Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 10 (1893)
- Issue
- 23 (9.6.1893)
- Date
- 1893-06-09
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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Orsterredtzlptze Wochenschrift Seite 441 Nr. 23 der Tochter des genannten Ostrower Rabbiners ferner die derzeit noch lebendenJsraelFrost, alias Partzewer, MosesRozanka alias Moifche Berifches und S chmiel Tarier, welch'Letztere in den Schreiben des Paulus Meyer an Pfarrer D e ck e r t als Mörder eines Christenkindes verleumdet worden, durch den Hof- und Gerichtsadvokaten Dr. Josef Kopp die Klage überreichen lassen. Wien.(Ein NothhelferVergani's.) Im„Deutschen- Volksblatt" erscheinen ab und zu haarsträubende Geschichten über die' Grausamkeit, mit welcher jüdische Wucherer ihre armen christlichen Opfer ausbeuten. Die leidige Thatsache, daß auch heute noch wie zur Zeit, als den Juden noch jeder ehrliche Erwerb verschlossen war, einzelne unserer Glaubensgenossen dieses schmutzige Geschäft betreiben, wird zwar längst schon durch die Erfahrung wettgemacht,, daß auch viele christlich, arische Biedermänner die wucherische Ausbeutung ihrer Mitmenschen nicht verschmähen, aber das Blatt Vergani's erzähltimrßer nur von jüdischen und nicht auch von christlichen Wucherern. Einen Juden schont aber selbst Vergani und er hat seine guten Gründe hiefür. Es ist dies ein in der Leopoldstadt wohnhafter Geldverleiher, welcher Accepte Vergani's mit dem Giro des Druckers des „Deutschen Volksblatt" bis zur Höhe von 20.000 fl., sage zw an zig tausend Gulden escomptirt hat. Die jüdischen Wucherer sind demnach Herrn Ernst Vergani nur dann ein Dorn im Auge, wenn sie nicht seine eigenen Wechsel escomptiren. Wir wissen nicht wie der brave Herausgeber des „Deutschen Volksblatt" das Gebühren seines Nothhelfers auffaßt, ob er auch da von einer Ausbeutung spricyt, oder ob er gegen denselben von dem Gefühle der Dankbarkeit beseelt ist. Für ihn scheint der erwähnte „Menschenfreund" ein Ausnahmsjude zu sein, obgleich derselbe, wie uns mitgetheilt wird, ein Wucherer der schlimmsten Sorte und bereits abgestraft ist. 'Mit Rücksicht auf letzteren Umstand fühlen wir keinerlei Veranlassung, uns darüber zu entrüsten, daß ein Jude Herrn Vergani' so wohlthätig unter die Arme greift. Der Wucherer und der Bewucherte sind einander vollkommen würdig. Wien. (Antisemitische Lügen.) Das Budapester ungarische Blatt, „Budapesti hirlap", veröffentlichte am 15. b. eine unter den Paloczen verbreitete Legende über den verewigten Kronprinzen Rudolf, eine Geschichte, die an pietätlosem Unsinn ganz Unglaubliches leistet. Es heißt darin, der Kronprinz sei gar nicht gestorben, sondern weil er „die Ungarn gegen die Juden vertheidigte, in den Keller eines in Wien lebenden ungeheuer reichen Juden gesperrt worden." Ein bei dem Juden bedienstetes Mädchen und dessen Liebster, ein. Schlosser, hätten alsdann den Prinzen befteit und seien mit ihm nach Belgien „zu dem Großvater des Prinzen geflüchtet, wo nun der Kronprinz darauf warte, daß die Ungarn ihn heimzuholen kämen." Solche Niederträchtigkeiten kann man ungestraft freilich nur den Antisemiten auftischen. ~ Wien. (Der ung arische Gott und die antisemitisch e L iteratur.) In der officiellen Ansprache des Präsidenten der ungarischen Delegation an Se. Majestät den .Kaiser und König von Oesterreich-Ungarn lauten die Schlußworte: „daß der Gott der Ungarn Eure Majestät im besten Wohlergehen bis an die äußerste Grenze des menschlichen Lebens erhalte." Esz wird wohl keinen Querkopf geben, der uns ehrlich glauben machen wollte, daß der ungarische Jsten ein Nationalgott ist. Jedermann weiß, daß in Ungarn, die christliche Religion ln ihren verschiedenen Confessionen, so wie in den anderen europäischen Staaten, die Religion des Volkes ist, wovon nur die Juden eine Ausnahme machen. Wenn aber die Bibel den Schöpfer der Welt, den Ewigen, den Gott Israels nennt, da entblöden sich moderne Schriftsteller nicht, hierin einen jüdischen Nationgott zu finden. Allerdings hat jedes Volk seinen eigenen Gott, d. h. seine eigene Auffassung von Gott und seine eigene Vorstellung, unter welcher es ihn verehrt, was bei den verschiedenen Confessionen besonders hervortritt. Der ungarische Gott zum Beispiel, verlangt, daß die Menschen frei sein sollen, daß sie hochherzig, edelgesinnt und nicht fanatisch