Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 10 (1893)
- Issue
- 23 (9.6.1893)
- Date
- 1893-06-09
- Page
- – (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 446 Oesterreichisttze Wochenschrift Nr. 23 wanden als dem Unbekannten ihre Hand reichen, wenn dies, aus welchem Grunde immer, unmöglich wäre, unvermählt bleiben würde. Ich ward von dieser Mittheilung erschreckt, ich verbrachte eine schlaflose Nacht. Ich konnte es nicht erwarten, sobald als möglich zu Dir zu eilen, vor Allem Dich zu fragen, ob Du mir über den wackeren, jungen Mann Auskunft ertheilen könntest. Ich hoffte, daß Du dies zu thun vermagst, es darf ja ohne Deine Bewilligung kein ftemder Jude in Wien übernachten; aber seit wenigen Minuten bin ich überzeugt, daß Du ihn kennst. Der junge Mann, mit dem ich beim Eintreten in Dein Cabinet zusammenstieß, entspricht dem Bilde, das Lea von ihrem Retter entwarf und die Narbe an seiner Stirne läßt keinen Zweifel darüber, daß er es in der That ist?' „Der junge Mann nannte sich mir Rafael Levi und steht seit einigen Wochen in meinen Diensten — das aber ist auch Alles, was ich über ihn weiß." „Dann bitte ich Dich, lieber Oheim, Dich genau über ihn zu informiren; da er Dein Commis und Hausgenosse ist, hast Du. das Recht, ihn über seine Verhältnisse und seine Vergangenheit zu befragen." „Ich habe mich dieses Rechtes begeben." „Weshalb, warum?" „Ich bedauere es, auch die Gründe, die mich hiezu veranlassen, verschweigen zu müssen." Ella Arnstein blickte überrascht auf. „Was ich von Dir höre, Oheim ist — wenn mir Deine Weisheit nicht einen Ausweg zeigt — nur geeignet, meine Verlegenheit zu voller Rathlosigkeit zu steigern. Ein jedes Mädchen kann sich stolz und glücklich fühlen, Perez Markbreiter's Gattin zu werden, mein Mann kann sich keinen besseren Schwiegersohn wünschen — und Lea verschmäht ihn, ohne ihn auch nur zu kennen! Das wird meinen Gatten aufbringen. Er liebt unser Kind nicht weniger als ich, er würde für unsere Lea das höchste Opfer bringen, aber ihm; fehlt die Nachsicht der Mutterliebe! Je mehr er Lea liebt/ besto mehr wird ihn ihr Widerstand gegen das, was er für ihr Glück hält, erbittern; — sie aber ist ihres Vaters echte, rechte Tochter, sie besitzt seine vortrefflichen Eigenschaften, aber auch dessen unbeugsamen Sinn. Es wird schwere Kämpfe geben! Ganz anders aber wäre es, wenn ich mich auf die Seite meines Kindes stellen, für dessen Wünsche einen vernünftigen Grund, angeben könnte. Ein solcher wäre gefunden gewesen, wenn Du lieber Oheim, mir Günstiges über den jungen Mann zu berichten gewußt hättest, aber wie die Angelegenheiten stehen, weiß ich in der That nicht, was ich beginnen soll. Kann ich meinem Gatten zumuthen, daß er Perez Markbreiter abweise, seine Einwilligung zur Ehe unserer Tochter mit einem uns völlig Unbekannten ertheile? Es kann ja sein, daß dieser ihrer unwürdig, daß er schon verheirathet ist! Ich fürchte das unglückselige Ereigniß vor acht Tagen wird unser ruhiges Familienglück unheilbar vergiften. Was soll ich thun? Sprich Du, guter, weiser Oheim!" „Vor Allem Dich beruhigen und auf Gott vertrauen, der, wenn er nur will, Alles zum Guten lenken kann. Was aber meinen Rath betrifft, fußt dieser auf den weisen Ausspruch des Talmuds: Wenn Du schwankst, ob Du etwas thun oder unterlassen sollst und Dir das Eine so richtig als das Andere erscheint, so unterlasse die That. In den meisten Fällen wirkt eine Unterlassung, selbst wenn sie sich später als unzweckmäßig erweist minder schädlich als eine unzweckmäßige Handlung. Verschweige vorläufig Deinem Gatten die Begegnung Deines Kindes mit Rafael Levi und warte ruhig ab, bis Perez Markbreiter zum Besuche bei Euch anlangt. Es wäre ja möglich, daß Lea des jungen Mannes vergäße." „Du kennst eben mein Kind nicht so genau als ich es kenne, das glaube ich nicht!" „Ich habe ja nicht gesagt, daß ich es glaube, nur daß es möglich wäre; endlich wäre es ja auch möglich, daß Perez Markbreiter darauf verzichtet, Euer Schwiegersohn zu werden." „Auch das glaub' ich nicht!" fiel