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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1893-05-12 · Heft 19 (12.5.1893) · page 14

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
10 (1893)
Issue
Heft 19 (12.5.1893)
Date
1893-05-12
Page
– (sequence 14)
Language
German
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Gerte 868 VefleMLMxtfrtze MMtzrnjupM ocr. IS Blitz rrnd der strömende Regen losbrachen, um die Bäume zu fällen und'die Stämme zu sprengen. Dann brach der Sturm los. Die Wuth des gehetzten, betrunkenen, raubgierigen Pöbels .platzte mit. einer Vehemenz hervor, die keine Hindernisse und keine Fessel, kennt; weder die Schranken des Gesetzes, noch die Gefühle der Humanität, weder die Rücksicht auf schuldloses Leben, noch Schonung fremden Gutes; eine Vehemenz, die Alles zertritt, Alles vernichtet, und. mehr zerstört als raubt. Es ist die ^Bestialität des Tigers und die Feigheit der Hyäne gegenüber wehrlosen Opfern. Jedes Instrument, bloße Stöcke, ja, bloße Fäuste wurden benützt, uw starke Thüren zu zwingen und eiserne Läden aus ihren Haken zu reißen. Jedem Versuche.folgte ein Geheul und jedem Erfolge ein Jubelgeschrei, von dem die Häuser erbebten. Fast nicht Ein Haus, nicht Ein Waarenlager widerstand den wüthenden Angriffen der Menge; es klirrten die Scheiben, es krachten die Thüren, es flogen die Maaren auf die Gaffe, auf die Häupter der Menge -und lausend Hände streckten sich dem Raube entgegen, der aus den erbrochenen Läden hinausflog und in die dunkle'Gasse. Stoffe aller Art in Baum- und Schafwolle, in Seide und Sammt; Spezerei- und Eßwaaren, Cigarren und Cigaretten,'Uhren und Bilder, Gegenstände in Silber, Meffing und Stahl, selbst in Glas und Porzellan, Süßigkeiten und Flüssigkeiten; dazwischen Wolken weißer Bettsedern aus aufgetrennten Pölitern, Liqueur- und Weinflaschen, Stiefel und Schuhe, die sich aus der Gemeinschaft der Paare schieden, Männer- und Frauenkleider. Es war ein Hexensabbath! Schwere Gegenstände verwundeten oft die unglücklichen Empfänger, scharfe Flüffigkeiten brannten oft die gierigen Augen und um werthvolare Beute wurden zwischen den Räubern blutige Schlachten geschlagen, daß sie, wie die Beraubten wehklagten. Der Verwüstung der Hausgeräthe folgte die Plünderung der Waarenlager und dieser die Schädigung der unglücklichen Eigner. Gegenüber der wuthentbrannten Menge verkrochen sich die Bewohner des von ihr überflutheten Jndenviertels in die dunkelsten Winkel, der Häuser und der Act der Zerstörung ging vor sich ohne Störung und Widerstand. Was konnten auch die armen, wehrlosen, von der Uebermacht erdrückten Menschen, die um ihre Familien besorgten Väter, die von ihren Kindern umringten Frauen angesichts dieser bestialischen Wuth dieser schrankenlosen Zerstörung und Verheerung beginnen? Zitternd, wie die Lämmer unter der Scheere, kauerten die kleinen Häuflein in entlegenen Ecken, weinend, betend, bittend und des Schicksals gewärtig, das sie zermalmen sollte. Und als es nichts mehr znm rauben gab, als die Läden leer, die Häuser verwüstet, die Fenster ohne Scheiben und die Gaffen voll Trümmer waren, da. ging es über die armen Frauen und Mädchen her, deren sich die Rohheit bemächtigte. Jetzt aber wich die Angst von den eingeschüchterten Männern! Sie sahen die Früchte ihres lebenslangen Fleißes, ihrer unermüdlichen Arbeit von Räuberhand vernichten; sie sahen ihren Wohlstand mit Füßen treten, ihre Wohnungen vollständig zerstören und hoben nicht die Hand, das Eigenthum zu schützen, weil ihnen das Leben näher ging, als der Besitz. Als es aber die Familie galt, als die rohe Horde an das Thenerste griff und die Keuschheit der Frauen besudelte, da schnellten selbst greise Männer auf und nahmen den ungleichen Kampf mit den wilden Horden aus; da ballten sich zitternde Hände und suchten nach irgend einer Angriffswaffe. Der Angstruf der Frauen, der Wuthschrei der Männer, das Weinen der Kinder vermischten sich mit dem Geheule des trunkenen Raubgesindels, das unter dem Schutze der Nacht, im Taumel der Leidenschaft über alle Schranken ■ menschlicher Gesittung und Satzung hinwegeilte und Alles zerstörte, was ihm unter die Füße kam. Immer weiter wurde das Gebiet der Zerstörung, immer zahlreicher wurden die Opfer der Volkswuth, die unbekannte Hetzer fachten, und in den Straßen, in deü Häusern lagen mißhandelte und stöhnende Frauen, zerquetschte Kinder, verwundete und todte Männer und als nach einer wüsten Nacht langsam und zaghaft die ersten blaffen Sonnenstrahlen aufstiegen, beleuchteten sie einen weiten Schauplatz des Elends, scheußlicher