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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1893-06-09 · 23 (9.6.1893) · page 1

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
10 (1893)
Issue
23 (9.6.1893)
Date
1893-06-09
Page
– (sequence 1)
Language
German
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Kr. 33 Mie».ss9. Juni 1893. X. Iichrgang. Centralorgan für die gefammten Interesten d^Äudenthums. K. k. Postspm^> klssrns'nt VlraringvrrKrhr Lr. 810.076. Ledsrlion und ZAdministralivn: Wien Äranr Jofrfs-Nnsi Dr. 8. Telephon-Nr. 6535. Eigrnthümrr: Reichsraths-Abgeordneter vr. A Erscheint jeden Freitag. Man sdonnirt bet allen Postanstalten de» In- »ttö Rnslanürs. Bezuaspreis: Halbjährig 4 fl. Einzelexemplare 25 kr. Anzeigen: Die 4mal gespaltete Petitzeile 12 kr. j l m- -M Inhalt: Leitartikel: Ozyoow-Philo. — Die Zukunft der Gesellschaft oder die Wirkung der großen Zahlen. — Brauchen die Inden Christenblut? — Neues über Emin Pascha. — Correspondenz e n: Wien, Przemisl, Budapest, Landsberg, Dresden, Leipzig, Godesberg, Worms. Paris, London, Bukarest, Warschau, Riga, Konstantinopel, Jerusalem. — Vermischtes: Wien, Preßbnrg, Brünn, Agram, Nürnberg, Brüx. — Feuilleton: Fürstengunst. X. — Wochenkalender. — Briefkasten. — Notizen. — Inserate. Ozydow-Philo. Was mögen wohl diese beiden Worte „Ozydow-Philo" bedeuten? wird mancher fragen und so fragte auch ich, als ich sie in Nr. 17 der „Oesterreichischen Wochenschrift" in dem Briefkasten der Redaction so ohneweiters hingeworfen fand. Dort standen sie so ganz nackt, ominös herausfordernd, ohne jeden Commentar. Wer doch den Sinn dieser Hieroglyphen herausbrächte! Doch alles Grübeln war vergeblich. Was half es mir, daß ich — was den-meisten Lesern fremd sein dürfte — wußte, daß Ozydow, ein in Zloczowex-Kre-.s gelegenes, tief armseliges galizisches Dorf, welches unter der Oberherrschaft des,in dem^ benachbarten Olesko seit Olimszeiten hausenden frommen Wunderrabbi den Schlaf der Zaddikim schläft; - was half es ferner, daß ich auch über das zweite überschriftliche Wort „Philo" einigen Bescheid wußte, das Band zwischen diesen beiden Begriffen, deren jeder für sich hinreichend Stoff zum Nachdenken bieten würde — Ozydow heißt zu deutsch o Juden! und Philo bedeutet eine ganze und große Epoche — war mir unauffindbar. — Es blieb mir somit nichts anderes übrig, als mich durch dieses undurchdringliche Dunkel bis zur Quelle durchzufragen, und ich denke, es wird mir's Niemand verargen, wenn ich die mir über die orakelhaften Briefkastenworte:- „Ozydow-Philo" gewordene Offenbarung zum Nutzen und Frommen so vieler „wißbegieriger Leser" ausplaudere. Der nackte — leider sehr instructive — Thatbestand ist der folgende: In Nr. 16 der „Oesterreichischen Wochenschrift" veröffentlicht ein Anonymus — jedenfalls ein naiver Idealist — unter dem Titel: „Ein neunzehnhundert Jahre altes Lehrbuch für den israelitischen Religionsunterricht" Proben aus diesem ehrwürdigen Büchlein in deutscher Uebersetzung und wandte sich hixbei an die „maßgebenden Körperschaften und Pädagogen" mit der Frage: Ob sie glauben, daß die Meth ode und der Geist der hier in knappen Zügen vorgetragenen Quintessenz der mosaischen Lehre bereits veraltet, oder ob sie nicht vielmehr noch heute befruchtend auf die Gemüther, der in religiöser Beziehung arg vernachlässigten jüdischen Jugend wirken könnten? u. s. w. Den Autor dieses 1900 Jahre alten Religionsbüchleins nannte unser Anonymus nicht, er characterisirte ihn nur