Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 10 (1893)
- Issue
- Heft 19 (12.5.1893)
- Date
- 1893-05-12
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 93% known words query
- IRI
…/3020846-3020954-3020972-3020973--02396-3026483- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Sette 356 OrArrreichifchr Wvchenfchrifr Nr. 19 vermögen einen geeigneten Hilfsarbeiter, und verschrieb sich zu diesem Behufe einen sicheren, soeben aus dem Königreiche Sachsen ausgewiesenen Paulus Meyer. Diesen nahm er in seine Wohnung auf und verpflichtete ihn gegen monatliche Entlohnung, für das Blutritual Zeugnisse zu fabriziren, eventuell als Kronzeuge auch endlich Alles zu bestätigen. Für die sofort ausbezahlte Geldrate von 100 fl. erhielt Deckert von seinem Genossen Paulus Meyer, den er überdies unter gehöriger Bewachung hält, zunächst ein Schreiben, daß er selber als „Za-dikschüler" viele Blutmorde in Rußland mitangesehen. Gegen weitere Zahlungen ward P. M. verpflichtet, die noch unentdeckten. geheimen „auf das Blutritual bezughabenden Texte" in der jüdischen Literatur zu enthüllen. Wer ist Paulus Meyer? Der conservaüv-orthodoxe „Reichsbote" veiöffenilichte am 16. August, die „Neue Preußische Zeitung" .(Kreuzzeitung) am 13. August 1892 folgenden „Steckbrief": „Seit geraumer Zeit und erst jüngst wieder hat ein evangelischer Russe Namens Paulus Meyer, alias Pawl y, alias Kremenitzki immer wieder versucht, die Mildthätigkeit christlicher Kreise in Anspruch zu nehmen. Seme flehentlichen Bitten und der Hinweis auf angeblich drohende Gefahr der Erblindung haben ihm reichliche Erfolge eingetragen. Jede solcher Unterstützungen ist an einen Unwürdigen verschwendet. Der Genannte ist ein a rb e i tsscheuer Mensch, der bummelnd und.bettelnd die Welt durchzieht, um a u f K o st e n a u d e r er z u l e b en. Von Jerusalem dis London und Paris hat er wohl alle Missionsstationen und eine Reihe von Pfarrhäusern gebrandschatzt. Man hat ihm wiederholt Aufnahme und Pflege in christlichen Spitälern gewährt, ihm wiederholt auch dwch Darbietung regelmäßiger Beschäftigung zu einer geordneten Lebensstellung verhelfen wollen. Er hat sich jedoch allenthalben unmöglich gemacht. So in London bei Rev. Wilkinso n, in Paris bei P. Boß, in Köln bei P. Stolle, in Berlin bei P. Bielin g, in Wilna bei Dr. Althausen; so in Bstelese Id, von wo P. v. Bodelschwingh nach des Betreffenden eigener Aussage ih n p o l i z e i l i ch en tf ern e n l i e ß, in Cz ernow i tz» wo ex »egen Gotteslästerung vierzehn Tage in Uirtersuchungshast saß, jedoch wegen mangelnder Beweise freigelaffen wurde, so endlich in Hamburg, wo erm eh rfacher Schwindeleien wegen von der Polizei ge s. u ch t w u r d e, aber klug genug war, rechtzeitig zu verschwinden. In Stettin hat er. neuerdings als um seines Glaubens wegen vertriebener Christ die Hilfe ev. Geistlicher in Anspruch genommen, zugleich jedoch auch Mitglieder der jüdischen Gemeinde a ngebettelt, vorgebend daß er ein aus Rußland ausgewiesener Rabbiner sei. Da anzunehmen ist, daß er seine Kunstfahrten auch nach anderen Orten ausdehnen wird, so sei hiermit aufs nachdrücklichste vor ihm gewarnt. Wie wir hören, bringt auch die neueste Nummer der Missionsschrift „Nathanael" eine ähnliche Mahnung zur Vorsicht. Auch andere Blätter werden um Abdruck des Vorstehenden ersucht". In der Thal brachte die Missionsschrift „Nathanael" in Heft IV. Zahrg. 1892 folgende Warnung: „Gewarnt wird vor Paulus Meyer, welcher, nachdem er zuletzt in Berlin. London, Hamburg, Stettin das Vertrauen wohlthätiger Christen getäuscht hat, jetzt wieder in Berlin sich nushält und bei drnJuden als Jude, best den Autisemiten als Antisemit Vortheile zu erl ang en sucht. Erkenn nungszeichen ein künstliches Auge. Hamburger Blätter theilten im September 1892 Nachstehendes mit: „Auszug aus dem Protoeoll der Edzardi-Stistung vom 4. April 1892: Herr Professor Herbst berichtet, Paulus Meyer habe sich als unlauterer Character, Lügner uud Verleumder erwiesen, d e r m e h r m a l s d i e T a u f e gesucht, vielleichtfalsches Geld ausgegeben habe rc. und endlich von der n a ch f o r s ch e n d e n Polizei — wahrscheinlich nach Amerika entwichen ist". Der „Wächter" („Bielefelder. Zeitung") äußert sich am 27. September 1892 überPau/üs Meyer: „Er war im Jahre 1889 längere Zeit in der Bodelschwingh'schen Anstalt und zur Heilung eines Augenleidens in der hiesigen Augenklinik untergebracht. Aus letzterer -wurde erjedoch wegen unsittlichen Verhaltens ausgewiesen uud darauf aus Veranlassung des Herrn v. Bodelschwingh unter, polizeilicher Bedeckung über die Grenze gestyasft. Dafür rächte sich denn auch der gute Mann an Herrn v. Bodelschwingh, indem er bei seinem unfreiwilligen Transporte am 8. Oktober 1889 aus dem hiesigen