Mannheim
Compact Memory

Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1893-05-19 · 20 (19.5.1893) · page 9

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
10 (1893)
Issue
20 (19.5.1893)
Date
1893-05-19
Page
– (sequence 9)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/3020846-3020954-3020974--02424-3026512
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Str. 20 Oestrrrrützisrtze WortzrnfrhrM Seüe 383 nun Herr Robby erwiderte, er hätte überhaupt nicht mit ihm, sondern mit seinem Freunde Sander gesprochen, schlug ihm Herr Leuß, der überhaupt an jenem „Abend" m sehr kriegerischer Stimmung gewesen zu sein scheint— er hatte kurz vor seinem Auftreten im Cafe Sander im Künstlerverein, als dessen Gast er eingeführt war, einem Mitgliedes weil dieses mit ihm nicht an einem Strang ziehen wollte, mit- Ohrfeigen gedroht und war infolge dessen etwas sehr Plötzlich zum Verlassen jener Gesellschaft genöthigt worden—, mit der geballten Faust in's .Gesicht. Diesmal war aber die antisemitische Heldenkühnheit an die unrichtige Adresse oder besser an den richtigen Mann gekommen. Denn Herr Robby, der während seiner längeren Anwesenheit in England u. A. auch mit der edlen Kunst des Boxens bekannt geworden war, boxte ihn nach allen Regeln der Kunst zu Boden, so daß Herr Leuß genöthigt war, das Closet des Locals aufzusuchen, um dort mit der reinigenden Kraft des Wassers die etwas allzu deutlichen Spuren des allerdings nicht ganz commentmäßigen Zweikampfes aus seinem Gesicht zu entfernen. Er hatte zu diesem Zwecke bereits Hut und Rock abgelegt, als er Plötzlich die Schritte seines furchtbaren Gegners vernahm, der in der nämlichen Absicht, um seine Fäuste zu säubern, jenem Ort sich näherte. Ihn erblicken und in der Befürchtung, eine neue verbesserte Auflage jenes Faustkampfes zu erleben — unter Zurücklassung von Hut und Rock durch ein Closetfenster zu entfliehen, war für unseren antisemitischen „Urgermanen" eins. Allerdings, dies Bild: der antisemitische Held, wahrscheinlich zukünftiger Reichstagscandidat im Wahlkreise Minden-Lübbecke und Genosse Ahlwardt's im bloßen Kopf und in Hemdärmeln durch ein Closetfenster, das muß ein eigenthümlicher Anblick gewesen sein. Herr Leuß kehrte nochmals in das Local zurück und bedauerte, daß er an diesem Abend seine Waffe nicht bei sich gehabt habe. Diese Aeußerung führte zu seiner abermaligen sofortigen Entfernung. Köln, 22. April. Antisemitische Exceffe schlimmster Art waren bekanntlich aus Anlaß des Buschhoff-Processes im Sommer v. I. im Kreise Grevenbroich vorgekommen. Als Haupturheber und Mitbetheiligte an diesen wüsten Krawallen waren am 10. September .fünf Einwohner von Gindors in Gefängnißstrafen von 2 und 4 ^odjen genommen worden. Gegen dieses Urtheil hatten sowohl Amtsanwalt wie Gerurtheilte Berufung eingelegt, und in diesen Tagen gelangte die Sache vor der Strafkammer zur Verhandlung. Da eine umfangreiche Beweisaufnahme die Schuld der in erster Instanz Verurteilten außer Zweifel stellte, wurde deren Berufung nicht allein verworfen, sondern das Strafausmaß erheblich verschärft, indem Gefängnißstrafen von 2 bis 4'/r Monaten festgesetzt wurden. Rendsburg, 10. Mai. Der berüchtigte Antisemit Doctor Danneil aus Bielefeld hielt, wie das „Rendsb. Wochenbl." berichtet, gestern hier einen Vortrag für 30 Psg. Entree. Den anwesenden Socialdemokraten gelang es, vor Eröffnung des Vortrages, trotz lebhaften Widerspruchs des Herrn Dr. Danneil, eine Bureauwahl zu Stande zu bringen und trat, nachdem die Discuffion eröffnet, auch zunächst ein Socialdemokrat, Herr Klüß aus Kiel, gegen Herrn Dr. Danneil mit großer Beredsamkeit in die Schranken. Er wies treffend und scharf nach, daß die ganze 1V-- ständige Rede des Dr. Danneil aus nichts anderem bestände, als aus einer ganzen Reihe zusammengewürfelter Phrasen (wie erzählt wurde, hielt Dr. Danneil dieselbe Rede gestern zum 168. Male). Am stürmischsten wurde die überaus zahlreiche Bersammlung, als nach Beendigung der Rede des Herrn Klüß, Herr Stich den Vorschlag machte, daß Herr Dr. Danneil, als früherer Geistlicher und daher bester Vertreter der Nächstenliebe auf sein eingenommenes Entreegeld zu Gunsten der Armen Rendsburgs verzichte. 