Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 10 (1893)
- Issue
- 24 (16.6.1893)
- Date
- 1893-06-16
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
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Seite 458 Oesterreichifihe Wochenschrift Nr. 24 Etwas über die Hauptquellen der judenfeindlichen Literatur des vorigen und jetzigen Jahrhunderts aufführen. Zu Beginn des 18. Jahrhunderts bereits kamen eine Menge von Anklagen gegen die Juden enthaltenden Schriften zum Vorschein, die mit Citaten aus hebräischen Büchern gespickt waren. Unter den zahlreichen Werken dieser Gattung ragt aber nur ein einziges hervor, dessen Autor mit der hebräischen Literatur bekannt war und deffen Citate in der That hebräischen Werken entnommen waren, das Buch Eisenmengers, betitelt „NeU entdecktes Judenthum". Wie dieser Mann arbeitete und wie er seine Citate tendenziös verwerthete, ist der Besprechung an anderer Stelle Vorbehalten. Die übrigen von Haß gegen das Judenthum strotzenden Werke sind größtentheils ausnahmslose, dummdreiste Plagiate des Buches von Eisenmenger, aus dem sie sozusagen die Giftessenz herauszogen und mit der Ausgeburt eigener Phantasie vermengten. In anderen, meist polnischer Abkunft verdankten Schriften judenfeindlichen Inhalts spielen wiederum die Aussagen bodenlos unwissender, Unheil sinnender Juden, die zum Christenthum übergetreten waren und die sich als ehemalige Rabbiner aufspielten, die Hauptrolle. Diese Uebergetretenen gaben einigen unwissenden polnischen Mönchen Dinge zum Besten, vor denen diesen Ungebildeten, blind an Alles, was die Taugenichtse ihnen vorlogen, Glaubenden die Haare zu Berge standen, und auf Grund dieser Aussagen schrieben dann Letztere dickwamstige Bücher gegen die Juden voll, wie z. B. unter Anderen Zuchowski und Pikulski, aus deren Büchern hauptsächlich bei uns in Rußland Auszüge verfertigt wurden, die, obwohl sie kein einziges wahres Wort enthalten, in den Anklagen und Processen gegen die Juden eine maßgebende und wie oben gezeigt wurde, wehmüthig stimmende Rolle spielten. Aus solchen unlauteren und, wie es obendrein aussieht, nicht einmal unmittelbar benützten Quellen nun fließt die Gelehrsamkeit des vor kurzem bei uns erschienenen Buches Hippolyt Ljutostanskis, des weiland polnischen Pfarrers, späteren orthodoxen Klostergeistlichen und jetzigen orthodoxen Weltpriesters, des Titels: „Ueber die Frage der Verwendung von Christenblut bei den Juden". Der wesentlichste Kern dieses Buches ist einfach ein simples Plagiat aus dem handschriftlichen -^Memorandum" des gewesenen Directors des Departements für die geistlichen Angelegenheiten der fremden Bekenntnisse im Ministerium des Innern, jener Denkschrift Skripizins vom I. 1844, die auf Anordnung des Ministers der inneren Angelegenheiten, des Grafen Perowski, behufs Ueberreichung an Se. Majestät den Kaiser Nikolaus I., deffen Sohn, den kaiserlichen Thronfolger, die Großfürsten und Mitglieder. des kaiserlichen Staatsraths verfaßt wurde. In der Folge wurde diese Denkschrift im Journale „Grashdanin" (vom I. 1878 in den Nummern 23—28) abgcdruckt und vom Redacteur dieses Blattes mit den Worten eingeleitet (S.485): „viele darin auseinandergesetzte Thatsachen hat Ljutostanski unvollständig und verworren und überdies ohne Anführung der entlehnten Quellen mitgetheilt". Skripizin schöpfte, wie es scheint, unmittelbar aus dem oben erwähnten Werke Pikulski's, respective aus den vorhandenen Aufzügen aus demselben; seine Stellen aus Eisenmenger mögen vielleicht ebenfalls darauf zurückgehen. Ljutostanski aber hat diese Denkschrift mit Haut und Haaren abgeschrieben, indem er bloß wenige Geringfügigkeiten daran änderte und umstellte. Einzelnes mag er auch aus den beiden obengenannten polnischen Büchern geschöpft, den Nest von unwissenden christgewordenen Juden ausgebettelt haben. Das Ganze gab er sodann als sein Werk heraus. Die Entlehnungen Ljutostanki's aus Skripizin nehmen zuweilen eine komische Gestalt an. So z. B. citirt Skripizin häufig: „Eisenmenger p. (= pagina oder Seite)/ so -und so". Ljutostanski, in solchen Fällen unklar, ob dieser Buchstabe p. lateinisch oder russisch „r" zu lesen, hilft sich, indem er bald „pasgna" („rasdjal"), das heißt Abtheilung,- bald Paragraph schreibt. Siehe Ljutostanski („Ueber /die Frage u. s. w. S. 106, 2; 109, 23 u. 25; 106, 31; 118, 92). 