Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 10 (1893)
- Issue
- 24 (16.6.1893)
- Date
- 1893-06-16
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
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Nr. 24 Orsterreichische Wochenschrift Seite 459 kann, in die erwähnte Christenblutbeschüldigung gegen die Juden durchaus nicht einstimmr. So kann man sich aus allen Titelangaben überzeugen, das; Skripizin die citirten Bücher niemals gesehen hat, Ljutostanski aber ein ganz jämmerlicher und dazu noch fahrlässiger Abschreiber ist. Unter den von Skripizin angeführten Schriftstellern glänzt auch der -Name Serasinowitsch. Wir haben jedoch gesehen, daß Serasinowitsch in Wahrheit zwar viel gelogen, aber Nichts geschrieben hat. Uebrigens ist Skripizin noch die reine Ehrlichkeit gegen Ljutostanski. Er begnügt sich zu sagen: in diesen Büchern heißt es, die Juden brauchen Christenblut. Das freilich ist nicht wahr; aber er behauptet ja nicht, daß er diese Bücher gelesen und benützt habe. Ljutostanski dagegen, der all'diese unrichtigen Titel mit neuen Unrichtigkeiten abschreibt, obzwar er die Bücher selber nicht gesehen, behauptet mit frecher Stirne, er selber habe sie gelesen und als Quellen benützt. (Fortsetzung folgt) Teutobold über Alles und Nichts. (Brief des antisemitischen Studiosus.) - X Wien, Mitte Juni 1893. Lieber Cumpan Pumpo! Denke Dir einmal einen Caffeehaustisch. Gut! Und jetzt stelle Dir noch einen zweiten bor. Sehr gut! Den setzest Du auf den ersten, daß die Marmorplatten sich küssen und die gebogenen vier Beine in alle Lüfte ragen. Auf besagte vier Füße habe nun die Liebenswürdigkeit, je einen Stuhl zu hängen. Und das Ganze multiplizire mit Dreißig. Du siehst jetzt alles haarscharf und deullich vor Dir, nicht wahr, mein Allerwerthester?! — Doch da thust Du sehr Unrecht daran, denn Du kannst es gar nicht genau sehen, weil dichte, athemfeindliche. Staubwolken von Johannes, des Geldeinnehmers scharfem Kratzbesen hoch aufwirbeln . . . Ich bin wirklich angenehm überrascht. daß ich noch nicht ganz daran erstickt bin. Du hast vermuthlich noch nicht schaudernd mjterlebt. wie ein Caffeehans aufgeräumt wird. Du kennst nicht den Negligefrack der Kellner und das Nachthemd des Billards. Ich aber sitze möglichst gemächlich in meiner alten, sonst gemüthlicheu Stammecke, lasse mich nicht stören und sehe in das rauchende Gewölk und phantasire und gebe meinen sogenannten Gedanken lustige Audienz.. Da fährt mir denn so Allerlei kreuz und quer durch den übernächtigen Schädel — ich habe das Gefühl, als dampfte mir einer aus einer ungeheuren „Kurzen" zu vier etwas vor, die mindestens einen Meter lang ist, und ich blicke in die Ringe hinein, die er bläst, in die geballten Wolken, die er pafft. Ich sehe Gestalten, ich sehe Bilder, ich unterscheide Gesichter — et, ist das da nicht St? Georgs feistes Antlitz und breiter Stiernacken? Heil dem Führer der Deutschen in der Ostmark, auch Hausbesitzer in der Krugerstraße. — Und dort — ans jener dicken Wolke blickt eine zaubergewaltige Erscheinung mich an. Spiegelberg, ich kenne Dir! Und jene schön gekräuselte, wie sie sich duckt, wie biegsam und schmiegsam! Bald steigt sie keck auf und dreist-gerade, um im nächsten Augenblick den Boden schmeichlerisch zu küssen. Ein Proteus' aus Staub. Sie lehnt sich an den langen dünnen Staubfaden, der sich kokett und selbstgefällig hin und her wiegt; was für Raubthier reibt sich den Rücken vertraulich an seiner linken Wade? ein goldener Luchs-neues Gewölle wirbelt mein Johannes auf — nun sehe ich eine edle. Erscheinung: sind das nicht Gregorigs durchgeistigte, bebrillte Züge — ein blendendes Apercu scheint ihm auf den Lippen zu schweben, ein edler, menschenfreundlicher Gedanke auf der machtvollen Stirn — — und jener dort, den ich nicht genau ausnehmen kann,- er liebt das Dunkel um sich zu verstecken. Was hält er nur für ein sonderbares großes Instrument' in der Hand — das verschwommene Zeugs ist nicht sicher zu erkennen — eine Kaffeemühle? nein! — eine Tuchscheere? noch weniger! — vielleicht ein Waffeleisen? lächerlich! — Halt! ich hab's, das ist ja — eine S t ampiglie! Jetzt kenne tch ihn genau — an meine Brust, Bruderherz, laß dich umarmen Robespierre von Währing ... . . Pfui Teufel! Alles Staub, nichts als Staub — Staub! „Sind Sie denn ganz verrückt worden, Herr von Teutobold? Was treiben Sie denn heute? Habe ich es Ihnen nicht gleich gesagt, — das Aufräumen verträgt kein Antisemit. Wenn aufgeräumt wird, müssen die