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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1893-06-09 · 23 (9.6.1893) · page 2

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
10 (1893)
Issue
23 (9.6.1893)
Date
1893-06-09
Page
– (sequence 2)
Language
German
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Seite 436 Oesterreichtptzr Wochrnfchrtst Nr. 83 Nun hätte man meinen sollen, daß ein solch' schriftliches Denkmal aus uralter Zeit, versaßt von einem sprachgewaltigen, empfindungstiefen, hochangesehenen, frommen, um das Judenthum außerordentlich verdienten Manne vor der Zerstörung des zweiten Tempels in unserer heutigen, so gemüchsarmen Zeit, in einer Zeit, wo dem Judenthum und seiner Religion jede edlere Regung abgesprochen wird, wo der Religionsunterricht zu einer unsere Schuljugend wenig ansprechenden Schablone herabgesunken ist und die Gemeinden rathlos umhertappen, um nur einiges Leben in denselben zu bringen, gierig verschlungen werden würde. — Man hätte meinen sollen,' daß jede Gemeinde, jede Familie, jeder Religionslehrer mit Freuden darnach greifen, daß es auf jedem Salontische in prächtiger Umhüllung aufliegen werde, um aller-Welt zu verkünden: Seht, so wurde im Judenthum die Menschenliebe aufgefaßt und geübt, bevor noch das Christenthum sein Licht über die Welt auszugießen angefangen, und so wird diese Menschenliebe noch heute im Judenthume aufgefaßt und geübt! — Doch unser Anonymus mag sich darüber trösten, daß er mit der Reproducirung seines herrlichen Torso anstatt erweckend, einschläfernd gewirkt hat. Alles da gewesen: Von Rabbi Akiba erzählt der Talmud, daß er einst einen tieffinnigen Bortrag gehalten habe, wobei die ganze Zuhörerschaft eingeschlafen sei. Bestürzt über diese Wahrnehmung, habe er seinen Vortrag unterbrochen, dafür aber ein Geschichtchen zu erzählen begonnen, welches folgendermaßen anhub: „Es war einmal ein Weib, das hatte sechsmalhunderttausend Kinder." sofort sei das ganze Publicum, wie von einem Zauberstab berührt, erwacht und habe mit gespanntester Aufmerksamkeit dieser Zotengeschichte gelauscht, welcher allerdings der berühmte Lehrer einen geistreichen Abschluß gab. Freilich vermöchten wir nicht zu sagen, ob das schlafbedürftige Publicum R. Akiba's, defien Lebensgeister nur durch eine Märchenliteratur wach zu halten waren, aus maßgebenden Körperschaften und Pädagogen bestand, da die bezügliche talmudische Quelle hierüber schweigt. Und darin eben liegt das Deprimirende in unserem Falle, wo nicht an das' Urtheil der Menge, sondern der maßgebendsten Kreise appellirt wurde und anstatt dieser sich ein Jude in Ozydow, der unstreitig trotz seines Kaftans die richtige Empfindung hat, zum Worte meldet. Nein, wir sind noch lange nicht reif für die befruchtenden religiösen Ideen, wie sie vor 1900 Jahren von erlauchten jüdischen Männern in die Masse getragen wurden. Die gebildete jüdische Welt im Centrum des Reiches hat keineswegs Ursache mit einem verächtlichen Achselzucken an einem Kastanjuden von Ozydow, der noch einen empfänglichen Geist besitzt, vorüberzugehen. Wir dürfen noch lange nicht schreiben: Wien — Philo! Der Briefkasten der Redaction aber sprach ein tieffinniges und großes Wort gelassen aus: Ozydow — Philo! Die Zukunft der Gesellschaft oder die Wirkung bei grotzen Zahlen. Von Alfred Offermmm. (Preis 2 Mark. Leipzig. Verlag von Otto Wigand.) Das unter diesem Titel als Beitrag zur Gesellschaftslehre sich ankündende Buch erinnert in vielfacher Beziehung an die Schriften -es Engländers Waller Bagehot, der mitten aus den geschäftlichen Treiben der Lombard-street heraus, den hohen Sphären speculativen Denkens mit philosophischer Unabhängigkeit und mit seltenen! Erfolge sich zuzuwenden vermochte. Der Verfasser des uns vorliegenden Buches hatte als Sohn eines reichbegüterten, hochangefehenen Hauses von seiner Kindheit an Gelegenheit mit den besten Gesellschaftskreisen seiner'gewerbsthätigen und geistig regsamen Vaterstadt in Berührung zu treten; dabei erschlossen sich ihm in unmittelbarer Erfahrung die verschiedenen Zweige und die mannigfachen Bedingungen productiver Thätigkeit. Von selber erschien ihm Alles an der richtigen Stelle und in dem richtigen Verhältnisse, so daß das Labyrinth des ökonomischen Gebietes sich ihm als ein Bild von analytischer Deutlichkeit auflöste. Im eigensten Besitze der Familie waren die Maschinen in den Fabriken, auf eigenem Gute entwickelte sich die Landwirthschaft in mustergiltiger Weise und seinen nächsten Verwandten hatte das Bergwerk, dessen Schacht er befuhr, seine Blüthen zu danken. Sehen wir nun, daß zu diesen Erfahrungen ein klares. Denken, eine gewissenhafte Beobachtung, ein rastloses Forschen nach