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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1893-06-16 · 24 (16.6.1893) · page 3

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
10 (1893)
Issue
24 (16.6.1893)
Date
1893-06-16
Page
– (sequence 3)
Language
German
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Nr. 24 Oeflerreichifche Wochenschrift Seite 453 Baron Hirsch'schen Stiftung verstehen lernen. Das „Es werde Licht" ist gesprochen; es dauert dann - imuier, wie in der biblischen Schöpfungsgeschichte noch einige Zeit, bis die Sonne ihre volle Leuchtkraft entwickelt. Zum Schlüsse lenken wir nochmals die Aufmerksamkeit auf das Statut und Regulativ für die Stiftungsschulen, dessen nähere Würdigung wir einer fachmännischen Feder überlassen müssen. In Bezug auf die Zusammensetzung des Wiener Curatoriums ist zu erwähnen, daß an Stelle des aus dem Curatorium getretenen Alexander von Popper der Chefredacteur des „Fremdenblatt" Regierungsrath Dr. M a r c e l l F r y dmann und an Stelle des Jos. Ritt. v. Fürth, der Hof- und Gerichtsadvocat Dr. Adolf Stein in das Curatorium cooptirt wurden. Ern edles Brüderpaar. v. - „Wer ist Paulus Meyer?" Zur Beantwortung dieser Frage haben wir in Nr. 19 der „Oesterr. Wochenschrift" u. A. einen Steckbrief der „Neuen preußischen Zeitung" (Kreuzzeitung) vom 13. August 1892 wörtlich abgedruckt, in welchem es von Paulus Meyer „alias P a w l y, alias K r e m e n i tz k i" heißt: „Der Genannte ist ein arbeitsscheuer Mensch, der bummelnd und bettelnd die Welt durchzieht, um aus Kosten anderer zu leben. Bon Jerusalem bis London und Paris hat er wohl alle Missionsstationen und eine Reihe von Pfarrhäusern gebrandschatzt. Man hat ihm wiederholt Aufnahme und Pstege in christlichen Spitälern gewährt, ihm wiederholt auch durch Darbietung regelmäßiger Beschäftigung zu einer geordneten Lebensstellung verhelfen wollen. Er hat sich jedoch allenthalben unmöglich gemacht. So in London bei Rev. Wilkinson, in Paris bei P. Voß, in Köln bei P. Stolle, in Berlin bei P. Bieling. in Wilna bei Dr. Althausen; so in Bielefeld, von wo P. v. Bodelschwingh nach des Betreffenden eigener Aussage ihn polizeilich entfernen ließ, in Czeruowitz, wo er wegen Gotteslästerung vierzehn Tage in Untersuchungshaft saß, jedoch wegen mangelnder Beweise freigelassen wurde, so endlich in Hamburg, wo er mehrfacher Schwindeleien wegen von der Polizei gesucht wurde, aber klug genug war, rechtzeitig zu verschwinden." Wir citirten ferner einen „Auszug aus dem Protokoll der Edzardi-Stiftung vom 4. April 1892: Paulus Meyer habe sich als unlauterer Charaeter, Lügner und Verleumder erwiesen, der mehrmals die Taufe gesucht, vielleicht falsches Geld ausgegeben habe re. und endlich vor der nachforschenden Polizei entwichen i st". Endlich auch das Zeugnis des Pa stör's von Bodelschwingh in Bielefeld, welcher von diesem Kronzeugen des Weinhauser Pfarrers öffentlich erklärt: Daß „ich in meinem anzen Leben von tiefer Gesnnkenheit, Bosheit, ügenhaftigteit und Hoffart — überhaupt von bodenloser Gemeinheit kein solches Beispiel kennen gelernt habe wie diesen Menschen!" „W ir haben ja schon vor einiger Zeit an das Polizeipräsidium in Berlin geschrieben, um demselben über den Menschen klaren Wein einzuschänken. Ebenso ist dem Berliner Vorsteher der Judenmission darüber Mittheilung gemacht worden." Nichtsdestoweniger versichert Herr Dr. Deckert in einem Schreiben an die „Oesterr. Wochenschrift" von seinem Freunde Paulus Meyer: „daß er ehrende Zeugnisse über seine Verwendung als Missionär vorweisen kann." Diese Dreistigkeit des katholischen Seelsorgers von Weinhaus in der offenen Verleugnung der Wahrheit läßt es uns begreifen, daß und wie die beiden schönen Seelen sich gesunden haben. Herr Pfarrer Dr. Deckert hat sogar den Muth zu behaupten, Professor Bickell habe ihm den Paulus Meyer — empfohlen. Herr Dr. Deckert wird noch Gelegenheit haben zu vernehmen, daß Professor Bickell ihm den Paulus Meyer nicht nur nicht empfohlen, sondern vielmehr, als er mit der Empfehlung des Prager Meineidcanonikus ausgerüstet zu dem Weinhauser Pfarrer ging, ihn eigens deswegen begleitet habe, um einem — Unheil vorzubeugen. Die Erlebnisse des Paulus M e y e r unter den verschiedenen drei erwähnten Namen in Deutschland, England und Frankreich sind interessant genug. Allein es war für uns im Voraus außer Zweifel, daß der vielgereiste Russe thatsächlich keinen dieser Namen mit Recht führt, und daß er Ursache