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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1893-05-05 · 18 (5.5.1893) · page 15

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
10 (1893)
Issue
18 (5.5.1893)
Date
1893-05-05
Page
– (sequence 15)
Language
German
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Nr. 18 Orsterreirtzifchr Wochrnschrist Seite 349 ihm, daß ich noch Vormittag das Vergnügen haben werde, ihn zu sehen." „O nein, nein Väterchen, nicht so!" riefderSoldat, sich an den Arm des Mönches hängend, als dieser Miene machte, in eine Seitengasse zu biegen. „Die Polizei Kat stch nicht um Ihren Appetit zu kümmern und zum Frühstück brauchen Sie keine Bedeckung. Wir gehen vorerst zum Polkownik, mit dem werden Sie das Weitere ausmachen; möglich, daß er sie zum Frühstück bittet. Sehen Sie, Väterchen, der Pristav und einige Leute sind zurückgeblieben, vermuthlich bringt er noch Gesellschaft in's Haus." Sie traten ins Polizeihaus, in dessen Borhalle es von Soldaten wimmelte. Der Mann, der den Mönch eskortirte, ließ ihn durch eine Ordonanz melden. Diese erschien mit der Weisung, den Gefangenen in eine Zelle zu bringen und bevor dieser sich von seiner Verblüffung erholen konnte, stand er im engen kahlen und feuchten Raume, hinter ihm ein vergittertes Fenster mit trüben, blinden Scheiben, vor ihm eine schwere Eichenthüre mit Eisenstangen und Guckloch, die der Wärter eben in's Schloß warf. So verging Stunde um Stunde, andere Thüren öffneten und schlossen sich, andere Gefangene wurden in die unsauberen, dumpfen Verließe geschoben, aber kein Mensch, erschien an der Thür des armen Mönches, Niemand dachte seiner und seines jammervollen Hungers. Seit gestern kam nicht ein Bissen Brot über seine Zähne, nicht ein Schluck Wasser in seine Kehle. Ungeduldig rüttelte der Gefangene an der Thüre und rüttelte und rief nach einer Pause wieder,. die Wächter sind es gewöhnt und kümmern sich wenig um die Leute da drinnen und. ihre Wünsche, bis die Mittagsstunde schlägt und die irdenen Näpfe mit ihrem breiigen, unappetitlichen Inhalte, dem groben, kleiigen Brote und dem Wasserkruge in die Zellen geschoben werden. Der Hunger ist stärker als der Eckel. Das Diner des Mönches präsentirte sich anders als iür die anderen Gefangenen. Auf einem blanken Teller lagen, weich in ihrer salzigen Lauge gebettet, zwei große Holländer-Häringe, ohne Begleitung irgend einer anderen Nahrung und bevor der verdutzte Bruder aufblickte, war der Wärter verschwunden und die Thüre verschlossen. Eine zweite Thüre daneben ging auf, ein zweiter hungriger Mönch stürzte dem Wärter entgegen, der eine mit Branntwein gefüllte Flasche auf die Bank stellte und hinter sich die Thüre schloß. — Kein Brot, kein Brei, kein Wasser. Hunger und Durst rüttelten vergeblich an den eichenen Thüren, kein Wächter ließ sich blicken. Der Abend dunkelte; wie die wilden Thiere in ihren Käfigen, . stürmten und rasten die Mönche, riefen, baten und fluchten; die Wächter kicherten, bis eine Ordonanz die Erlösung brachte, die Zellen öffnen und die Gesangeneu vor den Polizeimeister bringen ließ. Auf dem Arbeitstisch desselben stand eine mit Wasser gefüllte Caraffe. Der erst eingeführte Mönch, der gesalzene Häringe dinirt hatte, griff gierig nach der Flasche. Der Polizeibeamte wehrte ihm. „Zuerst antworten! Befindet sich einZgeraubter Judenknabe im Kloster?" frug er. „Nein!" antwortete der Mönch entschieden und langte mit raschem Griff nach dem Wasser, doch kam es nicht zu seinen lechzenden Lippen, die Hand des Polizeichefs entfernte die Caraffe mit krystallklarem Getränke. „Es ist ein Judenjunge in Euerem Kloster, ich weiß es bestimmt, doch ist dasselbe weitläufig, hat viele Gänge und Verstecke; suche ich ihn hier, so ist er dort; ich will wissen, wo ich ihn finde." „Ich weiß es nicht," war abermals die bestimmte Antwort. „Ordonanz", sagte der Beamte zu dem an der Thüre harrenden Soldaten: „Der Gefangene kehrt in seine Zelle zurück und erhält zum Abendessen, was er Mittags erhielt." Der Mönch stöhnte: „Wasser! Wasser!" Aber schon schloß sich im engen Gange die schwere Thür hinter ihm und ein zweiter Bruder wankte in die Kanzlei des Polizeichefs. Er schwankte; der arme Mann war total betrunken. Zur frühen Morgenstunde abgefangen und eingeschlossen, ohne weiteres zu sich genommen zu haben als das Morgengebet, erhielt er in der Zelle nichts, als eine große Flasche hochgrädigen Branntweins, den er nie verabscheute, nicht Einen Bissen, nicht Einen Tropfen sonst. Er trank, weil er sonst nichts hatte und trank wieder-, weil er bereits getrunken. Bald war die Flasche leer und er voll. Er