Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 10 (1893)
- Issue
- 24 (16.6.1893)
- Date
- 1893-06-16
- Page
- – (sequence 16)
- Language
- German
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Seite 466 Oestrrreichisitze Fürstengunst. Roman von L>. Kohn. Verfasser von „Gabriel". (Zeder unbefugte Nachdruck wird mit aller Strenge verfolgt werden. Uedersetzmigs- 11) - rechte Vorbehalten.) Siebentes Kapitel. Aron Arnstein's Haus war ein echt jüdisches, in des Wortes schönster und bester Bedeutung — und auch die Pflichten der Nächstenliebe wurde von Jedermann im Hause nach Maßgabe seiner Stellung geübt. Aron Arnstein war durch sein großes Geschäft, Ella durch die Leitung des großen Haushaltes (die zahlreichen Commis und Geschäftsdiener der Firma wohnten im Hause ihres Chefs und aßen an dessen Tische) in anstrengendster Weise in Anspruch genommen und so fiel Lea die Aufgabe zu, dürftige Glaubensgenossen, welchesich in der Herberge einfanden, aufzusuchen, während, christliche Arme sich ungesucht im Hause einstellten und reichlich beschenkt wurden. Es gab nämlich damals in Wien keine seßhaften jüdischen Arme. Die Verhältnisse der damaligen Wiener Gemeinde waren in der Thal die eigenthümlichsten, die man sich denken kann. Ein halbes Jahrhundert vorher waren sämmtliche Juden aus Wien vertrieben worden. Die Gründe für die Ausweisung entstammten theils dem schmutzigsten Eigennutze, theils jener beweinenswerthen Geistesverfinsterung, die zu jener Zeit die Welt beherrschte und derem eisernen Drucke sich zuweilen auch edle Menschen nicht zu entziehen vermochten. Einige Wiener Handelsleute fühlten sich durch die jüdischen Kaufleute, die sich bei ihrer mäßigen Lebensweise mit geringem Nutzen begnügten und Maaren vorzüglichster Qualität führten, beeinträchtigt. Bei dem damals herrschenden Fanatismus und der Urtheilsunfähigkeit der Masse, fiel es ihnen nicht schwer, dieser die Ueberzeugunq einzuflößen, daß die Vertreibung der Juden aus Wien nicht nur ein gottgefälliges Werk, sondern für das Gedeihen und Aufblühen der Residenz vom höchsten Nutzen wäre und die Bürgerschaft petitionirte um die Abschaffung der Juden aus Wien. Berauscht von der Hoffnung auf eine glückliche Zukunft, welche sie sich von der Gewährung ihrer Bitte versprach, verpflichtete sich die Bürgerschaft, damit der Staat durch den Entgang der hohen Steuern, welche die Juden bisher gezahlt batten, nicht geschädigt werde, diese aus ihrem Eigenen zu entrichten. Das Gesuch der Bürgerschaft wurde von dem zelotischeu Bischof von Wiener-Neustadt, dem nachmaligen Cardinal Grafen Kolonits, auf das Wärmste befürwortet und er bediente 'sich zur Erreichung seines Zweckes eines höchst verdammenswerthen Mittels. Die Kaiserin Maria Theresia sah, nachdem sie den Kaiser mit zwei Söhnen beschenkt hatte, ein drittesmal Mutterfreuden entgegen und die von Natur aus gütige Kaiserin, die trotzdem sie die Tochter des bigotten Königs Philipp von Spanien, den Juden nicht abhold war, hatte sogar ein Geschenk der Wiener Judenschaft, eine goldene Wiege für das zu erwar- ■ tcnde Kind huldreichst angenommen. Allein diese Hoffnung wurde durch.eine Fehlgeburt der Kaiserin zerstört und Bischof 'Kolonits erklärte dieses Unglück als eine göttliche Strafe dafür daß der Kaiser Juden in seiner Residenz dulde und als ihm ein edler katholischer Priester einwarf, dies sei vollkommen undenkbar, die Kaiserin und viele ihrer Vorgängerinen hätten ja während lvr Anwesenheit der Juden in der Residenz zahlreichen gesunden Prinzen und Prinzesiinen das Leben gegeben, wurde der Fanatiker wüthend und erklärte: die Wege Gottes seien unerforschlich und wenn der barmherzige Gott auch zuweilen sein Strafgericht verzögere, so müsse man sich doch hüten sich hierdurch zu irrigen Folgerungen, die zum Unglauben führen, Hinreißen zu lassen! Von allen Seiten gedrängt, sah sich endlich Kaiser Leopold gezwungen, sich dem, was ihm nicht nur als der Wille der ganzen Bevölkerung, sondern auch als der Wille Gottes dargestellt wurde, zu unterwerfen und 1670 mußtenalle Juden Wien verlassen Nebenbei bemerkt, ertrugen die Unglücklichen den harten Schlag mit rührendem Gottvertrauen, nich! ein Einziger ließ sich zum Abfall von seiner angestammten Väter-Religion verleiten, nicht Einer wurde seinem Glauben untreu, aber was die Nachwelt als Seelengröße bewunderte, wurde von