bei der Gerichtsverhandlung erklärte Herr Vergani selbst mit einer Naivität, die schon an Cynismus grenzte, sein Blatt könne nicht leben, wenn es auf die Pauschalien und Inseraten geld er dieser Institute verzichten müßt e. Das „Deutsche Bolksblatt" nahm — dies ging aus den 17 Facten, für welche die Angeklagten den Beweis antraten, klar und deutlich hervor — von den meisten „jüdischen" Instituten namhafte Beträge für Inserate rc. Aber nicht die „jüdischen" Institute hatten sich mit corrumpirender Zudringlichkeit an den Urteutonen aus Solleuz in Galizien herangedrängt, nein, dessen Vertreter kam immer wieder bittend und flehend zu ihnen, man möge doch das „Deutsche V o l k s b l a t t" gütig st berücksichtigen. Ja, wahrhaftig das „Deutsche Volksblatt", das die Juden nicht leben lassen will, kann, nach dem Geständnisse seines wohlgenährten Herausgebers, ohne die Juden absolut nicht seine Existenz fretten, und das war das Ergebniß jener Schwurgerichtsverhandlung, auf welche das „Deutsche Bolksblatt" mit einem komischen, erheuchelten Stolz hinweist. Ein schöner Stolz das! Wie wenn ein Mägdelein sich seiner blühenden, durch keinen sündigen Gedanken entweihten Unschuld rühmen wollte, nachdem es am helllichten Tage nachgewiesen ward, daß es, wenn es dunkel ist, mit geschminkten Wangen und begehrlichen Augen durch die Straßen wandle, wo es nicht den Verlockungen böser Buben folgt, sondern dieselben lieber gleich selbst zum freundlichen Verkehre auffordert. Als eine solche geschminkte Schöne wurde das „Deutsche Volksblatt" im Gerichtssaale ent-! larvt, das steht fest, das bestätigen selbst zahllose Antisemiten und