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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1893-05-26 · 21 (26.5.1893) · page 9

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
10 (1893)
Issue
21 (26.5.1893)
Date
1893-05-26
Page
– (sequence 9)
Language
German
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Nr. 21 Oestrrrerchisthr Wochrnfchrist Seite 403 Als ich zum elften Male von dieser Beschuldigung in, einer in Petersburg erscheinenden hebräischen Zeitung hörte, begab ich mich zu einer hochgestellten Person und zeigte ihr mein zum 5 Schutze der Juden gegen die sie bedrückende Anschuldigung erschienenes Buch. Die hochstehende Person legte mir nach gnädiger Anhörung einige wichtige, aus diese Beschuldigung bezügliche, sehr treffende Fragen vor, die ich meiner Ansicht nach ihr zufriedenstellend zu beantworten im Stande war. Daraus wurde ich. von ihr aufgefordert, eine gewisse Zahl von Exemplaren meines Werkes nach Tiflis einzusenden; ich erfüllte auch dieses Verlangen, wobei ich mich der letzten zu meiner Disposition stehenden Exemplare entledigte. Jetzt blieb mir also fast kein einziges Exemplar meiner Arbeit übrig, weshalb ich eine neue, verbesserte und ergänzende Ausgabe zu besorgen die Absicht habe. Im Lause der letzten 20 Jahre hat sich das Material zu dieser Frage bedeutend erweitert und. ich beabsichtige es in der zweiten Ausgabe meines Buches zu verwerthen. Da aber bis zum Erscheinen dieser Ausgabe "möglicher Weise noch einige Monate verstreichen können und ich besorge, das russische Publikum möchte auch zu dieser zweiten Ausgabe sich so gleichgiltig. verhalten wie zur ersten, so entschloß ich wich, in den nachfolgenden Seiten einen möglichst kurzen Auszug aus meinem Buche zu liefern, in dem die Hauptresultate meiner historischen Forschung in dieser Frage auseinandergelegt sind. Ich hoffe, daß das russische Publikum sich die Mühe nicht wird verdrießen lassen, die kleine Broschüre über die Frage, von deren Lösung die Ehre, die Ruhe und Sicherheit oder im anderen Falle die Leiden vieler Millionen Mitbürger abhängen, zu lesen, wenn auch diese Mitbürger Juden sind und das Ziel, dem die Abfassung dieser Broschüre gilt, die Vertheidigung der Juden ist. 1. Die Religionen der Minderheit sind seit jeher die Zielscheibe von Verleumdungen seitens der Mehrheit gewesen. Ein solches Beispiel ist für das Alterthum die jüdische Religion, gegen die das Heidenthum Verleumdungen ausstieß. In der Folge aber wurde innoch stärkerem Grade das Christenthum von Seite der ganzen heidnischen Welt verfolgt. Sämmtliche Christen wurden beschuldigt des Ritualmordes zu Religionszwecken, der Verderbtheit und der Blutschande. 2. Die Juden sahen und sehen noch immer auf ihre Religion wie aus ein Erbtheil ihrer Nation. Sie strebten niemals, sie anderen Völkern aufzubürden. Dank diesem Umstande hat das Judenthum von Bekehrungssucht sich freigehalten. Dabei ist es bezüglich der Nichtjuden die toleranteste Religion der Welt. Nach der allgemein unter den Juden verbreiteten Ueberzeugung ist jeder rechtschaffene Mensch, welcher Herkunft und Religion immer, des Lohnes im jenseitigen Leben fähig und theilhaftig. Nur die mit Lastern vieler Art verbundene Anbetung von Götzen wurde in Palästina und zwar in diesem Lande ausschließlich nicht geduldet. Dafür mußte jeder Heide, der sich der Götzenanbetung enthielt und den das Dasein der menschlichen Gesellschaft bedingenden Gesetzen, so dem Verbot der Tödtung, des Raubes, Diebstahls u. s. w. sich unterwarf, noch den jüdischen Gesetzen als Jude betrachtet werden. Jede jüdische Gemeinde war verpflichtet in ihm den Milbruder zu sehen und für ihn und sein Wohl so wie für die Person eines wirklichen Juden zu sorgen. 