Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 10 (1893)
- Issue
- Heft 19 (12.5.1893)
- Date
- 1893-05-12
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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4Uv 19 Wien, 12 Mar 1893. X. Jahrgang« Crntralorgan für die gesammten Interessen des Iudenthums. R. lr. Poptzimiassrnamt Clrsringvrrkrtzr Llr. 810.V76. Dedsrtion und Adniinistrstton: Witn Franr Jofefs-Dlral Dr. 8. Telephon-Nr. 6535. =* Eigenthümer: Rerchsraths-Adgeordneter Dr. KLoch. -- Erscheint jeden Freitag. Man adonnirt bet allen Postanstaltrn ji de» In- und Auslandes. ii Bezugspreis: Halbjährig 4 fl. >i Einzelexemplare 25 kr. > Auzeigrn: Die 4mal gespaltetes PetttzeUe 12 kr. i! & Inhalt: Le it arti kel: Ein edles Brüderpaar. Wer ist Pfarrer Dr. Deckert? Wer ist Paulus Mayer? Rabbi Bloch und der Ritualmord. Eine Eontroverse. Der Brief des Paulus Mayer.— Correspondenzen: Wien, Kremsier, Röhrenbach bei Horn, Prag, Llssa a. d. Elbe, Hannover, Petersburg. — Vermischtes: Wien,Prag, Schlan, Lemberg. — Feuilleton: Emigration V. —Fürstengunst VI. — W o ch enkalender. — Briefkasten. — Inserate. Ein edles Brüderpasr. Wer ist Pfarrer Dr. Deckert? Eine beispiellose Unthat, eine Schurkerei sondergleichen — in den Spalten des biederen „Vaterland" hält die Wiener Bevölkerung in Aufregung. Der moralische Urheber heißt Pfarrer Deckert! Wer ist dieser Mann? Dr. Josef Deckert trägt das Kleid des Priesters gleich August Rohling. Sein Berus ist es, Gottesfurcht und Nächstenliebe unter der sündigen Menschheit zu verbreiten. Er ist seit Jahren Pfarrer in Weinhaus, gehört also seit der Vereinigung der Vororte mit der Großcommune Wien zur Seel sorg er-Geistlichkeit der Reichshaupt- und Residenzstadt. Aber Der Ehrgeiz Dr. Josef Deckert's reicht über die enge Grenze seiner geistlichen Functionen weit hinaus, er will nicht nur ein still und emsig wirkender Hirte seiner Gläubigen, er will auch ein Streiter der Antisemiten sein. In weiteren Kreisen ist der Name des Dr. Deckert im Jänner 1891 durch einen Proceß bekannt geworden, welcher gegen ihn als Obmann des Weinhauser Kirchenbau-Vereines angestrengt wurde. Die Weinhauser Kirchengemeinde empfand vor Jahren den löblichen Wunsch, zur Ehre Gottes und zur eigenen Erbauung eine eigene, würdige Kirche zu errichten. Zu diesem Zwecke bildete sich ein Verein, an dessen Spitze der Pfarrer Deckert trat, welcher von der Regierung die Bewilligung zur Veranstaltung einer Lotterie erwirkte, aus deren Erträgniß der Fond für den Kirchenbau beschafft werden sollte. Um für die Lose einen ausgedehnten Absatz zu erzielen, kam D r. I o s e f Deckert auf eine originelle Idee. Als Haupttreffer wurde nicht eine Geldsumme, sondern „eine Villa in der Nähe von Wien im Werthe von 5000 fl." ausgesetzt. Mächtige Plakate an allen Straßenecken Wiens und in allen Orten Oesterreichs, geziert mit einer verlockenden Abbildung dieser Villa, luden zur Betheiligung an dieser Verlosung ein. Der Kirchenbauverein entfaltete eine fieberhafte Thätigkeit. Er versendete seine Lose serienweise an zahlreiche Persönlichkeiten, welche durch sociale Stellung und Reichthum hervorragten. Auch viele wohlhabende Juden wurden durch solche Sendungen beehrt und steuerten durch den Ankauf von Losen zu dem Wein ha user Kirchenbau bei. Die „Oesterreichische Wochenschrift" war in der Lage, mehrere solcher Fälle zu