Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 10 (1893)
- Issue
- 21 (26.5.1893)
- Date
- 1893-05-26
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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Nr. 21 Drfirrreichifchr Wochenschrift Seite 401 Theodor Theodorowitsch Sidonski, ferner der Professor für althebräische Sprache an der hiesigen (St. Petersburger) geistlichen Akademie, Wassili Andrejewitsch Lewison und ich. Die ersteren beiden Mitglieder der Commission erklärten, daß sie nur die Sprache der Bibel verstünden, mit der nachbiblischen Litteratur der Juden aber unbekannt und deshalb nicht in der Lage seien, mit der Durchsicht der erwähnten Bücher sich zu befassen. Die beschlagnahmten Bücher, Manuscripte und Schriftstücke sollten daher von Lewison und mir geprüft werden. Die Druckwerke gehörten sämmtlich zu den unter dem Juden allgemein bekannten und allenthalben verbreiteten Ausgaben, wovon die Mehrzahl in Rußland gedruckt und von der russischen Censur gutgeheißen waren. Es bot uns keinerlei Schwierigkeiten, diese Bücher zu revidiren; wir gaben von sämmtlichen eine genaue Uebersicht und specialisirten den Inhalt jedes einzelnen. Die Handschriften bestanden aus einigen, mehreren kaukasischen, unglücklicher Weise handelshalber zu Beginn des Processes nach Saratow gekommenen tmb zugleich mit den Andern in Haft genommenen Juden abgenommenen Blättern. In diesen Blättern waren einige, auf alttestamentliche Personen bezughabende, in hebräisch-persischer Mundart abgefaßte Legenden enthalten. Auch gaben wir von den Schriftstücken eine detaillirte Uebersicht und erklärten den Inhalt jedes einzelnen. Weder, in den bezeichnten Büchern, noch auch in den Handschriften und Schriftstücken fanden wir im geringsten etwas Verdächtiges: (Siehe Beilage I). Ich erlaube mir hier sogleich eine kleine, sehr charakteristische, tragikomische Episode aus der Geschichte der erwähnten Commission mitzutheilen, die als Zengniß dafür gelten kann, wie in ähnlichen, von Vorurtheilen aller Art nicht unberührten Processen vollkommen unschuldige Dinge häufig auf den Grad unwiderleglicher Beweise gegen die Juden emporgehoben werden. Unter den bei den Beschuldigten gefundenen gedruckten Büchern wurde ein kleines, mit Bildern versehenes Büchlein -bernerkt; eines, der Bilder gabn nach allgemeiner Ueberzeugung eine vollkommene Anschauung von der Art der Anwendung von Christenblut bei den Juden. In diesem Bilde fand.man den unzweifelhaften Beweis, daß die Juden in der That Christenblut gebrauchen. Es versteht sich von selbst, daß auf den weiteren Verlaus des Processes die Entdeckung dieses Buches mit dem unglückseligen Bilde Einfluß hatte und zu einem Beweise gegen die Juden diente. Ich sprach damals mit einigen, ziemlich hochstehenden und sehr gebildeten Persönlichkeiten, die vorher dieser. Beschuldigung keinen Glauben geschenkt, als sie aber dann das Bild gesehen hatten, mir ihre innerste Ueberzeugung ausdrückten, daß sie nunmchr den Beweis für die Wahrhaftigkeit der erwähnten Beschuldigung unzweifelhaft erbracht halten. Unter diesem, wie allen anderen Bildern in dem Buche befand sich eine in hebräischen Buchstaben abgefaßte Inschrift, in der man nicht ohne Grund den Schlüssel zur ■ Zeichnung suchte. Der damals in Saratow befindliche Professor Kostomarow, dem der Untersuchungsrichter das Bild vorzeigte, errieth zwar sogleich die wirkliche Bedeutung desselben, war aber nicht im Stande, die darunterstehende Inschrift zu erklären. Offenbar hatten auch die Angeklagten in ihren Aussagen dem Untersuchungsrichter Durnovo die richtige Aufklärung des Bildes gegeben, aber ihren Worten wurde selbstverständlich keine Bedeutung beigelegt, weshalb das Buch an den in der hebräischen Sprache erfahrenen durchlauchtigen Erzbischof von Saratow behufs Aufklärung des Inhaltes und Vorlegung einer Uebersetzung der fatalen Aufschrift übersendet wurde. Der Erzbischof fand, daß in d'em Buche Gebete und Lieder für die beiden ersten Abende des jüdischeu Passahfestes enthalten seien, daß es in Amsterdam gedruckt sei, die fragliche Aufschrift endlich aber nicht entziffert werden könne. In einem für die jüdischen Ostern bestimmten und in Amsterdam gedruckten, dazu noch der Censur ermangelnden Buche ein Bild mit der offenbaren, vollständigen Darstellung der Art und Weise, wie die Juden