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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1893-06-16 · 24 (16.6.1893) · page 11

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
10 (1893)
Issue
24 (16.6.1893)
Date
1893-06-16
Page
– (sequence 11)
Language
German
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Nr. 24 Orfirrreichischr WochrnschrÄ Seite 461 wenn er aufgehört hat, Jude zu sein. Aber David, der ist noch Jude. Es ist daher seine Pflicht: zu wissen, zu arbeiten und ein Kohn zu bleiben, daß Jedermann den wegweisenden Pfahl erkenne und wisse, woher der Zug kommt. Ein solcher Pfahl zu sein, ist gar nicht schlecht, überhaupt wenn der Pfahl erst vierundzwanzig Jahre alt ist und er fühlt, daß höhere Mächte auf dem Schachbrette des Lebens mit ihm spielen, wenn der Pion den Druck einer siegreichen Hand am Halse spürt und er weiß, daß aus dem Bäuerlein noch eine Königin einst werden kann. Ein solcher Pfahl zu sein ist gar nicht schlecht und wenn er auch an der Stirne nicht erzbischöflichen Purpur, sondern nur academischen Lorbeer trägt und unser David fühlt sich auch ganz wohl dabei und würde gewiß anch mit dem Theodor nichr tauschen, was auch schon wegen des Altersunterschiedes wohl kaum anzunehmen ist. Zu Ende des 19. Jahrhunderts werden freilich andere Waffen gehandhabt, als in Ulo tempore. Die Schädeln der heutigen Goliathe kann man nur mit Schädeln capacitiren. Zu Ende des 19. Jahrhunderts wirft der Schleuderer die Schädel der Davide an den Kopf des Philisters und die- Wirkung kann heute wie damals nicht ausbleiben. Der heutige Jude muß Wissen besitzen. Nicht jeder — es gibt genug, die ohne Wissen und Fähigkeit sich emporraffen, doch dies hat auf den Stamm keinen Bezug- Doch wer zu einer bedeutenden Rolle erkoren, der muß eine ausgeprägte Individualität sein, wenn er den Goliath von der Wichtigkeit des Stammes überzeugen will. Wer wie David Kohn, an die Spitze des Heeres gestellt wird, der muß Wissen besitzen. Was Wissen heißt, das ist auch eine der großen Fragen der Natur, oder eigentlich eine unserer Fragen an die .Natur. Denn daß ein junger Mensch von seiner Kindheit an seine Genossen in wissenschaftlichem Wahlkampfe besiege und nacheinander die Prämien der Akademie erringe, das widerspricht geradezu der bürgerlichen Ordnung, da doch das Wissen von einem gewissen Zeiträume und damit untrennbar verknüpften Vorbereitungen bedingt ist. Das Wissen muß doch wohl erst erlernt werden! Und nun sehen wir hier einen Jüngling, der nicht einmal die Zeit haben konnte, all das zu erlernen, was er besser als die Andern weiß. Dichter, Schriftsteller, Künstler kommen mit aprioristischen Begriffen auf die Welt, im Gehirne des Schriftstellers, des Componisten wirbeln und flattern ihm angeborne Jdeenfunken und Melodien herum, dasbegreifen wir. Aber gibt es denn auch aprioristische, volkswirthschaftliche Ideen aus der Welt? Kommt irgend Einer schon mit der italienischen Valuta beladen aus die Welt? Ist -Jemand schon im Besitze des Wissens, so er geboren wird? Denn, daß, David Kohn ein mehr intuitiver Geist ist, das weiß ich, der ich ihn sozusagen erzogen habe. Er selbst ist auch der Ansicht, daß die Nationalökonomie keine Wissenschaft sei, die müsse man nicht lernen, sondern — wissen, so wie der Dichter zu dichten und der Componist zu componiren weiß. Aber mein Verstand vermag diese andere Welt nicht zu erfassen, in welcher italienische