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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1893-06-02 · 22 (2.6.1893) · page 17

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
10 (1893)
Issue
22 (2.6.1893)
Date
1893-06-02
Page
– (sequence 17)
Language
German
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Nr. 22 Oesterreichifchr Wmtzenfchrist Seite 431 „Warum wollen Sie sich entfernen, bevor wir die Angelegenheit, die Sie hierher geführt, zu Ende besprochen?" „Ich glaubte, Herr Oberhoffactor, Sie hätten Ihrem Commis einen Befehl zu ertheilen, da wäre meine Anwesenheit unbescheiden." „Das, was ich von meinem Commis zu erfahren wünsche, könnte möglicherweise in Beziehung zu Ihrer Angelegenheit stehen." Jetzt trat Levi ein. Es war dies ein ungewöhnlich Hochgewachsener, kräftiger, etwa acht-, neunundzwanzigjähriger Mann, mit einem edelgeformten Gesuchte, dessen Blässe durch den dunkeln Vollbart und das rabenschwarze, glänzende Haar noch hervorgehoben wurde. „Der Herr Oberhoffactor haben befohlen", sprach er. „Vorgestern erhielt ick vom Spitalscommandanten eine Zuschrift, in welcher er mir mittheilte: unter den vom Kriegsschauplätze hier angelangten Schwerverwundeten befinde sich einer, dessen Zustand sich auf dem Wege hierher noch so verschlimmerte, daß er voraussichtlich nur noch wenige Stunden zu leben habe. Der sterbende Soldat erklärt, Jude zu sein und sehnt sich darnach, vor seinem Tode mit einem Glaubensgenossen zu sprechen. Ich ersuchte unseren hochverehrten Dajon Rabbi Jacow Eliasar Braunschweig, ins Militärspital zu gehen und Sie, ihn dorthin zu begleiten, wenn dies nothwenvig sein sollte, bei der von den Sterbenden gewünschten Besprechung anwesend zu sein. Ich war gestern und vorgestern so übermäßig beschäftigt, daß ich mir weder von dem Rabbi noch von Ihnen Bericht erbitten konnte, auch setzte ich voraus, daß es sich nicht um etwas handle, welches mein sofortiges Einschreiten erfordert, da andernfalls entweder der Dajon oder Sie mir auch unauf- ' gefordert Mittheilung, gemacht hätten. Was hatte der Soldat gewünscht?" „Es ist genau so, wie Sie Herr Oberhoffactor in Dero Weisheit voraussetzten. Der Soldat, dem der nahe Tod eine erwünschte Erlösung von schwerem Leiden schien, war körperlich kein Mensch mehr; eine Kanonenkugel hatte ihm beide Füße und den rechten Arm abgerissen. Wenn es auch denkbar gewesen wäre, ihn am Leben zu erhalten, so wäre dieses ihm zur höchsten Qual geworden. Er war entsetzlich bleich, was um so unheimlicher erschien, als auf der linken Wange ein Feuermül brannte." „Auf der linken Wange ein feuriges Mal?" fuhr Nathan Heller überrascht auf, und Levi fuhr fort. „Rabbi", sprach der Soldat zu unserem Dajon „ich leide schrecklich. aber ich freue mich, weil ich hoffe, daß mich die großen Schmerzen wenigstens zum Theil von meiner schweren Sündenlast entsühnen. Ich habe mehr Böses verübt, als ich in der kurzen Zeit, die mir zu leben noch vergönnt ist, aufzuzählen. vermag. Ich. war schon als Knabe ein schlechter Sohn und habe meine braven Eltern gekränkt, ich habe alle Gottesgesetze übertreten; aber was ich gegen Gott gesündigt, das vermag ich nicht mehr gut zu machen, aber, und bei diesen Worten war das zerstörte Menschengebilde in convulsivisches Schluchzen ausgebrochen, ich habe mich auch gegen Menschen schwer versündigt und ganz besonders gegen mein armes Weib. Sie, ein Engel an Schönheit und Güte, hatte mir Unwürdigen ihre Liebe geschenkt, sie verließ um meinetwillen ihren geliebten, alten Großvater und zog mit mir in die weite Welt; sie hielt treu zu mir, obwohl ich sie mißhandelte — und ich Nichtßwürdiger, war entmenscht genug, sie um einer elenden Dirne willen, in fremdem Lande zu verlassen. Ich habe lange Zeit nicht gewußt, ob sie nicht im Elende verkommen; aber vor etwa acht Monaten erfuhr ich durch einen Zufall von zwei Männern aus ihrer Heimat, daß es ihr gelungen, zu ihrem alten Großvater zurückzukehren; — aber damals war mein Herz noch versteinert, damals war ich noch der wildeste Grenadier im Regiment; — aber jetzt, wo mich Gott so furchtbar gestraft hat — da erkenne ich, was ich an dem Armen Weibe gefrevelt und möchte ihre Verzeihung erflehen. — Mabbi, ich bitte Euch um Dreifaches: Bleibt mit Euerem Begleiter, dem jungen Manne, die kurze Zeit bis sich meine Seele aus meinem morschen Leibe losgerungen, bei mir und betet mit mir — sorgt dafür, daß das, was die türkischen Granaten von meinem Leibe übrig gelassen, auf dem jüdischen Friedhofe bestattet werde — und schreibt sofort nachdem ich begraben bin, meinem Weibe, daß Ihr Zeuge gewesen, wie tief es mich in meiner letzten Stunde geschmerzt, ihr so viel Leid zugefügt zu Haben, daß ich es als höchstes Glück betrachtet hätte, sie vor meinem Tode noch zu sehen, auf meinen Knieen ihre Verzeihung zu erflehen; — daß ich ihr geschrieben hätte, wenn nicht meine zerschossene rechte Hand in dem großen Menschen- und Gebeinengrabe vor Belgrad moderte, daß ich sie beschwöre, mir um Gottes Barmherzigkeit willen keinen Groll über's Grab hinaus zu tragen, mir zu verzeihen .... Meine Gattin heißt . . . . aber weiter konnte er nicht sprechen, es trat die Agonie ein. Der Rabbi und ich verrichteten die üblichen Gebete. Nach dem Tode des Soldaten veranlaßt Rabbi Jakob Elieser. der dem Spitalscommandanten Ihr Schreiben, Herr Oberkriegsfactor, überreicht hatte, daß dessen irdischen Reste in die Leichenkammer des jüdischen Friedhofes gebracht wurden. Heute Nachmittag wird er bestattet werden. Rabbi Jakow Elieser will bei dem Leichenbegängnisse anwesend sein; — auch ich werde mir zu diesem Zwecke für heute Nachmittags Urlaub erbitten." (.Zortsetzung folgt). Wochenkalender. Sivan 6653. — Juni 1893. Freitag > 18! "jrviH'ru 2 E. d. 91. 8h 38'3m Samstag 191 3 Sonntag 201 4 Montag 211 5 Dienstag 22 i 6 Mittwoch 23 j 7 Donnerstag 241 8 Freitag 25 9 Briefkasten. Tren^ Abonnent, D. Brod. Der 30. N.wember 1880 war am 27. CheMwon 5641 ----- dem 6. November 1893. Der Tag fällt auf Montag und der Barmizwah soll Samstag vorher die Hasthora lesen. — Ph. Bachrach in Prag. 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