Bahnhofe vor vielen Zeugen -die schwersten Beschuldigungen und schmählichsten Beleidigungen gegen Herrn v. B. und die Anstaltsgeistlichen ausstieß und dadurch die Aufmerksamkeit der Anwesenden in hohem Grade auf sich zog. Wir gratuliren den Antisemiten zu dieser lieuesten „Größe" ihrer Bewegung." Herr' Pastor v. Bodelschwinghbestätigt diesem Angabe in einem Schreiben an einen Bielefelder .Arzt,rvelches lautet (vergleiche „Berliner Tagebl."' vom 1. October 1892): „Bielefeld, 27. September 1892. Sehr geehrter Herr Sanitätsrath! Es ist. mir leider nicht möglich gewesen, aus dem unermeßlichen Vorrath älterer Briefe das Schriftstück über den P. Meyer aufzufinden. . Ich kann nur bezeugen, daß die englischen Freunde, ehrenhafte Männer, an ihm dieselben Erfahrungen gemacht haben wie wir. — Ein nngemeffenes Maß pon cynischent Undank gegen alle seine Wohlthäter, die schließlich seinen wahren Charakter erkannten nnd' seinen ungemessenen Ansprüchen nicht genügen wollten! — Ueber sein hiesiges Betragen brauche ich Ihnen nichts zu melden und fasse es kurz dahin zusammen, daß ich in meinem ganzen Leben von tiefer Gesunkenheit, Bosheit, Lügenhaftigkeit und Hoffart — überhaupt von bodenloser Gemeinheit kein solches Beispiel kennen gelernt habe wie diesen Menschen! Gottlob hat er ja seine-Sache ausgespielt! Er ist ja aus Preußen ausgewiesen! Wir-haben ja schon vor einiger Zeit an das Polizeipräsidium in Berlin geschrieben, um demselben über den Menschen klaren Wein einzuschänken. Ebenso ist dem Berliner Vorsteher. der Judenmission darüber Mitteilung gemacht worden. Damit ist wohl seine Rolle in Deutschland am Ende und wir werden hoffentlich diesen Menschen nie wieder auf deutschem Boden antreffen! Hochachtungsvoll ergebenst F. Bodelschwingh. In einem Artikel der „Neuen Westphälischen Zeitung" welcher von dem Stöckerorgan „Das Volk" vom 30. October 1892 übernommen worden, heißt es wörtlich: „Der getaufte Jude Mayer ist der Typus des allergemeinsten Semitismus. Diesem Menschen war absolur nichts heilig und jedes Mittel war ihm recht, wenn er nur ein ärb eitsscheues Leb e n weiterführen konnte". Gegenüber diesen Stöcker'schen Insulten können wir blos constatiren, daß Paulus May er „dem arischen. Genius" sich längst vollständig assimilirt hat und alle specifisch arischen Laster ' in sich verkörpert. Gerade um dieser seiner besonderen Qualitäten willen wurde er von der Wiener Antisemitenleitung gesucht und gefunden. Dieser Paulus Meyer wohnt derzeit bei Dr. Deckert, also in der Weinhauser Pfarre. Deckert ist nun glücklich in den - Besitz eines würdigen und moralisch ebenbürtigen Kampfgenossen gelangt.- Gestützt auf die Hilfe des bereits erwähnten Blutbriefes, der für hundert Gulden nicht zu theuer bezahlt war und in Erwartung der zu liefernden hebräischen Texte trat D eckert am 5. Mai im „Vaterland" mit nachstehendem von Verlogenheit und jesuitischer Verdrehungskniffe erfülltem Artikel vor die Öffentlichkeit: „Rabbi Bloch und der Ritualmord." („Vaterland" Nr. 123 vom 5. Mai 1893.) Daß ein actenmäßig nachgewiesener „Ritualmord" wie der des christlichen Märtyrers Simon von Trient (jüngst als Broschüre erschienen bei Glöß in Dresden, 50 Pf.) den Juden keine besondere Freude bereiten kann, wird wohl Jedermann zugeben; daß aber eine so unsinnige Kritik darüber in der österreichischen, recte „jüdischen" Wochenschrift des Dr. Bloch erscheinen konnte, war gegen alle Erwartung, obwohl Man einem Rabbi Bloch, der selbst bei manchen seiner Glaubensgenossen, wie ich aus einer mir vorliegenden Broschüre sehe, nicht im guten Rufe .steht, in dieser-Richtung Vieles zumuthen kann. Eine „Schandschrift" wird die erwähnte Broschüre genannt, welche doch auf Grund der noch erhaltenen Proceßacten, die die strengste Censur der römischen Curie paffirten, die traurige Geschichte des Mordes des kleinen Simon Gerber von Trient wahrheitsgemäß erzählt! Schon daß sie bei Glöß in Dresden erschien, brandmarkt, nach Meinung des Kritikus, den Verfasser und macht seine Dchrift zu einem «Pamphlet", das sich den „schmutzigsten und frechsten Lügenschriften" anreiht. In dieser Weise werden geschichtliche Thatsachen von jüdischen Gelehrten behandelt. Der Gipfel der Frechheit liegt aber in der Behauptung; diese Broschüre sei ein,Beweis, daß die notorisch überwiesenen jüdischen Mörder des unschuldigen Christenkindes „Opfer eines schändlichen Attentates" gewesen sind; es seien gar keine Anhaltspunkte für die Anklage vorhanden gewesen! Das wagt man nach Durchlesung dieser Broschüre mit kühner Stirne zu behaupten! . Und das soll sogar der spanische Großinquisitor Torquemada beweisen! i Nein, das ist. doch, um mit Rabbi Bloch zu sprechen, „plunzendümm". l Das heißt Kritik! — Keine einzige der historisch und gerichtlich con-