Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 10 (1893)
- Issue
- 20 (19.5.1893)
- Date
- 1893-05-19
- Page
- – (sequence 16)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/3020846-3020954-3020974--02431-3026519- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Seite 390 Oefterreichrsche Wochenschrift. Nr. 20 ein Mann, Weib und Kind, die hier warten sollen, bis das Familienhaupt jenseits des großen Oceans den neuen Herd begründet. — Auf einem Tische der Halle hält ein ehemaliger russischer Universitätsstudent eine Rede, von Wenigen gehört und verstanden an deren Schluß aber, als er die Mütze schwingend, den Kaiser von Oesterreich, in dessen Staaten die Fluchtlinge zuerst die gastliche Freiheit fanden, leben läßt, die ganze große Menge in laute Hochrufe ausbricht. — Dazwischen die Bähnbediensteten mit der Fortschaffung des zahllosen Auswanderergepäckes beschäftigt, die Vertreter der Wiener-, Pariser- und Brodyer-Comites, die vielen müssigen Neugierigen aus der Stadt, die edelmüthigen Frauen, welche Lebensmittel und Getränke für die armen Reisenden, Milch und Leckerbissen für die Kinder brachten, Charles Netter mit einem Haufen Banknoten,, um sie mit dem nöthigen Taschengelde zu versorgen, nachdem er Namens der französischen Alliance ihre Reife bis Hamburg, ihre Ueberfahrt bis New-Aork bezahlte und ihnen zuvor Anweisungen auf amerikanische Plätze behändigte, die ihre Existenz für die erste Zeit in der fremden Welt ermöglichen sollten — die Danksagungen, Segnungen und Hochrufe der Beschenkten und die Wünsche der Geber— dieß Alles bot ein Bild, ergreifend, rührend und unverwischbar! Fahret denn hin, Ihr Opfer ungezügelter Roheit und pfäffischer Intoleranz — fahret hin über die Euch von' edler Menschenliebe geebneten Wege, fernen Gestaden zu, wo der Unterschied der Rasse und der Religion noch unbekannt und die Aröeit der Adelsbrief ist. Ein neues Leben mit neuen Verhältnissen erwartet Euch. Ein ferner Welttheil mit kleiner Vergangenheit und großer Gegenwart steigt vor Euch aus den Flulhen des unermeßlichen Weltmeeres auf, öffnet Euch gastfrei seine Städte und bietet Euch seinen jungfräulichen Boden, seine tausendjährigen Wälder, seine , gesegneten Felder, seine thierreichen Forste, seine mineralreichen Schachte und fordert blos die einfache Kraft Eurer Arme. Glück auf denn! Bevor das Jahr sich wendet, werden die geächteten, beraubten, gehetzten Männer Rußlands freie Bürger der amerikanischen Staaten und der Fluch in Segen verwandelt sein! — Roman von S. Kohn. Verfasser von „Gabriel". (I^der unbefugte Nachdruck wird mit aller Strenge verfolgt werden. Uebersctzungs» 7)' rechte Vorbehalten.) Fünftes Kapitel. Einige Stunden später, nachmittags, saß der Kaiser in tiefe Gedanken versunken in seinem Arbeitszimmer. Der Kammerdiener öffnete die Thüre und meldete: „Seine Durchlaucht der Prinz von Savoyen" und dieser trat unmittelbar darauf in das Cabinet. Der Kaiser war offenbar einen Moment unschlüssig, in welcher Weise er den Prinzen empfangen sollte; aber er erlag dem Zauber, den Eugens Persönlichkeit ausübte, er erhob sich, ging deni Prinzen entgegen und reichte ihm die Hand, was als die höchste Auszeichnung betrachtet wurde, denn es war bekannt, daß der Kaiser bei seiner Zusammenkunft mit .König Friedrich Wilhelm von Preußen, in Kladrub in Böhmen, selbstdiesem nicht die Ehre erwies, ihm die Hand zu reichen. „Euer Liebden", sprach er, „Sie haben sich in der heutigen Sitzung gegen die Verbindung unserer Nichte mit Karl Emanuel von Savoyen ausgesprochen. Ich bitte mir Ihre Gründe mitzutheilen." „Ich muß mich gegen diese Verbindung, sowohl als Staatsmann, wie als Mensch aussprechen. Gestatten allerhöchst eSie allergnädigst, daß. ich zunächst meine politischen Gründe Entwickle. Wenn der Präsident des 'spanischen Conferenzrathes, er Erzbischof von Valencia behauptete, Savoyen sei der einzige verläßliche Bundesgenosse Oesterreichs, so hat er die größte politische Unrichtigkeit ausgesprochen. Das Haus Savoyen hat während des spanischen Erbfolgekrieges so zweifellose Beweise seiner Unzuverlässigkeit gegeben, daß kein gewissenhafter Minister zu einem Bündnisse mit dieser Macht zuratheu darf. Es wird mir ewig unvergeßlich bleiben, in welcher entsetzlichen Lage ich mich in Italien befand, als ich stündlich erwarten mußte, den. Hexzvg zum Feinde überg"h7N und mich mit meiner Armee in Feindes Lande zwischen zwei feindlichen- Heeren eingekeilt zu sehen. Daß das verwandtschaftliche Berhältniß,: welches zwischen . Carl Emanuel und dem Hause Habsburg geschaffen, ihm Viesen anhänglich machen würde, ist der . gefährlichste Jrrthnm, dessen sich ein österreichischer Staatsmann schuldig Machen kann. Das Haus Savoyen kennt nur sein eigenes Interesse, verwandtschaftliche Bande halten es nicht fest. Der Herzog von Savoyen befand sich im Kriege mit Frankreich, obwohl er mit dessen Herrscherhause verschwägert war, und ich spreche meine innigste Ueberzeugung aus. Karl Emanuel Würde, wenn dieß' stimm ' Vortheile emspräche, nicht anstehenst gegen den eigenen Vater ' die Waffen zu erheben*).