Christenkinder für ihr Osterfest abtödten, —- dazu noch eine in geheimnißvoller und, wie sie annahmen, Keinem verständlicher Aufschrift!. Ist diese Entdeckung, sagten sie von allen Seiten, nicht der sicherste Beweis dafür, daß die Juden wirklich Christenblut zu ihrer Paffahfeier brauchen? Das Bild hatte in der That einen mächtigen Einfluß auf den Gang des Processes von Saratow, ob auch gleich nach der Entdeckung des Bildes Herr Kostomarow die richtige Erklärung desselben gegeben hatte. Der U..tersuchungsrichter erwarb sich damit die moralische Ueberzeugung von der Strafbarkeit der Juden, die ihn der Möglichkeit eines objectiven Verhaltens zur weiteren Untersuchung beraubte. Die Zeugen gründeten ihre Aussagen aus diese Abbildung, wie aus den Proceßacten klar zu ersehen ist. Rach langen Wanderungen endlich kam das Büchlein mit der geheimnißvollen Illustration nach St. Petersburg und wurde Lewison und mir gezeigt. Ein Blick auf das Bild, und wir konnnten uns des Lachens nicht enthalten. Wir waren verblüfft, wie ein so unschuldiges Tableau, dessen Sinn jeder beliebige Judenjunge sogleich zu treffen vermocht hätte und das wir selber in unserer Kindheit unzählige Male gesehen, wie ein solches Bild als der schwerste Beweis gegen die Juden für ihren Gebrauch von Christenblut dienen konnte. Angesichts der unter dem Bilde in spanischer Sprache, jedoch in hebräischen Lettern glänzenden Aufschrift aber mußten alle Zweifel über dessen Bedeutung durch die im Folgendem gegebenen Aufklärungen in Nichts zerfallen. Das Buch enthielt thatsächlich Gebete für die beiden ersten jüdischen Passahabende. Solchen Büchern werden in der Regel aut den Aufenthalt in und den Auszug aus Egypten bezügliche Abbildungen beigegeben. Bei den Juden cxistirt eine uralte Legende, die bereis der im zweiten Jahrhundert vor Christi Geburt lebende jüdische Schriftsteller Artapanos kannte, von dem eine in griechischer Sprache abgesaßte Geschichte der Juden herrührt, aus der Alexander Polyhistor und durch Vermittlung des Letzteren später der Kirchenvater Eusebius in seinem Werke Präparativ Evangelica ein hierauf bezügliches Fragment entlehnte. Nach dieser Legende wäre Pharao, der furchtbare Peiniger der Juden in Egypten, von den Schmerzen des Aussatzes geplagt gewesen und hätte auf den Rath seiner Aerzte im Blute jüdischer Kinder sich zu baden gepflegt. Das Bild stellt nun eine Abbildung dieser,; allenthalben unter den Juden verbreiteten Legcnde dar. Ein Mann, mit einer Krone aus dem Haupte (Pharao) und mit Flecken , auf dem Körper (dem Zeichen des Aussatzes), sitzt nackt in einer Wanne, um die einige Männer (Egypter) beschäftigt sind: Sie nehmen weinenden Frauen (Hebräerinnen) Kinder weg und tödten diese Unglücklichen über der Wanne, um diese mit deren Blute anzufüllen. Unter dem Bilde stehen in spanischer Aufschrift die Worte: r Pharao, que se lavava in la sangve de los nenos Judios por sanar de la sarna“, was in der Uebersetzung bedeutet: „Pharao, sich badend im Blute jüdischer Kinder, um sich vom Aussatze zu heilen." Der Grund, warum die Aufschrift in spanischer Sprache angebracht wurde, ist sehr einfach. Das Buch wurde in Amsterdam für spanische Juden gedruckt, die bekanntlich die spanische Mundart noch heute reden. Der hebräische Text des Buches war gleichfalls mit einer spanischen Uebersetzung versehen. Ich zeigte die Aufschrift einigen Persönlichkeiten, worunter auch dem gewesenen Minister für Volksaufklärung, A. Norov, dem sowohl das Hebräische wie das Spanische bekannt war. Alle erkannten sofort die wahre Bedeutung des Bildchens. So verwandelte sich eines der gravirendsten Beweisstücke gegen die Juden in eine trügerische Seifenblase. Hätten wir aber damals dieses Bildchen mit der räthselhaften Inschrift nicht gesehen, so wären Alle bei der Ueberzeugung verblieben, daß darin wirklich eine Abbildung der vermutheten Sitte enthalten sei. Nach fünfzig Jahren hätte sich dann irgend ein Historiker berechtigt geglaubt, zu erzählen, daß in einem für die jüdischen Ostern bestimmten, im Jahre 1856 bei den beschuldigten Juden in Saratow gefundenen Gebetbuche eine lithographische, das Ritual der Tödtung von Christenkindern durch die Juden zu ihren Feiertagen darstellende Abbildung entdeckt wurde. (Siehe Beilage II., aus l der ersichtlich ist, daß in der That im Jahre 1856 ähnliche