Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 10 (1893)
- Issue
- 24 (16.6.1893)
- Date
- 1893-06-16
- Page
- – (sequence 12)
- Language
- German
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' L-eire 462 VeyerredtziMe Wochenfchrist Nr. 24 Antisemit H. G. Erdmannsdörffer selber zugegeben hat, der „sich schämt, ein derartiges Machwerk in die Hand zu nehmen." Heichen hat auch über „jüdischen Schwindel" im Buchhandel geschrieben. Wahrlich ein competenter Beurtheiler! Aus Leipzig wird uns unter dem 1. Juni über antisemitische Rohheiten geschrieben: Seit einiger Zeit haben anständig gekleidete Antisemiten aus Gera, wenn sie wissen, daß die jüdischen Handelsleute von den benachbarten thüringischen Jahrmärkten nach Leipzig zurückfahren, es sich zur Gewohnheit gemacht, zwei oder drei Stationen von Gera in die Wagen 4. Classe einzusteigen und die jüdischen Passagiere in der gröblichsten Weise zu belästigen und zum Theil auch zu Thätlichkeiten, hauptsächlich gegen wehrlose Frauen überzugehen. Heute kamen aber die Herren an die richtige Adresse. Als wir von Neustadt a. Orla vom Jahrmarkt nach Leipzig fuhren, stiegen in Weida drei solcher Radauhelden in unseren Wagen und begannen sofort mit den gemeinsten Schimpfworten gegen die jüdischen Passagiere und schlugen drei Frauen ohne Grund mit der Faust ins Gesicht. Darüber waren selbst die christlichen weisenden empört und die Burschen wurden von Christen und Juden derartig gezüchtigt, daß ihnen die Lust an solchen Abenteuern für längere Zeit, vergangen sein dürfte. In Gera wurden ihre Namen polizeilich festgestellt; die Sache wird vor Gericht noch ein Nachspiel haben. Wien. Eine Scene im Börsensaal. Die Wiener Börse war jüngst der Schauplatz einer heiteren Scene. Ein Börsebesucher christlicher Confession — es gibt auch solche — war nicht in der Lage, einem Börsenagenten jüdischer Confession — es gibt auch solche — die Differenzen-zu zahlen. Auf die Mahnung des Agenten wurde der insolvente Börsenmann Herr W. rabiat und benützte das antisemitische Receptirbuch, welches gegen jede Krankheit, auch gegen die ilmolvöutiia acuta, Mittel besitzt, indem er ausrief: „EinemJudenza hl eich überhaupt keine Differenzen." Großer Tumult, Aufregung, Geschrei unter den jüdischen Börsenmännern. Da beruhigte ein Bankier rein arischer Abstammung und christlichen Glaubens die erregten Gemüther mit folgender Apostrophe: „Der Mann lügt, er. ist gar kein Antisemit; er hat mir auch nicht gezahlt, und ich bin ein Christ!" Allgemeines Gelächter. Der Rest ist die schwarze Tafel — noch eine der wenigen Institutionen, vor welcher alle insolventen Menschen gleich sind. Wien. (Gründung eines ungarischen Studentenvereines). Im Hörsaale des Professors Zuckerkand! fand heute unter äußerst reger Betheiligung die constituirende Versammlung des „Academrschen Ungarnvereiues in Wien" statt. Derselben wohnten die. ungarischen Reichstags- Abgeordneten Julius Hegedüs und Gabriel Ugron und eine Deputation des Budapester Universitäts-Vereines bei. DerVorfitzeude, Stud. Julius Schütz, erörterte die Ziele des neuen Vereines, auf dessen Fahne die ungarische National-Jdee und Pflege der Vaterlandsliebe geschrieben sei. Im Namen der Budapester Deputation überreichte Stud. jur. Ladislaus v. Parrsetich die Grüße des Rectorats der Budapester Universität und der ungarischen Studentenschaft. Reichstags-Abgeordneter Ugron beglückwünschte die Studenten zu ihrem patriotischen Unternehmen. Hierauf ergriff Reichstags-Abgeordneter Hegedüs das Wort, um seiner vollen Zustimmung zu den Ausführungen Ugron's Ausdruck zu geben. Der Verein, den Sie bilden— apostrophirte Abgeordneter Hegedüs die Versammlung — darf kein Kampfverein sein; Sie haben die Aufgabe, unsere Gegner zu überzeugen, ihr Vertrauen zu erobern. Seien Sie solidarisch ohne Unterschied der Confession und Nation. Es gibt nichts Verheerenderes, als den Haß. und nichts Segensvolleres, als die Liebe und die Wissenschaft. Die ungarischen Studenten sind als Vertreter der ungarischen Nation hieher gekommen, aus dem reichen Born der Wiener Universität zu schöpfen und unserer Nation die Sympathien in Wien zuzuwenden. (Lauter Beifall und Eljen-Rufe.) Hieraus gab der Vorsitzende bekannt, daß Maurus Jokai, die Abgeordneten Ugron und Hegedüs, sowie der Budapester Studentenverein dem neuen Vereine als gründende Mitglieder beigetreten sind. . In Vertretung des Wiener Ungarnvereines begrüßte Herr Neugebauer die Academiker, Docent Dr. Ehrmann beglückwünschte in deutscher Sprache die ungarischen Studenten namens der Wiener Prosefforen zu der Bereinsgründung. Wien. (Der neue Generalconsul der Bereinigten Staaten von Nordamerika.) Wie bekannt, waren