Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 10 (1893)
- Issue
- Heft 19 (12.5.1893)
- Date
- 1893-05-12
- Page
- – (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/3020846-3020954-3020972-3020973--02405-3026492- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Nr. 19 OckterreirtztsLhe WortzenschrM Seite 365 verantwortlich gemacht werden, und dennoch will der Herr aus Eggenburg glauben machen, daß Eltern, die gegen eine ihren Verhältnissen entsprechende Steuer Himmel und Erde in Bewegung setzen. Man war gezwungen an die Güte der löblichen Allianz zu appelliren und die gewährte Subvention ist gewiß nicht dazu da, um solch' problematische Rechte zu wahren. — Der gute Mann,, dem es nur darum zu thun sein soll, durch Besprechung der Sache das jüdische Bewußtsein „jener Eltern" zu wecken, möge sich trösten. Die Zustände in der Cultusgemeinde Horn werden sicher nicht mehr so im Argen liegen, wenn man aufhören wird den pflichttreuen viele Zeit und Mühe aufwendenden Vorstand zu verunglimpfen. Leopold Mandl. Prag, 4. Mai. Zur hundertjährigen Gedenkfeier des berühmten Öberrabbiners Ezechiel Landau (1754—1793) am 17. Jjar veranlaßte die hiesige Beerdigungsbrüderschaft eine Gedenkfeier in der Altneusynagoge zu begehen. Daß sich zu dieser Feier die Elite der Prager jüdischen Gesellschaft eingesunden hatte, darunter auch Männer, welche sonst mit einem Fuße außerhalb des Judenthumes stehen, gibt ein beredtes Zeugnis von der Pietät, die man heute nach 100 Jahren noch seinem Andenken entgegenbringt. Die Feier selbst verlief in schlichter erhabener Einfachheit, ohne den bei solchen Gelegenheiten oft angewendeten Prunk. Nach Verrichtung des Minchagebetes bestieg der gegenwärtige Prager Oberrabiner Ehrwürden Dr. N. Ehrenfeld die improvisirte Kanzel, um von derselben Stätte herab, von welcher Ezechiel Landau so oft seine mächtige Stimme zur Belehrung und Ermahnung ertönen ließ, auf das Wirken dieses Heros zurückzugreifen, das Prag von Einst mit dem von Jetzt verglich, und in eindrucksvoller, das Gemüth mächtig bewegender Rede, die Rückkehr zu Gott und zu seiner heiligen Lehre aufforderte. Die tief empfundenen, vom Herzen kommenden Worte haben ihren Eindruck auf die Hörer auch nicht verfehlt. Kein Auge blieb trocken. Am nächsten Morgen versammelte sich eine stattliche Gemeinde von Verehrern am alten Friedhofe in der Nähe des Grabes des Gefeierten. Vorerst betrat wieder der Oberrabiner Ehrenfeld die Kanzel. Wurde am Vorabende das Wirken des Lebenden gefeiert, so nahm heute der Redner seinen Ausgangspunkt vom Hinscheiden des Gelehrten und besprach dessen Fortleben in seinen Werken. Im imposanten Zuge bewegten sich nun die Gäste nach der Meisterrede zum Grabe Ezechiel Landau's, um unter Vorantritt des gesammten Vorstandes der Brüderschaft, das von dessen Obmanne Herrn David Lieben eigens für diesen Zweck verfaßte hebräische Gebet in herzerhebender Weise vorzutragen. Mit Bertheilung von namhaften Spenden endete diese herrliche Feier. Lissa a. d. Elbe, 8. Mai 1893. Die Vorgänge in Kolin, Benatek und verschiedenen kleineren Orten, welche die Betroffenen mit Schrecken und jeden anständigen Menschen mit Abscheu erfüllten, haben zur Genüge bewiesen, wie begründet die in meinem Berichte (welchen Sie bereits in Nr. 52 am 23. December veröffentlichten) ausgesprochenen Befürchtungen waren. — In der Tagespresse wurde die Sache so dargestellt, als wären die Unruhen in Benatek ein Nachspiel jener in Kolin, während factisch ersterem Orte die Priorität gehört, denn dort nahmen die Stänkereien bald nach dem am 3. November v. I. erfolgten Verschwinden der bei dem Steueramtsadjuncten Sofarz bedienstet gewesenen Josefa Urban ihren Anfang und dauern fast ungeschwächt noch fort. — Nun, es gehörte gerade keine Sehergabe dazu, um zu erkennen, was da kommen müsse. Seit Jahren wird eine allen Rechtsgesetz- und Moralbegriffen hohnsprechende Agitation gegen uns geführt, gegen bte_ wir keinen ausreichenden Schutz finden, ja nicht einmal recht suchen, was Wunder also, daß man das Schlimmste von uns glaubt und daher auch glaubt, uns das Schlimmste ungestraft authun zu können. — Wir haben es ja nicht gut, selbst wenn wir es am besten haben. „Was verstehen Sie unter Antisemitismus?" fragt der Richter den Zeugen. „Antisemitismus ist das, wenn man den Juden mehr haßt als nöthig ist! — Nun, wir haben uns den Antisemitismus in der Nähe angesehen und müßten mit dem Dichter ausrufen: „Das Schrecklichste der Schrecken, das ist der Mensch in seinem Wahn". — Dinge, die der Geschichte, der Religion, der Vernunft, ja selbst dem Naturgesetz widersprechen, kurz Alles noch .so absurd, glauben die Leute, nur die Wahrheit nicht. Es nützt auch nicht viel mit fanatisirten Leuten zu raisoniren. Gelingt es auch eine dumme Lüge zu widerlegen, schnell