Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 10 (1893)
- Issue
- 18 (5.5.1893)
- Date
- 1893-05-05
- Page
- – (sequence 16)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 350 Vesterreichlschr Wochenschrist Nr. 18 aber nicht mehr benützt worden sein. Läute, auf daß die Brüder sich im Refectorium versammeln." Wenige Minuten später waren sämmtliche Hände in fieberhafter Hast thätig, den Stollen, der in den gewölbten Gang führte, Mit allem möglichen Gerümpel auszufüllen, worauf sich die Mönche zerstreuten, als ob nichts geschehen wäre. Weniger rasch, wenn auch eilig, führte Polizeimeister Waffilowitsch seine Dispositionen aus. Die beiden Mönche wurden enthaftet, der Eine leerte gierig einen Kübel Wasser, uni in sein Kloster zurückzurennen, der Andere taumelte schweren Schrittes ihm nach. In zwei Abtheilungen n.arschirte die Polizei unter Führung zweier Offiziere gegen die beiden Klöster, welche auf zwei einandet gegenüberliegenden Hügeln erbaut, bloß durch die breite Fahrstraße getrennt und nach der indiscreten Mittheilung des trunkenen Paters unterirdisch verbunden waren. Im selben Momente wurden die beiden Asyle gottgeweihter Menschen besetzt und die heiligen Stätten sogfällig durchsucht. Aber erfolglos! Unverrichteter Sache und kleinlaut kehrte die Commission ins Polizeihaus zurück, wo sie mit Stirnrunzeln und derben Flüchen von ihrem Chef empfangen wurde. (Fortsetzung folgt.) Fürstengunst. Roman von S. Kohn. Verfasser von „Gabriel". (Icder unbefugte Nachdruck wird mit aller Strenge verfolgt werden. Uebersetzungs- 5) rechte Vorbehalten.) Als Wertheimer wieder sein Arbeitszimmer betrat, war die Zeit seiner Sprechstunde schon längst angebrochen und der wohlgeschulte Diener ließ die Personen, die im Vorzimmer warteten, nach und nach eintreten. Der* Erste war ein etwa siebzigjähriger, hochgewachsener Mann. Sein Haupt war von einer cylindrischen Zobelmütze bedeckt und er war mit einem bis zu den Fersen herabreichenden, an der Brust reich mit Silberstickereien verzierten Kaftan bekleidet. Ein langherabwallender, schneeweißer Bart und die. milden Züge des gut geformten Gesichtes machten einen Ehrfurcht" erweckenden Eindruck. „Ich wünsche", begann der Fremde, „wenn es möglich ist, den Oberrabbiner zu sprechen. Ich bitte Sie ergebenst und dringendst, mir Zutritt zu diesem zu verschaffen". „Ich bin Derjenige, den Sie zn sprechen wünschen, und bin bereit, Sie anzuhören." Der Fremde blickte überrascht, prüfend in Werthheimers Gesicht. „Sie sind's! Des Menschen Weisheit leuchtet aus seinem Antlitz! — und doch habe ich den Rabbi nicht sofort erkannt. Es ist dies leicht begreiflich. Ihr Bildnis hängt in dem Versammlungszimmer unserer,Gemeinde, die Ihnen, wie viele Hunderte andere. endlos großen Dank schuldet. Aber dort sind Sie nicht im Staatsgewande, den Degen an der Seite, dort sind Sie in polnischer Tracht, wie sie die Rabbiner tragen, abgebildet." „Ich habe auch die Ehre, Oberhoffactor des Kaisers und der Kaiserin und auch Oberkriegsfactor zu sein. Wenn ich als Landes-Oberrabbiner fungire und auch an Sabbaten und Feiertagen, wo ich mich selbstverständlich von allen Geschäften ferne halte, trage ich auch dessen Amtskleidung. — Setzen Sie sich und sagen Sie mir, mit wem zu sprechen ich die Ehre habe und womit ich dienen kann." „Da Sie also", sprach der Fremde, „der Mann sind, zu dem die gesammte Judenheit, als dem Weisesten, Frömmsten und Gelehrtesten unseres Zeitalters emporblickt, müffen Sie es gestatten, daß ich, bevor ich mich nenne und mein Anliegen vortrage, die Benediction verrichte, die bei dem Anblicke eines Gelehrten des jüdischen Schriftthums vorgeschrieben ist", und nachdem er diese ausgesprochen, fuhr er fort. „Ich bin Maier Kohn, war früher Rabbinatsaffessor in Rechnitz und wurde nach Semnitz, einer jener neuen Gemeinden, die sich durch Ihre gnädige Unterstützung aus den Abkömmlingen, der vor fünfzig Jahren aus Wien Vertriebenen gebildet hat als Rabbiner berufen. Die wenig bemittelte Gemeinde hat mit der größten Anstrengung ein Gotteshaus auf dem Grunde, den sie, gleichfalls durch ihre huldvolle Verwendung, von unsererGrundfrau, Gräfin Eleonore Bathiany, geschenkt erhielt; — gebaut, aber jetzt, da der Bau mit Gottes Hilfe beendet ist, sind auch alle unsere Mittel erschöpft und es fehlen uns noch Thorarollen, heilige Geräthe und Gewänder." „Ich habe den Bau Euerer Synagoge veranlaßt", erwiderte