Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 10 (1893)
- Issue
- 21 (26.5.1893)
- Date
- 1893-05-26
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
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»»- ihm ne.i< wrnwiwiwwiw OrfterreMrifchr Wochenfchrty Nr. 21 Seite 402 Fabeln im Publicum verbreitet wurden.) Wie viele unschuldige Juden in den vergangenen Jahrhunderten sind einem martervollem Tode überliefert worden, ein Opfer ähnlicher grober Mißverständnisse! Was nun die zweite Aufgabe der Commission, nämlich die Prüfung der Frage bezüglich des wirklichen Gebrauches von Christenblut bei den Juden überhaupt, oder einer Secte unter ihnen zu religiösen oder sonstigen Zwecken betrifft, so war das hierüber vorgelegte Referat des Herrn Gerasim Petrowitsch Pawski, der schon damals im vorgerückten Alter stehend der Sitzung der Commission nicht beiwohnte, in für die Juden zwar freundlichem Sinne, aber nicht ohne Vorbehalt abgefaßt. Theodor Theodorowitsch Sidonski, der nach eigenem E'mgeständniffe die nachbiblische Literatur nicht kannte, gab ein ruckhaltslos judenfeindliches Referat ab, das sich auf Auszüge aus einigen allgemein bekannten Werken mit antijüdischer Tendenz beschränkte. In. seinem Berichte führte er die Meinungen einiger unwiffenden getauften Juden an, von denen weiter noch gesprochen werden wird. Ich selber legte damals dem Vorsitzenden der Commission eine eingehende vollständige' Antwort auf das Referat Sidonski's vor, der auf meine Erwiderung keine Replik folgen ließ. (Ich habe noch die Abschrift des Referates Sidonski's, sowie meiner Entgegnung, die ich bei passender Gelegenheit vielleicht beide zugleich veröffentlichen werde.) Das Referat Levisons, für die Juden äußerst wohlwollend, war im Detail bei Weitem eingehender und gründlicher. Er berief sich hauptsächlich auf den Einspruch der Kirchenväter gegen derartige gegen die Christen der ersten Jahrhunderte ersonnene Anschuldigungen. Mein eigenes Referat, in für die Juden freundlichem Sinne, umfaßte etwa hundert Blätter, worin zu Ende eine detaillirte Kritik des Saratower Processes gegeben wurde, in dem ich auf den Umstand aufmerksam machte, daß alle Zeugenaussagen, insbesondere die Aussagen der Hauptzeugen Krüger und Bogdanow vollständige Erfindungen und Lügen sind. (Siehe Beilage HL) Welches Schicksal diese Referate ereilte, ist mir weiter nicht bekannt geworden. So viel mir aus den Thatsachen aber sicher bekannt ist, wurden unsere Referate dem Saratower Processe nicht b e i g e l e g t, der in der Folge der endgültigen Entscheidung des Staatsrathcs voi gelegt wurde. (Von Letzterem bin ich vollständig überzeugt, da ich bei dem damaligen Mitgliede des Staatrathes, A. S. Rorow, den „Proceß" selber gesehen habe.) Warum so vorgegangen wurde, weiß ich nicht; gerecht und christlich ist dieses Vorgehen sicher nicht, wonach böswillige Verleumdungen gottloser Schwätzer und Lügenzeugen zu einer Zeit vor die Richter gestellt wurden, da vor diesen selben Richtern eine wissenschaftlich geführte Vertheidigung ehrlicher Leute verheimlicht wurde. Das Urtheil des Staatsrathcs bezüglich der Angeschuldigten wäre vielleicht in anderem Sinne erflossen, hätte den Mitgliedern desselben meine Kritik zum Saratower Processe zur Durchsicht Vorgelegen. So aber konnten die Mitglieder des Staatsrathes mit den religiösen Anschauungen, Gewohnheiten und der Literatur der Juden unbekannt, freilich nicht bei allem guten Willen die Unwahrheit und absolute Unmöglichkeit der in den Zeugenaussagen beigebrachten Facten auseinanderhalten. In der Folge überarbeitete ich mein Referat, ergänzte es noch um ein Bedeutendes und gab es zuerst im Jahre 1861 in der „Bibliothek für Lecture und Unterhaltung", später in separater Ausgabe unter dem Titel: „Ueber einige mittelalterliche Beschuldigungen gegen die. Juden, eine geschichtliche Untersuchung nach Quellen" (St. Ptb. 1861 bei Werbaum und Goldenblum, 216 Seiten) heraus. . hatte, wie ich glaube, das vollste Recht dazu, meine Arbeit als „nach Quellen" bearbeitet, zu bezeichnen, da ich bei chrer Abfassung nicht nur die hebräische Littcratur, sondern auch eine Masse mittelalterlicher Chroniken und eine Menge in verschiedenen europäischen