Ella Arnstein in ihrem Mutterstolz verletzt dem Oheim rasch ins Wort und dieser erwiderte nochmals ruhig: »Ich glaube es auch nicht, aber möglich ist'es! Ich will Dir, mein liebes Kind, meinen Rath nicht aufdrängen. Rath ertheilen ist in der Regel das undankbarste Geschäft; erweist kr sich als gut, dann lobt Jeder nur sich selbst, daß er ihn als gut erkannte, mißlingt's, dann tadelt man nicht sich selbst, daß man ihn befolgte, sondern nur Jenen, der ihn ertheilte. Aber ich will immer das Rechte thun, ohne auf Lob oder Tadel Rücksichtzu nehmen; d'rum möchte ich Dir nochmals empfehlen,Deinem Gatten die Begegnung Leas mit meinem Commis zu verschweigen. Du wirst dadurch Dir, Deinem Gatten und Deinem Kinde wenigstens eine Zeitlang manchen Verdruß ersparen. Allerdings wird es Dir peinlich werden, vor Deinem Gatten etwas zu verheimlichen; allein wie die Verhältnisse liegen, ist dies nicht nur erlaubt, sondern sogar Deine Pflicht. Natürlich kannst Du nichts thun, um Perez Markbreiter's angekündigten Besuch zu verhindern. Er muß in einigen Tagen nach Wien kommen, um Rechnung mit mir zu pflegen. Kommt Zeit, kommt Rath. Zuweilen treten unerwartete Ereignisse ein und oft gestalten sich die Dinge anders als man gehofft oder gefürchtet." „Ich werde Deinem weisem Rathe folgen, Onkel, schon Deiner schönen Stimme milder Klang wirkt beruhigend auf mich und getröstet und hoffnungsvoll scheid' ich von Dir." _ (Fortsetzung folgt) Wochenkalrnder. Sivan-Thamus 6653..— Juni 1893. Freitag 25 nfns» 9 E. d. N. 8h 44'9n» Samstag 26 10 Sonntag 27 11 Montag; 28 12 Dienstag 29 13 Mittwoch 30 14 Donnerstag 1 1. Rosch-Chodesch 15 Freitag 2 2- „ . „ 16 Briefkasten. I. I. Wien. Der Austritt der jüdischen Gemeinderäthe aus dem fortschrittlichen Parteiverband wäre die einzig logische Antwort. Die Entscheidung darüber liegt aber nicht in unserer Hand, Jur. Dr. Jacob Scharf, Prag. Die citirten Stellen sowohl jene aus unserem Blatte, als auch aus der Reichsrathsrede des Abgeordneten Dr. Bloch vom .11. Februar 1890 zeigen nur, daß Sie ' wohl als vielbeschäftigter Advocat, Zeitungsartikel und politische Reden nur flüchtig lesen. . Fräulein A. R. in New. „Li°ber FrSulem! - geg-be» Hat Freund Bloch mir Ihren Brief: Ja, ich leb'! — So soll ich leben! — Ihre Frage rührt mich tief. Lang studirt' ich sie geduldig — Habe lange nicht studirt, — D'rauf die Antwort bleib ich — schuldig, Heißt denn das auch „existirt?!" So lang Ihre Gunst Sie — leihen Und so lange Sie ihm hold Just so — nur nicht beschreien! — @Si(iirt der - T°u,°b°Ib." Herrn H. D., Alttitschein. Daß die Berührung einer Leiche nach jüdischem Gesetze Jedermann unrein macht, ist dem Rohling, Deckert und Genossen wohlbekannt. Allein der Blutaberglaube ist gerade bei den arischen Völkern so festgewurzelt, der Glaube an die Zauberkraft des Blutes uud Theile des menschlichen Körpers in der niederen Bevölkerung so verbreitet, daß diese Bevölkerung denselben Aberglauben auch auf die Juden überträgt. Notizen. „Austria", allgemeine, wechselseitige Capitalien- und Rentenversicherungs-Gesellschaft in Wien. In der 32. ordentl. General-Versammlung dieser Gesellschaft waren 135 Stimmen vertreten. — Laut des Rechenschaftsberichtes wurden im vorigen Jahre 3874 Versicherungsanträge per fl. 3,315,383 Capital und fl. 10.357 Rente eingebracht, und hievon. 3152 Anträge fl. 2,657.883 Capital und, fl. 8507 Rente durch Ausstellung von Polizzen erledigt. Abzüglich aller Abgänge durch Versicherungsablauf und Erlöschung hat sich der Versicherungsstand auf 34.734 Verträge mit si. 21,837.712 99 versichertem und gezeichnetem Capitale und fl. 51.161-47 versicherter Jahresrente erhöht. Einschließlich der aus dem Vorjahre übernommenen Prämien- und Schaden-Reserve sind die Einnahmen auf fl. 3,869.275.56 gestiegen. Für fällige Ablebens-, Erlebens- und Renten-Versicherungen wurden fl. 411.937-84, für Erbgesellschaften fl. 39.222'91 ausgezahlt, fl. 3,181.942 09 für Prämien- und Schadenresetve, Ueberträge und sonstige-Reserven auf neue Rechnung vorgetragen und der Ueberschuß