Antisemiten hinaus-" Johannes' wohlklingendes Organ war's, das jäh mich aus meinen tollphantastischen Träumereien zur prosaischen, nüchternen Wirklichkeit zurückrief. Ich setze mich wieder in meine Ecke zu meinem unterbrochenen Brief und schreibe sinnend weiter. Du erlaubst doch, daß ich mir dazwischen einigen Cognac einflöße, Pumpo meiner Seele? „Johannes, wenn Sie es so fortmachen, treiben Sie mich noch in der Blüte meiner Jahre in das Rothschild'sche Tuberculo>enheim nach Reichenau." Da deutet er höhnisch grinsend auf eine Stelle in der neben mir liegenden Zeitung — ich werfe einen flüchtigen Blick hinein — bravo, so ist's ganz recht! Nicht angenommen haben sie's, sie wollen es nicht und mögen es nicht. Die Kranken könnten ja den ganzen Curort verschandeln. Gehören denn überhaupt Kranke in einen Curort? Ach, wie mitleidig, zartfühlend! Ihr weiches Herzchen kann den Anblick Leidender nicht ertragen. Das ist die wahre arische Huinanität. Sie dulden kein Tuberculosenheim in Reichenau — nicht um ein G'sch l o ß! Sie schicken lieber die Tuberculosen — heim. Ich bin mit dieser Auffassung der Sachlage vollkommen einverstanden. Auch ist dort die Lust zu stark; auch könnte einmal ein Brustkranker es sich einfallen lassen in die Hochquelleuleitung zu spucken — ja wohl, dies gewichtige Argument wurde bei den Verhandlungen nicht vergessen — und das schöne Wiener Wasser — Melange Pottschach-Schwarza — wäre ver dorben. Mir wäre allerdings durch besagte Sputa wenig Schaden erwachsen, weil ich grundsätzlich kein Wasser trinke. Niemals nicht, jamais! Wie ich höre, will sich Professor Schrotter nunmehr an den Führer der Deutschen in der Ostmark um freundliche Ueberlaffung des Schlosses Rosenau bei Zwettl — schöne Gegend! — wenden, da dieses Schloß seinen humanitären Zwecken vollkommen entsprechen würde. Es ist in sehr gesunder Lage und die Adaptirung wird nicht allzuviel Kosten verursachen. Das wird ein edler Wettstreit werden zwischen Ex-Ritter Georg und dem Fürsten Loisl. Sie können sich doch unmöglich von dem Semiten an Großmuth übertreffen lassen. Ich bin überzeugt, daß der Prinz sogar mehrere Schlösser zur Verfügung stellen wird, wie ich ihn kenne. Man wird sich die passendsten aussüchen dürfen. Ja, wenn Georg und Alois anfangen, dann kann sich Nathaniel verstecken. Aber erst muß der richtige Dietrich gefunden werden, der die.Schlösser aussperrt. Das Rothschild'sche Schloß in Rrichenau muß leider zurückgegeben werden — ha! welch' gottvoller Gedanke! muß es denn zurückgegeben werden? muß das wirklich geschehen! Ich für meinen Theil sehe die absolute Nothwendigkeit gar nicht ein. Ich glaube, geschenkt i st geschenkt. Wir könnten ja ein Asyl für arme, alte, dienstuntauglich gewordene Antisemiten daraus machen. Verflossene Abgeordnete, die ihre Stimme, und Volksblatt-Herausgeber, die ihre Abonnenten verloren haben, könnten dort Arm in Arm miteinander im weitgedehnten Parke einträchtig lustwandeln. Ein Trakt für invalide Talmudhußaren dürfte nicht fehlen. Eine Kehlkopr-Abtheilung für Volkstebner, die sich heiser gebrüllt, wäre gleichfalls unbedingt erforderlich. Kurz, ich bin für Nichl-Zurückgeben. Er soll uns nur ein andermal wieder frozzeln wollen, der Baron. Du wünschest, herzlieber Pumpo, daß ich Dir von unserem geliebten Bruder Paulus Weyer stets das Allerneueste berichte. Leider klingt die Mär traurig und trübe. Die Juden wollen ihn und seinen Schutzpatron Sanct Deckert wenn möglich ein wenig einsperren lassen. Rabbi Josua von Lentschna, der gerade zwei Jahre vor dem von ihm begangenen Ritualmorde gestorben und, wie sein Grabstein bezeugt, noch immer todt ist — Partzewar und Tarier — sie wollen Meyern vor Gericht citiren. Dieser vielcitirte Schriftsteller wird schon wissen, was er zu seiner Bertheidigung vorzutragen hat. Ich höre, er will das geschächtete Christenkind als Belastungszeugen führen, und bin recht neugierig auf den Ausgang. Jetzt wird wenigstens Licht gemacht werden. Diese durch und durch verlogene Judenbrut wird doch nicht zu behaupten wagen, daß das Christenkind den Rabbi Josua rituell geschächtet hat? Diese Leute sind übrigens alles im Stande. Sieben Städte stritten im grauen Alterthum um Homer. Paulus Meyer hat zwar mit Homer nur die eine Aehnlichkeit gemein, daß auch er manchmal schläft, aber dennoch streiten zwei Städte um ihn — Wien will ihn nicht missen, Leipzig ihn haben. Ich höre, daß er in seiner Zelle fortwährend betend aus- und abschreitet. Welchen Gott er anrrtft, habe ich leider