Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 10 (1893)
- Issue
- 23 (9.6.1893)
- Date
- 1893-06-09
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 23 Oesterreichifthe Wochrnptzrifl Seite 437 mus bis zur äußersten Consequenz entzieht'somit dem Menschen einen Rechtsbegriff, den von der Natur aus selbst das Thier besitzt. Will man aber den Staatssocialismus der Bienen, Ameisen und Termiten als Mustereinrichtung hinstellen, so erinnern wir daran, daß diese Staaten mit der größten Grausamkeit regiert werden und nur durch die grausamsten Institutionen sich behaupten können. Der Vorzug des Menschen in Bezug auf den Eigenbesitz besteht in der Erhebung des Eigenthums zum Capital und das unbewegliche Gut entfaltet erst seinen wirklichen Nutzen durch die transportablen Erträgnisse und durch die Tausch- und Kaufkraft des beweglichen Gutes. Mit andern Worten, bewegliches Capital und unbewegliches Capital sind von einander nicht zu trennen und Eines ist nicht denkbar ohne das Andere. Der Hirte in der Nachbarschaft müßte als bewegliches Gut einen Theil seiner Heerde abtreteu können, bevor der Ackerbauer eiuen Theil des Ertrages seiner Felder durch Tausch zu verwerthen vermochte. Das Erwerbsleben war auf den Schutz angewiesen, den Staat und Gemeinde zu gewähren vermochten. Anderseits baute das Erwerbsleben das Gerüste auf, durch welches Staat und Gemeinde ihre Festigung gefunden haben. Wir leben in einer Zeit merkwürdiger Widersprüche, allerdings erklärlich, wenn man nicht mehr weiß, was ein Landgut und eine Villa ist und wenn bei einer frommen Lotterie die Begriffe des beweglichen und unbeweglichen Gutes künstlich miteinander vertauscht werden. Man bekämpft die Bibel, das heißt man bekämpft die gesetzmäßige Entwicklung der Religionen und man bekämpft die gesetzmäßige Entwicklung der Gesellschaft und des Erwerblebens. Man lehnt sich gegen den Staat des Aristoteles auf, obwohl in dem Enthusiasmus für den Staat die edelsten Thaten, die ehrenvollsten und schönsten Erscheinungen in der Geschichte ihren Ursprung haben. Während man aber durch eine weitgehende Autonomie die Atomisirung des Staates erstrebt, möchte man den alle Freiheit, alle Lebensfreude berichtenden Staatssozialismus begründen. Ueber das Wesen des Capitals herrscht eine Consusion, welche nur die Leidenschaft und rücksichtsloses Streberthum zu erklären vermögen. Bisher waren wir hauptsächlich bemüht, nachzuweisen, daß eine wirksame Bekämpfung des Antisemitismus auch die Bekämpfung aller Jrrthümer in sich schließt, welche die Krankheit unserer Zeit bilden. Wir haben eben zunächst vom Standpunkte der „Oesterreichischen Wochenschrift" aus gesprochen. Keine leichte Aufgabe ist es, dem reichen Gedankeninhalt des Offermann'schen Buches auch nur einigermaßen gerecht zu werden. Hier wird des Guten viel geboten und selbst weitgehende Erwartungen werden hier übertroffen. Mit wissenschaftlicher Gründlichkeit, Klarheit und Objectivität wird ein wesentlicher Beitrag geboten, damit die moderne Gesellschaft ihr eigenes Selbst kennen lerne und über ihren Beruf in's Reine komme. Das ist ein hochgestecktes Ziel; aber der Verfasser besitzt auch die ausreichende Kraft, verfügt über alle Bedingungen, um sich dieses Ziel wählen zu dürfen. Wir wollen zunächst nur berühren, was Offermann über die „Wirkung der großen Zahlen" sagt. Es sind damit, wenigstens nicht in erster Reihe, nicht die modernen Milliarden, oder die modernen Productionsmengen, die modernen Arbeitseinheiten gemeint; Offermann steht die Zukunft der Gesellschaft gesichert durch das Zusammenwirken der menschlichen Kräfte, durch die in großen Zahlen sich aussprechende Willensgesammtheit. So schreibt Offermann S. 26 und 27: „Das Schicksal des Einzelnen wird sich desto sicherer und stabiler gestalten, je seltener es von den unberechenbaren (zufälligen) Willensentschließungen eines einzelnen Andern, wer es immer sei, getroffen werden kann. Die Leistungen des Einzelwillens bleiben für uns immer zufällig. Der Einzelwille wird für uns in der Causalwirkung der Kräfte nur zuverlässig, wenn wir ihn mit möglichst vielen anderen seines Gleichen combiniren. In der Mannigfaltigkeit der Subjecte hebt sich die Wirkung des „subjectiv Zufälligen" (nach Außen hin) auf; darum mutz das Leben des Einzelnen, soweit überhaupt seine sociale Abhängigkeit reicht, immer eher dem Einfluß einer universellen Willensäußerung statt dem einer individuellen unterstellt werden, soll das Zufällige auf den Verlauf seiner Existenz die möglichst geringste Einwirkung haben. Wie läßt