nach der Ernennung des Herrn Max Judd zum Ge-, neralconsul der nordamerikanischen Union in Wien Gerüchte in Umlauf, nach welchen die österreichische Regierung dem nominirten neuen Generalconsul das Exequatur verweigern wollte. Als Grund für diesen ungewöhnlichen Vorgang -wurde von Seite gewisser politischer Kreise die Confession des neuen Generalconsuls angegeben,'während von Seite des Auswärtigen Amtes, welches die Verhandlungen mit dem amerikanischen Gesandten, Obersten Grant, diesbezüglich führte, auf das bestimmteste erklärt wurde, daß confessionelle Rücksichten gar keine Rolle bei der Ertheilung des Exequatur spielen, sondern ausschließlich nur Bedenken bezüglich der Staatsangehörigkeit obwalten. Herr Judd ist nämlich ein geborner Oesterreicher, der sein Vaterland im Alter von zehn Jahren verließ und schon seit vielen Jahren in Nordamerika naturalisirt ist, wo er in St. Louis in einer sehr angesehenen Stellung lebte. Das Auswärtige Amt hatte seine Bedenken, einen geborenen Oesterreicher als , handelspolitischen Vertreter einer auswärtigen Macht zur Bestätigung vorzuschlagen, Bedenken, welche nach laugen diplomatischen Verhandlungen endlich beseitigt wurden; denn, wie wir erfahren, steht die Ertheilung ,des Exequatur an Herrn Judd, der bereits seil zwei Wochen in''Wien weilt, als nordamerikanischen Generalconsul unmittelbar bevor und hat sich dieselbe bisher nur aus formellen Gründen verzögert. Wien. (Baron Edmund Roth sch ild in Palästina.) Aus Jaffa, 17. Mai, scyreibt man der „Jüd. Presse": Der Colonie „Sichron Jacob" ist zum zweiten Male die Ehre zu Theil geworden, ihren Protector, Baron Edmund von Rothschild aus Paris, in ihren Mauern begrüßen zu dürfen. Der Herr Baron hat diesmal die Colonisten mit seinem Besuche überrascht. Am 3. Mai Morgens traf er in Haifa ein, setzte nach kurzem Aufenthaltseine Reise nach derTantura (Dor) fort und begab sich gleich darauf nach nach „Sichron Jacob". Inzwischen aber hatten die Colonisten von der Ankunft ihres Wohlthäters Kenntniß erhalten, und sie beeilten sich, ihm einen feierlichen Empfang zu bereiten. Die Colonie legte schleunigst ein festliches Gewand an, und alle ihre Bewohner setzten sich in geordnetem Zuge, dem berittene junge Colonisten voraneilten, in Bewegung, um dem „Nadib", wie der Baron allgemein genannt wird, ihre Willkommensgrüße zuzurufen. lim 5 Uhr Nachmittags traf der Erwartete in „Sichron" ein, wo die Schuljugend, von ihren Lehrern geführt, dem hohen Gaste, zu Ehren hebräische Poesien, die ..Lieder Zions", sangen. Nach kurzem Aufenthalte im Hause des Chasan, begab sich der Baron in die Synagoge, um dem Abend-Gottesdienst beizuwohnen. Nach Beendigung desselben richtete er an die Colonisten folgende Ansprache: „Der hohen Gnade, des Sultans dankt Ihr es, daß Ihr jetzt auf dem geheiligten Boden wohnt. Wie jubelt mein Herz,, wenn ich den Karmel mit Weinbergen bedeckt sehe, die von Juden gepflanzt sind und von Juden bearbeitet und gepflegt werden. Ihr wißt, daß unsere Vorfahren nur darum aus dem heiligen Lande vertrieben wurden, weil sie die Gebote Gottes übertreten und aus die Worte der Propheten nicht gehört haben. Hütet Euch daher, den Pfad unserer Lehre zu verlassen. Achtet auf ihre Vorschriften und zeiget der Welt, daß der Jude, der auf seine Tradition hält, auch ein tüchtiger Arbeiter und ein nützliches Glied der menschlichen Gesellschaft ist. Seid in Treue dem Sultan ergeben, dem -allein Ihr Alles zu verdanken habet, und Ihr und Eure Nachkommen werdet Euch in diesem Lande des..Segen Gottes zu erfreuen haben". , Der Baron frug einige Colonisten, ob sie Französisch verständen, und sagte, als sie mit^„Nein" antworteten: „Daß Ihr nicht Französisch versteht, ist nicht weiter schlimm, aber ich halte es für ein großes llebel, wenn Ihr Euch des Jargons bedient. Der Jargon ist keine Sprache; befleißigt Euch, in der Sprache unserer Väter, Hebräisch, zu reden. Ich will hoffen, daß Ihr mich bei meinem nächsten Besuch in der Sprache unserer Väter begrüßen werdet". Hierauf besuchte der^ Baron alle Sehenswürdigkeiten der Colonie, kehrte auch in das vor Kurzem gegründete Verkaufshaus ein und ermahnte den Geschäftsführer, keine Luxusartikel zu führen. Abends strahlte die ganze Colonie in einem Meer von Lichtern und Fackeln. Am anderen Tage besuchte der Baron alle Einrichtungen der- Colonie, die Weinberge, Kelter, Dampfmühle u. s. w., wohnte einer Prüfung der Schuljugend bei und versprach, am Abende auch einer Theater-Aufführung, die seitens, der Schuljugend ihm zu Ehren veranstaltet wurde, beizuwohnen.. Zur Aufführung gelangte das von Lilienthal in Odessa verfaßte Stück „Serubabel",das in seiner rein hebräischen Sprache, auf den