Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 10 (1893)
- Issue
- 23 (9.6.1893)
- Date
- 1893-06-09
- Page
- – (sequence 11)
- Language
- German
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Nr. 23 Oesterrrtchifche Wochensttzriy Seite 445 unserer ganzen Familie einen entscheidenden Schritt unternimmt obne Deinen Rath eingeholt zu haben — und ich bedarf eines solchen." . „Schon der Talmud behauptet, daß Frauen plauderhaft sind", meinte Wertheimer mit einem feinen Lächeln, „und jetzt erkenne ich, daß auch die Klügsten unter ihnen — zu diesen zähle ich Dich liebe Ella — von diesem Fehler nichr freizusprechen sind. Wozu bedarf es unter uns dieser Einleitungen und Schmeicheleien, die ich entschieden zurückweisen muß? — Um was handelt es sich liebe Nichte?" „Um mein einzig Kind, um meine Tochter, Lea." Wertheimer blickte befremdet auf. „Du und Dein lieber Mann, Ihr wart ja vor Kurzem bei mir und theiltet mir mit, daß Aron Markbreiter in Nikolsburg, durch einen der vornehmsten Schadchonim*) bei Euch anfragen ließ, ob Ihr geneigt wärt, seinem Sohne seinem einzigen Kinde, die Hand Euerer Tochter zu gewähren. Ihr fragt mich um meine Meinung, ich habe sie offen ausgesprochen und mittlerweile nicht geändert. — Dein Gatte ist ein hochgeachteter Mann, Du und er, Ihr Beide entstammt vornehmen Familien. Lea ist ein Mädchen von seltener Schönheit, ungewöhnlicher Bildung, endlich seid Ihr auch im Stande Euerem Kinde eine Mitgift zu geben, die selbst sehr hohe Ansprüche befriedigen könnte. Trotz alledem könnt Ihr es doch, soweit menschliche Voraussicht reicht, als eine Gnade Gottes betrachten, wenn Perez Markbreiter Euer Schwiegersohn wird. Ich kenne sowohl die Verhältnisse des Hauses als den jungen Menschen ganz genau. Wir sind ja, wenn auch entfernt, miteinander verwandt, auch stehe ich mit Markbreiter in lebhaftem Geschäftsverkehre. Er ist mein Sublieferant für Militärtuche, die er von den mährischen Tuchmachern für niich zusammenkauft. In der Regel pflegt Perez die Verrechnungen mit mir. Er ist ein großgewachsener, schöner Mann von feinsten Manieren. Dem Ausspruche unserer Weisen, der in unserer Familie hochgehalten wird: Schön ist's, wenn sich die Kenntniß der Gotteslehre mit jener profanen Wissens verbindet, huldigend, hat Aron Markbreiter seinen Sohn nicht nur die besten Talmudhochschulen besuchen, sondern ihn auch in allen andern Wiffenswerthen von den trefflichsten Lehrern Unterricht ertheilen lassen. Ueberdies ist Perez auch ein tüchtiger Kaufmann; obgleich er erst vor Kurzem sein vierundzwanzigstes Jahr erreichte, ist er doch schon die Seele des großen Geschäftes und sein Vater hat ihn als Compagnon in seine alte geachtete Firma ausgenommen. Dabei ist er fromm, sittsam, bescheiden und ein Sohn, dem an Kindesliebe und Elternverehrung wohl Niemand gleich kommt. Sein Vater gleicht Deinem Gatten, liebe Nichte, er ist ein wenig eigensinnig und herrisch und Perez, der, wo es ihm für recht dünkt, selbstbewußt und imponirend aufzutreten vermag, unterordnet sich in Allem widerspruchslos dem Willen seines Vaters. Auch zählt die Familie Markbreiter zu den vornehmsten der Judenheit. Arons Frau ist die Tochter des Nikolsburger Vorstehers Salomon Koppel, er selbst gilt als der reichste und einflußreichste Jude in Mähren. Ihr wart ja auch entschlossen, den günstigen Antrag für Euere Tochter anzunehmen. Ich wüßte nicht, was sich dieser Verbindung entgegen stellen könnte. Es erscheint mir fast undenkbar, daß die beiden herrlichen, jungen Menschen nicht Gefallen aneinander fänden. Hst etwa, gegen mein Vermuthen, Aron Markbreiter, bezüglich der Mitgift so hohe Ansprüche erhoben, daß selbst Ihr diese nicht zu beftiedigen vermögt?" „Nein Onkel, das ist es nicht. Ueber Wunsch des Vermittlers und um überflüssige Weitwendigkeiten zu vermeiden, sind mein Gatte und Aron Markbreiter in Briefwechsel miteinander getreten. Dieser, der es ja bei seinem Reichthum inder That nicht nöthig hat, bei der Wahl seiner Schwiegertochter auf Vermögen zu sehen und überdieß weiß, daß Lea unser einzig Kind ist,' hat erklärt, daß es ihm völlig gleichgiltig sei, was wir unserem Kinde als Brautschatz geben. Gestern erhielten wir wieder einen Brief, in welchem er uns anzeigte, sein Sohn würde in geschäftlichen Angelegenheiten nach Wien reisen und er würde diesen beauftragen, uns zu besuchen, damit die jungen Leute einander kennen lernen. Ob' wohl er dies nicht ausdrücklich schrieb, schien doch aus seinem Briefe hervorzugehen, daß er seinem Sohne noch nichts von dem Projecte mitgetheilt Meinem Gatten gefiel dies ausbündig gut, er glaubt, daß junge, unerfahrene Leute bei der Wahl der