Schiller Lord Burleigh zu Maria sagen: „Und wär's zu denken, daß Parteienhaß Den Einzelner bestäche — können vierzig Erlesene Männer sich in einem Spruche Der Leidenschaft vereinigen?" So Weit der Verfasser, dessen Bemerkungen wir nicht ohne Zweifel hinnehmen können. Auf die Frage Lord Burleighs antworten wir: Sie können es, denn sonst hätte Socrates nicht den Giftbecher trinken müssen. Bei allen Verirrungen der Geschichte begegnen wir auch den großen Zahlen und eine Sonne gibt mehr Licht als die zahllosen Sterne. Dennoch ist der Verfasser im Recht; die großen Zahlen im Sinne des Autors haben bei der weltgeschichtlichenEntscheidung den Ausschlag gegeben. Offermann sagt, in Uebereinstimmung mit den Thatsachen, Seite 44: „In dem Berfassungsleben des modernen Staates haben die verschiedenartigsten Interessen aller Berufsklassen und der dadurch hervorgerufenen individuellen Bestrebungen und Anschauungen endlich ihre gleichberechtigte Geltung erlangt. Mit einem Worte: Das demokratische Princip, d. h. die großen Zahlen sind überall siegreich durchgedrungen, in Republiken und Monarchien, und das in allen Zweigen der Regierungsthätigkeit. In allen civilisirten Staaten sehen wir die monarchische Gewalt gesetzlich beschränkt; wir finden Parlamente, womöglich das allgemeine Wahlrecht, wir finden die einstigen Privilegien des Adels und der Kirche, überhaupt alle ständigen Vorrechte aufgehoben und wir sehen schließlich, wie sich das gesummte Gerichts-, Steuer- und Militärwesen auf einer immer breiteren Basis, in immer demokratischerem Sinne umgestaltet." Wir lenken die Aufmerksamkeit auf die in dem Buche enthaltene Kritik der parlamentarischen Einrichtungen und können nur noch hinzufügen, daß eine Inhaltsangabe des Buches so ziemlich alle für das moderne Gesellschaftsleben interessanten Fragen umfassen würde. Ueberall aber documentirt der Verfasser sein Urtheil als gedankentief, gerecht und wohlwollend; überall documentirt er den Muth seiner Ueberzeugung, um den Jrrthümern entgegen zu treten. So mag es namentlich hervorgehoben werden, daß er in den Börsen mit ihren vielfach angegriffen Usancen nützliche und unentbehrliche Institutionen sieht. Vor den Uebelständen der Gegenwart verschließt auch Alfted Offermann nicht das Auge; allein einerseits beruft er sich darauf, daß das Gesetz des Fortschrittes, bewirkt durch die großen Zahlen, d. h. durch fortschreitende Democratifirung, sich bis zur Gegenwart bewahrheitet und daß wir den Vergleich mit der Vergangenheit ganz gut auszuhalten vermögen und andererseits schlägt er Mittel und Wege zur Heilung vor, die allerdings mit den gewöhnlichen Recepten und ihren Schlagworten nichts gemein haben. Das Buch ist ein umfassendes Bild der Zeitfragen auf geschichtlichem Untergrund; Gedanken in reicher Fülle bietend und zu Gedanken anregend wird es jeden Leser zu dauerndem Danke verpflichten. Brauchen die Juden Christendlut? Beurlheilt von D. A. Ehwolson in Petersburg. (Fortsetzung aus Nr. 21.) Nach der 2. verbesserten und mit 3 Beilagen vermehrten Ausgabe aus dem Russischen übersetzt von Ignatz Kaufmann (Kojetein.) 5.) Dieselbe Beschuldigung gegen die Juden wird in sechzehn verschiedenen Punkten, von denen einer läppischer und unsinniger ist als der andere, variirt. Bald hieß es, die Juden brauchen Christenblut zu ihren Osterbroden, bald wiederum, sie brauchten es zur Heilung unterschiedlicher geheimer Krankheüen, wohin unter anderen die Menstruation bei jüdischen Mannspersonen (!), die Blindgeburt bei jüdischen Kindern, die monströse Geburt mit Schweinsohren und Schweinszähnen u. s. w. gerechnet wurden, und zu ähnlichen Zwecken, deren Mannigfaltigkeit allein beweist, auf welch schwanker Gmndlage eine und dieselbe Beschuldigung ausgebaut wurde. In der That, so oft im Laufe der Zeiten die alte Form der Beschuldigung in der Glaubhaftigkeit sich abnützte, mußte immer etwas Neues erfunden werden, worin die Energie der Vertreter der Intoleranz wahrhaft unermüdlich sich zeigte. Es lag ein förmliches System in der Erfindung solcher neuartiger Einfälle, mit denen der fanatische Hatz gegen die Juden und der raubsüchtige Jnstinct des Pöbels zugleich geweckt und reingewaschen werden sollten. In meinem Werke wurden alle Motive dieser Beschuldigung einer gründlichen Beleuchtung unterzogen, ihr Ursprung, ihre vollständige Vernunft- und Grundlosigkeit auseinandergelegt, zugleich aber auch die Zeugnisse vieler Päpste, regierender Fürsten, von Juristen und Vertretern der Theologie und der allgemeinen Wissenschaften, die diese Beschuldigungen häufig