und ergreifender als das leichenbesäete Schlachtfeld, weil hier Bestien zerstörten und würgten, dort " aber. Männer kämpfen! Was die Polizei nicht vermochte, das bewirkte der kaum geborne Tag; die Menge der Angreifer, schlich langsam, beutebeladen durch alle Ausgänge davon und blos jene blieben zurück, die der Uebergenuß der geraubten Getränke in einen bleiernen Schlaf senkte und wie todt mitten unter den Trümmern und der Verwüstung lagen. Nun traten sie hinaus, die unglücklichen Bewohner der verwüsteten Gassen, um das Unglück in seiner ganzen Ausdehnung zu überblicken. - Wie viele unter ihnen sind über Nacht Bettler geworden, wie viele beweinen ihre Todten oder bejammern ihre Verwundeten! . Jetzt, als die Sonne, voll aufgestiegen und die Gräuelstätte beleuchtete, rückten einige Soldaten unter Trommelschlag heran, den Eingang der geplünderten Straßen zum Schutze der Ruinen und zur Beruhigung, der Verarmten und Verwundeten besetzend! - - An der Spitze einiger Kosaken erschien nun auch der Polizeimeister; er war sichtlich verstört. „Ich konnte nichts thun", sprach er zu den ihn umringenden Männern - und Frauen, „meine- Polizei ist zu schwach und der General verweigerte mir die Nacht hindurch die Truppen. Ich telegraphirte an den Gouverneur und blieb ohne Antwort. Es wird noch viel gehetzt und zusammengerottet. Die Stimmung ist schlecht und aus den Dörfern ziehen Bauern . heran, um Beute zu machen. Ich fürchte die nächsten Stunden und -kann nichts thun." „Was sollen wir machen? Was sollen wir machen?" „Fortgehen. Geht fort! Die Mönche Hetzen gegen Euch. Jene, die noch nicht geplündert, wollen Beute machen. Die sie gemacht, wollen mehr und ich kann Euch nicht schützen. Mehr darf ich Euch nicht sagen. — Ist der Schaden groß?" „Sehr groß. Es ist das meiste geraubt, der Rest vernichtet. Es kann nur noch an unser Leben gehen." „Es wird daran gehen; erwiderte der brave Beamte, besonders wenn die Leute nichts finden, das sie sonst nehmen können". Der Polizeimeister ritt langsam davon, von seinen Leuten gefolgt, durch die traurigen, von Trümmern bedeckten Gassen und hinter ihm blieb eine bestürzte Menge räthlos zurück, sich um einen Mann schaarend, der sie alle überragte und mit den schneeweißen Kopf- und Barthaar, dem ruhigen blassen Gesichte und dem tiefen, von buschigen Brauen überwölbten Augen eine : imposante Erscheinung war. , „Ihr fyabt gehört, sagte er gemessen, Ihr habt es gehört von einem Manne, der uns wohl will, daß er uns nicht schützen könne. Die Stimmung aber scheint uns oben so feindlich zu sein, wie die Stimmung unten. Was wir besaßen, ist vernichtet. Frauen sind geschändet, Männer ermordet und keine Hand erhebt sich für uns, um uns zu schützen und zu rächen. Es zieht ein feindseliger Geist durch das Land, man beschimpft unsere Frauen und Töchter, man greift uns unbestraft an, man jagt uns aus den Pachtungen, die wir bezahlten, aus den Häusern, die wir mietheten; man bezahlt nicht, was wir borgten. Gesetz und Recht verbergen sich vor uns, wenn wir sie anrufen; wir sind vogelfrei und unser Eigenthum herrenlos. Was wir gestern erwarben, ist heute fremder Leute Beute geworden, und was wir morgen erarbeiten, gehört übermorgen der Uebermacht. Der Raub hat sich gegen uns einen Freibrief genommen: Wir ziehen schwer am Pfluge, wir säen in blutigem Schweiße,, harren lange und bange der. keimenden Saaten, aber die Ernte ist selten unser; wie eben jetzt, geht ein Sturm darüber und bläst Alles weg, was unsere Gegenwart und die Zukunft unserer Kinder war! — Auf dem weiten Rund der Erde. wird sich irgendwo ein Plätzchen finden, wo wir ruhig, unangefochten von dem Neide und der Bosheit leben können. Menschen, die an Entbehrungen gewöhnt, an das Leben bescheidene Anforderungen stellen, die arbeiten und sparen,' finden überall eine Scholle Erde, die sie bebauen, ein Handwerk, das sie uusüben, eine Speculation, in die sie eingehen können und Gott ist am Ende dort, wie hier. Dieselbe Sonne, die heute über diese Verwüstung aufging, leuchtet in Amerika glücklichem Menschen. Die Sterne, die gestern auf unfern Jammer blickten, sehen uns vielleicht drüben als freie und frohe Bürger, fleißig im Erwerb und sicher im Besitze. Wir lassen hier nichts zurück, als Gräber, wir nehmen nichts mit, als Erinnerungen So leicht an Bedauern und Habe griff noch kein Volk zum Wanderstabe, wie wir es thun würden, um der Heimat, die uns ausstößt, dem Lande, das uns : ächtet, den' Menschen, die uns zertreten, den schwergebeugten Rücken zu kehren. Gehen wir!

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