als' einen „weltberühmten, in der Religionswissenschaft bahnbrechend gewesenen jüdischen Gelehrten." — Darauf — und dieses verräth der redaktionelle Briefkasten — ein langes, tiefes und beredtes Schweigen. Weder die aufgerufenen „maßgebenden Körperschaften", noch auch nur Einer aus der Legion der „Pädagogen" gaben sich zu erkennen, und unser naiver Anonymus war mit dem von ihm so unvorsichtig exponirten weltberühmten Autor des in Rede stehenden Religionsbüchleins vollständig abgeblitzt. — Aber siehe da, es kam doch eine Nachfrage: Ein Kaftanjude aus dem weltvergessenen Ozydow, wo es weder „maßgebende Körperschaften", noch auch „Pädagogen" giebt, erkundigte sich höflichst nach dem Autor unseres 1900 Jahre alten Büchleins und nach deffen Befinden, seine Verwunderung darüber äußernd, daß die „Oesterreichische Wochenschrift" den biamen dieses interessanten Mannes nicht sofort genannt. Der Briefkasten antwortete: „Ozydow-Philo". — Und nun ist das Räthsel gelöst.*) Das Räthsel ist nun allerdings gelöst, aber die Lösung lüftet zugleich den Schleier von einer im Hintergründe gähnenden Leere des Geistes und Gemüthes und wird dadurch von einer tieftraurigen symptomatischen Bedeutung. — Jeder andere, noch so geringe Volksstamm, und wäre sein Alter im Vergleiche zu dem des jüdischen Stammes erst von gestern, durchsucht die weite Welt, forscht und"gräbt umer unsäglichen ÄnstrertglUigen nach literarischen und sonstigen Denkmälern seiner Geschichte und fördert sie unter Aufwand oft großer Kosten ans Tageslicht, selbst wenn er statt der erhofften Schätze nur „Regenwürmer gefunden". Was aber thun wir? Nun, wir sehen stolz herab auf ein solch' kindisches Treiben. Natürlich: wir brauchen nicht erst lange nach Denkmälern zu graben und zu suchen, „sie liegen nicht jenseits des Meeres, sondern ganz nahe," zum Greifen nahe und wir strecken nicht einmal die Hand danach aus. — Und die Folgen? Andere besorgten und besorgen mit Behagen diese Arbeit. Und so kam es, daß Stück für Stück — und zumeist die edelsten Theile — aus unserem imposanten geschichtlichen Bau gerissen wurden, welche, wahrlich nicht zu unserem Vortheile, in fremde Hände geriethen. Wer hat uns die großartigen Schätze des Geistes und Gemüthes, des wahrhaft frommen Juden Philo aufbewahrt und erhalten? Antwort: Die Kirche! Allerdings ist ihr dabei eine fromme Täuschung unterlaufen; sie hat nämlich, weil dieser Philo gar so herrliche Dinge über Moses und dessen erhabene Lehre von der allg em^'nen Mensch enlie be in mächtig anregender und erquicken; r Sprache vorgetragen, ihn zum Christen gemacht, der vo. dem Apostel Petrus zu Rom, wo dieser, wie geschichtlich festg^,.ellt ist, niemals mit Philo zusammen kommen konnte, bekehrt worden wäre. Doch was thut dieser ftomme Wahn, der überdies auf jüdischer Seite ganz unbeachtet blieb, wenn nur das Ergebn iß die Erhaltung dieses sonst verloren gegangenen kostbaren alexandrinisch-jüdischcn Geistesvermächtnisses ein so unschätzbares ist. Und nun zu unserem, von den „maßgebenden Körperschaften und Pädagogen" todtgeschwiegenen Religionsbüchlein. Was uns der anonyme Referent hievon in dem Blatte bot, wirkt wahrhaft erfrischend und anregend und bleibt ewig jung, selbst im ehrwürdigen, alten, seinen Reiz und Werth noch erhöhendem Kleide. *) Anmerkung: Auch ein Leser der „Oesterc. Wochenschrift" in New-Aork, Herr I. Friedmann, ftagte nach dem Autor dieser Ethik und ob sie in hebräischer Sprache existirt?

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