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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1893-06-16 · 24 (16.6.1893) · page 15

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
10 (1893)
Issue
24 (16.6.1893)
Date
1893-06-16
Page
– (sequence 15)
Language
German
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Nr. 24 Vestrrrelchtschr Wochrnsürrtst Seite 465 Przemysl. Vorige Woche fanden hier Ergänzungswahlen für den Gemeinderath statt. Bon 18 zu wählenden Gemeinderäthen sind 10 jüdische gewählt worden. Von 1135 abgegebenen Stimmen im 3. Wahlkörper entfielen auf einen jüdischen Candidaten 1035. H. D. 6. Ozydow. Löbliche Redaction! Der in Nr. 23 Ihrer gesch. Wochenschrift unter der Spitzmarke „Ozydow Philo" veröffentlichte Artikel veranlaßt mich — als der wirkliche „Kaftanjude", dem jene famose Briefkasten-Not'z als Antwort galt, welche dem Herrn Einsender so „hinreichend Stoff zum Nachdenken" bot — hiedurch zur näheren Information Ihres gcsch. Leserkreises einige Bemerkungen zu machen. Denn wiewohl ich dem Herrn Einsender, der mir eine richtigere Empfindung als den „maßgebenden Körperschaften und Pädagogen" zuschreibt, zu vollstem Danke verpflichtet bin, kann ich jedoch nicht umhin, zur Steuer der Wahrheit einige seiner Ausführungen dem wenig informirten Leser gegenüber einer genaueren Prüfung zu unterziehen und zu berichtigen. Der Herr Einsender, der doch mit unseren Verhältnissen so genau vertraut zu sein scheint, sollte wissen, daß unsere Judenschaft bereits vollständig emancipirt ist und in keinerlei untergeordneter Stellung zu dem Wunderrabbi von Olesko steht. Letzterer ist vielmehr ein ruhiger in Gott ergebener Greis, der sich um die Außenwelt ebensoviel kümmert, als die Außenwelt um ihn. Was die hiesigen Juden aubetrifft, gibt es in dem „weltvergessenen" Ozydow noch mehrere solcher Kaftanjuden. (Einer derselben ist auch außer mir Abonnent der „Oesterreichischen Wochenschrift"), die sich nicht, trotz ihres Kaftans, sondern just ob ihres Kaftans, für die hebräische und deutsch-jüdische Litteratur lebhaft interessiren und für dieselbe auch manches Opfer bringen. Hierin ist auch der Grund der Ozydower Anfrage eines Kaftanjuden zu suchen, denn ein orthothoxer Jude, der auch irgend welche sprachliche Kenntnisse besitzt, verwendet selbe — abgesehen von anderen Wissenschaften — ausschließlich für die jüdische Literatur und lenkt derselben seine ganze Aufmerksamkeit zu. Traurig ist es allerdings — und insofern hat der Herr Einsender Recht — daß das Judenthum seinen Größen und Herren gegenüber zu wenig Wärme und Pietät bekundet, und das aus Mangel an Selbstbewußtsein. Dieses Uebel wurzelt leider gleichmäßig, sowohl in den Frackals in den Kaftanjuden und dagegen muß beiderseits mit der größten Jutension gesteuert werden. In der Hoffnung also, zur milderen Beurtheilung der galizischen Jndenschaft beigetragen zu haben, zeichnet in vorzüglichster Hochachtung Der Kaftanjude von Ozydow Ozydow, Gat., il. Juni 1893. Joachim Neiger. Podgorze. Bei den jüngsten Gemeinderathswahlen wurden im dritten Wahlkörper mit großer Majorität die Herren Jakob F erb er und L. Lib an in den Gemeinderath gewählt. Mateszalka. (Vermählung.) Herr Max Keller, Mitchef desrenommirtenGetreidehauses Brüder Keller und Sohn des verdienstvollen Präsidenten der israel Cultusgemeinde zu Mateszalka, des Herrn Adolf Keller, vermählte sich am 30. Mai mit Fräulein Paula R o t t e n st e i n, der anmuthigen Tochter des allgemein geachteten Kaufmannes, Herrn Herrman Rottenstein in Mateszalka. Stanislau, 11. Juni. Wie unverschämt auch hier zu Lande die Antisemiten ihr Lügengewerbe zu treiben wagen, zeigt folgender Fall: Vor den Schranken des hiesigen Gerichtes wurde seit dem 2. d. M. ein sensationeller Proceß verhandelt, am achten Tage wurde jedoch die Verhandlung in der Mitte vor der Entscheidung unterbrochen, da zwei Geschworene wegen Bestechung angezeigt und sofort verhaftet wurden. Diese zwei Herren, names Ströhmich und Mann, die als beeidete Richter den Gerichtssaal betraten, als Angeklagte und Verhaftete denselben verließen, rühmen sich reiner germanischer Abstammung, und zwar Schwaben, deutsche Colonisten aus Neu-Kalusz. Trotzdem scheut sich das hier erscheinende antisemitische Blatt „Kuyer Stanislawowski“ nicht, dieselben als Juden zu bezeichnen, obwohl sie weder ihrem Bekenntnisse noch ihrer Nationalität nach auf dieses .Attribut Anspruch erheben können. Auf Veranlassung einiger Israeliten wird zwar das Blatt vom Magistrate dazu gezwungen werden, dies zu berichtigen, aber vorläufig wird es in den auswärtigen antisemitischen Blättern