Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 10 (1893)
- Issue
- Heft 19 (12.5.1893)
- Date
- 1893-05-12
- Page
- – (sequence 15)
- Language
- German
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Orsterreichifitze WochenfchrM Seite 369 Nr. 19 Wer sich losreißen will von einem sterilen Boden, wer den Muth hat, neu zu beginnen und seine übriggebliebenen Kräfte unter einem fernen, von der Sonne der Freiheit hell erleuchteten Himmelsstriche zu versuchen, der folge mir! „Seht, ich bin alt und stehe an der Neige des Lebens; für mich gibt es nur'noch einen Abend und für meine Hoffnungen nur enge Grenzen, aber nicht Einen Tag länger mag ich in einem Lande leben, wo aus dem Bette, iu das sich Abends der Wohlstand niederlegte, Morgens die Armuth steigt, weil ein trunkener Junge ungestraft seine Hand nach unserer schwer erworbenen Habe ausstrecken und der gehetzte Mob sich in unseren .Besitz theilen darf, wie ehemals die Piraten, auf ödem Meere, oder die Araber in der herrenlosen Wüste! „Gehen wir Alle, auch Jene, die alt und erwerblos! Die Noth kittet uns zusammen und die Solidarität Ist unser einziges Heil. . Wir werden von Einem Brode brechen, von Einem Brünnen schöpfen, wie wir zu einem Gotte beten und auf einen Messias hoffen! - (Fortsetzung folgt.) Fürstengunst. Roman von S. Kohn. Verfasser von „Gabriel". (Jeder unbefugte Nachdruck wird mit aller Strenge verfolgt werden. Uebersetzungs» 6) rechte Vorbehalten.) Viertes Kapitel. Kaiser Karl VI. hatte, trotzdem er durch den Rastatter Frieden alle Ansprüche an Spanien verloren, doch für alle Länder, die früher unter spanischem Scepter gestanden — mit Ausnahme der Niederlande — eine eigene Regierungsbehörde, den spanischen Conferenzrath geschaffen. Der Präsident derselben war Folch y Cordova, der Erzbischof von Valencia, während an der Spitze des deutschen Conferenzrath es Prinz Eugen stand. Die beiden Körperschaften verkehrten in der Regel nicht miteinander, jede berieth für sich in dem Palais ihres Präsidenten. ' ' Es konnte daher nur ein Gegenstand von größtem Wichtigkeit und allgemeinstem Interesse sein, zu dessen Berathung sich die Mitglieder beider Körperschaften zu einer Coüferenz, die unter dem Vorsitze des Kaisers abgehalten werden sollte, in einem Saale der Wiener Hofburg zusammenfanden. Von den Mitgliedern des deutschen Conferenzrathes waren anwesend: Prinz Eugen, Fürst Leopold Trautfon, der erste geheime Rath Fürst Liechtenstein, der österreichische Hofkanzler Graf Seilern, der Hofkammerpräsident Graf Starhemberg, der Reichspräsident Graf Windischgrätz und der oberste Kanzler in Böhmen Graf Schlick. — Von den Mitgliedern des spanischen Rathes: Der Erzbischof von Valencia, Marchese Erundaz, Marchese Rialp und Graf Rochus Stella. Genau zehn Minuten, nachdem sich alle Vorgenannten versammelt hatten, wurden die Flügelthüren geöffnet und der Kaiser betrat den Saal. Karl VI., damals vierunddreißig Jahre alt, war mittlerer Größe, er besaß ein langes Gesicht, große Augen und eine hervortretende Lippe. Er trug eine große Allongeperrücke, ein Wams von Seidenbrocat, dessen Kragen und Aermel mit reicher Stickerei versehen waren. Seine aufrechte Haltung, sein stolz erhobenes Haupt und die Starrheit seiner Züge, die sich nur bewegten, wenn er in Auftegung gerieth, verliehen seiner Erscheinung etwas JmponirendeS, Majestätisches. Bei des Kaisers Eintritt verbeugten sich alle Anwesenden tief, was der Kaiser mit einem leichten Kopfnicken erwiderte. Er schritt langsam der Mitte des Saales zu, wo sich ein langer, mit einer grünen Decke belegter Tisch befand, an dessen oberen Ende ein vergoldeter Thronstuhl stand. Bevor er sich auf diesem niederließ, wandte er sich gemessen an den Prinzen nnd sprach. i „Euer Liebden, ich freue mich, Sie nach den Strapazen Ihres siegreichen Feldzuges so wohl aussehend zu finden", dann nahm er seinen Platz ein und lud die Anwesenden durch eine Handbewegung ein, seinem Beispiele zu folgen. Der Prinz setzte sich rechts,, der Erzbischof links neben dem Kaiser, die deutschen Minister nahmen nach Rang und Dienstalter die Stühle neben dem Prinzen, die Spanier jene neben dem Erzbischof ein. Der Kaiser begann: „Die Angelegenheit, um derenwillen wir Sie zu einer gemeinschaftlichen Berathung berufen, ist eigentlich eine Familienangelegenheit unseres Hauses; allein die Interessen unserer -Staaten, zu deren Regierung wir durch die Gnade Gottes berufen find, sind so innig an jene unseres Hauses geknüpft und wir hegen die Absicht, bei Allem was wir unternehmen, der Pflichten unseres hohen und heiligen Herrscheramtes eingedenk zu sein und bei allen unseren Unternehmungen für die Wohlfahrt unseres Reiches für den Ruhm und die Zukunft. Oesterreichs zu sorgen. König Victor Amadäus von Sardinien hat sich in geeigneter Weise erkundigen lassen, wie wir eine Werbung seines ältesten Sohnes, Karl Emänuel, um die Hand unserer vielgeliebten Nichte, der Erzherzogin Maria Josefa, der Tochter unseres vielgeliebten Bruders und Vorgängers, weiland Seiner Majestät Kaiser Josef des Ersten aufnehmen würden. Wir wünschen Ihre Ansicht darüber zu hören, ob sie diese Verbindung für die Frau Erzherzogin und auch für das Staatswohl ersprießlich halten." Der Monarch forderte in den seltenen Fällen einer gemeinschaftlichen Berathung der beiden Körperschaften, die Mitglieder derselben stets namentlich zur Abgabe ihrer Meinung auf und ertheilte hiebei ausnahmslos dem Prinzen das erste Wort. Man hatte dieß auch heute erwartet, aber da es unterblieb, war den Worten des Kaisers eine lange Pause gefolgt. In dem ungewöhnlichen Benehmen des Kaisers lag unverkennbare Absichtlichkeit. Endlich warf er einen fragenden Blick auf den Erzbischof und dieser begann: „Euere apostolische Majestät, allerguädigster Herr und Kaiser! Ich halte es für meine heiligste Pflicht, meine innigste Ueberzeugung dahin auszusprechen, daß jeder treue Minister des glorreichen Hauses Habsburg, jeder treue Diener Euerer Majestät, jeder treue Bekenner des katholischen Glaubens, ein Ehebündniß, welches Oesterreich und Savoyen, zwei katholische Mächte noch enger aneinander knüpft, mit Jubel begrüßen wird, und ich erkenne es dankbar als eine Fügung Gottes an, daß Er — in seiner unendlichen Gnadenfülle — den Gedanken in des Sardenköurgs Herz gelegt hat, für seinen Sohn und Nachfolger um die Hand der Nichte, des höchsten Herrn der Christenheit, des deutschen Kaisers Karl VI, den Gott lange erhalten möge, zu werben. — Die Ehe der beiden jungen, höchsten Herrschaften, wird, es läßt sich dieß mit Gewißheit Voraussagen — eine glückliche, von dem Herrn gesegnete werden. Bei der von Gott eingesetzten heiligen Institution der Ehe" — der hohe Prälat schien einen leichten Hustenreiz zu verspüren, denn er mußte sich ein klein wenig räuspern und fuhr dann unwillkührlich etwas leiser und rascher fort — „sollte, wenn dem nicht etwa höhere Zwecke entgegenstehen, die gegenseitige Neigung der Personen, welche die Ehe eingehen, berücksichtigt werden; und es kann wohl nicht dem geringsten Zweifel unterliegen, daß die durchlauchtigste Frau Erzherzogin Maria Josefa, welche der gütige Schöpfer mit großer Schönheit und Anmuth begabte, bei dem sardinischen Kronprinzen das Gefühl wahrer Liebe erweckt habe; und da es leider außer dem Deutschen Kaiser auf der ganzen Welt nur fünf Träger katholischer Königskronen: die Herrscher von Frankreich,Spanien, Sardinien, Portugal und Polen gibt, so können selbst unsere Erzherzoginen nur in den seltensten Fällen einen Königsthron besteigen und es ist daher mit vollster Gewißheit anzunehmen, daß die trotz ihrer Jugend doch schon sehr kluge Frau Erzherzogin, die huldvolle Fürsorge allerhöchst ihres kaiserlichen Oheims dankbarst anerkennen und mit zufriedenem Herzen einem erlauchten Gatten die Hand reichen wird, der einst einen Königsthron mit ihr theilen wird." „Diese Verbindung," fuhr der Erzbischof fort, „erscheint aber auch vom Standpunkte der Staatsraison außerordentlich vortheilhaft für Oesterreich. Die Weltgeschichte lehrt uns und die Begebnisse der letzten Decennien bestätigen dies neuerdings, daß jeder Staat, auch der mächtigste, gezwungen ist, Alliancen zu schließen; allein ein unverläßlicher Verbündeter kann unter Umständen noch gefährlicher als ein offener Feind werden. Wenn ich auf die letzten Jahrzehnte zurückblicke, muß ich es mit tiefem Bedauern aussprechen, daß wir, Sg/oyen ausgenommen, mit keiner Macht in dauernde Bundesfreundschaft treten können. Frankreich ist ein Erbfeind des deutschen Reiches und läßt es bei keiner Gelegenheit unversucht, ein Stück deutschen Laubes an sich zu reißen. Spanien hat zwar vor einigen Jahren Frieden mit uns geschlossen, aber es wird es nie verwinden können,