Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 10 (1893)
- Issue
- 23 (9.6.1893)
- Date
- 1893-06-09
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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Nr. 23 Orsterrrichifche Wochrnschrifk Seite 439 und die Albernheiten der Geständnisse selber in die Augen fallen, zu verfolgen nicht die Mühe scheut, mit einem Schlage um alle Möglichkeit gebracht und in Nichts verwandelt werden. 7.) Einen ungewöhnlichen Grad erreichte in den Volksmassen des Mittelalters der schrankenlose Fanatismus, die Blutrunst und die Raubgier, Erscheinungen, die dem Glauben an das wahnsinnige Blutmärchen nur zu Statten kamen. Zum Beweise kann das folgende Beispiel dienen. Im Jahre 1475 fand ein in Trient wohnender Jude in der neben seinem Hause fließenden Etsch den Leichnam eines Kindes und machte die Anzeige davon bei den Behörden. Das war genügend, um gegen die Juden einen Angriff anzuzetteln. Viele derselben wurden getödtet ihr Vermögen ihnen geraubt. Das todte Kind, wie immer, that zahlreiche Scheinwunder. Von weit und breit strömte die Fluth des Volkes in das Kloster wo der seliggesprochene (beatus) Knabe noch heute sich stndet und dem Volke für Geld gezeigt wird. Kurz, der „Einfall" war ebenso profitabel für das Raubgesindel wie für die Geistlichkeit. Die Geschichte dieser Mordaffaire ist ein Gegenstand romantischer Beschreibungen in einer Menge von Büchern geworden. Da werden Umstände angeführt, deren Lüge und Albernheit man mit Händen greifen kann, so als Motiv des Blutgebrauchs die Unentbehrlichkeit desselben für die Beseitigung des den Juden angeborenen furchtbaren Naturgestanks u. s. w. Die romantische Historie durchflog im Sturme alle Länder Europas, und an den Stadtthoren Frankfurt am Main's, in den Kirchen, auf allen Dorfmärkten und in einer Menge historischer Bücher wurden Abbildungen des angeblich den Juden zum Opfer gefallenen ärtyrerkindes angebracht.' Auf allen Marktplätzen und Straßen sangen Bänkelsängerinnen Lieder, die das Ereigniß fortp flausten, obzwar mittelst Edikt des damaligen Dogen von Venedig, Pietro Moncenigo's vom 22. April 1475 die ganze Geschichte in ungeschminkten Worten als „reinste Lüge" und allein aus beutegiexigen Jnstincten entsprungen erklärt wurde und auf seinen Befehl die Juden hätten . geschützt werden sollen, was auch entschieden das Sendschreiben Papst Sixtus IV. an alle Städte Italiens vom 10. October 1475 für die Juden von Trient bezweckte. Der Letztere verbot sogar unter Androhung des Kirchenbannes, durch Predigten oder Gerüchte-Ausstreuungen oder durch bildliche Darstellungen dem ansgehekten Ereigniß dieses angeblichen Blutmordes Ausbreitung zu geben. Es versteht sich von selbst, daß er daher auch entschieden die Heiligsprechung des durch die Juden, wie man sagte, getödteten Kindes ablehnte. Wagenseil, der diesen Proceß mit Fleiß und Gründlichkeit durchforschte, nennt diese Geschichte ebenfalls „eine der größten und schamlosesten Unwahrheiten." Das gleiche muß bezüglich eines anderen „Faktums", welches in unserem Vaterlande zu unserem Bedauern eine traurige Berühmtheit erlangt hat und zur Schmach unserer Litteratur noch vor Kurzem bei uns aufgewärmt wurde, gesagt werden. Ich spreche von dem Welischer „Faktum", wegen dessen man eine bedeutende Zahl von Juden vorerst dreizehn Jahre lediglich auf Grund von vlattdummen Aussagen einiger besoffener Soldaten im Kerker hat schmachten lassen, bis der Proceß durch die dahin lautende Meinung des Staatsrathes erledigt wurde, daß „die Aussagen der Deponenten, von zahllosen Widersprüchen und unvereinbaren Gegensätzen strotzend, in Folge absoluten Mangels an Beweisen und unbedenklicher Argumente als gerichtlicher Beweis für die Schuld der Juden nicht anerkannt werden können, daß also 1. die Juden, von denen die Anklage behauptet, sie hätten den Mord an dem Sohne des Soldaten Emelianoff und die anderen ähnlichen im Welischer Proceß ihnen zugeschriebenen Handlungen begangen, sowie die heilige christliche Kirche gelästert — vom Processe und allen weiteren Nachforschungen freizusprechen; II. die christlichen Angeberinnen: die Bäuerin Terentjeva, das Soldatenweib Maximova und die Edelftau von