seien; während bei anderen Stämmen geglaubt wird, daß man durch Engherzigkeit und Fanatismus Gottes Gunst erreichen könne. Auch die Juden habenfihren eigenen Gott, der nur geistig erfaßt und nicht vorgestellt werden kann; und der von ihnen verlangt, eher alles zu opfern, als diese ihre Ueberzeugung. In diesem Sinne aber hat ja fast jeder Mann seinen eigenen Gott; wahrlich, der Gott irgend eines unwissenden Juden ist nicht der Gott, wie ihn Maimonides gedacht, ebensowenig wie das Christenthum irgend eines abergläubischen denkunsähigen Menschen das Christenthum unserer erleuchteten Männer ist. Nennen wir unseren Allvater Jsteu, Jehowa oder Gott, — immer ist er ein und derselbe, und er möge das Gebet des ungarischen Delegations-Präsidenten erhören und es in Erfüllung gehen lassen, alle Bewohner Oesterreichs sprechen dazu: Amen!" M. Fr iedm amt. Wien. Der conservativ - antisemitische „Reichsbote" schreibt: „Als eine Rohheit muß man es bezeichnen, wenn ein antisemitisches Blatt (die „Ostwacht" in Breslau) von Emin Pascha sich zu schreiben erlaubt: „Der Colonial- und Elfenbeinjude Schnitzer, genannt Emin Pascha, der im „Berliner Tageblatt" schon Lmal gestorben ist, ist von diesem Blatte nochmals zum Leben erweckt worden." An der Wahrheit, daß dieser „Colonial- und Elfenbeinjude" nach Wesen und Verdiensten mehr wiegt, als alle Ahlwardts, Pickenbachs, Schwennhagens und Böckels zusammengenommen, wird durch solche Geschmacklosigkeiten eines politischen Fanatismus nichts geändert." Der Vollständigkeit halber bemerken wir, daß das Breslauer Anttsemitenblatt, dessen Rohheit und Geschmacklosigkeit der „Reichsbote" verurtheilt, der Richtung des Herrn Liebermann v. Sonnenberg angehört. Wien. (Antisemitismus und Preußenfresserei.) In einem bayrischen Antisemitenblättchen finden wir folgende Verse: „Wirf ih>' naus den Juden Jtzig Weil er ist heut gar so hitzig, Arrogant und naseweis Wie der Bruder Mosjö P reust." Was sagt dazu Herr Georg Schönerer und seine studentischen Teutonen. Wien. (Die Colonien des Baron Hirsch.) Wir erhalten folgende Zuschrift: „Im Anschluß an den Artikel „Die Colonien des Baron Hirsch", erlaube ich mir, Ihnen nachstehende Notizen zu unterbreiten. „Moises-Bille" ist keine Gründung der „Jewish Colonisation Association". Diese Colonie wurde schon 1890 vom Großgrundbesitzer Palacios errichtet und ist ein commercielles Unternehmen. Baron Hirsch hegte schon seit langer Zeit den Wunsch, das Schicksal seiner Glaubensgenossen in Rußland zu verbessern. Er spendete 50,000.000 Francs zur Stiftung der „Jewish Colonisation Association", welche in Argentinien große jüdische Colonien anlegen sollte. Die erste Colonie der „I. C. A." ist „Mauricio." Es wurde mir deren Einrichtung und Verwaltung am 25. August 1891 übertragen. Mauricio liegt neun Eisenbahnstunden westlich von Buenos Aires und hat einen Flächeninhalt von zehn Quadrat-Leguas (25.000 Hectar.) Im Jahre 1891 wurden dort Gl 1 Familien mit ca. 2200 Seelen angesiedelt. Die erste Zeit tvaren sie in Zelten untergebracht, und erst als die Landmessungs-Arbeiten beendet waren, wurden fie auf die ihnen bestimmten Ländereien geführt. Hier wohnten sie in Gruppen von je acht Familien, jeder Familie wurde ein Haus aus Ziegelsteinen erbaut, ^ede Familie erhielt ca. 50 Hectar Land, vier Ochsen, eine Kuh, ein Pferd, und das für den Ackerbau erforderliche Zubehör. Der Boden in Mauricio ist außerordentlich fruchtbar, über 1 Meter Humus, und das Klima sehr günstig. Da unter den Colonisten viele Handwerker waren, richtete ich alle Klein-Industrien ein: Schmiede, Schlosser, Tischler, Schneider, Schuster, Klempner rc. :c. Dieselben decken den Bedarf der Colonien vollkommen. Die Initiative zu diesem großen Unternehmen gab Prof. Dr. Wilhelm Löwenthal, der auch zu Anfang dasselbe leitete. Sein Nachfolger war Dr. Roth. Augenblicklich ist Oberst Goldschmidt, Adjutant des Prinzen von Wales, Geueraldirector der „Jewish Colonisation Association". Er erhielt zu diesem Zwecke von der Königin von England einen einjährigen Urlaub. Heute und in der nächsten Zeit kann ein Urtheil über bie Lebensfähigkeit und das Gedeihen des Unternehmens noch nicht gegeben werden, da dieser erste Versuch mit großen Schwierigkeiten verbunden war, die Einwanderer sich noch nicht genügend eingelebt haben und noch nicht Gelegenheit hatten, ihre Thatkrast zu beweisen.