Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 10 (1893)
- Issue
- 22 (2.6.1893)
- Date
- 1893-06-02
- Page
- – (sequence 11)
- Language
- German
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Nr. 22 VeüerreiltziMxe MochenschrN Seite 435 Umsang verändert — darüver wird sich der Welt kaum irgend eine Aufregung bemächtigen. Ja, offen gestanden — eigentlich entspricht es nur einer parlamentarischen Usance, daß in den Vertretungskörpern jeder Partei Gelegenheit gegeben wird, sich, soweit es ihr das Talent erlaubt, an den Verhandlungen zu betheiligen. Allein, daß diese Liberalen kein anderes Mandat str Dr. Lueger freizumachen wußten, als das des Herrn Tch eodor Ritter von Goldschmidt, daß man der jüdischen Bevölkerung einen solchen Fußtritt ungestraft versetzen zu dürfen glaubte, das muß in Erinnerung behalten werden. Die Wiener Judenschaft mit einer Bevölkerung von 120.000 Seelen, mit ihrer Steuerkraft und Intelligenz, hätte auf drei Stadtrathsmandate rechtmäßigen Anspruch, besaß aber blos ein einziges, welches nunmehr dem Herrn Dr. Lueger übertragen wurde und es waren Männer der „liberalen" Partei, welche vor den Wahlen in Wählerversammlungen mit dem größten Feuereifer gegen die Antiliberalen zum 'Kampfe anspornten, welche dieses Abstiinmungsresultat herbeigeführt hatten — mit Hilfe einer geheimen Abstimmung, in welcher die wahre Gesinnung sich offenbaren durfte. Jener Theil der Majorität, welcher sich vor den Wählern liberal genannt hat, so lange seine Person sich mit Gestalt und Namen exponiren mußte — er benützte in der Stille eine Waffe aus der liberalen Rüstkammer, die geheime Abstimmung und schleicht sich in dieser Tarnkappe zur Urne und bricht in dieser Verkleidung seinen Wählern die Treue. Ist das nicht ein Ereigniß, wenn Jemand im öffentlichen Leben die Kraft besitzt, sich mit zwei einander total entgegengesetzten Gesinnungen zu befreunden? Oder ist dies vielleicht gar nicht möglich? Kann man zugleich liberal und antiliberal sein? Das nicht! Aber man kann liberal scheinen und antiliberal sein. Das ja! Warum auch nicht? Etwas mehr oder weniger Character, das spielt' doch bei einer geheimen Abstimmung keine Rolle! Vor Jahren war es, daß wir an dieser Stelle die Ansicht vertreten haben, es wäre für die Wiener Judeuschaft am klügsten, sich vom Schauplatz des Parteikampfes gänzlich zurückzuziehen und es der sogenannten lieberalen Partei allein zu überlassen, mit den Gegnern fertig zu werden. Wir brauchten dann nicht das Schießpulver für den Parteikampf und in den Wahlschlachten abzugeben und im Dienste von Elementen uns aufzureiben, die uns und unsere Interessen zu verrathen jederzeit bereit sind. Heute zeigt es sich wie sehr wir im Rechte waren, die Voraussetzungen, von denen wir ausgingen, haben durch die Erfahrungen eine traurige Bestätigung gefunden. Anticorruptionisten und Liberale reichen sich dte Hände, um das jüdische Stadtrathmandat Herrn Dr. Lueger zu übertragen. Ist das nicht auch eine Corruption? Die Antisemiten sraternisiren mit Dr. Lederer. Ja, ist denn Dr. Lederer einer der Ihrigen? Du lieber Himmel, Dr. Lederer ist Verwaltungsrath der Creditanstalt! Auf einmal waren diese beiden Dinge keine Klippe mehr! Was sonst die Antiliberalen unseres Gemeinderathes unter Entfesselung aller ihnen zu Gebote stehenden stimmlichen und handlichen Mittel bekämpfen, was bei ihnen wirkt wie das rothe Tuch bei gewissen Geschöpfen, was sie in ihren Organen mit all' den Ausdrücken angreifen, welche die Svrache geduldig genug ist ihnen zur Verfügung zu stellen — -alles das gilt nicht mehr als Hinderniß, alles ist gut, der Verwaltungsrath, die Creditanstalt! Fort mit dem Princip, fort mit der Gesinnung, her mit dem Bortheil, her mit dem Nutzen! Herr Theodor Ritter von Goldschmidt ist aus der Verwaltung einer Wiener Baugesellscyaft ausgeschieden, weil diese sich voraussichtlich an den bevorstehenden großen Bauunternehmungen der Commune betheiligen wird, während ein anderer sogenannter „liberaler" Stadtrath in die Leitung einer halbver-- krachten Baugesellschaft eingetreten ist, um sie zu „saniren", ohne daß von irgend einer Seite daran Anstoß genommen wird. Nun muß Herr Theodor R. v. Goldschmidt den Platz -Herrn ^'r. Lueger räumen! So will es die Gerechtigkeit, so die Weisheit der „liberalen" Gemeinderathsmajorität! Nach alldem wird man uns begreifen, wenn wir' erklären, daß wir als Bürgermeister von Wien noch lieber Herrn Dr. Lueger als Dr. Prix sehen möchten. Für die namenlose Heuchelei, Samstag eine Kandidatenliste sestzustellen, und Theodor R. v. Goldschmidt auf Grund eines Parteibeschlusses zu nominiren, um ihn Montag in einer geheimen Abstimmung zu