Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 10 (1893)
- Issue
- 21 (26.5.1893)
- Date
- 1893-05-26
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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Seite 398 Vesteyceichtschr Wochenschrift Nr. 21 Wahr ist vielmehr, daß wenn Personen eine furchtbare Mordanklage erheben und das Geschehniß überdies, in ein fernes Land und einem zweifelhaften Ort verlegen, wofür der Eine dem Andern einen „Vorschuß" von 100 fl. beziehungsweise 200 fl. auszahlt, Jedermann nach der Glaubwürdigkeit dieser beiden würdigen Herren sich erkundigen und deren Vorleben daraufhin einer Prüfung unterziehen wird und muß. _ Es ist unwahr, daß mein Doktorat 7,von manchen Leuten angezweifelt wird."' Indessen ist es mir gleichgiltig, wie es diesem Herrn beliebt, mich zu tituliren. Hochachtungsvoll Dr. Bloch, Reichsraths-Abgeordneter. Dr. David Rvstn. Ein Gruß zu seinem 70. Geburtstag. Bon Prof. Dr. David Kaufmann. In dem eisernen Fonde neuer Institutionen, in denen das Judenthum bei seinem Uebergange aus der Enge dcs Ghettos in die Freiheit der neueren Zeit seine Lebensfähigkeit bekundet und gehoben hat, stehen die Rabbiner-Seminarien obenan. Bald wird der Zeitpunkt gekommen sein, in dem eine zusammenfassende Betrachtung den Verdiensten wird gewidmet werden müssen, welche diese Pflanzstätten jüdischen Lebens und Wissens sich erworben haben. Dann wird wieder einmal in rückwärts gewandtem Gesichte der Geschichtsschreiber der ölten Wahrheit inne werden, wie der Geistlich den Leib erschafft, wie das geschichtliche Leben unserer Gemeinschaft in immer wechselnden Gestalten zum Ausdruck gelangt und wie hier allgemach und un» merklich Centren unserer Lebenskraft und unseres geschichtlichen Fortbestandes sich gebildet haben, die das werthvollste Vermächtniß der Vergangenheit und die fruchtbarste Gewähr der Zukunft in sich enthalten. Wunderbar und einer besonderen Betrachtung würdigest die Förderung, die nebenher in diesen Burgen unseres Glaubens die Wissenschaft des-Judenthums gefunden hat. Immer uoch nicht univerfitätsfähig, immer noch allein unter ihren Schwestern ohne Staatshilfe und ohne schützendes Obdach, hat sie in den Rabbinerschulen Heimstätten für sich erstehen sehen, die der bescheidenen Zeltenbewohnerin gleich Palästen dünken mußten. Ehedem der kargen Muße in Amt und Leben arg mitgenommener Männer anvertraut, verfügt sie da auf einmal über einen Stab von Arbeitern, die von Gemeinschaftswegen in den Stand gesetzt find, willig und freudig ihr das Leben zu widmen. Wenn in dem Wettstreit der Wissenschaften die unsere heute kühn es mtt den übrigen aufnehmen kann, so gebührt das glänzendste Capitel in der Geschichte dieser Bestrebungen und Leistungen der Arbeit, die in den letzten Jahrzehnten von unseren Seminarien Leigestellt wurde. Nur nebenher, sage ich, hat sich dies herausgebildet, wie ein Segen, wie ein Gotteslohn, der sich von selber einstellt, gar nicht in der Absicht oder in der Borhersehung der Stiftenden gelegen. Wie Tbau des Himmels hat sich da auf die Anpflanzungen des praktischen Lebens diese ideale Segnung herabgesenkt; über die ursprüngliche Bestimmung hinauswachsend, hat sich auch da wie so oft in menschlichen Schöpfungen das Werk größer und weiser als der Meister erwiesen, von der unsichtbaren Gnadenhand der Vorsehung geleitet, die oft gegen den Willen der Erbauer im fertigen Bau ihren Pfleglingen das bergende Nest bereitet. - Unwillkürlich hat die Huldigung für einen verehrten Seminar-Lehrer und Meister jüdischer Wissenschaft, dessen siebzigste Geburtstagsfeier der 27. Mai heraufführt, zu diesem Aus- Bruch des Dankgefühles gegen die große Institution der Rabbinerbildungsanstalten uns hingeleitet, deren Aufrichtung heute bereits zu den ständigen Forderungen der Entwicklung und zu den edelsten Aspirationen in der Judenheit der verschiedensten Länder gehört. Bald werden zehn Anstalten in der alten und der neuen Welt von dem unaufhaltsamen Siegeszuge dieser Einrichtung über die ganze Erde verkünden, aber immer wird sich der dankbare Blick des geschichtskundigen Betrachters nach dem stillen Hause in der Wallstraße von Breslau zurückwenden, wo der führende Geist ZachariasFrankel's zum erstenmale eigentlich das Vorbild und das stolzeste Muster dieser Pflanzstätten erschuf. , Kaum ist aber auch der Entwicklungsgang und die Wirksamkeit eines Mannes geeigneter, die Bedeutung der Seminarien in unserer Mitte zu beleuchten, als dies bei Dr. Dav id R 0 s i n der Fall