- Savoyen wird unsere Waffengenossenschaft suchen, wenn es derselben bedarf, — auch wenn die beiden - Häuser nicht verschwägert sind — und wird sich, wenn ihm - dieß zum Vortheil gereicht, zu unseren Feinden schlagen, auch wenn des Kaisers Nichte seine hohe Gemahlin wäre. Ein Nutzen ' kann Oesterreich aus dieser Verbindung nie erwachsen, wohl : aber ein Schaden". v „In welcher Weise?" frug der Kaiser. ■> „Euer Majestät haben mit Zustimmung der Stände rn den Erbländern, festzusetzen geruht, daß die sogenannte pragmatische Sanction' eingeführt,- daß wenn allerhöchst Ihnen ein '' männlicher Leibeserbe versagt bliebe, die Krone nacki allerhöchst ■ Dero Ableben auf das Haupt allerhöchst Ihrer Frau Tochter, •; der Erzherzogin Maria Theresia übergehen sollte Für diese Bestimmung wird die^ Zustimmung aller europäischen -Mächte schon ans dem Grunde zu erlangen sein, weil es diesen gleich-- giltig ist, ob die zukünftige Herrscherin Oesterreichs, allerhöchst Dero Tochter oder allerhöchst Dero Nichte ist; — allein, wenn - Carl Emanuel der Gemahl der Erzherzogin Maria Josefa - würde, so würde er ganz gewiß äderen Ansprüche auf allerhöchst - Dero Erbschaft geltend machen, er wäre gewiß der erste, der . die pragmatische Sanction, auch wenn er sie bei allerhöchst / Dero Lebzeiten anerkennen, nach allerhöchst Dero Ableben be-. kämpfen und aufzuheben versuchen würde." Des Kaisers Wangen rötheten sich vor Vergnügen-und er rief: ' - .. „Also ist es Ihr aufrichtiges Bestreben, Prinz-, meinem Kinde''nach meinem Ableben meine Krone zu erhalten'?" * „Sire", sprach Eugen würdevoll „konnten allerhöchst Sie je etwas anderes, konnten allerhöchst Sie meinen Feinden und Verläumdern glauben?" . Der Kaiser erwiderte nicht mit Worten, aber er ergriff des Prinzen Rechte und drückte sie kräftig. „Aber Eurer Liebden" sprach dann der Kaiser nach : kürzer Pause, ,,ba§ wäre ja auch von jedem anderen Gemahle unserer Nichte, der über eine Hausmacht verfügen würde, zu. befürchten, da könnte man sie ja nur an einen der kleinen . deutschen Duodezfürsten verheiratheu." „Nein Sire! Bor Allem halte ich außer den gegenwär-; LigenFamiliengliedern desHauses Savoyen keinen zweiten Fürsten . : Europas für fähig, seine offen vor den Augen der Welt gege-- bene Zustimmung zur pragmatischen Sanction zurückzunehinem Auch schon der Neid der Mächte untereinander würde die Vergrößerung des einen Staates ans Kosten-des Rechtes verhindern. . Man würde keinem Staate gestatten, sich durch, die gesammten . habsburgischen Erblande in riesiger Weise zu vergrößern. Blos Savoyen befände sich in einer anderen Lage. Carl Emanuel wäre so klug nicht alle österreichischen Lande für sich zn prätendiren, er würde nur das Heimfallsrecht auf Mantua, Mailand und unsere italienischen Provinzen, auf die er auch - anderartige Ansprüche erhebt, fordern, diese liegen, wenn ich . mich so ausdrücken darf, in seiner Handweite,, und Spanien sowohl als Frankreich würden eine Schwächung Oesterreichs zm Gunsten des ihnen ungefährlichen Savoyens mit Freuden' begrüßen und dessen ungerechte Ansprüche, wenn es seine Schein-; gründe durch mäßige Compensaüonen verstärken würde, gewiß mit Waffengewalt unterstützen. Der zukünftigen Kaiserin stände. eine Coalition der drei-Mächte: Frankreich. Spanien und Savoyen gegenüber. Ich bin überzeugt-, wenn Carl Emanuel allerhöchst Dero Schwiegerneffe würde, wäre Italien für die zukünftige Kaiserin Maria- Theresia-verloren." Kaiser Carl liebte sein Töchterchen abgöttisch und es war; sein unablässiges - Bestreben ihr die Erbfolge zusichern.Wer für die Zukunft seines Kindrs -sorgtest erschien ihm .als sein-. ") Es war dieß auch, nachdem Victor -Amadäus zw. Gunsten seines'Sohnes abgedaukt und später dieß bereuend')-w!eÄr. -auf den Thron gelangen wollte, in der'THad het.Fall.«kr -;:0 i.: - 0