Falle zu bringen, wäre Dr. Lueger nicht fähig. In dem Vorgang prägt sich ein gleiches Maß von Feigheit und Berrätherei aus, über .welche das letzte Urtheil die Wähler zu sprechen haben. Ginge es mit rechten Dingen zu, i o müßten sämmtliche indischen Gemeinderäthe aus den sogenannten „fortschrittlichen" Parteiverband sofort ausscheiden und von jeder politischen Gemeinschaft mit solchen Genossen sich lossagen. Geschieht das nicht, so werden die Folgen früher oder später mit logischer Consequenz sich geltend machen. Wien. Fritz Reuter und die Juden. Unlängst veröffentlichte der Literarhistoriker Dr. K. Th. Gaedertz in „Nord und Süd" ungedruckte Briefe und Dichtungen Reuter's. Darunter befindet sich einer an seinen Schulfreund, den jüdischen Arzt Dr. Michel Liebermann zu Stavenhagen, der Reuter's Stellung zur Judenfrage noch klarer stellt, als sie es durch seine Werke bereits ist. In dem Briefe, in dem 250 Thaler als Beitrag zu Errichtung eines Krankenhauses in Stavenhagen lagen, heißt es: „ . . . weil ich seit langen, langen Jahren Dein treues ehrenvolles Wirken in Deinem Berufe und Deine Liebe und Freundschaft für mich kenne, sende ich diese Gabe an Dich. Dir. dem Juden, verdanke ich viel mehr als manchem durch seinen Glauben aufgeputzten Christenmenschen . . . Dein alter Freund Fritz Reuter. Eisenach, den' 24. März 1867". Wien. (Ein Freund Ahlwardts und Schneiders.) Der Director der „The Globus Limited Company“, Emil Schnabl, hatte durch seinen Vertreter, Dr. von Griez, gegen den Wiener Stadtbavmeister Julius Halla, behördlich autorisirlen Geometer und Besitzer eines land- und forstwirthschaftlichen Berkehrsbureaus, eine Ehrenbeleidigungs-Klage angestrengt, über welche der Jnjurien-Richter des Bezirksgerichtes Alsergrund, Doctor Kurzweil, zu entscheiden hatte. Halla war der genannten Gesellschaft einen Betrag von 81 Gulden schuldig geworden, und als er zur Zahlung gedrängt wurde, sendete er derselben eine pneumatische Correspondeuzkarte nachstehenden Inhalts: „The Globus Limited,“ respective Schnabl-Juden, hier! Sie wollen mich moralisch schlichten, ja, ja, ich glaube fest an den rituellen Mord! Wir kommen daher, wenn auch nicht in Tisza-Eszlar oder Kolin, so doch anderswo, vielleicht im Landesgericht, zusammen. Julius Halla." Am Rande der Karte fand sich folgende Bemerkung: „Mein Freund und bewuderter Märtyrer Ahlwardt, sowie Schneider lassen Sie grüßen." Diese merkwürdige Eorrespondenzkarte lag dem Richter vor und bildete das Substrat der Ehrenbeleidigungs-Klage, die jedoch nicht zu Ende geführt werden konnte, da dem Geklagten die Vorladung unter der angegebenen Geschäftsadresse nicht hatte zugestellt werden können. Wien. (Antisemitische Jugendbildner und Sittenrichter.) Sämmtliche Blätter melden aus Ried, 27. Mai. Der Professor am hiesigen Gymnasium Johann Mausburger, welcher, wie seinerzeit berichtet, wegen Unsittlichkei sverbrecheus in Untersuchung gezogen wurde, ist bei der gestrigen Hauptverhaudlung schuldig erkannt und zu achtzehn Monaten schweren, durch zwei Fasttage verschärften Kerkers veruriheilt worden. Bielitz. (Cardinal Fürstbischof Dr. Kopp über den confessionelle Frieden.) Anläßlich des Besuches, welchen der Breslauer Fürstbischof, Cardinal Dr. Kopp, vorige Woche der zu seiner österreichischen Diöcese gehörigen Stadt Bielitz abstattete, wurde der Kirchenfürst auch von einer Deputation der israelitischen Cultusgemeinde begrüßt. Auf die warme Ansprache des Sprechers. Rabbiner Dr. Horowitz, erwiderte der Cardinal wörtlich: „Sie haben mir des Lobes zu viel gesagt, ich verdiene das nicht in solchem Maße, aber ich danke Ihnen herzlich für Ihre freundliche, mich sehr ehrende Begrüßung. Wir bauen ja auf demselben Grunde und sind in gleicher Weise beruf?.., Religiosität und Sittlichkeit unter den Menschen zu fördern. Ich freue mich ungemein zu hören, daß in Bielitz Friede und Eintracht unter allen Confeffionen herrschen. Mein Bestreben wird es immer sein, für Friede und Eintracht zu wirken." Der Cardinal erkundigte sich hierauf bei Dr. Horowitz, ob er den Breslauer Prediger Dr. Guttmann kenne, und bemerkte auf dte Bejahung: „Das ist ein ausgezeichneter Mann. Ich. kenne denselben schon seit Langem, denn wir sind beide aus Hildesheim." Mit der nochmaligen Versicherung des Dankes für die freundliche Begrüßung, entließ Se. Eminenz die Deputation in liebenswürdigster Weise. Friedek, im Mai 1893. Anläßlich des Besuches Seiner Eminenz des Breslauer Cardinalfürstbischofes Dr. Kopp in Friedek erschien auch vom Vorstände der Friedek-Misteker isr. Cultusgemeinde der Vorsteher Löw und die Vorstandsmitglieder Herr Paneth und Fried zu deffen feierlichem Empfange. In