Werthheimer, „und habe nun auch die Pflicht, dafür zu sorgen, daß sie für ihre Bestimmung geeignet werde. Wolf", rief er in's Nebenzimmer und als dieser erschien, fuhr er, zu diesem gewendet, fort. „Der Semnitzer Rabbiner ist für die Dauer seines Aufenthaltes in Wien unser lieber Gast. Sei so gut, mein Sohn, ihm ein Zimmer und einen von den Domestiken zu seiner Bedienung anzuweisen. Am Abend, Rabbi,. werden Sie die Güte haben, mir ein Verzeichnis der Gegenstände zu geben, welche Euerem Gotteshause fehlen. Dieselben sollen so gut und so rasch als möglich angeschafft werden." Nachdem der Rabbi, sich in Danksagungen erschöpfend, mit Wolf Werthheimer das Zimmer verlassen, betraten ein alter Mann mit militärischer Haltung und eine junge, ganz in Trauer gekleidete Dame das Gemach. - „Ich bin der pensionirte Oberst Baron Rombach"-, stellte sich der Herr vor, „und das ist meine Tochter, ihr Gatte Ulrich von Tönningen, Rittmeister bei den Savoyendragonern fiel vor Belgrad." „Das schmerzt mich!" rief Werthheimer erschrocken, herzlich. „Möge Gott Sie, Frau Rittmeister, trösten und Ihnen Kraft verleihen, den harten Schlag zu ertragen. — Ich habe den Herrn Rittmeister von Tönningen gekannt, er war ein Mann von makellosem Character und großer Begabung; er war auch ein Liebling des Prinzen Eugen. Noch einen Tag vor seiner Abreife nach dem Kriegsschauplätze, hat er (mich besucht " „Wir wissen dies", erwiederte der Oberst, „und wissen auch, daß er von Ihnen Herr Oberkriegsfactor, zweihundert Ducaten entliehen, deren er zum Theil zur Deckung einer Ehrenschuld, die er noch vor seiner Abreise zahlen wollte, zum Theil zu seiner Equipirung nothwendig bedurfte. Da nun mein Schwiegersohn gefallen, ohne Vermögen hinterlassen zu haben und meine Tochter sich und ihre fünf Kinder, deren ältestes sechs Jahre zählt, von der kleinen Pension, die sie beziehen wird, erhalten muß, könnten Sie befürchten, den Betrag, den Sie meinem Schwiegersöhne aus Gefälligkeit geborgt, zu verlieren. Mein Besuch bezweckt daher, Ihnen zu erklären, daß ich die Schuld meines Schwiegersohnes übernehmen will." Der Oberst machte eine Pause und die junge Witwe fügte hinzu:;/Und ' ich ' bm' mitcjekömrnen^' HW^ OberkrieMfäbtok) unl" Sie ergebenst zu bitten, meinem Vater, der selbst noch mehrere unversorgte Kinder hat, günstige Rückzahlungsbedingungen zu gewähren." „Herr Oberst", erwiederte Wertheimer, „wenn ich in der That von Ihrem Herrn Schwiegersöhne einen Betrag für eine Anleihe, die er für seine persönliche Bedürfnisse gemacht, zu fordern hätte, müßte ich — da weder Sie, noch Ihre Frau Tochter zu deren Zahlung verpflichtet wären — unbedenklich auf die von Ihnen selbst gestellten Zahlungsmodalitäten eingehen; — aber ... „Was haben Sie für ein „aber" Herr Oberkriegsfactor?" fiel ihm der Oberst verstimmt in's Wort. „Ich bin von zahlreichen, verschiedenartigen, wichtigen Geschäften derart in Anspruch genommen, daß ich minder Bedeutendes nicht im Gedächtnisse behalten kann. Gestatten Sie mir daher, Herr Oberst, daß ich mich durch einen raschen Einblick in meine Bücher, über diese Angelegenheit orientire. Ich bin in wenigen Minuten wieder bei Ihnen." So sprechend verschwand Wertheimer durch eine Seitenthüre, kehrte aber bald zurück und sprach: „Herr Rittmeister von Tönningen ist mir nichts schuldig." „Sie irren sich Herr Oberkriegsfactor", erwiederte die junge Frau schüchtern. „Mein Gatte schrieb mir noch einige Tage vor seinem Tode daß Sie die Güte gehabt hatten, ihm zweihundert Ducaten zu borgen und.daß er Ihnen einen Schuldschein hierüber förmlich aufdringen mußte. Der Papa wünscht eben den jetzt werthlos gewordenen Schein gegen seinen eigenen umzutauschen." „Frau Rittmeisterin, ich habe ja nicht gesagt, daß ich Ihrem Herrn Gemahl nicht zweihundert Ducaten vorgestreckt habe — aber er ist mir sie nicht mehr schuldig." „Wie wäre das denn möglich?" rief die junge Frau verblüfft, „wann könnte mein Gatte seine Schuld bezahlt haben!? Sie müffen sich irren!" „Gnädige Frau", erwiederte Wertheimer, einen kleinen Anflug von Ungeduld affektirend, „ich werde Ihnen den Schuldschein zeigen und Sie werden sich überzeugen, daß derselbe durchstrichen ist. Jeder Geschäftsmann wird es bestätigen müssen, daß man in der Regel eine Schuldurkunde nur dann durchstreicht, wenn dieselbe bezahlt ist", und wieder eilte er in das anstoßende Zimmer mld brachte nach kurzer Zeit den Schuld-