Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 10 (1893)
- Issue
- 24 (16.6.1893)
- Date
- 1893-06-16
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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Seite 452 Vrstrrreichischr Wochenfchrist Nr. 24 gewinnen, nicht nur hervorragend durch Tüchtigkeit und persönlichen Werth, sondern dem auch das Vertrauen und die Sympathien der galizischen Bevölkerung im Vorhinein gehörten. Am 21. Jänner 1893 wurde der Curator Herr David Ritter vonGutmann mit Acclamation zum Präsidenten gewählt. Dieser Name hat in Oesterreich und über Oesterreich hinaus einen so starken und guten Klang, daß jedes weitere Wort überflüssig erscheint. Eine bessere Wahl im Sinne der. Stiftungszwecke hätte nicht getroffen werden können und im allgemeinen Interesse des Judenthums und der Humanität muß man es als ein Glück betrachten, daß Ritter von Gutmann opferwillig genug war, um auch diese Last zu übernehmen. Es war dies von Seiten des neuen Präsidenten auch gleichzeitig eine patriotische That, denn, wie bereits bemerkt, kann es doch unmöglich bezweifelt werden, daß die Hebung des Volksschulwesens innerhalb eines bisher vernachlässigten Gebietes im Jntereffe des Staates gelegen ist. Was nun den Bericht über die Thätigkeit der Stiftung betrifft, so muß er jedem Freunde der Wahrheit werthvoller als viele Denkmäler erscheinen, die in Marmor und vergoldetem Erz prangen, so ist er ein glänzendes Zeugniß für das Juden-- thum, ein glänzendes Zeugniß auch für unsere als materialistisch verrufene Zeit. Jede Zeile des Berichts, der durchweg das Gepräge der geistigen Individualität des General-Secretärs abspiegelt, verkündigt eine civilisatorische That. Der vom Schatzmeister der Stiftung Sigmund Ritter von Bauer gegebene Gebahrungsausweis erinnert an den Bibelspruch : „Gottgesegnet ist Dein Eingang und Dein Ausgang." Das Capital gehört der Stiftung, die Zinsen sind für die Armen bestimmt und alle Ausgaben sind demselben edlen und hohen Zwecke gewidmet. Die Curatoren einschließlich des^Schatzmeisters sind die Verwaltungsräthe der Wohlthätigkeit. Das Stiftungsvermögen hat am 31. December 1892 nom'ngl die Höhe von nahe an sieben Millionen Gulden, genau 6,980.000 Gulden. Das ist derselbe Stand, wie Ende 1891. Aufs Gewissenhafteste wird dafür gesorgt, daß das Stiftungsvermogen keinen Verlust erleide und daß jeder Bareingang in entsprechender Weise capitalisirt werde. Die Ausgaben für Stiftungszwecke beziffern sich für das Jahr 1892 auf 255.695 Gulden mit einem Saldobetrag in der Höhe von 53.780 Gulden. Die Wohlthaten der Stiftung genießen 7119 Kinder. Es wird nicht nur für den Unterricht und die Erziehung der Kinder Sorge getragen, sondern es werden auch für die Ernährung und Bekleidung der Kinder beträchtliche Summen ausgegeben. In den alten von der Israelitischen Allianz übernommenen Volksschulen der Stiftung hat die Frequenz einen Zuwachs von 347 Schülern erfahren. Wir lesen im Bericht: „In Kolomea wurden 250 Kinder unserer Schule mit Bekleidung und 270 während der Wintermonate mit Mittagskost bedacht. In Stanislau wurden 220 Knaben bekleidet und 115 erhielten täglich Mittagskost und Abends Thee und Brod. Auf Kosten der Stiftung wurden bekleidet: In Bucza; 180, in Tarnow 100 (Mittagskost 140), Neu-Sandez 79 (beköstigt 70) in Chrzanow 76 (beköstigt 60), in Boryslaw 117 und in Wolanka 78 Kinder. Sollen wir erst Betrachtungen an diese Zahlen knüpfen? Aus Zahlen und Ziffern ergeben sich Culturbilder mit photographischer Deutlichkeit und so mag Liebe die Gebrechen decken. Die Stiftung hat neue Schulen, und zwar an Orten gegründet, in welchen, nach den Worten des Berichtes, der Schulbesuch am schwächsten und die jüdische Bevölkerung eine zahlreiche, nothleidende und den Schulbestrebungen abgeneigte ist. An zehn Orten Oftgaliziens, wo jetzt Stiftungsschulen errichtet sind, hatten von ungefähr 2800 schulpflichtigen Kindern genau 166 die Volksschule besucht. Durch Errichtung der Stiftungsschulen gelang es bereits im ersten Semester 865 Knaben dem Schulunterrichte zuzuführen. Die Abendschulen der Stiftung sind von 792 Schülern besucht. Daran reihen sich Miltheilungen über die Heranbildung von