115 ff. hat er aus Skripizin (S. 487) einige Titel'von Büchern abgeschrieben, in denen über die. Verwendung von. Christenblut bei den Juden gehandelt wird. Ljutostanski gibt sich das Ansehen, als ob er alle diese Bücher selber benützt hätte, kopirt aber dabei ganz unverfroren, da er diese Bücher eben niemals-vor Augen gesehen, ihre Titel genau mit allen und denselben Fehlern ab, die von Skripizin begangen wurden, und bemerkt noch obendrein ausdrücklich: „einige von den bemerkenswerthesten diese Anklage behandelnden Schriften, die ich für mein Buch benützt habe, mögen hier genannt werden", woraus nebenbei man schließen möchte, daß die im Folgenden nun von ihm aufgezählten Schriften sämmtlich als Hauptthema über die genannte Beschuldigung handeln, inideß in Wirklich-- keit nur einige mit dieser Frage sich beschäftigen, alle übrigen aber dem Gegenstände vollständig fern sind und die bewußte Beschuldigung entweder ganz unberührt lassen oder höchstens nur im Vorübergehen mit einigen Worten streifen; wie z. B. Schröck, Kirchengeschichte, Münster, Cosmographia und ähnliche. Halt! Schreiben Ljutostanski und Skripizin nicht gleichmäßig „Socrates, Kirchengeschichte?" Man könnte wirklich vor Lachen darüber platzen. Entweder hat der russische Autor niemals dieses Buch gesehen oder er muß geglaubt haben, Sokrates habe deutsch geschrieben, da wenn der Autor gewußt hätte, daß Socrates griechisch schrieb, er wohl gesagt haben würde: Socrates, Hist. Eccles. Wird doch ein Russe ein griechisches Buch nicht mit deutschem Titel an führen!/Es ist aber klar: weder haben Skripizin und Ljutostanski dieses Buch gesehen, noch haben sie gewußt, — das es griechisch geschrieben war. Da gibt es aber noch manchen Spaß. So zitirt Skripizin: „Raimond Martin". " „Centuriae Magdeburgensis“ Ljutostanski hielt die beiden letzteren Worte für den. Titel eines von Raimond Martin verfaßten Buches und schrieb: „Raimond Martin Centuriae Magdeburgensis“. In Wirklichkeit aber hat Raimond Martin keine „Centuriae Magdeburgensis“ abgefaßt, sondern der Titel seines Buches lautet „Pugio fldei adveisus Mauros et Judaeos“. Das Buch harte thatsächlich eine Tendenz gegen das Judenthum, von einer Christenblutbeschuldigung gegen die-Juden aber ist keine Silbe darin enthalten. _ Skripizin wenigstens dürfte irgendwo gelesen haben, daß Raimond Martin gegen die Juden schrieb, und dies hielt er für hinreichend, ihn in seinem „Documente" einzuschließen. Ljutostanski aber, dem selbst der Titel des Buches nicht bekannt geschweige das Buch selber vor die Augen gekommen war, hat die Frechheit, zu sagen: „ichhabe es für mein Werk benützt. Doch wozu über die von Skripizin angeführten Titel, durch die allein er fast jedesmal schon verräth, daß er die citirten Bücher gar nicht gesehen hat, sich aufhälten, indeß Ljutostanski alle Fehler von Skripizin (Fortatitium statt Fortalitium bei Beiden) nicht nur blind nachschreibt, sondern noch durch neue Jrrthümer ergänzt und bereichert? Ein erstes von Skripizin angeführtes Buch bringt dieser unter dem Namen: „Sigismund Hoffmann, Schwer zu bekehrendes Judenthum". Der Autor heißt aber nicht Hoffmann, sondern Hosmann, der Titel, in der vorstehenden Gestalt nach den Regeln der Sprache an sich ein Unsinn, muß aber heißen: „Das schwer zu bekehrende Judenhcrz". Ljutostanski nun freilich schreibt ebenfalls Hoffmann, setzt aber irrthümlich aus einem folgenden Absatz einen falschen Titel dazu, restituirt an'der gehörigen Stelle aber nicht wieder die richtige .Titelangabe Skripizins, sondern schreibt dazu als Verfasser den Namen Kirchner. So ist, was Skripizin, schon als ein drittes Buch mittheilt, bei Ljutostanski erst ein zweites, nämlich: „P. Chr. Kirchner, zum Evangelium bekehrter Rabbiner, 1720." Beiden Gelehrten, wie wir sehen, hat die Kenntniß der deutschen.Sprache gemangelt. Sie glaubten die Worte „Zum Evangelium bekehrten Rabbiner" gehörten zum Titel des Buches von Kirchner, und nannten so'nicht den factischen Titel dieses Buches, das' sie augenscheinlich gar nicht kannten, indem es in Wahrheit betitelt ist : - „Ceremoniale Judaieiun, allerhand jüdische Gebräuche u. s. w. 1717 u. 1624", ein Buch, das ich im. gegenwärtigen Momente nicht zur Hand habe, aber so viel ich aus der Erinnerung behaupten