Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 10 (1893)
- Issue
- 22 (2.6.1893)
- Date
- 1893-06-02
- Page
- – (sequence 16)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/3020846-3020954-3020976--02473-3026563- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Sette 430 Vesterrekhisitze Wochenschrift Nr. 22 Hierauf wurde die Tafel gegen 12 Uhr geschlossen, doch blieben die Theilnehmer noch lange gemüthlich beisammen. Ihren Abschluß fand die würdige Feier durch einen am Dienstag den 30. d. M. von den Hörern des Seminars veranstalteten Festcommers, über den wir in der nächsten Nummer ausführlich berichten. Berlin, 19. Mai. Herr Commercienrath Ludwig Max Goldberger ist zum Geheimen Commerzienrath ernannt worden. Berlin, 23. Mai. Nach einer Mittheilung des königl. Consistoriums sind während des Jahres 1892 117 Juden zur evangelischen Landeskirche übergetreten (im Vorjahre 137), zum Judenthum übergetreten 7 Evangelische (im Vorjahre 4). Coethen, 22. Mai. Herr Commissionsrath Emil Meyer, Vorsteher der hiesigen jüdischen Gemeinde, ist zum Commerzienrath ernannt worden. Hang. Der bekannte Jurist Professor Aster wurde zum Mitglied des Staalsrathes und Herr L. van Lier wurde von der Königin-Regentin zum Delegirten. Hollands bei dem im September in Rom abzuhaltenden internationalen Sanitäts- Congreß ernannt. Constantinopel. Von hervorragender Bedeutung für die Juden der Türkei ist das Ansuchen, welches der Oberrabbiner der Türkei und die Rabbinerversammlung in Constantinopel wegen Zulassung der Juden zum Militärdienste eingebracht haben und welches damit motivirt wird, daß hiedurch den Juden Gelegenheit geboten werden möge, ihre Dankbarkeit gegen ihr Vaterland zum Ausdrucke zu bringen. Diese Bitte der Rabbiner, welche mit Zustimung aller jüdischen Gemeinden gestellt wurde, beweist neuerlich, wie glücklich sich die jüdischen Unterthanen Sr. Majestät Abdul Hamid's schätzen und wie dankbar dieselben für den gerechten und liberalen Schutz sind, welcher ihnen geboten wird. Sophia. Die Delegirten der jüdischen Gemeinden Bulgariens haben zum Obberrabbiner Bulgariens den Rabbiner von Jungbunzlau, Herrn Dr. Grünwald gewählt, um die Stelle haben sich nicht weniger als 28 Candidaten beworben. Roman von S. Kohn. Verfasser von „Gabriel". (Zeder unbefugte Nachdruck wird mit aller Strenge verfolgt werden. Uebersetzungs- 9) rechte Vorbehalten.) Sechstes Kapitel. Des Oberhoffaktors und Oberrabbiners Samson Wertheimer gewöhnliche Audienzstunde hatte begonnen und ein alter Mann trat in dessen Kabinet. „Wer sind Sie und was wünschen Sie?" frug Wertheimer höflich. . „Ich heiße Nathan Heller und bin aus Raudnitz in Böhmen. Ich hatte das Unglück, einen wohlgerathenen Sohn ins Grab zu senken, mußte besten ganz verwaiste Tochter, meine Enkelin, als dreijähriges Kind in mein Haus nehmen und habe sie zu einer braven, sittsamen Jungfrau erzogen. Einige Jahre vorher hatte ich einen halbwüchsigen Burschen, der, wie er behauptete, frühzeitig feine Eltern verloren und bettelnd die Welt durchzog, aus Barmherzigkeit in mein Haus und Geschäft ausgenommen. .Vor einigen Jahren, als lneine Enkelin das heiratsfähige Alter erreicht hatte und ich ihr mittheilte, daß sich mehrere brave, junge Leute um ihre Hand bewürben, erklärte sie mir zu meiner größten und unangenehmsten Ueberraschung. daß sie nur mit Josef Hollitsch, wie der vorerwähnte junge Mensch sich nannte, glücklich werden könnte. Ich hatte vieles gegen ihre Wahl einzuwenden. Da das ungarische Dorf, das dieser als seinen Geburtsort bezeichnete, während des Krieges gänzlich zerstört wurde und die Mitglieder der dortigen jüdischen Gemeinde sich zerstreut hatten, konnte ich über seine Familie keine Auskunft erhalten und da er in meinem Hause eine untergeordnete Stellung einnahm, hatte ich ihn nie einer genaueren Beachtung gewürdigt und hatte nur mehrmals Gelegenheit, zu bemerken, daß er leicht in leidenschaftliche Auftegung gerieth. Aber ich besitze auf der ganzen Welt keinen anderen Menschen als meine Enkelin und da sie mich unter heißen Thränen mit innigem Flehen bestürmte, ihrem vermeintlich ui Glücke nicht in den Weg zu treten, ließ ich mir endlich meine Genehmigung zu einer Ehe mit Josef Hollitsch abpressen. — Ich hatte es als selbstverständlich vorausgesetzt, daß ich