verzeichnen, in welchen Juden um die Abnahme von Losen angegangen wurden. In der Thal wuchs der Kirchenbaufond zu beträchtlicher Höhe an und es wurde möglich, aus seinen Zuflüssen nicht blos ein prächtiges Gotteshaus zu errichten, welches eine Zierde von Neu-Wien bildet, sondern auch noch ein stylvolles und mit allem Comfort ausgestattetes Pfarrhaus zu erbauen, welches Pfarrer Deckert schon in allernächster Zeit beziehen wird. So wird also Herr Dr. Deckert künftighin ein Heim bewohnen, das zum Theile aus Judengeldern aufgeführt worden ist. Im Jahre 1890 fand die Ziehung der Kirchenbau-Lotterie statt und ein Fräulein Henriette Zink in Neutengbach war die glückliche Gewinnerin des Haupttreffers, der angeblich aus einer Billa im Werthe von 5000 fl. in der Nähe Wien's bestand. Als es jedoch zur Uebergabe des Treffers kam, stellte es sich heraus, daß diese Billa keine Villa, sondern nur ein zusammenlegbares und transportables Häuschen war, mit welchem die Gewinnerin nichts anznfangen wußte, weil — der Grund zu seiner Aufstellung fehlte. Der Kirchenbau-Berein mit seinem Obmann Dr. Deckert hatte sich eine Täuschung und Irreführung des Publicums erlaubt. Frl. Zink aber bestand auf ihren Schein. Sie klagte den Pfarrer Deckert auf Erfüllung der vom Kirchenbau-Verein eingegangenen Verbindlichkeit und sie gewann den Proceß in allen Instanzen, allerdings erst nach Verlauf einer langen Zeit, denn Herr Dr. Josef Deckert wußte als geriebener Geschäftsmann den Proceß durch die mannigfachsten Kniffe und Schliche in die Länge zu ziehen. Die richterlichen Erkenntnisse aller drei Instanzen haben nicht verfehlt, die Handlungsweise des Pfarrers Deckert als eine gröbliche Irreführung in das richtige Licht zu stellen. Aber auch als seltsamer „Gelehrter" war uns der famose Dr. Deckert keine unbekannte Erscheinung. Er war uns vielmehr in lebhafter Erinnerung aus einem absonderlichen, selbstverständlich gegen Dr. Bloch gerichteten Artikel im „Vaterland" vom 11. December 1892. Der Aufsatz führte die Ueberschrift: „Im Geiste des Ezechiel" und wollte nichts geringeres beweisen, als daß die Textworte des Propheten Ezechiel Cap. 23, V. 20 im Prophetenbuche Ezechiel sich nicht finden. Dem Aufsatze merkte man es sofort an, daß der Verfasser die im Gymnasium einst erworbenen, geringen Kenntnisse des hebräischen Alphabetes längst verschwitzt hat und derzeit sozusagen ein 3k von einem U nicht mehr zu unterscheiden weiß. Er gab sich den Anschein vor den Augen des Lesers das ganze Ezechielbuch untersucht und geprüft zu haben, ohne den Text vom Cap. 23, B. 20 zu finden, und man gewann den Eindruck jenes Herrn Afinus, der alle im Zimmer Anwesenden auszählte und eine Lücke fand, indem er sich selber vermißte und Lärm schlug — er sei verloren gegangen. Dem klugen Deckert erging es nicht besser — hätte er nur die Textstelle lesen können, er hätte vielleicht sich selber entdeckt. Dr. Bloch hielt es der wissenschaftlichen Würde nicht entsprechend, dieser Eselei eine Beachtung zu widmen. Anders war's mit der Schandschrift über den Blutproceß zu Trient, die vom blnttgen Haffe und giftiger Bosheit dictirt, berechnet war, bei der blöden Menge Unheil anzustiften; diese fand in Nr. 14 unseres Blattes vom 7. April l. I. di; gebührende Abfertigung. Zu einer Antwort rüstete sich Dr. Deckert bis zum 5. Mai — er brauchte bei dem eigenen wissenschaftlichen Un-