Lehrkräften, über die Handwerkerschule in Krakau, über die Unterstützung von Handwerkerlehrlingen (3 64 Lehrlinge und 20 Zöglinge), über Subventionen zur Anschaffung von Lehrmitteln "und Bekleidung, um den Schulbesuch zu ermuthigen, über Stipendien, über Subventionen an fremde Schulen, wo jüdische Schüler Aufnahme finden. Nicht immer finden die Bestrebungen der Stiftung den erwünschten Erfolg. So ist beispielsweise das Curatorium gezwungen, hinsichtlich der an Gewerbeschüler gewährten Stipendien einschränkend vorzugehen. Manche Gemeinden zeigen sich entgegenkommend, wie in Kolomea, wo aus localen Mitteln 892 Gulden aufgebracht wurden und die Schule von der Commune, dem Bezirksausschüsse, der commerciellen Creditbank und der Sparkassen, im Ganzen mit der Summe von jährlich 1050 fl. subventionirt wird, wie in Stanislau, wo die locale Subvention jährlich 2000 fl. beträgt; andere Gemeinden wieder zeigen sich indifferent, wenn nicht den Schulbestrebungen geradezu feindlich gesinnt. Wären wir streng methodisch vorgegangen, dann hätten wir zuerst die eigenthümlichen Verhältnisse und Bedingungen Galiziens hervorheben müssen, damit einerseits die Nothwendigkeit eines wohlthätigen Eingreifens in vollem Umfange erkannt wird und damit man andererseits sich auch über die Schwierigkeiten Rechenschaft gebe, die dem Stiftungszwecke hindernd in den Weg treten. Die Culturgeschichte hat ihre großen Probleme und man stößt namentlich auf widerspruchsvolle Erscheinungen, wenn in die chinesische Mauer einer alten CultürBresche gelegt wird und von den Trägern alter Culturideen eine neue Lebensführung und eine neue Lebensanschauung verlangt wird. Es ist, um ein Beispiel zu geben, denkbar, daß in einem socialistischen Zukunftsstaate ein großer Theil der jetzt an unfern Hochschulen gelehrten Wissenschaften als unnütz erklärtwird. Wie würde es dann einem für Philosophie, Kunstgeschichte, Alterthumsforschung, vergleichende Sprachenkunde u. s. w. begeisterten Professor zu Muthe sein wenn ihm der socialistische Rector die Consequenzen ° klar machen w5.rde, die sich aus der neuen Ordnung der Dinge ergeben? Alls der einen Seite das deutsche und polnische A b c, auf der anderen Seite die Folianten des Talmud, die heiligen Schriften, uralte, hochverehrte Weisheit, aller Scharfsinn einer unablässig geübten Dialektikauch dieses Moment muß in Betracht gezogen werden, wenn man gegen die Juden in Galizien nicht ungerecht sein wjkl. Aus der polnischen und speciell aus der galizischen Judenschaft find Persönlichkeiten hervorgegangen, die in bcr Geschichte des modernen Judenthums einen ersten Rang behaupten, große Denker, große Geschichtsforscher, Geschichts- und Textkritiker theilweise mit schöpferischen Ideen, Gelehrte in allen Fächern, große Journalisten, daneben auch tüchtige Handwerker und Geschäftsleute. Um das Alles nach Gebühr zu würdigen, muß man bedenken, daß der galizische Jude im Kampfe ums Dasein Proben bestehen muß, von denen der deutsche Jude keine Vorstellung hat. . Da kommt es nun darauf an, den widerstrebenden Theil der galizischen Juden für den Gedanken empfänglich zu machen daß die den modernen pädagogischen Anforderungen entsprechenden Stiftungsschulen errichtet werden im Namen der Humanitätslehre, die von Zion ausgeht, daß es nur der Geist des Judenthums ist, der in diesen Stiftungsschulen sich verkörpert, daß in diesen Stiftungsschulen das Judenthum allerdings" eine moderne Sprache spricht, aber eine Sprache, eben so heilig, wie die der Humanität es jemals gewesen ist. Das Beste in dieser Richtirng könnten die localen Curatorien leisten. Ihre Ausgabe wäre es darüber zu wachen, damit die Stiftungsschulen mit den Gegensätzen der Zeit nicht in Berührung gerathen. Damit die Stiftungsschulen gedeihen, wachsen und ihren Zweck erfüllen können, muß ihnen das Vertrauen der Bevölkerung gewonnen werden. Wer aus Haß gegen das Alte, aus fanatischer Aufklärungssucht dieses Vertrauen verletzt und zurückstößt, der ist ein Feind der Stistungsschulen, der hindert ihre Wohlthätigkeit in jeder Richtung. Rechts und links, dort wo man Talmud liest und dort wo man der Aufklärung huldigt, wird man die Nothwendigkeit, Bedeutung Und die Aufgaben der