wurde zärtlich und heiter; er lachte und koste Bett, Stuhl 'und Tisch; er ries nach dem Aufseher, uni ihn anzulachen und zu umarmen; er sprach mit sich selbst die komischesten Gespräche nnd hob die Flasche wieder und wieder, um zu sehen, ob sich nicht noch einige Tropfen darin fänden. Es war ihm so wohl, wie beim opulenten Male im Kloster, wo es -sich so schön lebte und, er die Aufsicht über Küche und Keller führte, die nirgends so gut bestellt und versorgt sind, als in den abgeschlossenen Räumen des stillen Hauses, in dem eine Anzahl Büßer weltmüde, sich zu Gebet, Wohlleben, Blumenzucht und Liqueurerzeugung associiren. Der arme Mann wankte und schwankte also vom Schließer geführt in das Zimmer des Obristen, dem er, wie er seiner ansichtig wurde, ungestüm nm den Hals fiel und ihn kräftig an sein Herz drückte. „Brüderchen, Brüderchen!" lachte er. „Du mein theures Brüderchen, hast Du Wudki, viel Wudki?" „Genug für uns, Freund erwiderte der Polizeimeister, sich kaum seiner erwehrend; „hier steht eine volle Flasche, schau her!" Und in der That zeigte er auf eine schlanke, - vollgefüllte Flasche, die zwischen , mehreren Gläsern aus dem Tische stand. „Nun, so laß uns denn trinken, trautes Brüderchen, ich habe heute noch keinen Tropfen gekostet; keinen Tropfen, so wahr ich Dich liebe, Brüderchen!" Der Polizeimeister füllte die Gläser bis zum Rande. „Auf das Wohl des ruhmwürdigen Paters, der dem Teufel eine Seele entführte — wie heißt der Bruder, der den Judenknaben in das Kloster brachte?" „Ah, Bruder Gregor, der Teufel hole ihn — das ist ein Erzlump, der den ganzen Ta§ trinkt und Hokuspokus treibt und doch unfern Prior bei der Nase herumsührt." „Aber das ist unstreitig ein genialer Mensch, dem Alles gelingt" versetzte der Polizeimeister mit vollem Ernste und den Ausdruck warmer Bewunderung. „Es gehört doch eine unendliche Geschicklichkeit dazu, der Obhut der Eltern einen erwachsenen heulenden Jungen unbemerkt zu entführen und in Sicherheit zu bringen!" „Es gehört gar nicht viel dazu", eiferte der Mönch, ein Glas Schnaps hiunterstürzend und mit der Zunge schnalzend; es gehört gar nicht viel dazu, einem so elenden Judenjungen das Maul zusammenzupressen, oder ihn, wie ein Schwein in einen Sack zu stecken. Ha, ha, ha, ich unternehm's, einen dicken Rabbi zu entführen, wenn Sie mir ein Faßt dieses köstlichen Nasses bieten, und unser Kloster ist . weitläufig genug." „Und wenn es von der Polizei durchsucht würde?" „Ich wette meinen Kops, Sie finden nichts, zur Noth ist der. unterirdische Gang da, welcher —" Der. Mönch erschrack trotz seiner Trunkenheit vor der Mittheilung, die zu machen er im Begriffe war. Man hätte sagen können, daß ihn dieser jähe Schreck fast ernüchterte. Der Polizeimeister füllte die Gläser. „Trinken Sie!" Der Mönch wandte sich ab. „Ich habe genug". „So trinket doch ein Letztes und Ihr werdet in's Kloster zurückkehren. Grüßet den Prior von. mir und sagt ihm, ich laße ihm raten, den unterirdischen Gang zu vermauern. „Oh, das thut er nicht; cs ist ja die einzige Communication mit dem benachbarten Kloster der — „Ah, der Basilianerinen?" Der Mönch glotzte den Beamten blöde an. „Woher wiffen Sie denn das?" „Ich weiß es vom Prior", versetzte er mit verschmitztem Lächeln. „Ist eine Unwahrheit!" rief in großer Erregung ein Mann, der einen Moment in der Thüre erschien und sofort wieder verschwand. Es war der Prior selbst, der, die Spuren der beiden Mönche verfolgend, soeben im Polizeibureau erschien und unangemeldet beim Polizeimeister, eintreten wollte, als ihn die letzten Worte, die zwischen dem Beamten und Geistlichen gewechselt wurden, an die Thüre bannten. Mit raschen Gedanken überflog er die Situation, warf sich rasch in seine Droschke und ließ sich schnellsten Schrittes in's Kloster der Basilianerinen führen. In keuchenden, kurzen Worten verlangte er die Aebtissin zu sprechen. „Lasset sofort den Gang verstopfen; er ist zu Euerer Zeit noch nicht benützt worden, den Judenbengel laßt laufen, er war niemals hier, keine der Nonnen hat ihn gesehen. Die Sache hat Eile! „In einer halben Stunde ist die Polizei hier!" — Und eben so rasch als er gekommen, eilte er davon und was die Pferde rennen konnten, in sein eigenes Kloster. „Pförtner, sagte er dem Mönch, der ihm die schwere Pforte öffnete, wenn die Polizei Einlaß verlangt, so öffnest Du sofort. Von den beiden abwesenden Mönchen ist Bruder Josua ein Säufer und Wahnsinniger, wir wissen nichts von einem Judenknaben, ein unterirdischer Verbindungsgang soll zwischen Hey beiden Klöstern vor Jahren vorhanden gewesen, seit lange

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