Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 10 (1893)
- Issue
- 24 (16.6.1893)
- Date
- 1893-06-16
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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X. Jahrgang. Men. 16 JSttni 1893. Nr. 24 Centrslorgan für die gesammten Interessen des Iudenthums. K. ft. Popsxmi klstrnsmt Clesringvrrkrhr Nr. 810.076. RrdswUon und AdniinistraNon: W te n Ärrrnr Ivsrfs-Lirsl Nr. 8. Telephon-Nr. 6535. w Eigrnlhümrr: Reichsraths-Avgeordnrter Dr. Ktoch. -4>U«T>- <£ r sch eint jeden Freitag. Man adonnirt bei aiien Pofisnfiatten drs In- und Auslandes. Bezugspreis: Halbjährig 4 ft. Einzelexemplare 25 kr. klazeigen: Die 4mal gespaltete Petitzeile IS kr. Inhalt: Leitartikel: Das zweite Verwaltungsjahr der galizischen Baron Hirsch-Stiftung. — Ein edles Brüderpaar V. — Brauchen die Juden Christenblut? — Teutobold über Alles und Nichts. — David Kohn. — Lesefrüchte. — C o r r e s p o n d e n z e n: Wien, Königswart. Petersburg, Bukarest. — Vermischtes: Wien, Eibeuschitz, Budapest, Sambor, Krakau. Przemysl, Ozydow. Bodgorze, Mateszälka, Stanislau, Berlin, Glogau, Meiningen. Kassel, London. — Feuilleton: Fürstengnnst. XI. — Woche nk a l e n d e r. — Briefkasten. — Inserate. Das zweite Vrrwaltungsjahr der galizischen Varon Hirsch-Stiftung. Die Wanderungen nach dem Osten, und waren es auch nur die östlichen Provinzen unserer Monarchie, Galizien und die Bukowina, sind, namentlich wenn sie auf den Lustschissen der Phantasie vollbracht werden, immer mit dem Gefühle verbunden, als ob wir einer fremdartigen Welt mit eigenthümlichen Gebräuchen und Anschauungen uns nahen würden. H ute ist es der trockene Bericht des Wiener Curatoriams der Baron Hirsch-Stiftungen, deren Zweck die Beförderung des Volksschulunterrichtes in Galizien und der Bukowina ist, der uns zur Wanderung nach dem Osten einladet. Der Bericht*) enthält auf seinen 55 Druckseiten vielsagende Ziffern, statistische Daten, sachliche Bemerkungen in knapper Form und ein Musterstatut für die Stiftungsschulen und es ist, was auch selbstverständlich, somit nichts zu entdecken, was an die Nomantik des Orients, an poetisch ausgestattete Reiseschilderungen und an phantasievolle Culturstudien der östlichen Gebiete erinnern würden. Und dennoch — es kommt nur auf das Auge an, mit dem man diesen Bericht liest. Der erste Gedanke ist, daß wir hier einem Werke gegenüber stehen, das an Wohlthätigkeit von keiner anderen Stiftung übertroffen, kaum von einer zweiten erreicht werden dürfte. Die Wunoer der Menschenliebe^ wie sie von verschiedenen Seiten ausgegangen sind und in denen verschiedene Persönlichkeiten ihre großherzige Gesinnung verkörperr haben,, sollen von uns in keiner Weise unterschätzt werden. Es greift Einem ins Herz, wenn man durch die Straße einer großen Stadt fährt und die aristokratischen Besitzer der verschiedenen Paläste nennen hört und dann plötzlich bei dem einen oder andern palastähnlichen Bau in Erfahrung bringt, daß dieser Palast ein Hospital ist, daß er vornehmlich einem. Juden seine Entstehung verdankt oder den Namen eines jüdischen Aristokraten trägt. Ist es blos Zufall, daß gerade Juden nicht nur an den Bau ihrer Paläste dachten, sondern auch an den Bau der Tempel der Menschlichkeit? Für uns