Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 10 (1893)
- Issue
- 20 (19.5.1893)
- Date
- 1893-05-19
- Page
- – (sequence 15)
- Language
- German
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Nr. 20 Orsterreichifche Wochenschrift Seite 389 . „Was gehen uns Eure Paffe an, rief einer der Grenzwächter, wir fragen Sie nicht nach Pässen, aber nach Tabak, Zigarren, Zigaretten, Schnupftabak!" - * * * Von allen Seiten, auf Schienen und ungebahnten Wegen, einzeln, in Familien, Gruppen und Gemeinden, mit Mitteln ausgerüstet/ oder bettelnd, strömten unfreiwillige Auswanderer aus dem russischen Reiche, wo ein aufgehetzter Pöbel gesetz-und fessellos ungestraft sich an den Juden vergriff, ihre Wohnungen demolirte, ihre'Läden pli'mver'te, ihre Weiber schändete, ihre Gotteshäuser entweihte, ohne daß die Behörden eingriffen und die Gerichte die Verbrechen ahndeten. In Kiew, Elisabetgrad, Winica, Charkow, Odessa, Woloczyska war Blut geflossen und viel Eigenthum vernichtet worden. Noch unsicherer als in den Städten, wurde die Existenz der Juden auf dem flachen Lande und so floh Alles, was mußte und konnte über die Grenze, um Leben und die Reste des zerschellten Vermögens zu retten. Der Hilferuf der Unglücklichen . wiederhallte in ganz Europa, und Paris war die erste Stadt, französisches Geld die erste Gabe, durch welche ihnen Hilfe wurde. Wien, Berlin, Hamburg, Breslau, Amsterdam, London folgten dem Beispiele der französischen Hauptstadt; überall bildeten sich Hilfseomites, überall flössen reichliche Gaben und die Barone Rothschild und Hirsch spendeten mit vollen Händen aus ihren Schätzen für die verarmten, verfolgten Brüder, die ihr Elend in die Fremde trugen. Ein Mann von bewährtem Rufe auf humanitärem Gebiete, der sich auf dem heiligen Boden Jaffa's durch Schulen und Plantationen ein unvergängliches Monument gesetzt, Charles Netter, der seitdem in Palästinas geweihter Erde eine ewige Ruhestätte gefunden, kam mit reichen Mitteln ausgerüstet als Delegirter der Alliance Israelite universelle nach Brody, um hier die wildv fluchende Jmigration in eine geregelte systematische Emigration zu bringen, die gesunden, arbeitsfähigen Elemente, für welche die neue- Welt Brot und Zukunft hoffen ließ, herauszuheben und die verbrauchten Kräfte zurückzulasien. Er ließ zum Thecke die Männer vorangehen, um sich das Brot zu suchen und die Wohnstätte v örzubereiten, für die zurückgebliebenen Familien sorgend. Er brachte Ordnung in das Chaos und errichtete drei selbstständig arbeitende, sich ergänzendeBureauxvon denen das eine die eintreffenden Flüchtlinge registrirte, das zweite sie verpflegte, das dritte expedirte. Die Expedition leitete Netter selbst mit einem Scharfblick, einer Umsicht, einer Geduld und Unverdroffenheit ohne Gleichen. Unzugänglich jedem Einflüße, unerbittlich, wo er die Aussichtslosigkeit der Individuen im fremden Wclttheile eine Existenz zu finden, erkannte, das Beste anstrebend und das Gute thuend, ging der edle Mann mit aller Strenge bei der Assentirung der Leute vor, die sich für die Auswanderung nach Amerika meldeten. Wie viele tragische und komische Scenen spielten sich da ab, wie viele Bande wurden da gelöst und geknüpft, indem Ehen getrennt und geschlossen wurden, Frauen zurückblieben und Bräute folgten, Kinder zurückgelassen wurden und Eltern vorangingen, die Jugend mobil - gemacht und das Alter in Brody internirt wurde! In erster Linie waren es kräftige Handwerker und Ackersleute, die Netter zur Auswanderung nach Amerika auf Kosten der Alliance in Paris annahm. Er bediente sich eines Dolmetsches, obschon er selbst als Elsässer etwas Deutsch verstand, das deutsch-jüdische Patois der russischen Juden aber nur zum geringsten Theile verstehen konnte. Interessant war die Art seines Vorgehens. '„Wie heißen Sie? Wie alt? Woher? Haben Sie Familie? Haben Sie bei der