Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 10 (1893)
- Issue
- 22 (2.6.1893)
- Date
- 1893-06-02
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
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Seite 420 Oesterrebtzifche Nr. 2 2 holt in diesen Blättern und zuletzt in einem Artikel in der von Kaufmann herausgegebenen Monatsschrift gethan, in welchem er eine ganze Reihe von Stellen aus dem 4. Evangelium durch halachische und Hagadische Parallelen aufhellt. Aber so sehr auch Dr. Güdemann bestrebt ist, objectiv zu bleiben, so giebt doch seine Stellung als Rabbiner den Gegnern, die in den theologischen Zeitschriften gegen ihn polemisiren, eine bequeme Handhabe für diesen Zweck. Sie werfen ihm nämlich apologetische Tendenzen offieielle Befangenheit vor und fühlen sich dadurch mehr oder minder einer fachlichen Prüfung seiner Argumente überhoben. Nun ist aber ein Mann auf dem Kampfplatze erschienen, dem gegenüber diese Waffe nicht zu gebrauchen ist: der Professor emeritus in Petersburg, D. Chwolson. Sein neuestes Werk, welches unter dem Titel: „Das letzte Passamahl Christi und der Tag seines Todes" in den Denkschriften der Petersburger kaiserlichen Academie erschienen ist, verdient im vollsten Maße die Bezeichnung einer literarischen That. Prof. Chwolson ist Convertit, und, wie man allgemein annimmt, und wie es auch aus der ganzen Haltung des erwähnten Buches hervorgeht, überzeugter Christ. Außerdem erfreuen sich auch seine Darstellungen der Zustimmung hoher geistlicher Würdenträger in Rußland und wären bei der streng kirchlichen Richtung, die dort das ganze öffentliche Leben beherrscht, gewiß nicht in die Schriften der Academie ausgenommen worden, wenn man nur im Entferntesten-eine jüdisch-apologetische Tendenz darin gefunden hätte. Umso schwerer fallen deshalb seine Mahnworte an die christlichen Theologen in die Wagschale, umsomehr ist sein Buch geeignet, Epoche zu machen. In der ersten Hälfte desselben behandelt Chwolson den Widerspruch zwischen den Berichten der Synoptiker und dem des 4 Evangeliums über den Tag, an welchem Christus das letzte Passahmahl gefeiert hat. Es ist hier nickt der Ort seine Lösung, die auf einer sehr annehmbaren Conectur des aramäischen Urtextes beruht und mit einer wahrhaft stupenden Belesenheit durch Citate aus dem Talmud gestützt wird, zu besprechen. Das muß den wissenschaftlichen Zeitschriften überlasten bleiben. Uns interessirt hier die zweite Hälfte drs Buches, wo Chwolson sich in einem „Schlußwort" und „A n h a n g" mit den zünftigen Theologen, speciell den deutschen, auseinandersctzt. Im „Schlußwort" bespricht er zunächst die Polemik zwischen Dr. Güdemann und Pros. Hilgenfeld über den Hillei'- schen Satz: „Was Du nicht willst, daß man Dir thue, das Ihne auch Deinem Racksten nicht." Wir haben in Nr. 47 der „Oestei-r. Wochenschrift" vom vorigen Jahre die Leser über diesen Streit zu orientiren gesucht und nachgewiesen, wie unmöglich die Hilgenfeld'sche Deutung des Wortes „Lechabroch" ist. Damit nämlich die Neuheit und Ursprünglichkeit des ähnlichen Satzes, der von Jesus in den Evangelien angeführt wird, im helleren Lichte strahle, durfte das erwähnte Wort in dem Spruche seines Vorgängers Hillel beileibe nicht mit „Deinem Nächsten" übersetzt werden und mußte g"gen Sinn und Zusammenhang, gegen alle Sprachgefetze auf den engen Verein der Chaberim sich beziehen, wodurch dann glücklich zu Stande gebracht war, daß die jüdische Nächstenliebe bei den Schriftgelehrten an fange und aufhöre! „Mußman denn," fragt hier Chwolson in gerechter Entrüstung „um den Ruhm des an und für sich schönen Kindes zu erhöhen, überall ausposaunen, daß die Mutter eine Negerin war?" — „Mit einem groben, in pechschwarze Farbe und Straßenschmutz eingetauchten Anstreicherpinsel malt man einen schmutziggrauen Hintergrund und schreibt darunter: das ist das Judenthum zur Zeit Christi! Dann nimmt man einen anderen, feineren in Goldlack eingetauchten Pinsel und malt auf jenen Hintergrund das Bild Jesu. Mit Hilfe von zwei, manchmal auch von drei Pinseln bekommt man das Bild fertig und legt demselben einen vornehm und gelehrt klingenden Titel bei!" — „Wenn. ein, nach den moralischen Grundsätzen der agadischen