Wahrheit und ernste, wissenschaftliche Studien sich gesellten, daneben objecnve Mäßigung im Urtheile und eine glückliche Darstellungsgabe; so findet sich wohl Alles vereinigt, um uns den Werth und die Bedeutung eines Buchcs zu erklären, das mit dem Muthe einer echten Ueberzeugung den Jrrthümern entgegentritt, welche den Sonnenuntergang unseres Jahrhunderts unheimlich genug gestalten. Das Buch trägt das Motto: „Es ist Arznei, nicht Gift, was ich Dir reiche". Aber Arznei ist nothwendig geworden und der Aerzte bedarf es, um die Krankheit zu heilen, welche die Geister in der Gegenwart erfaßt hat. Das Buch ist keine Streitschrift; die Wahrheit hat ihre Pfeile wie die Sonne, aber der Verfasser verwendet seine Waffen nicht aggressiver Weise, er zielt nicht, er hat nicht die Absicht zu verwunden und zu tödten, er streift nur leise die gegensätzlichen Erscheinungen. Das Buch beginnt characteristisch mit einer Untersuchung über das Wesen des Zufalls. Schon bei Raut ist der richtige Weg vorgezeichnet, um so merkwürdiger ist es, daß in unserer Zeit. der Aberglaube an den Zufall das größte Verderben anzurichten vermag. Wir geben zu, daß man das Causalitätsgesetz als ein Product der Erfahrung anzusehen und aus diesem Grunde ihm die unbedingte Geltung auf transcedentalem Gebiete anszusprechen vermag; aber auf unserer Erde, in den Grenzen des -menschlichen Daseins und der menschlichen Thätigkeit wenigstens ist der Zufall nur das Product einer subjektiven Trübung und die Hoffnung auf den Zufall wie beim Spiele nur der Appell des Blinden an die ihm unsichtbaren Gesetze der Nothwendigkeit. Hört man, was Alfred Offermann über das Wesen des Zufalls sagt, so ergeben sich verschiedene Gedankenreihen, von denen wir nur eine verfolgen wollen. Ist der Zufall ausgeschlossen, dann ist die weltgeschichtliche Entwicklung ein Product der Nothwendigkeit. In diesem Falle sind aber auch die weltgeschichtlichen Einflüsse des Judenthums die Resultate göttlicher Bestimmung und natürlicher Gesetze. Was soll es denn heißen, wenn man über die „Verjudung der germanischen Welt" klagt, wenn man die weltgeschichtliche Entwicklung bekämpft, sich gegen die Bibel auflehnt und'christliche Kirchen ohne Christenthum etabliren möchte? Das ist der.Aberglaube an den Zufall, wie ihn die Wilden haben und wenn Schriftsteller der Gegenwart diesem Aberglauben huldigen, so könnten sie folgerecht eben so gut den Fatischdienst cultiviren und den Zauberdoctoren ihr Vertrauen schenken. Vielleicht ist man auch davon nicht allzu weit entfernt. Wir wollten nur darauf Hinweisen, daß das Offermann'sche Buch schon in seinen ersten Capiteln eine logische Widerlegung des Antisemitismus in sich schließt, insoferne derselbe gegen das Judenthum und die Einwirkungen des Monotheismus sich kehrt. — Der Einblick in die Gesetzmäßigkeit der Natur führt zur Erkenntniß von der gesetzmäßigen Entwicklung des Staates und der Gesellschaft. Die Willensfreiheit des Menschen muß hier nach ihrer vollen Bedeutung gewürdigt werden, damit die Ausschließung des Zufalls nicht zu einem blinden Fatalismus führe. Die Civilisation hat die Oberfläche der Erde umgewandelt, hat die Hemmnisse von Zeit und Raum überwunden; der Mensch hat auch die Fähigkeit, sich moralisch und intellectuell zu reguliren, die Leidenschaften zu beherrschen und die Jrrthümer zu bekämpfen. Viel wäre gewonnen, der dichteste Nebel wäre verscheucht, wenn es unsere Zeit zu einer richtigen Auffassung der ökonomischen Gesetze zu bringen vermöchte. Es gibt einfache Sätze, welche entscheidend sind für die ganze Richtung des Denkens; sie sind wie Wegweiser an den Punkten aufgerichtet, wo die Straßen des Jrrthums und der Wahrheit sich trennen. „Der Staat war vor dem Menschen" sagt Aristoteles; das soll bedeuten, daß die Idee des Staates in der Vorbestimmung des Menschen liegt und daß der Mensch erst im Staate zum Menschen-wird. „Das bewegliche Gut war vor dem unbeweglichen Gut" sagt Alfred Offermann und widerlegt damit den beliebten Jrrthum als ob. alle mit dem beweglichen Gut zusammenhängenden Erscheinungen Ausgeburten der Ungerechtigkeit und Verunstaltungen des Gesellschaftslebens wären, während das unbewegliche Gut allein die natürliche und historische Berechtigung für sich in Anspruch nehmen könnte. Die Thierwelt kennt sowohl die Begriffe des beweglichen wie des unbeweglichen Eigenthums. Der Hund betrachtet den Knochen, den er vergräbt und bewacht, als sein unbedingtes Eigenthum. „Wie der Adler seinen Horst bewacht", lesen wir in der Bibel. Horst, Nest, Höhle, Termitenstädte, Ameisenpaläste, die Zuckerfabriken der Bienen, sind unbewegliches Eigenthum. Der Communis-

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