Sprachen abgefaßter, sowohl judenfeindlicher als judensreundlicher Werke durchforschte. Dank meinen Beziehungen zu einigen ausländischen Gelehrten, hatte ich die Möglichkeit, seltene Werke, Handschriften und Acten, die auf die von mir zu erörternde Frage Bezug hatten, von. da zu empfangen, und ohne eine Unbescheidenheit zu riskiren, kann ich sagen, daß diese Frage in solcher Vollständigkeit, Gründlichkeit und Allseitigkeit wie von mir noch niemals behandelt worden ist. Nirgends in meinem Buche begegnet man leeren, unbewiesenen Voraussetzungen. Jedes Wort im Texte wird durch unten in den Anmerkungen gedruckte Belege mit genauer Angabe der citkrten Stellen erhärtet; wichtige Stellen werden im Original und mit russischer Uebersetzung versehen angeführt. : Zu meinem tiefsten Schmerze aber mußte ich mich überzeugen, daß meine gewissenhafte, ehrliche Arbeit bei uns in Rußland fast imbeachtet blieb, so daß ein gewisser Herr' Ljutostanski^ im Jahre 1876, im Vorworte zu seinem Werke, dem wir am Schluffe dieses Aufsatzes einige Zeilen widmen wollen, es möglich fand, sich auszudrücken, „daß in der russischen Litteratur des letzten Halbsäculums unsere (Ljutostanski's) Ar-' beit wohl das erste und einzige Muster eines Werkes därbiete, dys die Frage der Verwendung von Christenblut bei den' Juden zu religiösen Zwecken in specieller Weise berücksichtigt." . Dafür wurde diese klägliche Compilation Ljutostanski's, in der fast jedes Wort eine Abgeschmackt eit oder grobe Unwahrheit darstellt, bei uns aber auch überall gelesen und der Autor, wie ich hörte, sogar für seine Hervorbringung belohnt! . . . Einen Vertheidiger der Juden, er mag ehrlich und rechtschaffen sein wie immer, will man nicht hören: seine Worte verhallen wie die Stimme des Rufenden in der Wüste. Dagegen dem verlogensten, gewissenlosesten Ankläger wird von allen Seiten Beifall geklatscht. Das Buch Brafmanns über den- Kagal haben bei uns Alle gelesen, von der gründlichen gewiegten Antwort Scherschefskis aber hat Niemand Etwas gehört. Ein altjüdisch es Sprichwort, dessen Wahrhaftigkeit in vielen Fällen noch in gegenwärtiger Zeit sich bestätigt, sagt: „Wer den. Juden Böses zufügt, kommt zu großen Ehren".. Vor nicht langer Zeit gab ein bedeutender Arzt der Meinung Ausdruck, daß Pest und Typhus hauptsächlich in jenen Gegenden zur Entfaltung kommen, wo ein großer Theil der Bevölkerung auf noch niederer Cultur- und Entwicklungsstufe sich befindet; ich darf wohl hinzüfügen, auch die Beschuldigung, daß die .Juden , Christenblut brauchen, kann nur in solchen Gegenden Wurzel schlagen. Wie bitter auch diese Wahrheit, eine Wahrheit ist sie dennoch. Im Westen werden seit etwa zwei Jahrhunderten ähnliche Beschuldigungen gegen die dortigen Juden nicht mehr erhoben, obzwar sie in Deutschland wenigstens in der Mitte des vorigen Jahrhunderts unseren jetzigen Juden bedeutend an Bildung nachstanden. Im 17. und 18. Jahrhundert wurden solche Beschuldigungen gegen die Juden blos in slavischen Gegenden, hauptsächlich in Polen, wo das Mittelalter bis in diese Jahrhunderte hinein sich fortsetzte, vorgebracht. Zur Ehre der polnischen Könige freilich muß es gesagt werden, daß sie die des Blutrituals beschuldigten Juden stets in ihren Schutz genommen und in ihren diese . Frage betreffenden Edikten häufig als Motive dieser Beschuldigungen Raubsucht und das Verlangen nach Hinäusdrängung der Juden aus den Städten bezeichnet haben. In unserem aufgeklärten Jahrhundert hatdas ethische Erbe des Mittelalters sich zu uns verpflanzt und kein Jahrzent vergeht, ohne daß da oder dort gegen die Juden Beschuldigungen - des Blutgebrauches erhoben werden, Beschuldigungen, welche die Herzen, von denen wir dennoch Patriotismus und Liebe zum gemeinsamen Vaterlande verlangen, mit Eckel und Galle erfüllen. : Und so taucht denn diese Beschuldigung jetzt zur Abwechslung wieder im Kaukasus auf. Wenn auch die Anklage nicht direct den Mord zum Zwecke der Verwendung des Christenblutes angibt, so deutet sie doch genügend .darauf hin, um in allen die vorgefaßte Meinung zu bekräftigen, daß wenn die Juden das Verbrechen thatsächlich begangen haben, die einzige Absicht hierzu die Verwendung des . Christenbluts gewesen sein müsse.