30 Psg. wäre sein Bortrag ohnehin nicht werth. Nun kam Herr Dr. Danneil in die Beine. Unter wüthendem Protest erklärte er den Saal verlassen zu wollen und sich unter den Schutz der Polizei zu begeben. Letzterer wurde ihm durch den anwesenden Polizeicommissär natürlich gewährt, und er unter Schutz-Assistenz von Polizisten nach seinem Hotel geleitet, während der Herr Commissär die Caffe mit dem Inhalt von ca. 64 M, mit Beschlag belegte, nachdem die Versammlung zunächst obigem Vorschlag zugestimmt hatte. Späterhin wurde der Beschluß aufgehoben und dafür dem Anträge zugestimmt, das Geld Herrn Dr. Danneil zu, belassen, jedoch mit dem ausdrücklichen Zusatze, daß sein Vortrag nach Ansicht der Versammlung das Geld nicht werth sei. Nachdem noch Herr Reichstags-Abgeordneter Lorenzen gesprochen, ergriff schließlich der Rabbiner Herr Dr. Stern aus Kiel das Wort, welcher in gründlicher und sachlicher Weise den Standpunkt des Judenthums beleuchtete gegenüber dem Antisemitismus. Aus Grund gewissenhafter Darlegungen brachte derselbe endlich über Herrn Doctor Danneil Dinge zur Sprache, aus welche wir hier weiter einzugehen verzichten. Der Antisemitismus hat hier ausgespielt. Sollte sich wieder ein Hetzer für 30 Psg. Entree hören lassen wollen, so möge er sich gesagt sein lassen, daß diese Narrheit hier in Rendsburg nur in einzelnen Köpfen ihr Wesen treibt, in Personen, die nicht ernst genommen werden. Die Stellungnahme der Versammlung zum Antisemitismus äußerte sich in einstimmiger Annahme folgender Resolution des Herrn Dr. Stern: „Die am Dienstag, 0. Mai 1893, in der Tonhalle zu Rendsburg Versammelten haben den Vortrag des Geschäftsantisemiten Dr. Danneil aus Bielefeld mit steigender Entrüstung angehört. Sie weisen den Antisemitisnius als eine aller Cultur Hohn sprechende Verletzung zurück und brandmarken ihn als eine Schmach des Jahrhunderts." St. Petersburg, im Mai. Die antisemitische „Peters-- burger Ztg " ist genöthigt, Folgendes zu schreiben: Unserem Libauer Handel steht allem Anschein nach ein schwerer Schlag bevor, denn, wie es heißt, sollen etwa zwei Drittel der hier ansäßigen Hebräer im Laufe des Jahres Liebau verlassen müssen. Auf den jüdischen Püffen sind einstweilen bereits die bezüglichen Vermerke gemacht worden, doch liegt eine officielle Verfügung in dieser Angelegenheit in der „Kurl. Gouv.-Ztg.* noch nicht vor. Hoffentlich werden die Ausweisungen nicht so plötzlich und einschneidend gehandhabt werden. So unangenehme Concurrenten die Juden vielfach auch sind, so haben sie sich doch, in unserem Handel meist in rühriger und umsichtiger Weise bethätigt und wenn heute ein paar hundert jüdischeCommissionäre Liebau verlassen müssen, so kann man mit Bestimmtheit daraus rechnen, daß sie alle schon wenige Tage später in Königsberg sitzen und die Fäden ihrer mannigfaltigen Beziehungen dorthin zu dirigiren suchen, wobei ihnen der in Aussicht stehende russisch-deutsche Handelsvertrag die besten Dienste leisten dürfte. Kommt der Vertrag nicht zu Stande, dann kann Königsberg uns freilich nicht viel Einbuße zufügen, aber immerhin werden unzählige Verbindungen gerissen sein, die sich nur allmählich wieder zusammenknüpfen lassen. , Petersburg. Ein Brief des Bildhauers Antokolski Der russische Antisemitismus zeichnet sich bekanntlich gegen jenen im westlichen Europa durch besondere Grausamkeit und Brutalität aus. Das Märtyrium der russischen Juden seit dem letzten Jahrzehnt ist nur zu bekannt und bietet den lebenden Commentar der „großen" Action, welche Regierung und Volk des heiligen Zarenreiches mit unmenschlicher Härte gegen die unglücklichen Opfer des Glaubenshasses noch immer fortführen. Vor dem brutalen russischen Antisemitismus finden auch Künstler ersten Ranges keine Gnade, wenn der Zufall sie als Juden zur Welt kommen ließ. Das mußte auch der berühmte Bildhauer Antokolski, der größte jetzt lebende Meister der russischen Bildhauerkunst, erfahren. Antokolsky, der von jüdischen Eltern stammt, wurde von der antisemitischen Presse in Rußland, an deren Spitze die „Nowoje Wremja" marschirt, seit jeher in unwürdigster Weise als Künstler herabgesetzt und verleumdet. Das verleidete ihm den Aufenthalt in Rußland und er verließ, obwohl ihn der Zar selbst seines Wohlwollens versicherte, Petersburg, um sein Atelier in Paris auszuschlagen. Auch dorthin folgte ihm der Haß der russischen Antisemiten, die nicht müde wurden, ihn, der seine Kunst ausschließlich der Verherrlichung russischer Helden widmete, und seine künstlerische Bedeutung in den Koth zu zerren. Antokolski richtet nun ein Schreiben an die Petersburger „Nowosti", in welchem er zunächst dem kunstfreundlichen russischen Publicum für die ihm bewiesenen Sympathien dankt und weiters schmerzerfüllt nach der Ursache fragt, die ihm der Haß gewisser Hetzer brachte. „Die erste Person", schreibt Antokolski. „die mir bei meinen Anfängen die Hand reichte, war ein Russe. Meine Mitschüler und Freunde aus der Academie waren Russen. Eine Russin rettete mir das Leben und ihr verdanke ich meinen Namen. Ließen es mich diese lieben Menschen etwa fühlen, daß ich Jude bin? Niemals! Wir waren Alle von einem Gedanken beseelt und hatten das gleiche Ziel: das Vaterland zu lieben und in ihm die Gefühle für Edles und Großes wachzuhalten". 25 Jahre sind seit jener Zeit verstrichen und heute, welcher Umschwung, welche Enttäuschung: Statt der Einigkeit — die Zwietracht; statt des Friedens —

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.