Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 10 (1893)
- Issue
- 20 (19.5.1893)
- Date
- 1893-05-19
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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Nr. 20 Oeflerreichische WochenfüpM Seite 381 Zeit mit den Juden? Hier ein Sittenbild von Pfarrer Deckert's Glaubensgenoffen: Wien. (Vom Erfinder der Luftvilla.). Der hochwürdige Pfarrer von Weinhaus Herr Dr. Deckert, der Er» finder der . famosen Luftvilla und Bertheidiger des „Blutmärchens" von Ostrowo, Gouvernement Lublin, (Ruffisch-Polen),, beschäftigt sich,, wie wir von vertrauenswürdiger Seite erfahren, auch:? mit seriöseren Erfindungen oder vielmehr mit der Verbesserung und Berwerthung einer seriösen Erfindung eines Anderen.. Die wenigen Stunden, die dem hochwürdigen Herrn seine Berufsgrschäste einerseits und andererseits seine unter der Leitung des d ehrenwerthen Herrn Paulus Meyer betriebenen Talmudstudien übrig lassen, beschäftigt er sich nämlich mit der Verbesserung dar Erfindung eines gewissen Herrn Kretschmann. Es ist dies eine automatische Eisenbahnwoggon-Koppelung, welcher der hochwürdige Herr seine Thätigkeit widmet. Mit welchem Erfolg,, wagen wir nicht zu entscheiden. Wir können nur noch mittheilen, daß Dr. Deckert es verstanden hat, ein Confortium kleinerer und größerer Capitalisteu für seine Erfinoung zu interessirem Das Modell desselben liegt derzeit bei dem Inhaber eines technischen Bureaus, einem Ingenieur, der zufällig dev Sohn eines. Mannes ist, den die Gesinnungsgenossen des Herrn- Dr. Deckert mit unversöhnlichem Haß anfeinden ob .seines Mannesmuthes, nämlich, im technischen Bureau des Ingenieurs Herrn Otto- Freiherrn v. Czedik. eines Sohnes des ehemaligen Präsidenten der Staatsbahnen, Freiherrn Alois v. Czedik. Bisher "ist es Herrn Dr. Deckert nicht gelungen, eine Erprobung seiner Erfindung auf Staatskosten durchzusetzen, weder in- Oesterreich noch in Frankreich, wo ein Vertreter Dr. Deckert's sich in Paris die Sache sehr angelegen sein ließ. Baß dieser Vertreter des hochwürdigen Herrn Dr. Deckert, des Freundes und Gönners eines Paulus Meyer, ein — Jude ist, kann doch nicht Wundernehmen, derselbe ist natürlich ein „Israelit" und kein „fanatischer Jude" und folglich auch nicht für die „rituellen Morde" verantwortlich zu machen, wenn er nur die Erfindung Dr. Deckert's erfolgreich vertritt. Im Interesse des hochwürdigen Herrn, Pfarrers hoffen wir, daß die Eisenbahnkoppelung eine solidere Erfindung ist, als die der Luftvilla .und des Ostrower Blutmärchens. Jedenfalls' ist die Vielseitigkeit des hochwürdigen Erfinders, der Luftvilla bewundernswerth. Wie«. (Wieder eine antisemitische Malversatiorr bei einer Krankenkasse-) In Mödling herrscht wie man. uns von dort berichtet eine ganz ungewöhnliche Aufergung. Gegen zwei dort bekannte und hervorragende Einwohner, den Stadtapotheker Heinrich Meyer und den praktischen Arzt Dr- Armin Pollak, Letzterer ein hervorragender Agitator der antisemitischen Partei, der Bruder eines bekannten und vielgenannten antisemitischen Wiener Tuch- Händlers,- wurde im Aufträge der Allgemeinen Arbeiter- und Unterstützungskaffe für Niederösterreich durch deren Rechtsanwälte beim Wiener Landesgerichte die Strafanzeige wegen seit längerer Zeit gemeinschaftlich begangenen Unregelmäßigkeiten erstattet, durch welche dem. bezeichneten Institute ein zur Zeit noch nicht bestinlmbarer, jedoch jedenfalls mehrere Tausende von Gulden betragender Schade zugefügt worden sein soll. Nach der sehr präcisen Anzeige soll Dr. Armin Pollak seit Jahr und Tag fingirte, gar nicht zu verwendende Recepte ausgestellt haben> welche sodann derStadtapotheker Heinrich Meyer jedesmal bei der dortigen Ortsgruppe der Allgemeinen Arbeiterkrankenkassein Rechnung gebracht und auch ausbezahlt erhalten haben soll. Wiien. (Ohne Juden geht'S.nicht.)Das„Deutsche Bolksblatt" kann seine Spalten nicht, ausschließlich mit den Scandalen und Lumpereien füllen, welche die Antisemiten im deutschen Reichstag, im niederösterreichischen Landtag, im Wiener Gemeinderath rc. begehen.. Um der Gefahr der Eintönigkeit, welche ihm aus der Verarbeitung dieses reichlich zuströmenden Stoffes, erwächst, zu entgehen, streut es in jede Nummer eine oder, die andere Notiz ein, in welcher irgend ein namenloser Jude als'Ausbund aller Schlechtigkeit, hingestellt wird, das gibt dann immer einen Pendant zu den Tugenden und Heldenthaten eines. Ahlwardt, Schneider, rc. Zuweilen fehlt es. freilich an der nöthigen-Erfindungsgabe für eine solche Notiz. In. diesem Falle Hilst sich derfindige Vergant einfach damit, daß er aus einer älteren Nummer eine derartige Mordgeschichte wieder abdruckt. So finden sich.