Kozlowska wegen gänzlicher Unbewiesenheit ihrer Depositionen hinsichtlich der grausigen Vergehungen und Glaubenssünden> deren Wahrheit sie verbürgt, womit sie aber nur des Verbrechens unbegründeter Denunciationen sich schuldig machten, nach Sibirien zur Colonie zu deportiren, die Edelftau Kozlovska aber überdies des Adels verlustig zu erklären seien. So steht es also um die Wahrheit bei den am Meisten bekannten und verbreiteten sogenannten „Fakten" bezüglich der Ermordung von Christen durch d i e Juden und so beschaffen ist die eigentliche Grundlage aller anderen ihnen ähnlichen „thatsächlichen Fälle". Die größten Kenner der jüdischen Litteratur und Geschichte und zwar die ausschließlich diesen Gegenständen sich widmenden Forscher unter den christlichen Gelehrten wie z. B. der den Juden sonst durchaus feindselige Johann' Hoornbek, der gelehrte Bischof Clod de Fleury, der gelehrte Professor Wagenseil u. A. haben daher einstimmig erklärt: „daß es kein einziges historisch beglaubigtes Faktum gebe, womit man die Schuld der Juden beweisen könnte, daß selbst die bekanntesten der vermeintlichen Fakten Nichts als von Anfang bis zu Ende ersonnene schändliche Verleumdungen und gemeine Jntriguen darstellen und die zahlreichen den Feinden der Juden und anderen für historische Kritik unempfänglichen Leuten noch immer zur Grundlage für ihre Meinung dienenden vermeintlichen „Fakten" daher nicht als Beweise gegen die Juden zu betrachten sind, sondern als ein Schandfleck auf dem Christenthume Europas, das im Laufe der vielen Jahrhunderte an Tausenden von Unschuldigen die größten Leiden verschuldet hat." Hier dürfte noch der Hinweis auf einen anderen Umstand am Platze sein. In mohamm edanisch e n Ländern ist seit der Entstehung des Islams bis zum Jahre 1840 fast kein einziges Mal gegen die dortigen Juden eine ähnliche Anklage erhoben worden; nicht ein einziges Mal, das Jahr 1840 mit inbegriffen, ist den Mohammedanern auch nur ein solcher Gedanke von selber gekommen. Wenn den Juden Christenblut zu irgend welchen Zwecken wirklich erforderlich gewesen wäre, so hätten sie es in mohammedanischen Ländern mit weniger Gefahren und Schwierigkeiten als in christlichen Ländern erlangen können, und doch sollen sie in rein mohammedanischen Staaten fast niemals, in christlichen Länderm hingegen recht oft solche Unthaten begangen haben? Folglich kann die Ursache der Beschuldigung nicht in den Angeklagten, sondern sie muß in den Anklägern gesucht werden. Die e r st e derartige Beschuldigung gegen die Juden in mohammedanischer Gegend ist von den Christen selber im Jahre 1840 erhoben worden, wogegen von allen Culturstaaten Europas und Amerikas einstimmig für die Beschuldigten Partei genommen wurde, denen man damals, wie bekannt, das Geständniß der Ausführung dieser Unthat mit der Folter auszupressen nicht übel geneigt war. (Fortsetzung folgt). Rrues über Emin Pascha. Seit einiger Zeit sind die Nachrichten von dem Tode Emin Pascha's mit großer Bestimmtheit aufgetreten, und man muß sich mit dem Gedanken vertraut machen, daß der Mann, der seit zehn Jahren die Aufmerksamkeit der gebildeten Welt und besonders unseres Vaterlandes in hervorragendem Grade erregt hat, dem schwarzen Erdtheil zum Opfer gefallen ist. Je wahrscheinlicher diese Nachrichten werden, desto mehr erscheint es angezeigt, ein vollständiges Bild dieses merkwürdigen Mannes zu gewinnen, der mehr als irgend ein Anderer in der Geschichte Afrikas genannt zu werden verdient. Zwar viel ist über ihn schon geschrieben worden. Aber trotz der Menge dieser Literatur bewegen sich die Urtheile über ihn in den seltsamsten Gegensätzen, und deshalb muß jeder Beitrag, dieses schwankende Bild seines Charakters zu fixiren, willkommen geheißen werden, um so mehr, als Emin aus übergroßer Bescheidenheit oder aus anderen unbekannten Gründen sich nicht dazu verstanden hat, die so sehnlich erwarteten Aufklärungen selbst zu geben. Ein soeben erschienenes Werk: „Die Wahrheit über Emin Pascha, die egyptische Aequatorialprovinz und den Sudan", von Bita Hassan (deutsch von Dr. B. Moritz bei Dietrich Reiner, Inhaber Hofer und Vohsen in Berlin) versucht es, ein-vollständiges Bild Emin Paschas zu geben. Bita