Lebensgefährten sich ganz auf das weise Urtheil ihrer *) Ehevermittler. Eltern verlassen sollten — und auch er wollte unserer Lea, um ihr ihre Unbefangenheit zu erhalten, nicht eher etwas über das verabredete Project mittheilen, als bis Perez Markbreiter hier gewesen; mir aber hätte es das Herz abgddrückt vor Lea etwas, das sie selbst betrifft, geheim zu halten, ich theilte ihr Alles mit und Lea fiel mir schluchzend.um den Hals und gestand mir, sie habe ihr Herz an einen jungen Mann verloren, dem sie zu höchstem Dank verpflichtet." „Wer ist der junge Mann?" „Lea hatte ihn nur ein einziges Mal gesprochen und kennt seinen Namen nicht. — Vor acht Tagen war sie in den späten Nachmittagsstunden zu Besuch bei ihrer Freundin Sara Oppenheimer und diese fiel plötzlich ohne vorhergehendes Unwohlsein wie leblos zu Boden. Ihre Eltern waren nicht zu Hause und während die Dienstmädchen die Ohnmächtige entkleideten und zu Bette brachten, eilte unsere theilnehmende, kluge Lea zu dem nächstwohnenden Arzte, und da sie diesen nicht zu Hause fand, zu einem zweiten und so geschah es, daß schon die Dunkelheit angebrochen war, als sie allein zu ihrer erkrankten Freundin zurückkehren wollte. In der Himmelpfortgasse begegneten ihr drei trunkene Strolche, die sie gewaltsam anbielten und sie fortfchleppen wollten. Es gingen wohl mehrere Personen vorüber, aber niemand nahm sich des bedrängten Mädchens an, vielleicht besaß auch Niemand den Math, sich mit den wilden, rohen Burschen in Streit einzulassen — unser Kind befand sich in schrecklich peinlicher Lage. Da kam plötzlich um die Ecke ein Mann geschritten, er trat sofort an die Hallunken heran, und befahl ihnen das Mädchen frei zu geben und als sie seine Aufforderung mit einem brüllenden Hohngelächter beantworteten, ließ er seinen starken Knotenstoch so wuchtig auf das Haupt des Mannes, der Lea am Arm festhielt, niedersausen, daß dieser blutüberströmt, ohnmächtig zu Boden sank, und nun vertheidigte er sich und Lea so lange gegen die beiden Anderen, die wüthend aus ihn einstürmten, bis der Lärm die Rumorwache herbeiführte, bei deren Nahen die beiden andern Männer, den verwundeten Genossen zurücklassend, die Flucht ergriffen. — Die Wache kannte diesen, er war ein bekannter Raufbold und. wüster Geselle, der sich schon oft in den Händen der Polizei befunden und schon viele Jahre in Gefängnisse zugebracht hatte. Da die Umstehenden, welche den Verlauf des ungleichen Kampfes mit angesehen, dem Retter unserer Lea bestätigten, daß er nur das Mädchen vor dem Anfall der elenden Wichte geschützt hatte, wurde nur der Verwundete in Haft genommen. Der Unbekannte bot sich nun unserem Kinde als Begleiter an, und Lea ersuchte ihn, sie zu Emanuel Oppenheimer's Haus, zu geleiten. Der junge Mann ging wortlos an ihrer Seite und auch Lea bedurfte längerer Zeit, bis sie sich so weit gesammelt hatte, ihn zu ftagen: „Darf ich den Namen des Mannes wissen, der mich aus so großer Gefahr gerettet?" und dieser erwiderte: „Sie überschätzen den kleinen Dienst, den ich Ihnen erwiesen. Auf Ihren Hilferuf mußte ja die Rumorwache erscheinen und die Unholde verscheuchen". „Sie unterschätzen Ihre That", hatte Lea hierauf geantwortet. „Sie standen drei kräftigen, trunkenen, rücksichtslosen Menschen gegenüber. Vor kaum vier Wochen ist hier in dieser Straße in den Abendstunden ein Mann erschlagen worden. Die Rumorwache kam zu spät, sie vermochte es nicht einmal, die Thäter zu ergreifen". — So sprechend waren die Beiden bei Emanuel Oppenheimer's Hause, vor dessen Thore eine Lampe brannte, angelangt. Jetzt erst bemerkte Lea zu ihrem Schrecken, daß ihres Begleiters bleiches Gesicht blutüberströmt war. „Um Gott, Sie sind verwundet!" rief sie, „kommen Si^mitmir in's Haus, der Arzt, den ich für meine Freundin geholt, wird, wenn er nicht schon hier ist, sogleich eintreffen". „Es ist wahrhaftig nicht der Rede werth", hatte der junge Mann ablehnend erwidert, „eine leichte Wunde, die rasch vernarben wird", dann fügte er hinzu: „Jetzt bin ich überflüssig, im Hause des Herrn Oberhoffactors Emanuel Oppenheimer sind Sie geborgen und dieser wird Sie wohl durch seine Diener heimgeleiten lassen, dann wollte er sich nach einer ehrerbietigen Verbeugung rasch entfernen, allein Lea sprach vorwurfsv oll :„ Warum wollen Sie mirJhren Namen verschweigen?" „Der Name, den ich Ihnen nennen würde, klänge Ihnen unbekannt" erwiderte er, dann war er fortgestürzt. Lea erklärte mir — und ich fand es begreiflich — daß Scham und Scheu sie bisher abgehalten, mir das seltsame Begebniß mitzutheilen; allein daß sie es jetzt nicht länger verschweigen dürfe, daß sie es mir gestehen müsse, daß sie Nie-