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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1893-05-19 · 20 (19.5.1893) · page 14

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
10 (1893)
Issue
20 (19.5.1893)
Date
1893-05-19
Page
– (sequence 14)
Language
German
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Sette 388 Veflrrreichischr Wochenschrift Nr. 20 - seiner Kaste nicht angelegt. Was besonders ernst und schmerzlich ist, daß man es wagt, Frauen und Rabbiner anzugreifen, welche bisher, die einen wegen ihrer Schwäche, die andern wegen ihres religiösen Charactcrs respectirt worden waren. Wehe der israelitischen Frau> die ein wichtiges Geschäft auf die Straße zu gehen zivingt. Alsbald stürzen herzlose Männer über sie her, reißen ihr den Schleier in Stücke, der nach orientalischer Sitte, die gesirteten Frauen von den liederlichen Mädchen unterscheidet. Man will sie zwingen, sich auf öffentlicher Straße unverschleiert zu zeigen Und sie dadurch aus die Stufe der unsitilichen Frauen herabziehen; man sucht sie den Beschimpfungen einer cynisch siechen Menge auszusetzeu. Ihr Schicksal ist, wie man sieht, unerträglich. Ich werde mich nicht damit aufhalten, Ihnen hier Namen nnd Zahl der vielen Opfer dieses neuen Inquisitors anfzüzählen, denn dieser wilde Priester hat sich auch in den Kopf gesetzt, daß er durch Gewalt die Juden dazu bringen würde, den muselmännischen Glauben anzunehmen. Weitere Unruhen werden aus dem Süden Persiens gemeldet In Iezd und Chiraz vornehmlich sollen mehrere Juden infolge eines Volksaufstandes, über den man sich noch nicht ganz klar ist, umgebracht worden sein. Wiederum hat sich das Central-Comits an den französischen Minister in Teheran gewendet, um seine Verwendung zu Gunsten der Juden in Hmnadan nachzusuchen. Er hat auch eine Abschrift der obenstehenden Mittheilungen an den -Minister des Acußern in Paris abgehen lassen mit der Bitte, dem Vertreter Frankreichs in Persien das Gesuch der Alliance zu Gunsten der unglücklichen Israeliten zu Hamadan ans Herz zu legen. _ Eine Emigration LrZahlung aus der jüngsten Vergangenheit von Leo Hrrxberg-Fränkel. - -(Schluß.) Lautlos still und tief ergriffen lauschte die schwer geprüfte Gemeinde. Es gab keinen Hörer der anders dachte. Aus verschiedenen Theilen Rußlands kamen von Tag zu Tag Hiobs- Posten über Judenverfolgungen, Plünderungen und Maffacres. - In verschiedenen Orten rüsteten die gemißhandelten und um ihre Zukunst erschrockenen Juden zur Auswanderung. Agenten und Journale verbreiteten die lockendsten Nachrichten über die Vorbereitungen, welche die „Alliance israelite universelle" im Vereine mit Comites, die sich in Wien, Berlin, Breslau, Hamburg, Amsterdam, Paris, London und New-Iork bildeten, treffen um die jüdischen Flüchtlinge in der neuen Welt anzusiedeln, wo sie Land, Häuser, Stallungen, Vieh und Ackerwerkzeuge, die Erfordernisse der Reise und die Bedürfnisse der ersten Zeit bis zur eigenen Ernte erhalten und wo sie frei von Abgaben an Steuern und Recruten, als freie Bürger im freien Staate, ihrer Arbeit und ihrer Religion leben können. Zuerst leises Murmeln, dann lautere Besprechungen in rasch gebildeten Gruppen und zuletzt geräuschvolle Zustimmung. „Wir gehen! Wir gehen! Die Hauser waren verwüstet, die Möbels zertrümmert, die Waare geraubt, Kleider und Wäsche zerstückt, die Geräthe zerbrochen — nichts blieb den armen Leuten, als ihre Todten zu begraben und zu gehen! Es war ein Auszug wie aus. Mizraim, doch nicht beutebeladen; die Flüchtigen trugen blos einige armselige Habe, die der Raubsucht entging. Kleider und Wäsche in Eile zusammengerafft, Mcffinggeräthe, hier und da ein Stückchen Silber, ein Kopfpolster, eine Bibel, ein Handwerkzeug, alles kunterbunt in einem Leinluche oder Sack — das war's, was den armen Leuten geblieben und das sie nun fortschleppten, viel leichter, als ihr Elend. Da sah man Weiber, in Fetzen oder eleganter Kleidung, mit Kindern auf dem Arm, an der Hand, oder an den Kleiderschößen hängend; kleine Bündel auf dem Rücken, das Haar zerzaust und aufgelöst, oder unter einem rasch überworfenen Tuche verborgen, die Augen furchtsam, die Blicke unstet und suchend. Die Männer finster und schweigend, keuchend unter den Resten ihres vernichteten Wohlstandes, die oft kaum für den Bedarf der nächsten Tage Beruhigung boten. Welchen Werth hatte dieser ganze Plunder in diesem Zustande, in diesen Händen, in dieser unbekannten Fremde, in die sie hinauspilgerten, auf Nimmerwiedersehen? Die Kinder allein scherzten und lachten; ihre Spielzeuge sind