Literatur streng religiös exogener Jude", heißt es an einer anderen Stelle „der zugleich mit der letzteren vertraut ist, ohne Voreingenommenheit in den Evangelien die Sprüche und Lehren Jesu liest, fühlt er sich von denselben so-' zusagen angeheimelt. Nirgends findet er Unbekanntes/dagegen sehr oft wörtlich Analoges, häufig wenigstens Aehnliches oder Geistesverwandtes mit dem, was er früh-w in jener Literatur gelesen hat und was ihm in seine Kinderseele als gut und heilig eingepflanzt wurde. Dieses Gefühl hatte auch ich, als ich, etwa in meinem 18. Lebensjahre, zuerst die Evangelien las und beinahe dasselbe Gefühl habe ich auch' jetzt, wenn, ich dieselben lese. In den Lehren und Sprüchen Jesu giebt es nich^, was das religiöse Gefühl eines nach pharisäischen Grundsätzen erzogenen und mit der pharisäischen — d. b. rabbiniscken — Literatur vertrauten Juden verletzen könnte. Eine Sammlung der Sprüche und Lehren Jesu, in eine andere Form umgegossen, so daß der Urheber derselben nicht erkannt wird, würde jeder fromme Jude als ein schön°s „Mussar-Sefer", Moralbuch, ansehen." — An verschiedenen Stellen stellt Chwolson es als ein unabweisbares Postulat für jene christlichen Theologen, dieEoangelienkritik betreiben hin, daß fie in eingehender, aber auch vollkommen unbefangener Weise von der talmudischen Literatur Notiz nehmen: „Es ist auffallend, und auch traurig", sagt er, „daß manche auf der Hand liegende Wahrheit sehr häufig recht lange Zeit braucht, um zur Geltung zu gelangen: Was liegt näher, als der Gedanke, daß die Wurzel und die Quelle der Lehren Jesu innerhalb des Judenthums zu suchen sei?-Ist doch Christus unter Juden geboren worden, hat eine jüdische Erziehung genossen, predigte vor Juden in jüdischen Synagogen und citirte immer die Worte der Propheten, die ihm sehr geläufig waren und die er auch oft nach Art der Rabbinen auslegte, und dennoch konnte ein so scharfsinniger Mann und kritischer-Kopf, wie F. Chr. Baur, sich so weit verrannen daß er sagte : „das Ehristenthüm sei das Ende der Richtung, deren Anfang Socrates bilde", und er suchte naher die Quelle, der christlichen Lehre in dcr griechischen Philosophie. •— Ich denke, daß die Propheten Samuel, Jesaiah, Michah, Jeremiah und die Psalmen doch Jesus unendlich näher standen als Socrates und die griechische Philosophie. — „Für das Verstandniß der Thätigkeit und des Strebens des Äpostel's Paulus, so wie auch für das des Christenthums überhaupt haben die Sibyllinen, so wie auch die Schriften Phily's wohl eine große Bedeutu"g, -aber für das der Lehren Jesu so gut wie gar keine!" „Die Quintessenz und der Kern der Lehren Chnsti besteht, wie oft hervorgehoben wurde und wie es allgemein bekannt ist, in der Vergeistigung der Religion,. - in dem Hinweis, daß die wahre Religion nicht in der Ausübung der Ceremonialgesetze, sondern in der Liebe zu Gott und zu den Menschen bestehe. Diese Auffassuüg der Religion findet sich aber auch im alten Testament und wird auch von den ersten rabbinifchen Autoritäten vollkommen getheilt und gelehrt. Dies wollen aber viele Theologen nicht so leicht zugeben, denn die Mutter des herrlichen Kindes muß durchaus als Scheusal dargestellt werden." Jm „Ä n h a n g" endlich beschäftigt "sich chwolson mit dem Verhältnisse der Pharisäer zu Christus und führt den Nachweis, daß es durchaus kein so schroffes war, wie es aus den Evangelien hervorzugehen scheint.. Die Scheltworte, die man jetzt dort lieft, galten nach Chwolson nur einzelnen pharisäischen Richtungen, die ja auch 'M Talmud in den bekannten Stellen (Sota 20a 22b) streng getadelt und von einem der hervorragendsten Tanaiten, A. Josua b'. Chananjah als verderblich hingestellt werden./ Auch später bis tief ins zweite Jahrhundert hinein war noch der Verkehr zwischen den Judenchristen und den pharisäischen Schriftgelehrten nicht ganz abgeschnitten und wurden die ersteren noch immer als Juden angesehen. .. „ y w , Der Schwerpunkt dieses Abschnittes liegt aber in dem Nachweise, k>aß nicht die Pharisäer die Hinrichtung Christi herbeigeführt haben, sondern die saducacischen Hohepriester und ihr Anhang im Synedrion. Alles, was über diesen Proceß und den Schlußact desselben berichtet wird, steht, wie Chwolson