einem zeitgenössischen Fanatiker uls unerhörte Halsstarrigkeit bezeichnet!!! Wochenschrift Nr. 24 Allein die Folgen dieses verhängnißvollen Schrittes stellten sich mit großer Raschheit und in allerfühlbarster Weise ein. Die Hoffnungen, welche die Wiener Bürger auf die Vertreibung . der Juden gesetzt, hatten sich nicht erfüllt, im Gegentheil diese unglückselige Maßregel hatte vem Wohlstände der Stadt schwere Wunden geschlagen. Es wäre unglaublich, wenn dies nicht durch derzeit noch existirende Staatsacten mit vollerZweifellosigkeit erwiesen wäre, daß der Wegzug einer Hand voll Juden der Bevölkerung und dem Staate so unermeßlichen Schaden zufügen konnte. Es waren noch nicht volle drei Jahre seit der Vertreibung der Juden verflossen und dieselben Wiener Bürger, welche den Kaiser bestürmt hatten die Juden zu verjagen, dieselben Bürger, welche nach deren Abzug in frenetischen, Jubel ausgebrochen und in allen Kirchen Dankgebete verrichtet hatten, dieselb en Bürger baten jetzt allerunthänigst um Rückberufung der Juden. . Die ehrsamen Innungen, die Hausherren und die gesummte Einwohnerschaft klagten : Die Kaufleute wären nichts als Schinder, welche durch ihre gottlose Hab- und Gewinnsucht, die Preise aller Waaren zu so unerträglicher Höhe hinaufschraubten, daß der gemeine und der Bürgersmann für sich, Weib und Kind kein Gewand anschaffen könne. Die christlichen Kaufleute, welche in Prunk. leben und sündhaften Aufwand treiben, marchandiren weit ärger als die Juden, welche bei bescheidener Lebensweise und geringen Bedürfnissen sich mit einem mäßigen Gewinne begnügten und überdies bessere, dauerhaftere Waare lieferten. Die Kaüfleute jammerten wieder: Die Geschäfte gingen viel schlechter als zur Zeit der Anwesenheit der Juden * aber alle vereinigten sich in rührender Uebereinstimmung zu der Erklärung: Sie könnten weder die Steuern der Juden, die sie zu zahlen sich verpflichtet hätten, noch ihre eigenen entrichten und der Kaiser mußte diesen Versicherungen umsomehr Glauben schenken, als die Steuerbehörden berichteten, sie vermögen auch bei Anwendung der schärfsten Zwangsmittel nicht die Ausstände an landesfürstlichen und städtischen Giebigkeiten einzutreiben. Die traurigen Verhältnisse der Stadt Wien machten sich sogar in den allerhöchsten Kreisen in drückendster ' Weise fühlbar. Die Steuergelder der Wiener Einwohnerschaft — die in der Regel am sichersten und raschesten eingingen und am nächsten lagen — wurden für die Bedürfnisse der kaiserlichen Familie und des Hofstaates verwendet. Da nun diese Giebigkeiten seit der Vertreibung der Juden entweder gar nicht oder nur spärlich einfloffen, ergriff die Hofkammer anläßlich des Gutachtens der vertriebenen Juden um Gestattung der Rückkehr, Veranlassung, dem Kaiser allerunterthänigst die Bitte zu unterbreiten, er geruhe zu befehlen, daß die Vertriebenen mit thunlichster Beschleunigung zurückgerufen würden und unterstützten ihre Bitte mit dem drastischen Grunde: „daß es sogar an Mitteln fehle, um die Küchel und Keller Eurer Majestät zu versorgen." In demselben Gutachten wird es auch ausgesprochen, daß es nur „etliche Krämer und Handelsleuth gewesen, welche die leicht bethörte Masse irre geleitet und hierdurch das Unglück herbeigeführt hätten" und wird mit stärkster Betonung versichert, , daß die Hofkammer das Gesuch der Juden um Rückberufung nach der Residenz für ein sonderbares Glück halte und selbiges keinesfalls ' aus Händen zu lassen vermeinet. ' Schließlich behauptet die Hofkammer, daß alle die Gründe, welche die Petenten seiner Zeit für die Austreibung der Inden angeführt,. auf Lügen und Verläumdungen beruhten im& die Triebfedern der Bittwerber, entweder jener Gewinnsucht, die sie selbst den Juden vorwerfen, oder blindem Glaubenshaffe entstammten. . - Wenn schon das Borangeführte die Rückberufung der Juden als unabweisliche Nothwendigkeit erscheinen ließ, so mochten wohl auch noch Gründe anderer Art, den von Natur aus gütigen, edlen, nur von nichtswürdigen, elenden Rathgebern -irre geführten Kaiser vermocht haben, durch Widerruf des vordrer Jahren mit großer Feierlichkeit verkündeten Beschlusses, vor aller Welt zu bekennen, daß dieser ein Unrecht gewesen. We wir schon erwähnten, hatte der Bischof von Wiener- Neustadt, Graf Kolonits, die Fehlgeburt der Kaiserin als eine Strafe dafür bezeichnet, daß der Kaiser, Juden in seiner