nachgedruckt. M. W. Berlin. (Selbstmord eines antisemitischen Gerichtspräsidenten.) Aus Braunschweig meldet das „Berliner Tageblatt", daß der seit einiger Zeit in der Nervenheilanstalt Ilten befindliche Berliner Landesgerichtsrath C u rt i u s sich in Abwesenheit des Wärters tödtete. Er litt an Schwermuth. Zuletzt wurde Curtius viel genannt, als er im Proceß gegen Oberwin der wegen Beleidigung der Clever Gerichtsbeamten sich in seinen Fragen an die Zeugen deutlich als Antisemit zeigte. Später wurde er zur Civilkammer versetzt. Glogau. (Unverschämte Juden.) Ueber ein interessantes Quiproquo wird dem „B. T. B." aus dem oberschlcsischen Grenzstädtchen Ober-Glogau von einem sicheren Gewährsmann folgendes mitgetheilt: Kamen da vor einigen Tagen zwei ältere Herren in das vom Assessor. Herrn Blasig, commissarisch verwaltete Grundbuchsamt. Der Eine nahm erst nach Eintritt in das Zimmer seinen Hur ab, was dem Herrn Assessor Veranlassung gab. die Herren anzuherrschen. Als der betreffende „Frevler" darauf erwiderte, er verzichte auf die Belehrung über Sitte und Anstand, und sein etwas verspätetes Abnehmen des Hutes mit dem Umstande entschuldigte, daß er in der einen Hand den Stock, auf den er sich stütze, und in der anderen die Klinke der Thür gefaßt habe, gerieth der Herr Assessor dermaßen in Harnisch, daß er den Herren drohte, er werde sie bei weiterer Gegenrede durch den Gerichtsdiener hinauswerfen oder verhaften lassen. Kauiu hatten, um unter gegebenen Umständen dem Herrn Assessor keine Veranlassung zu geben, seine Drohung zur Wahrheit zu machen, die Angeherrschten schleunigst das Amtslocal verlaßen, da richtete der erregte Herr Assessor an seine Umgebung die Frage: „Wer waren senn diese unverschämten Juden?" worauf ihm erwidert wurde, daß es der Graf Roger von Seherr-Thoß auf Rosnochau und der Baron v. Wallhofen auf Trawnig gewesen wären . . . Meiningen. Ein antisemitischer Scherz. Ein Führer der Antisemiten indem benachbarten Dorf Walldorf hatte an die Expedition der „Dorf-Zeitung" eine Annonce eingeschickt von der Verlobung eines jungen Juden in Walldorf mit einer gebrechlichen Armenhäuslerin. Durch einen zufälligen Umstand wurde die Anzeige nicht veröffentlicht, sondern kam in die Hände des angeblichen Absenders zurück. Als wirklicher Absender wurde der Antisemit Sattler Nothhaupt in Walldvrf ermittelt, gegen den der Strafantrag gestellt wurde. Ec wurde vom hiesigen Schöffengericht zu drei Monaten Gefängniß verurtheilt. Ein Glück für ihn, daß die Annonce nicht veröffentlicht worden ist, sonst wäre die Strafe härter ausgefallen. Kassel, 13. Juni. Eine conservative Wahlversammlung. die Abends im Circus Carre begann und in welcher Stöcker auftreten wollte, wurde gesprengt. Socialisten erhoben einen großen Tumult und ließen keinen Redner zu Worte kommen. Stöcker wurde mit den Rufen „Pfui! Meineidiger! Ahlwardt-Genosse!" empfangen. Die Versammlung löste sich auf, da alle Versuche, die Ruhe herzustellen, sich als vergeblich erwiesen. London. Die letzte Nummer „Darkest Russia" bringt folgende interessante Mittheilung: Wenn man sich der fürchterlichen Grausamkeiten erinnert, welchen zur Zeit Chmielnickis im 17. Jahrhundert die Juden seitens der Kosaken ausgesetzt waren, so wird man schwer glauben können, daß die Kosakenregimenter in ihren Reihen auch Juden aufweisen. Der Priazovsky Kray, ein russisches in Azaw erscheinendes Blatt, bezeugt diese Thatfache und meldet einige neue Verordnungen, welche mit Rücksicht auf die jüdischen Soldaten erlassen wurden. Es scheint, daß unter der Regierung des Kaisers Nicolaus I. eine Anzahl jüdischer Trompeter in das Don-Gebiet geschickt wurden, um die Kosaken in den militärischen Signalen zu unterrichten. Mehrere von diesen Juden blieben au Ort und Stelle und ließen sich unter den Kosaken nieder. Diesen wurden nunmehr zwei Alternativen gestellt, entweder ihrer Religion zu entsagen oder den District zu verlassen. Es wurden ihnen besondere Vortheile geboten, wenn sie btc zweite Alternative wählen sollten. Die jüdischen Kosaken haben aber beide Zumuthungen zurückqewieseu und seitdem wurden in dieser Richtung keine weiteren Schritte veranlaßt. Es wird jedoch erwartet, daß neue Verordnungen in dieser Angelegenheit in Bälde werden erlassen werden." London. In einem Schreiben an das russisch-jüdische Comite bemerkt Prof. Max Müller über die provisorischen Verfolgungen: „Ich habe meinen Sympathien mit den verfolgten Juden zu wiederholtenmalen Ausdruck gegeben und ich will hoffen, daß diese antisemitische Tollheit nur von kurzer Dauer sein werde." _

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