ist, dessen gesegnete Thätigkeit am jüdisch- Iheologischen Seminar, zu Breslau in die Tage zurückleitet, da noch Frankel's Geist persönlich über seiner Schöpfung waltete und die Männer noch ihn umgaben, die mit ihm zugleich bei der Entstehung der Anstalt an ihr zu wirken waren berufen'worden. Rosin ist noch einer der Glücklichen in Deutschland, die durch die reine talmudische Kost Hindurchqegangen sind, bevor sie zu der gemischten unserer modernen Bildung den Weg. gefunden haben,, und die daher in ihrem geistigen Gepräge noch eine Individualität aufweisen. Man mag unsere Zeit darob preisen, daß sie nicht mehr jedem Jüngling unter, uns das Problem stellt, seine Erziehung und Ausbildung in hartem und gefahrvollem Kampfe sich selber zu erringen, man mag den frechen Spott gegen die Fabrikswaare abwehren.der es erspart geblieben ist, die beste Kraft und Zeit in tastenden Versuchen aufzuzehren, aber man wird darum bekennen müssen, daß die beste Vorbereitung für den rabbinischen Beruf nicht bloß, sondern für jüdisches Wissen überhaupt jene für eine Zeitlang ausschließende Beschäftigung der Juden mit dem alten Schriftthum gewesen ist, die Mose M a i m u n i und Salomon Jbn Adret übereinstimmend als jene reine Talmudkost vor der Pflege der anderen Wissenschaften gefordert haben. Aus dem preußisch-schlesischen Städtchen Rosenberg hervorgegangen, das der jüdischen Wissenschaft auch den verdientesten Lexikographen der Targumim und des Talmud, Jacob Lewy, geschenkt hat, als Sohn des from» men und kundigen Gemeindelehrers daselbst geboren, fand Rosin in seiner Heimath und im Elternhause schon Gelegenheit, eine feste Grundlage seiner Bibel- und Talmudkenntniß sich anzueignen. Für die Anfangsgründe einer tüchtigen Schulbildung sorgte die evangelische Schule seiner Vaterstadt. Auf den Talmudschulen zu Myslowitz und zu Kempen, wo der weithin gefeierte R. S i m ch a Rehfisch, ein Meister tiefeindringender Behandlung und lucider Erklärung talmudischer Materien, sein Lehrer war, baute er vom 13. bis zum 18. Lebensjahre auf dem zu Hause bereits sicher gelegten Grunde seine Kenntnisse weiter, so daß es ihm in Prag nachmals ein Leichtes wurde, den Befähigungsnachweis für das rabbinische Lehramt zu erwerben. ' . .... Der Ruf Salomo Jehuda LöwRapopo r.t's, dem er selbst ein Blatt tiefer Pietät und Verehrung in dem. Kranze seiner Centenarfeier gewidmet hat, lockte damals talmudkundige von Wissensdurst getriebene Jünglinge schaarenweise nach Prag. Es war auch eine seltene Vereinigung von mannigfachen Gelegenheiten zur Weckung und Anregung schlummernder Kräfte und Fähigkeiten, die in dem damaligen Prag sich darbot. Stückweise, im Ansatz sozusagen war das vorhanden, was nachmals die Seminarien gesammelt und handlicher gleichsam zu bieten sich anschickten. Zum ersten Male gewissermaßen erscholl da von einer-jüdischen Kanzel tiefster jüdischer Geistesgehalt in der vollendetesten Form, in hinreißender, tadelloser Sprache. Michael Sachs hatte zum ersten Male ein Ideal von dem gezeigt, was die Alten von der Schönheit Jafet's sagten, die in die Zelte Sem's einzieht, ein an griechischen Schönheitsmustern großgezogenes, jüdisches Rednertalent, goldene Früchte in silbernen Schalen, Stimmen vom Jordan und Euphrat in den erlesensten Lauten des deutschen Idioms. - Neben dieser Wirksamkeit aus dem Gotteshause entfaltete Sachs auch durch die Vorlesungen, die er im Kreise von jungen Leuten hielt, eine bildende Thätigkeit. Mehr aber noch als durch sein zündendes Wort und seinen sprühenden Vortrag wirkte diese begnadete Persönlichkeit durch ihren bloßen Umgang, durch bezauberndes Wesen und strömende Mittheilsamkeit. Ros in hatte das Glück, früh von .Sachs erkannt, herangezogen und seines engeren Verkehres gewürdigt zu werden. Der classische Philologe im Predigeramte von Prag war R 0 s i n 's Lehrer im Griechischen und Lateinischen. Daneben.warfen Rapoport's genußreiche Vorträge wahre Saaten von Kritik und Wissenschaftlichkeit in Rosin's aufgeschlossene Seele. Als er nach wenig mehr als zweijährigem Aufenthalte 1644 auf den Rath Sachsens Prag verließ, um auf einem preußischen Gymnasium seine Vorbildung für die Universität zu beschließen, waren seine r ab binischen K e n n t n i s s e bereits ein wohlgeordneter, gleichsam krystallisirter wissenschaftlicher Besitz geworden. . Im Juli 1844 hatte sich Rosin nach Breslau gewendet. Mit Anspannung, aller Kräfte warf er sich jetzt auf die Gymnasialstudien, in denen er so rasche und sichere Fortschritte