3. Die Ursache der Zerwürfnisse zwischen Juden und Christen im Laufe der ersten Jahrhunderte des Christenthums liegt nicht in dem Hasse gegen die Christen überhaupt. Dieser Zwiespalt entwickelte sich dadurch, daß die ersten Christen zum größten Theile Juden waren. Jene Christen, die im 1. und 2. Jahrhundert nach Christus in Palästina lebten und mit den Juden dort in Verkehr standen, waren nicht eigentliche, rechtgläubige Christen, sie setzten sich aus ketzerischen Judenchristen jüdischer Herkunft zusammen, wie z. B. die Ebioniten, Minaeer, Nazarener u. s. w. Diese Christen waren also streng genommen Juden, sie lebten inmitten jüdischer. Gemeinden und bekannten sich theils offen, theils im Geheimen zu solchen christlichen Glaubenslehren, die niemals von der rechtgläubigen christlichen Kirche verdammt, aber auch nicht anerkannt wurden. Auf diese Judenchristen mußte das übrige Judenthum wie auf Neuerer und Glaubensabtrünnige blicken, die noch dazu durch Angebereien und Schmähungen die Ehre ihrer Stammes- und Glaubensbrüder befleißen. Sie wurden daher nicht selten von den Juden Malschinim, d. h. angeberische Verläumder genannt. Zu Zeiten der Christenverfolgung waren diese Judenchristen aber auch bemüht, durch Denunciationen den rechtgläubigen Christen in den Augen der römischen Machthaber zu schaden, wovon Eusebius in seiner Kirchengeschichte einige Fälle erzählt. Der damalige Kampf der Juden war nun vicht gegen die Christen überhaupt, sondern lediglich gegen diese häretischen Christensekten — gegen die sogenannten Judenchristen gerichtet, deren Mitglieder, wie gesagt, ausschließlich die inmitten der jüdischen Gemeinde lebenden jüdischen Sektirer waren. Mit diesen hatten die Kirchenväter selber und die christliche Obrigkeit nicht minder einen Kampf mit noch schärferen und gefährlicheren Waffen zu bestehen als die jüdischen Rabbinen. Sobald aber die Reihen des Christenthums ausgehört hatten, durch vorzugsweise jüdische Elemente ausgesüllt zu werden, als ein bedeutender Theit der Heiden dem Christenthum sich zuwendete, hatte das Judenthum selbstverständlich nur Ursache, sich zu freuen, daß die ihm zrlvor fremd gegenüberstehenden Heiden mit der Annahme des Christenthums zugleich die dem Judenthum wichtigsten Dogmen annahmen: Die Einheit Gottes, die Vorsehung, die Unsterblichkeit der Seele, die Offenbarung, die Vergeltungstheorie u. s. w. Die mittelalterlichen Rabbiner erklärten daher fast einstimmig, daß man die Christen unmöglich als Heiden betrachten könne, daß die zum Theile gehässigen Bestimmungen der Rabbinen des Alterthums bezüglich der Heiden aus die Christen durchaus nicht anwendbar seien. Dieser fast einstimmigen Entscheidung der mittelalterlichen Rabbiner folgen die Juden noch f)i§' auf den heurigen Tao. Fast sämmtliche alten rabbinischen Bestimmungen bezüglich der Heiden haben mithin gegenwärtig ihre Geltung verloren. Die mittelalterlichen Rabbiner haben den Juden strenge Mahnungen ertheilt, gegen Christen ebenso gewissenhaft und rechtschaffen vorzugehen wie gegen Juden. Dabei blieben sie aber nicht stehen, sondern lehrten, daß die Juden verpflichtet sind, für einen Christen Partei zu nehmen, falls ihm ein Jude Unrecht gethan hätte. Es gab sogar bedeutende Gelehrte unter den Rabbinern, die über das Christenthum mit Hochachtung urtheilten und es als ein göttliches Werk bezeichneten. Wie bei einem solchen Verhalten des Judenthums gegen die anderen Religionen überhaupt und gegen das Christenthum insbesondere bei allen oder einigen Juden die Existenz eines Dogmas geargwöhnt werden kann, demzufolge sie Christenkinder ermorden, um ihr Blut zu verwenden, bleibt unerfindlich.^ - ^Was.die Behauptung einiger antijüdischcr Schriftsteller von einem gewiffermaßen immanenten Hasse der Juden gegen das Christenthum betrifft, so habe ich in meinem Werke nachgewiesen, daß solche Behauptungen zum Theil aus Unverstand, zum Theile aber auf absichtlicher Unwahrheit und böswilligen Verläumdungen beruhen. Einige von Bitterkeit eingegebene Ausdrücke von Juden, die in der Epoche der größten und furchtbarsten Verfolgungen lebten, wurden von den Feinden der Juden in einem Lichte dargestellt, als wären diese dem Moment entsprungenen Ausdrücke für die allgemeine Stimmung der Juden aller Zeiten gegen die Christen im Allgemeinen bezeichnend! Man kann unmöglich von den Juden verlangen, daß sie zu allen Zeiten sich christlicher bewährt haben sollen als die Christen! Schließlich waren diese bitteren Ausdrücke doch nur gegen einige ausschließlich gemeinte Christen gerichtet, wobei nicht eigentlich an Christen, sondern an die gottlosen Verfolger und Peiniger der Juden gedacht wurde. Der Leser wird in meinem ausführlichen Werke eine Menge von Citaten und Auszügen aus hebräischen, in verschiedenen Jahrhunderten und in verschiedenen Ländern herausgegebenen Büchern finden, die Alles im Text hier Gesagte bestätigen.

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