meinem Schwiegerenkel bei dessen Verheiratung mein Geschäft übergeben und den Rest meines Lebens bei meiner Enkelin verbringen würde, aber zu meiner peinlichsten Ueberraschung erklärte nur mein Schwiegerenkel, daß er nicht in Böhmen zu bleiben beabsichtige, daß er nach seiner Heimat nach Ungarn zurückkehren wolle, wo er mit der Mitgift seiner Frau weit mehr als in Böhmen verdienen, bald ein sehr reicher Mann werden würde. „ Ich versuchte vergeblich, ihn von seinem Entschluß abzubringen, und "mußte mich, trotzdem mir das Herz brach, von meinem geliebten Enkelkinde trennen. — Dieses hatte schlecht gewählt. Ihr Gatte entpuppte sich bald als unstäter, leidenschaftlicher und gewissenloser Mensch. Anstatt, wie er i§ versprochen, sich an einem Orte seines Vaterlandes seßhaft zu machen und ein Geschäft zu gründen, trieb er sich müßig in Ungarn, Polen, zuletzt in Deutschland herum und versuchte es nur aus Jahrmärkten und in Wirthshäusern als Taschenspieler, . wohl auch durch falsches Kartenspiel etwas Geld zu erwerben. Das Flehen seines Weibes, das ihn unter Thränen beschwor, sein wildes, unstätes Leben aufzugeben, fand ihn taub, ja er mißhandelte die Aermste in grausamster Weise. In einem Dorfe am Rhein verließ der niederträchtige Schurke sein Weib. Als sie eines Morgens'in einer Scheune, in der sie übernachtet hatten, erwachte, war ihr Gatte spurlos verschwunden und hatte all ihre geringen Habseligkeiten — ihre Mitgift hatte er schon ftüher verpraßt — mitgenommen. Ein Wunder Gottes war es, daß das arme Weib nach einer langen Wanderung voll Mühsal, ihre Heimat, mein Haus erreichen konnte. Ich bin ein achtzigjähriger Mann, wenn ich sterbe, bleibt mein Kind schutzlos allein zurück. Ich hätte Alles was ich besitze, darum gegeben, wenn ich den Schurken aufsuchen, ihn vermögen hätte können, durch einen Get J) das Band der Ehe zu lösen, das meine Enkelin an den Unwürdigen kettet; aber wo ihn suchen? Da kamen vor einigen Tagen zwei Pferdehändler aus unserer Gemeinde, Salomon Deutsch und Samuel Schiff, welche ihr Geschäft bis nach Deutschland betreiben, von einer viele Monate währenden, Reise heim^und berichteten, sie hätten in einer Stadt am Rhein in einem Soldaten des Regimentes Westerloo den Gatten meiner Enkelin an einem Feuermale erkannt, das seinen sonst schönen Gesichtszügen ein so auffallendes Merkmal aufprägt, daß ihn jeder, der ihn nur einmal gesehen, sofort unter Tausenden wieder erkennen muß. — Wenn es mir nicht gelingt, in irgend einer Weise für mein Enkelkind einen Scheidebrief von ihm zu erlangen, würde dieses ewig an ihn gefesselt bleiben und auch wenn er in einer Schlacht fiele, wäre meinem Enkelkinde nicht zu helfen, man würde kaum, wie es das rabbinisch-mosaische Gesetz vorschreibt, zwei glaubwüroige Augenzeugen für seinen Tod ^finden und die arme Frau, die Niemanden, als einen achtzigjährigen, an der Schwelle des Grabes stehenden Großvater besitzt, dürfte nie die Gattin eines anderen. Mannes werden, würde keinen Schutz, kein Heim, nicht Rast und Ruhe finden, bis ans Ende ihres unglücklichen Lebens. Sie Rabbi, der Sie auch Oberkriegs- und Oberhoffaktor sind, sind den einzige Mensch auf Erden, der uns mit Gottes Beistand helfen kann. Sie sind voni mächtigsten Einflüsse, wenn Sie meinem Kinde die Gnade erweisen wollen, sich bei dem Kommandanten des Regimentes Westerloo, das vor acht Monaten am Rheine stand, zu verwenden" ... Der Oberhoffactor unterbrach ihn. ' „Westerlov steht nicht mehr am Rhein, es wurde schon vor einem halben Jahre nach Ungarn dislocirt, es hat auch an der Schlacht bei Belgrad und der Erstürmung der Festung theilgenommen." . Wertheimer brach plötzlich ab, läutete mit der Tischglocke und als ein Diener eintrat, sprach er: „Ich lasse Herrn Levi bitten, herüber zu kommen." Nathan Heller blickte überrascht, verlegen auf, er mußte glauben, Wertheimer habe sich plötzlich an irgend ein wichtiges Geschäft erinnert und habe — bei der bekannten Ueberlast von Geschäften, die auf ihn ruhten, war eine solche Zerstreutheit immerhin denkbar —in dem Momente vergessen, daß er, Nathan Heller, sich im Zimmer befinde. Er mußte seine Audienz als beendet betrachten und wollte nach einer tiefen Verbeugung, in seinen Hoffnungen getäuscht, betrübt zur Thüre schreiten, aber Wertheimer rief: ’) Scheidebrief.