hat, seinen wahren Namen nicht zu verrathen. Wir haben uns darum bemüht, in den Besitz einer Photographie dieses Herrn zu gelangen, um dieselbe in Rußland agnosciren zu lassen. Die Erlangung einer Photographie schien anfangs mit Schwierigkeiten verbunden; indessen trotz der bekannten Selbstlosigkeit der Antisemiten, bei ihrer vielgepriesenen Unbestechlichkeit — hat sich doch der Eine und der Andere bereit gefunden, uns zu Diensten zu sein. Auf Grund dieser Photographie, welche wir nach Rußland gesendet haben, wurde er dort agnoscirt als E l i e s e r Baruch A s ch k e n a s i, doppelt gemeldet in Biala und Brest, zwei Städte in der Nähe von Ostrow, Gouvernement Siedlce. Der Vater Leiser B aruch's (wie man ihn in Biala nennt) ist 1871 gestorben, die Mutter, eine arme Witwe, lebt noch. — Bon seiner frühesten Kindheit an zeigte er einen so schlechten Sinn in seinen Neigungen und seinem Betragen, daß er von seinen Eltern und Bekannten als Auswurf betrachtet ward. Er war eine Plage für seine früh verwitwete Mutter und seine Angehörigen. Er bestahl oft seine arme Mutter und schlug sie von Zeit zu Zeit. Ein Schwager der Witwe, also ein Onkel Leiser Baru ch's, war Moische Leib in Ostrow, ein Schwager des Rabbi Jehoschua, der von Paulus Meyer als Mörder verleumdet worden, nahm den Buben zu sich und die Leute in Ostrow erinnern sich, daß man ihm schon damals ein schlimmes Ende prophezeit hat. Nach dem Ableben des Rabbi Jehoschua verließ auch desse.k Schwager Moische Leib Ostrow und ging nach Palästina. Dieser Onkel des Leiser Baruch (Paulus Meyer) lebt derzeit noch in Jerusalem. Leiser Baruch blieb seitdem ohne Aufsicht, trieb sich in der Welt herum, kam von Zeit zu Zeit nach Biala, um seine Verwandten anzupumpen. Er drohte ihnen oft, daß er sich „schmadden" werde, und jede Drohung brachte ihm einige Rubel, um wieder zu verschwinden. Nach einer Abwesenheit von einigen Jahren erschien Leiser Baruch plötzlich wieder in Biala als Arrestant. Er war eine Zeit lang im Gefängniß und wurde für drei Jahre unter Polizeiaufsicht gestellt. Baruch Leib Aschkenasi wurde verpflichtet, drei Jahre lang in Breslau zu bleiben und allwöchentlich bei der Polizei zu erscheinen. Er floh aber bald in's Ausland. Vor einigen Jahren erhielt einer seiner Verwandten aus Biala ein Schreiben von Leiser Baruch aus England mit der Bitte, ihm einige Paar Tefilin und Zizzis zu fenden, weil das Gewissen ihn foltert, sein Vater ihm im Traume erscheint, er will wieder Jude werden. Der Brief wurde nicht beantwortet. Ueber den Stand der gepflogenen Erhebungen betreffend das Märchen von Ostrowo können wir Nachstehendes conftatiren. Wir haben bereits die Grabschrift des Ostrower Rabbiners publicirt und es ergibt sich somit als wichtiges Factum, daß Rabbiner Jehoschua den Schalomo Leib mi-Leu tschna, der 1875 in Ostrow einen Kindesmord zu rituellen Zwecken begangen haben soll, bereits zwei Jphre früher, den 26. April 1873 in Warschau verstarb, wo er auf dem jüdischen Kirchhof begraben liegt. Also in der Osterzeit 1875, wo das Verbrechen geschehen sein soll, war besagter Rabbiner lange nicht mehr unter den Lebenden. Der Vater des Paulus Meyer starb 1871 und in dem Briefe heißt es, daß anno 1875 ihn sein Vater zum Rabbi Jehoschua nach Ostrow gebracht habe. Also dertodte Vater brachte ihn zum todten Rabbi. Paulus Meyer gibt an. daß er damals 14 Jahre zählte. Wenn er nun auch als das Datum der That das Jahr 1873 annehmen wollte, wo der Rabbiner bereits zur Osterzeit todkrank darniederlag, so mußte er 11—12 Jahre alt gewesen sein, und es gehörte doch Wahnsinn dazu. Jemanden einreden zu wollen, daß ein Kind in diesem Alter in Kabbalastudien eingeweiht und zu so einem blutigen Acte, wie der von Meyer beschriebene, zugezogen werden sollte. Das ermordete Kind soll von Lubartow herbeigebracht worden sein. Der Magistrat dieser Stadt, wo alle Geschehnisse in der Bevölkerung nach dem Gesetze genau verzeichnet werden, bescheinigt osficiell, daß weder im Jahre 1875, noch viele Jahre zuvor ein Kind, weder in der Stadt, noch in der Umgegend auf eine unerklärliche Weise verschwunden sei. Dasselbe bescheinigt in Betreff des ganzen Kreises der Kreishauptmann (Naczelnik powiatu). Auch bescheinigen sämmtliche Stadträthe (Lawniki), die aus christlichen unbescholtenen Bürgern bestehen, daß kein christliches Kind in den besagten Jahren in der ganzen Umgegend verloren ging. Eine Tochter des 1873

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