Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 10 (1893)
- Issue
- 23 (9.6.1893)
- Date
- 1893-06-09
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
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t Seite 444__Vestrrreichtsche^Wochrnschrifi Nr. 23 geltend gemacht. Der neugewählte Vorstand, unter welchem auch das Mädchenweisenhaus und die Volksküche in's Leben gerufen wurde, hat sich nun vor Kurzem dieser Frage mit großer Energie angenommen und den Beschluß gefaßt, von der hiesigen Stadtgemeinde ein Haus, in welchem sich früher das Asyl für arme verlassene Kinder befand, zu dem gedachten Zwecke käuflich zu erwerben. Allein unsere Cultusgemeinde verfügt nur über geringe Baarmittel, und als die Stadtgemeinde vor wenigen Tagen den Cultusvorstand zum Erläge des Kaufschillings und zur Uebernahme des Hauses aussorderte, war man einen Augenblick in peinlichster Verlegenheit. Da bewährte sich nun neuerdings der altererbte Wohlthätigkeitssinn. Unser ehrwürdige erste Vorsteher, Herr Joel Wolf, gab die Erklärung ab, daß er den Kaufschilling sammt Gebühren aus eigenen Mitteln bezahlen und das Haus zu dem Zwecke des Versorgungshauses adaptiren lassen wolle. Dasselbe wird als Joel Wolf'sche Stiftung in das bleibende Eigenthum der Gemeinde übertragen. Agram, Juni 1893. Dem Verdienste seine Krone. Selten ist die Huld des Königs einem Würdigeren zu Theil geworden, wie unserem in der jüngsten Zeit mit dem Franz Fosefs-Orben decorirten Gemeinde- und Vorstandsmitgliede Edmund Kol mar. Als einfacher, schlichter Mann hat es Edmund Kolmar verstanden, sich in der hiesigen Gesellschaft eine Position zu schaffen, vermöge deren er auf allen Gebieten unseres öffentlichen Lebens hervorragenden Antheil nimmt. Es tvürde zu weit führen, alle seine mit Erfolg gekrönten Lesstungen aufzuzählen, da es in Agram keine gemeinnützige Institution gibt, bei der nicht Kolmar in hervorragender Wesse mitgewirkt hätte und mit Recht wird er der „finanzielle Ratbgeber" Agrams genannt. Was indeß besonders hervorgehoben werden soll, das ist sein Wirken auf dem Gebiete der Humanität. Wo es gilt, gefährdete Existenzen zu saniren, die Hungernden zu speisen, die dürftigen Witwen und Waisen vor dem Untergange zu retten, da ist Edmund Kolmar stets an der Spitze zu scheu. Seiner freigebigen Hand verdanken viele Stndirende Verpflegung und Unterkunft und ist es ebenso seiner Initiative und seinem wohlthässgen Sinn zu verdanken, daß eiu Verein zur Verköstigung armer Volksschulkinder gegründet wurde, von welchem zur Winterszeit mehr als zweihundert arme Kinder mit kräftiger Kost versehen werden. Was aber seinem segensreichen Schaffen ein unvergängliches Denkmal setzt, ist die Gründung des Taubstummen-Jnstituts, hervorgegangen aus seinen unermüdlichen Bemühungen und seiner Werktätigen Propaganda. Viel Zeit und Mühe und nicht geringe materielle Opfer widmete er dieser mehrere Jahre hindurch als Privatanstalt bestandenen Gründung, bis es ihm endlich gelang, die höchsten Spitzen unserer Regierung für diese Institution in hohem Maße zu interessiren, die denn auch die Anstalt in ein Landes- Jnstitut umwandelte, welches nunmehr sein segensreiches Wirken auf das ganze Land ausdehnt. Diese philanthropische Gründung fand auch im allerhöchsten Dekrete die gebührende Anerkennung. In den Zeiten, da die antisemitischen Wogen so hoch gehen, empfindet es jeder Glaubensgenosse nicht nur mit wahrer Freude, sondern auch mit Stolz, daß seinen verdienstlichen Männern von den Stufen des allerhöchsten Thrones Lob und Ehre gezollt wird. Brün«, 1. Juni 1893. Herr Dr. Frankl, gewesener Rabbiner in Neu-Raußnitz, wurde zum Rabbiner in der israelitischen Cultusgemeinde Piesling gewählt. Derselbe, dem ein vortheilhafter Ruf vorausgieng, hielt am Wochenfeste zwei Probevorkäge, die sich eines ungeteilten Beifalles erfreuten. Nürnberg. 