sind sie mit einer noch dümmern zur Hand. „Nun ja, wir glauben schon, daß sie kein Blut zu den Mazzes brauchen. aber, manche Familien müssen sich damit waschen, damit sie nicht stinken; oder aber, die brauchen es als Schönheitsmittel". Solche und ähnliche Einwendungen bekömmt man zu hören. Erst wurde den Leuten Etwas eingeredet und jetzt gestalten sie es selber weiter aus. Selbst die elastische Dienstmagd, die sonst mit philosophischer Ruhe die Warnungen ihrer Verwandten angehört und bei der Schilderung der angeblichen Procedur tapfer lachte, auch sie wird sceptisch und unruhig. „Wie. kannst auch Du solche Dinge glauben?!" — „Ich habe es früher nicht geglaubt, aber jetzt wo es Jeder sagt und mich ängstigt, jetzt denke ich, es könnte doch Etwas daran sein". — „So! Nun, wenn Du Dich fürchtest und fortgchen willst, so steht Dir Nichts im Wege, aber recht handelst Du nicht. Du bist anderthalb Jahre im Hause und stets wie zur Familie gehörig behandelt worden". — „Das gebe ich zu". — „Hast Du hier je was Unrechtes gesehen, oder gehört?" — „Nein". — „D', was vor Dir liegt, ist Brod; Du weißt es, denn Du hast davon gegessen. Wie, wenn nun Jemand behauptete, es sei ein Stein, würdest Du ihm glauben? Und wenn hundert Leute es sagen, wird es darum wahr fern? — Angenommen, Jemand würde Dich, vor/mir, des Diebstahls beschuldigen, so würde ich erwiderwr^Das kann ich von dem Mädchen nicht glauben, sie war stets ehrlich. Wie denn erst, wenn behauptet würde. Du hättest eine bestimmte Sache gestohlen, welche gar nicht abhanden gekommen wäre und ich glaubte es doch, wäre das recht?" — Das Mädchen ging >in sich und scheint nun von dem Wahne gründlich geheilt zu sein. Diese Verirrung ist ihr eigentlich gar nicht übel zu nehmen: es passirt ja selbst gebildeten Leuten, daß sie beim Lesen von Schauerromanen, namentlich zu Nachtzeit, von einem tiefen Grauen erfaßt werden und unlängst erst wußten die Zeitungen von einem Autor solcher Werke zu erzählen, wie er manchmal über seine eigene Schöpfung derart sich entsetzte, daß er das Haus alamirte und erst von seiner herbeieilenden Frau beruhigt werden mußte. Einen Ritualmord um jeden Preis wollen die Leute haben, wenn auch kein Mord, noch überhaupt keine Verletzung vorlag. Ueber solche kleine Widersprüche weiß man sich schon hinwegzuhelfen: „Es war wohl nichts zu sehen, aber die Schnitte und Löcher waren vergypst und verkittet!" — Wer dagegen spricht, nun, der ist bestochen. — Ja leider verkittet, und vergypst scheint alles zu sein: Die Vernunft, das Rechtsgefühl, die Menschenliebe. — Wie barbarisch verfährt man mit uns. Hier ein Beispiel. — Dicht an Benatek liegt die Ortschaft Obodrz, hier lebte seit Jahren schlicht und recht der Greisler P.—, ein harmloser Tropf, der Niemanden was zu Leide thun kann, und doch wird an ihm fast täglich irgend eine Büberei oder Rohheit verübt. Heute werden die Fenster eingeschlagen, morgen wieder besudelt, jetzt werden große Steine vor die geschlossene Ladenthür gewälzt, ein anderes Mal gepoltert und gejohlt und zu guter Letzt wurde ihm in der Nacht auf den 30. April das Haus über den Kopf angezündet und brannte total nieder. Von den wenigen Habseligkeiten, die gerettet werden konnten, wurde die Hälfte gestohlen. Sein todtkrankes Weib wird mit dem Bette hinausgetragen und viele kleine Kinder jammern — nein sie jammern nicht, denn sie sind fämmtlich taubstumm. Könnte da nicht ein Stein Erbarmen haben? Diese Leute haben es nicht und solche Menschen wollen uns Moral predigen, wollen uns für Verbrechen strafen, die nicht begangen worden sind. — Eine schöne Geschichte nicht wahr? Ich wüßt' ihrer noch mehr, aber ich will nur noch eine freilich schon ältere und grundverschiedene, die sich in Kolin ereignet, erzählen. — Vor einigen Jahren faßten daselbst zwei Burschen, von ihren Dirnen dazu angeeifert den Entschluß, eine alte Jüdin ihres Geldes halber zu ermorden. Allerdings hatte sie etwas Vermögen, das Resultat eines Lebens voll Thätigkeit und Sparsamkeit. Die ruchlose Absicht wurde mit haarsträubender Bestialität ausgeführt und als das arme Opfer trotz der vielen Streiche den Geist noch immer nicht aufgeben wollte, rief einer der Mörder: „Wirst Du denn niemals sterben", warf ärgerlich einen Kissen auf ihr Haupt, setzte sich gemüthlich darauf und blieb io lange sitzen bis sie tobt war. Die Verbrecher wurden damals, bald nach verübter That abgefaßt und zu langjährigen Kerkerstrafen verurtheilt. Damals hörte man von keinen Straßendemonstratiouen, von keinem Gewaltakt, am allerwenigsten von den Juden. Sie verabscheuten wohl die rnchlose That, wie jeder gesittete Mensch und bedauerten das arme Opfer; die nächsten Verwandten und eine oder die andere mitleidige Seele vergaßen ein paar Thränen und dann war Alles wieder still und ruhig. Das Blutmärchen