ihnen geblieben und für die schwere Lage ihrer Eltern hatten sie keinen Sinn, es kümmerte sie weder der nächste Morgen, noch die verlorene Heimat, weder das, was war, noch das, was kommt; ohne Bedauern, ohne Furcht und ohne Hoffnung genossen sie die Freude einer gemeinsamen, bunten Wanderung in die weite Ferne, über Wiesen und durch Wälder, im unbeschränkten Raume, auf unbestimmte Zeit, immer Neuem, immer Unbekanntem entgegen! Hier und da, an den gebrochenen Fenstern, erschien eine Gestalt; sehr alt, oder sehr krank schleppte sie sich an's Fenster, um hinunter und nachzublicken; dasH'erz voll Weihe, die Augen voll Thränen, Krankheit oder Alter machten es unmöglich,'den . Ihren zu folgen, die nicht bleiben konnten und mochten, blos der fencyte Bl ck konnte sie begleiten, die für ewig schieden. „Gott, ist gerecht! Gott hat gegeben und'Gott hat genommen!" jammerte es, wie beim Tode lieben Lebens. Undwar es auch nicht der Tod, der die Häuser und die Gassen'verödete, so war cs ein Unglück von zermalmender Schwere, das Alles nahm und nichts zurücklicß als Jammer und Trauer und' Elend! - ' - . < Fort ging es aus der aufgewühlten Stadt, über die staubige Straße, gefolgt vom Hohngeschrei und den Stein- Würfen des Pöbels, gesengt von der heißen Mittagssonne und niedergebeugt von der Last geretteter Armseligkeiten; bis der Wald die müden Wanderer aufnahm und unter seinem grünen Dache ihnen die erste gastliche Ruhe gönnte. Welch' ein Bild entrollte sich in seinem Schatten, welch' sonderbares Leben breitete sich auf seinem Moose aus! Die Familien sonderten sich in Gruppen, in ihrerMitte die Männer finster und schweigend, zuweilen betend, die Weiber seufzend und die Kinder weinend, lachend, lärmend, springend, unbewußt des Elends und des Kampfes. Die eilig mitgenommenen Osterbrode gebackene Scherben und. Wasser aus einer nahen Zisterne, bildeten das Mal nach einem langen,. unfreiwilligen Fasten, die einzige karge Nahrung auf dem weiten, beschwerlichen Wege. Und weiter ging's dann, nach schwachen Spuren, durch den dunkeln schweigenden Wald, zögernd, zagend und aufhorchend, seinem Ausgang zu, bis die schwarzen Schatten einer mondlosen Nacht die Gegend verhüllten, den Weg bedeckten und die müden Wanderer zur Rast auf kaltem, feuchtem Nasen und den dürren Blättern, welche der Herbst von den Bäumen geschüttelt hatte und der späte Winter noch unter seiner Schneedecke verwahrte, zwangen. Kaum war der Morgen im Osten erwacht, noch rieb sich der westliche Himmel die schlaftrunkenen Augen, als rauhe Stimmen^ die Schläfer weckten und wie ein Allarmsignal auf einem Kampfplätze die zur kurzen Rast hingelagerten Soldaten, die armen; Flüchtlinge aufschrcckten. Es waren zwei Kosaken, die im Grenzwalde patrouillirten und auf das Menschenlager und die bunten Bündel stießen. Schreckgelähmt standen die Männer da, umdrängt von den Weibern und heulenden Kindern. - „Pässe!" riefen die mit schweren Schleppsäbeln bewaffneten, im Gürtel mit Revolvern versehenen Soldaten, von ihren kleinen Pferden herab, den vielschwänzigen Kautschuck schwingend. Ein junger, intelligent aussehender Mann näherte sich ihnen und sagte mit vollster Ruhe: „Der Gouverneur wollte nicht sür jeden Einzelnen einem eigenen Paß ausstellen und da gab er uns Einen für Alle, giltig für das Ausland." Und der junge Mensch entfaltete vor den beiden Kosaken einen, mit einer Stempelmarke versehenen, mit dem Adler und mehreren Stampiglien bedruckten Frachtbrief einer russischen Bahn, auf den er einen Dreirubelschein hinlegte. „Dieser gilt für Alle", sagte er mit vollster Sicherheit. Die Kosaken steckten die Köpfe in das Papier, ließen, als ob sie lesen könnten, die Augen über die Zeilen gleiten, steckten die Note ein und gaben den Frachtbrief zurück. „Charoschs", sagten sie, „Charoschs, Ihr könnt weiter gehen". — Noch eine Weile, ein Stück Weges am Waldesrand und vor den Wanderern lag die Grenzmarke beider Reiche; der schmale Graben und die farbigen Pfähle hier und dort. Ein ebenes, im Glanze der Morgensonne ruhendes Land, in der Ferne die Metalldächer und Kirchenthürme Brody's blickten ihnen entgegen. Da machte sie ein abermaliger Ruf starr vor Schrecken. Oesterreichische Grenzwächter traten ihnen mit einem „Halt!" entgegen/ Der junge Mann, der vor etwa einer Stunde die russischen Kosaken so leicht mystificirte; wußte, daß dies Manöver den österreichischen Zollsöldaten gegenüber nicht angehen werde; er trat vor und sagte kleinlaut: „Wir haben keine Päffe, wir flüchten uns."

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