haben diese Adelsschlösser der Juden eine ernste Bedeutung; sie erinnern uns daran, daß im Dienste der Menschlichkeit die Juden in erster Reihe stehen. Sie sind sich der Pflichten bewußt,, welche der Reichthum auferlegt. Jedem Verdienste seine Krone, Die Baron Hirsch'sche Stiftung hat jedoch den *) Bericht des Curatoriums der B ar o n Hirsch-Stiftung zur Beförderung des Volksschutunterrichtes im Königreiche Galizien und Lodomerien mit dem Großherzogthum Krakau und im Herzogthum Bukowina, für das zweite Verwaltungsjahr '1892.. Wien, 1893. Druck und Verlag von Moriz Waizner & Sohn, IX., Kolingasse II, Vorzug, daß sie die Ursachen der Nothund des Leidens bekämpft und für eine .ganze Bevölkerung eine neue bessere Zukunft vorbereitet. Das ist der Gedanke der Stiftung, das Lebensglück von Tausenden zu begründen und dadurch nicht nur der jüdischen Gemeinschaft in den östlichen Provinzen der Monarchie zu nützen, sondern auch dem ganzen Lande und in letzter Aufführung auch dem ganzen Staate. Das ist der eine Gedanke, der sich aufdrängt; wir wollen jedoch auch einen zweiten Gedanken nicht unterdrücken, der mit der allgemeinen, und menschlichen Mission des Judenthums im Zusammenhänge steht. Von Zion geht die Lehre aus und dasWort Gottes von Jerusalem. Der Gedanke der Humanität wurde im Judenthum geoffenbart, wurde in deni Jahrhundert gepflegt und ausgebildet, namentlich auch durch die Sprüche des Talmuds und. nach Jahrtausenden, nachdem der Gedanke der Humanität zum Gemeingut geworden, gaben die Juden den Beweis, daß dieser Theil ihres Glaubens ihnen vollkommen erhalten geblieben, daß sie um die Echtheit dieses Glaubens zu bezeugen, große Opfer zu vollbringen vermögen. „Von Zion geht die Lehre der Wohlthätigkeit aus und das Wort der Menschlichkeit von Jerusalem." Jedes Wort des Lobes ist überflüssig gegenüber den Stiftern und gegenüber den Männern, welche in Wien mit selbstloser Hingebung ihre Kräfte der Stiftung widmet. Mitten aus der vornehmsten Gesellschaft heraus, aus einer Welt heraus, die an ihrer Oberfläche wenigstens nur Genuß, Glanz und Reichkhum darbietet, dachte er an die Armuth und das Elend in Galizien. Und in Wien gelingt es, ein Euraiorium zu bilden, das aus ersten Persönlichkeiten der Gesellschaft sich zusammensetzt, Juden und Christen vereinigen sich, das Werk zu fördern und Geschäftsmänner, denen jede Minute kostbar ist, opfern ihre Zeit im Dienste der Menschlichkeit. — Wird von den Erfolgen der Stiftung gesprochen, dann muß man in erster Reihe auch des Wiener Euratoriums gedenken. Viktor Hugo hat ein Gedicht, wo in einer kalten Winternacht der Arme aus der Straße neidvoll nach den glänzend erleuchteten Fenstern eines Palastes blickt, in dessen Räumen ein Ball statisindet. Der Bericht der Baron Hirsch-Stiftung ruft ein anderes Bild hervor. Da sitzen die Reichen in ihren glänzenden Bureaus, denken an die Armen in fernen Gegenden, schreiben, rechnen und berathen, um Roth und Elend zu mildern. Der Bericht beginnt mit dem für die Interessensphäre der Stiftung wichtigsten und bedeutungsvollsten Ereignisse des Jahres. Es handelte sich darum, nach dem Ableben des im besten Andenken stehenden ersten Präsidenten der Stiftung, Josef Ritter von Fürth, in dem neuen Präsidenten, einen Mann zu