Valuten und Getreidetermingeschäste als siegende Genien und pausbackige Engelein Herumschweben, die der liebe Gott bald da, bald dorthin stellt. Das fehlte noch, daß die Welt geborene Nationalökonoinen hervorbrächte! Fast scheint es, daß dies nunmehr der Lauf der Geschichte sei. Das künftige Jahrhundert wird ohnehin das Jahrhundert der volkswirthschaftlichen Fragen sein, bei' denen alle anderen Fragen der Menschheit verschwinden werden, wie ein Hauch. Dieses große Jahrhundert wird der volkswirthschaftlichen Geister bedürfen und diese werden jetzt angebaut. David Kohn ist schon ein dein kommenden großen Jahrhundert geweihter Geist, und daß es gerade ein „Kohn" ist, ist nur natürlich. Die Samenstreuer der menschlichen Cultur waren jederzeit die Juden, sie müssen nun auch das künftige Jahrhundert vorbereiten. Bester und treffender konnte die Natur diese ihre Berufung nicht symbolisiren, als daß sie unter den Kohns der Gelehrten einen Bodenbearbeiter des kommenden Jahrhunderts geboren werden ließ. E. E. Lxsefrüchte. Peter Hebel war das Kind armer Leute, die im Taglohn arbeiteten und sich kümmerlich ernährten. Sein Vater starb sehr früh uns nur der angestrengten Thätigkeit der Mutter war es zu verdanken, daß der aufgeweckte Junge regelmäßig eine Schule besuchen konnte. Derselbe war vorzüglich beanlagt, dabei sehr fleißig und im Betragen musterhaft, was edle Menschen veranlaßte, ihn auf bessere Schulen zu bringen und studieren zu lassen. Knapp genug ist's ihm oft gegangen, doch hals ihm sein heiterer Sinn alle Sckwierigkeiten zu überwinden und seine Studien zu beenden. . . . Im Jahre 1755 wanderte er als fröhlicher Student mit dem Ränzel auf dem Rücken von Erlangen aus nach Hause. Sicher ahnte Niemand und er wohl am wenigsten, daß aus demselben der nachmals so berühmte Kalendermann, der treffliche Theologe, der unvergeßliche Prälat Peter Hebel werden sollte. Munter und guter Dinge schritt er seine Straße fürbaß und war auch das Kleingeld bei ihm rar, so verlor er doch den Humor nicht. In seinem Kopse kreuzten sich Gedanken mannigfacher Art, er ließ die rauhe Vergangenheit im Geiste vorüberziehen und malte sich Luftschlösser für die Zukunst aus. Wenn er sich so einen idyllischen Ort dachte, inmitten ein Pfarrhaus mit hübschem Garten, das er bewohnen könne, umgeben von einer züchtigen Hausstau, geliebkost von pausbackigen Kindern, dann ward ihm das Herz zum Zerspringen voll und entnüchtert empfand er wieder Zweifel, ob er je ein derartiges Glück erlangen werde, ob er es verdiene? Seine Vorsätze waren gut, ein Ideal hatte er: einer Gemeinde ein würdiger Seelsorger zu werden und seine Zukunft da aufzubauen, wo er Menschen glücklich machen könne. So wanderte Hebel dahin und stand ans einmal vor den Thoren Seegringen's. einem damals Anspachischen Grenzorte. Er wollte eintreten, doch eine rauhe.Stimme herrschte ihn au: „Halt Jnd'! Zoll bezahlen!" Hebel blickte sich um, sah auch den Fragenden an und war sta'r. daß er damit gemeint sein sollte. „Nun wirds bald, verdammter Jud'. Du willst um den Zoll betrügen? Warp,' ich will Dir!" Und Fäuste ballend erhob er sich, ein großer Hund sprang die Treppe herunter, bereit, den müden Wanderer anzufallen. Fort waren die vorhin aufgebauten Luftschlösser, die rauhe Wirklichkeit ließ ihm die Zukunft in einem minder schönen Bilde erscheinen, doch ermannte er sich rasch und sprach: „Ich bin kein Jude". „So, auch noch