Judenverfolgung in Rußland gelitten? Als diese Fragen beantwortet und die Antworten documentirt wurden, ließ er sich die Familie vorführen. „Verstehen Sie ein Handwerk? Welches?" „Ich bin Kupferschmied." „Haben Sie Atteste?" „Meine Papiere sind wie meine ganze Habe in Rußland vernichtet worden". „So. gehen Sie zu einem Kupferschmied, arbeiten Sie achb Tage, bringen Sie Ihre Arbeit und ein Zeugniß des Meisters, ob Sie selbst es gemacht haben." „Was -sind Sie?" „Ein Ackerbauer." „Zeigen Sie mir die Hände." Netter besah die Fläche der rechten Hand. „Sie laben keine-Schwielen, Sie haben nie gearbeitet. Gehen Sie." „Und was sind Sie?" „Ein — gar nichts." „Ein Garuichts? Ein schöner Stand! Sie verstehen also nichts? Wovon haben Sie in Rußland gelebt?" „Ich habe Knaben im Hecbräischen unterrichtet." „Um in Amerika unterrichten zu können müßten Sie englisch verstehen." „Pah, wenn man hebräisch versteht, lernt man englisch in drei Tagen." „Nun denn, -erwiderte Netter mit vollstem Ernst, gehen Sie nach Hause, lieber Freund, lernen Sie fleißig, kommen Sie übermorgen wieder, dann sprechen wir englisch und Sie reisen nach Amerika." Und zu einem jungen Mädchen gewendet, das in der Menge wartete, bis der Mann, der das Schicksal all' dieser Menschen in seinen Händen hielt, sie ansprechen würde, frug er es nach seinem Stande. Es verstand ihn nicht. „Sind Sie Nätherin?" „Nein." „Sind Sie Schneiderin oder Marchande des Modes?“ „Nein." „Was sind Sie denn? „Braut." „Das ist kein Erwerb. Zuerst müssen Sie. heiraten und wenn Ihr Mann arbeits- und erwerbsfähig ist, dann werden wir Sie nach Amerika schicken." — Ein robuster Mann in mittleren Jahren, braun, kräftig, unternehmend, trat jetzt vor. Ein Schlosser von Profession, hatte er die für die Einwanderung nach Amerika erforderliche Qualification. „Sind Sie verheiratet?" „Ja." „Haben Sie Kinder?" „Keine." „Also eine Iran." „Und Schwieger utter und Schwägerin." „Oho! Elne Frau können Sie ernähren, aber nicht drei". „Meine Frau will nicht ohne Mutter und Schwester reisen." „Das geht nicht —" „Meine Frau ist einverstanden, daß ich allein reise, wenn ich sie scheide. Hier ist sie?" „Ist es so?" frug Netter die Frau, eine noch junge, hübsche Person. „Ja. Sehen Sie, edler Herr, Kinder haben wir nicht: mein Mann war mir fremd, als ich ihn geheiratet und wird mir fremd werden, wenn wir geschieden sind, wogegen die Mutter meine Mutter u. die Schwester meine Schwester ist. Einen Mann kann ich bekommen,eineMntter nicht. Wir Frauen kehr n nach Rußland zurück und werden uns schon durchhelfen und wenn ich nicht daheim, mein Mann nicht in Amerika heiraten, wenn es ihm dort so gut geht, daß er uns erhalten könnte, dann kann er schreiben, daß wir hinkommen und wir nehmen Einander wieder zur Ehe." — „Wohl. Aber von was werdet Ihr in Rußland leben?" „Wir? O, das macht uns keine Sorge! Meine Mutter ist geprüfte Hebamme, ich bin Zuckerbäckerin und meine Schwester Damenschneidern!." „Aber das hättet Ihr gleich sagen sollen! lachte der französische Delegat, so ist ja Jede von Euch erwerbsfähig und dem Manne eher eine Hilfe, als eine Last. Euch schicke ich Alle miisammt nach Amerika!" Jubel in Israel! Vielgestaltig, reich an Episoden, Interesse, rührenden und lächerlichen Zügen, an Egoismus und Entsagung spann sich jede Expedition ab und eigenartig waren die Auswandererzüge im Bahnhofe zu sehen! Welch' ein buntes Gemisch, welches Getöse, Gewirre, Geschrei, Rennen, Rufen, Weinen und Jubeln! — Hier eine ganze Familie, glücklich, zusammen geblieben und gut ausgerüstet worden zu sein, sogar eine ruffische christliche Amme, die sich vom Säugling nicht trennen wollte, folgt ihr in den fernen Welttheil. Dort greise Eltern, die von den fortziehenden Söhnen Abschied nehmen, für das ganze Leben und hier, ohne Liebe und Stütze Zurückbleiben, in Schmerz und Sehnsucht. Da herzt