5. Juni. (Verurtheilungeines Antisemiteu-Führers.) Die Strafkammer verurtheilte den hiesigen Antisemiten-Führer Retterspitz wegen falscher Beschuldigung eines christlichen Amtsrichters zu dreieinhalb Monaten Gefängniß und zu dreijähriger Aberkennung der Ehrenrechte. Retterspitz hat auch eine Broschüre über den „Ritualmord" geschrieben. Brüx, 5. Juni. Am 31. Mai feierte unser Rabbiner Herr Dr. Adolf Biach mit Frl. Miuna Cohn Ollendorf von hier iu Prag Hotel Stein seine Hochzeit. An derselben nahmen außer den nächsten Verwandten des Brautpaares die Spitzen der hiesigen Cultusgemeinde theil. Die Trauung vollzog Herr Rabbiner Baß. aus Aussig, in dessen elterlichem Hause der Bräutigam während seiner Gymnasialstudien wohnte. Die allseitige Verehrung des Herrn Dr. Biach gab sich nicht nur in den ausgebrachten Tischreden kund, sondern auch in der großen Anzahlvon Glückwunschtelegrammen, die — nahezu 300 an der Zahl— nicht nur von jedem einzelnen Gemeindemitglied, sondern auch aus nicht jüdischen Kreisen einliefen. Darunter von dem Lehrkörper des'Gymnasiums, der Handelsschule, Bezirksschulinspector Weymann u. s. w. Ebenso zahlreich waren die sinnigen und werthvollen Hochzeitsgeschenke, welche dem Brautpaare von der Gemeinde, vom Frauenverein, den Studenten und Schülern und von den einzelnen Gemeindemitgliedern gewidmet wuden. Am 3. Juni fand eine Generalversammlung der israel. Cultusgemeinde statt, bei welcher noch auf Basis der alten Statuten die Neuwahl der Repräsentanz stattfand, und der Gesammtausschuß wiedergewählt wurde. In dieser Generalversammlung wurde der Beschluß gefaßt, Herrn Alex. Richter in Prag, welcher in der letzten Session des böhmischen Landtages die Interpellation an den Statthalter in Sachen der antisemitischen Crawalle in Kolin richtete, den Dank telegraphisch auszusprechen. _ Fürstengunst. Roman von S. Kohn. Verfasser von „Gabriel". (Jeder unbefugte Nachdruck wird mit aller Strenge verfolgt werden. Uebersetzungs- 10) rechte Vorbehalten.) Nathan Heller war Levis Worten in höchster Spannnng, mit stets steigender Aufregung gefolgt und hatte ihn zuweilen durch einen halb unterdrückten Ausruf unterbrochen; jetzt aber rief er hastig. „Sie sagen er hatte ein Feuermal auf der linken Wange? — dann ist er ganz gewiß der Gatte meiner Enkelin! Ist Ihnen zum vollen Ueberfluß, vielleicht auch sein Name bekannt?" „Er heißt Josef Hollitsch!" „O, dann ist mein armes Enkelkind erlöst . . . frei! Ich kann daran gehen es zu versorgen; das gute, fromme Weib wird so Gott will einen zweiten Gatten finden, der ihrer würdiger sein wird als der erste! . . . Rabbi, Rabbi! Herr Oberhoffaktor!" schrie Heller in überströmenden Enthusiasmus, „wie kann ich Ihnen danken, Sie wunderbar herrlicher, göttlicher Mann!" „Mir danken?" sprach Wertheimer bescheiden und doch voll Hoheit. „Da haben Sie fürwahr ein unbedachtes Wort gesprochen — Ich bin mir bei dieser Gelegenheit in der That keiner Handlung bewußt, die auch auf das geringste Lob Anspruch erheben dürfte. Gott müssen Sie danken, der es gnadenreich .so wunderbar gefügt! Wäre Josef Hollitsch seinen schweren Wunden auf dem Schlachtfelde erlegen, so wäre seine Leiche in einem Massengrabe bestattet worden — dünn hätte man kaum seinen Tod. wie es das rabbinisch-mosaische Gesetz erfordert, durch zwei glaubwürdige Zeugen erweisen, dann allerdings hätte Ihre Enkelin nie eine zweite Ehe eingehen können . . . Levi, ich lasse Rabbi Jakow Elieser bitten ein Zeugniß auszustellen, daß er und Sie beim Tode des jüdischen Soldaten Josef- Hollitsch anwesend waren, der auch durch ein Feuermab an der linken Wange vor allen anderen Menschen zu unterscheiden ist. Der Rabbi und Sie unterfertigen das Zeugniß und ich, als Ober-Landesrabbiner werde Euere Unterschriften beglaubigen. Dieses Zeugniß werde ich Ihnen", er wandte sich an Heller, „mitgeben und es wird kein Rabbiner Anstand nehmen die Trauung Ihrer Tochter vornehmen. Ich bin von der Ueberzeugung durchdrungen, sie wird durch Gottes Gnade noch glücklich werden und Sie werden noch Urenkel auf Ihren Knieen wiegen." „Rabbi!" schrie der Greis, entzückt, begeistert aus, „ich spreche mit dem Erzvater Jakob: Ich habe Dein Antlitz gesehen, wie man das Antlitz eines göttlichen Wesens sieht und Du hast mich gnädig ausgenommen!" Dann ergriff er Wertheimers Hand, führte sie ehrerbietig an seine Lippen und eilte mit den Worten, „ich will sofort an meine Tochter schreiben," aus dem Zimmer. Levi, der ihm folgte, stieß in der Thüre mit einer elegant gekleideten Dame zusammen, diese blickte überrascht auf und Levi errölhete heftig. „Willkommen liebe Ella!" rief Wertheimer der Ankommenden entgegengehend, „welch' angenehmer, unerwarteter Besuch!" Die Dame, des reichen Bankier Aron Arnsteins Gattin und als Jsak Brilins Tochter, Wertheimers Nichte, mochte sieben- bis achtunddreißig Jahre zählen und war noch jetzt eine schöne, stattliche Frau. „Onkel", sprach sie, „Du bist die Krone unserer Familie, Du bist ebenso weise als gut, Du weißt, daß Niemand in