läugnen?! Mit Dir wollen wir schon einig werden", sagte der einäugige Zöllner und versuchte den vermeintlichen Juden mit Hilfe seines Hundes zu packen. Mit einer Miene, in der Wehmuth und Schalkheit mit einander stritten, sagte Hebel: „Laßt's nur gut sein, ich gehe mit." Würde er für einen Juden gehalten, so wollte er auch erleben, wie es einem solchen ergehen sollte. In seine alte Lustigkeit verfallend, sagte er zu seinem Widerpart: „Ich spreche, wie Ihr Euch sofort überzeugen sollt, allerdings Hebräisch, und das nicht gerade schlecht. Werde ich nun für einen Hebräer gehalten, weil ich diese Sprache gelernt habe und mich darin ausdrücken kann, obgleich ich kein Jude bin, so ist das sehr schmeichelhaft für mich." Schelmisch sah er den halb verdutzten Zöllner an und als dieser stehen blieb, sagte Hebel: „Ich gehe zwar mit Euch, aber-Judenzoll bezahle ich nicht, führt mich zum Richter!" Lächelnd folgte der Arrestant dem ehemaligen Unteroffizier und lächelnd nahm er all' die Schimpfnamen entgegen, die ihm von groß und klein zu theil wurden. „Hep, Hep!", schrie die hoffnungsvolle Jugend — und „JudZ Jud'!" rief man ihm aus den Fenstern nach. Hebel konnte nur lachen und kam endlich zum Dorfrichter, der ihn des verweigerten Leibzolles wegen mit einer Prügelsuppe bewirthen und frei beherbergen wollte. Jetzt hieß es, den Spaß in Ernst umzukehren, wenn er nicht dnrchgeprügelt werden wollte. Er legte seine Universitätszengnisse und seinen Reisepaß vor und blickte den Gestrengen fragend an. Dieser aber gab sich nicht ganz gefangen, weil er sich für einen ausgegeben habe, der er nicht war. Hebel wußte ihm aber den Meister zu zeigen, und der struppige Zöllner mußte zugeben, daß der Fremde bestritten habe ein Jude zu sein. Mit allerhand Schimpsreden als Wegzehrung wurde er entlasten. Hebel hatte nach Seegringen einen schönen Durst gebracht, den er mit einem kühlen Trünke zu löschen gedachte. Der Durst war ihm vergangen und fort ging's zum andern Thor hinaus. Aus einer Anhöhe blieb er stehen, überschaute den Ort und sprach: „Seegringen — Deiner will ich gedenken!" Und Hebel hielt Wort. Den Schauplatz seiner schalkhaften Erzählungen verlegte er immer nach Seegringen. Kam irgendwo eine Albernheit vor, die er zu Papier brachte, so geschah dies in Ieegringen und so gilt Seegringen heute noch als Ort, in dem vorzugsweise die Albernheiten volle Blüten treiben. Diese allerdings unliebsame Begegnung war Ursache, daß Peter Hebel sich der Juden besonders annahm, wovon seine Erzählungen beredtes Zeugniß geben. Für die Abschaffung des Judenzolls half er den Boden ebnen und er erlebte es noch, das; er aufgehoben wurde. Georg Bleibtreu. WM Wien. (Antisemitische B u b e n st ü ck eZ Paut Heichen, ein obscurer Schriftsteller, hat Werke französischer Autoren, wie Daudet, Zola, Belot übersetzt _ und herausgegeben, die gar nicht von diesen Schrift st eitern herrühren. Unter der Flagge berühmter Namen segelten die elendsten Machwerke hinaus. Die Pariser Schriststellerwelt ist darüber in begreiflicher Aufregung und Daudet geht mit dem Plane um, die Hilfe der Berliner Gerichte in Einspruch zu nehmen. Wir kennen diesen Paul Heichen ganz gut. Er ist der Verleger der „Judenbordelle", der „Judenlaus im Christenpelz" u. a., wohl der widerlichsten Erscheinungen, welche die antisemitische Literatur hervorgebracht hat, was ja auch der

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