-in der,-Mittwoch-Nummer des „Deutschen Volkse blatt" zwei. Notizen: „Jüdische Frechheit" und „Ein jüdischer. Mislling", deneu. wir schon zum so und syvielten. Male, begegnet sind. Eine dritte Notiz trägt die beliebte Ueberschrist: „Jüdische Schmutzpresse". Aber die Juden putzen Herrn Vergant nicht blos seinen localen Theil ans, sie müssen ihm auch sein Feuilleton originell und interessant gestalten. In derselben Mittwoch-Nummer findet sich ein Feuilleton: „DieNaturheilmethode und ihre Stellung zur Medizin", aus der Feder des orthodoxen Juden Dr. Med. Simon Scherbe! in Liffä. Das Feuilleton ist Original, d. h. speciell für das „Deutsche Volks-. blatt" geschrieben, denn es liegt an seiner Spitze der Vermerk: „Nachdruck verboten" — ohne Juden geht's eben auch im „Deutschen Bolksblatt" nicht.. 1. Lochen, 21. Juni 1892. Josef Hock, Bauerngutsbesitzer aus Lochen bei Ried (Ober.-Oest.) vergiftete Vater und. Mutter, Tob durch den Strang. 2. Graz, 22. Juni 1892. Anton Pax, ermordete-den» Franz Haiting und seinen Sohn, Tod durch den Strang. 3. I n n s b r u ck, 23. Juni 1892. Meuchelmord, des Georg Sch a l k, Tod durch, den Strang. 4. Troppau, 29. Juni 1892. Der 19jährige Wilhelm Haberl ermordete die beiden Sohne des Laß aus Lichten» werden. 5. Zagorscha, 2. Juli 1892. Josef Klima, Bürger meister und Grundbesitzer in Zagorscha bei Wieliezka, ermordete seinen Vater. 6. St. Pölten, 11. Juli 1892. Michael Schagerl aus Frankenfeld ermordete seine Geliebte. 7. Graz, 16. Juli 1892. Der Tischler Schebiwy ermordete eine Tabaktrafikantin. 8. 8. August 1892. Grundbesitzer Josef Tänzer und Herr Sohn ermordeten Frau und Mutter und warfen sie in den Brunnen. 9. Troppau, 15. Juli 1892. Josef Prostatoka ermordete die 57jährige Johanna S z o t e k und warf sie in cen Brunnen. 10. Kagran, 30. Juni 1892. Johann Siemeth wurde von seinem Freunde Leopold Ehrig erstochen. Das Papier ist viel zu klein alle noch in meiner Notiz, verzeichneten Vater-, Mutter- und Geschwistermörder zu verzeichnen. Es entsteht nun die Frage an diesen braven. Gottesmann Dr. Deckert, ob er nur eine solche Frevelthat nachzuweisen im Stande ist, die ein Jude begangen hätte. Ich hoffe daß Dr. Deckert auch weiter das Gewünschte, wie er so gerne möchte, nicht finden wird. Achtungsvoll Ein Leser ihres Blattes. Wien. Wilhelm Marr, der bekannte antisemitische Schriftsteller, hat kürzlich der Antisemitenpartei Balet gesagt. Nun: konnte natürlich die antisemitische Entdeckung nicht ausbleibeu, daß Marr Jude sei. Das behauptet denn auch die „Wests. Resorm". Sie sagt, daß Marr zwei Jüdinnen zu Frauen gehabt habe und auch, selbst „judenblütig gemischt" sei. Marr hat in. der That zwei Jüdinnen zu Frauen gehabt. (Bon der zweiter ist er seit Jahren geschieden.) Warum verschwieg denn die antisemitische Presse diese Thatsache, so lange Marr in ihren Reihen focht? Die zweite Frau ist doch nicht erst später Jüdin geworden. Ueberhaupt sollten die Antisemiten in der Betonung der Judenfrage als Rassensrage vorsichtiger sein. Einige ihrer- Autoritäten sind Juden, wie Brimann unb Paulus Meyer und» die Kinder des österreichischen Antisemitenhäuptlings Schönerer sind Urenkel des Schmul Leb Kohn! . . . Ach! Wien. (Arisch-antisemitischer Geschäftsgeists) Am 10. d. M. nahm bekanntlich der dritte Wahlkörper des IX. Bezirkes die Wahl eines Bezirksausschusses vor, bei welcher der antisemitische Candidat den Sieg davontrug.. Am Tagenach der Wahl kam nun, wie uns mitgetheilt wird, der in der Wipplingerstraße Nr. 45 etablirte Holz- und Kohlenhändler. Herr Johann Maul zu dem Einspänner-Standplatz gegenüber der Börse und äußerte sich zu einem der Comfortable-Kutfcher, in welchem er einen Gesinnungsgenoffen vermuthete, mit folgenden Worten: „Aber gestern haben wir die Juden gehaut! Die Juden wollten den Vogel wählen, aber wir haben sie geschlagen, wir haben um 200 Stimmen mehr gehabt! Wiffen's, da hiev darf ich nix reden, weil ich ja lauter Judenkunden habe." Thatsächlich wird uns bestättgt, daß. Herr Maul-fast ausschließlich. von Juden lebt und er speciell. einem jüdischen Mobel- I Händler zu danken hat, daß er sich überhaupt etabliren konnte.