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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1893-05-05 · 18 (5.5.1893) · page 14

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
10 (1893)
Issue
18 (5.5.1893)
Date
1893-05-05
Page
– (sequence 14)
Language
German
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Seite 348 Sk. 18 Oesterreichifche Wochenschrift reden, Krumme gerade, Dumme klug, Blinde sehend, Sterile fruchtbar machen, entfernte Dinge vergegenwärtigen und das Unsichtbare schauen konnte. Der Rabbi! Der Vater in Noch, die Frau in Nöthen, der vom Arzte aufgegebene Kranke, der vom Glück verlassene Kaufmann — Alle rufen sie die viel bewährte Hilfe des frommen Mannes an, dem man einen unmittelbaren Verkehr mit Gott nachrühmt. „Der Rabbi wird es wissen. Der Rabbi wird es sagen. Den Rabbi muß man fragen," tönte es durcheinander und der Eingebung folgend, standen sie alle auf, um sich in die Wohnung des gottbegnadeten Mannes zu begeben. Noch waren die Fenster des stattlichen Hauses hell erleuchtet, in dem jetzt der greise Rabbi, umgeben von seiner zahlreichen Familie und - seinem Hofstaate das Osterfest in feierlicher Weise begieng und mitten in das Fest stürzte ein jammernderMenschenknäuel, die unglückliche, ihres Kindes beraubte Mutter an der Spitze. Der wunderthätige Mann, obschon tief unten am Abhang des Lebens stehend, mit dem Schnee des Alters auf dem Haupte, ist eine aufrechte, imposante Figur mit sanftem, etwas umschleiertem Blick und frommem Gesichtsausdruck. Eine Eigenthümlichkeit lebte ihm an, er sprach doppelt, das eine Mal vositiv, das zweite negativ. War es einfache Zerstreutheit oder kluge Berechnung, danltt seine Aussagen nie fehlgehen — genug, int Kreise seiner zahlreichen Verehrer galt dieser Unsinn als Beweis seiner hohen Bedeutung. Sein Geist ist immer oben, immer oben, er weiß gar nicht was unten vorgeht, er spricht wie im Schlafe und trifft doch immer. Frug man ihn, ob ein Kranker auskommen werde, so pflegte er zu erwidern: „Der Kranke? Aufkommen, nicht aufkommen, aufkommen. Werde beten, daß ihm dort, hier nichts geschieht, hier nichts, dort nichts." In solchen Worten lag für den Gläubigen ein Trost, aber kein Versprechen. „Rabbi! Rabbi!" kreischte die arme Mutter. „Ich weiß Alles, Alles, versetzte der ftomme Mann, stört mich nicht. Gar nichts, gar nichts weiß ich. Geht nach Haus. Gott hat gegeben, Gott hak genommen, Gott wird geben. Die Kinder Israels sind gezählt und es darf kein Haupt fehlen. Zieht heim in Frieden und verttaut auf den, der die Juden aus der Knechtschaft der Pharaone befreit, der sie über das rothe Meer und durch die Wüste geführt. Gott ist gerecht, er hilft und straft." „Gott ist Euch näher, Rabbi", ruft die arme Mutter, „er thut, was Ihr von ihm verlangt. Verlangt von ihm mein Kind, mein liebes, theures Kind, Rabbi. Ich gehe nicht von Euch, ich werde Euch nicht essen, nicht ruhen, nicht beten lassen, bis. Ihr mir mein Kind wiedergebt. Ihr macht die Kranken gesund, Ihr entreißet dem Tode die Beute, Ihr seht kommen was nicht da ist und leset im Buche des Schicksals, was Andern verschlossen — saget mir, wo mein Sohn ist und ich werde ihn holen und säße er hinter eisernen Mauern und wäre er von einem Regiment Soldaten bewacht." „Gott bedarf Deines Armes nicht, versetzte der Greis in unerschütterlicher eisiger Ruhe, durch die Hand eines Weibes thut er kein Wunder. Gehe nach Hause, sage ich Dir, gehe heim und singe Psalmen, dreizehnma! jedes Capitel. Ich werde Deiner gedenken in meinem Gebete und nicht gedenken —. was ich Gott sage, danach frage kein Mensch. Schweigen ist reden und reden ist verschweigen." Und ohne sich weiter um die Störer und Hörer zu kümmern, vertiefte sich ver fromme Mann in seine Gebete, recitirte mit lauter, singender und wohlklingender Stimme die weichen klagenden Melodien der Orientalen, die so wehmuths- und sehnsuchtsvoll klingen, wie die Lieder der Verbannung und des Heimwehs, die mit dem Herzen empfunden, mit dem Herzen gesungen und auch nur mit dem Herzen gehört werden müssen. Es sind Die weichen, schmerzlichen Weisen des Heimallosen, der sich hinübersehnt in ■ das gelobte Land verblichener Herrlichkeit und verwichenen Glanzes, in dem die Väter herrschten und die Söhne geachtet leben, nach dem Lande, das dem Juden noch immer heilig, obschon seine Tempel zerstört, seine Gräber geschändet, seine Herrschaft zertrümmert wurde. Aber sie wichen nicht. Angezogen durch die schöne Feier, die ihnen in so ttauriger Weise gestört, den Glanz, der bei ihnen durch Frevlerhand vernichtet wurde und durch die wohlklingenden Laute des ftommen Mannes, standen sie lauschend, andächtig und schmerzvergessen da, wie losgeschält von der jüngsten, traurigen Vergangenheit; bis der Rabbi inne hielt, an jenem Abschnitte angelangt, wo die Recitation unterbrochen wird zu Gunsten eines königlichen Mahles, das in allen Häusern frommer Juden,. bei den Armen, wie bei den Reichen gleichmäßig gehalten und bei offenen Thüren servirt wird, als Einladung an die Hungrigen und Dürftigen, die an diesem Abend in jedem Hause eine gastliche Tafel finden. Nun schlich die unglückliche Mutter mit den Ihrigen von dannen zu ihrem verödeten, trostlosen Heim, aus welchem rauhe Hände das Fest verjagten, das im Glanze der Kerzen, des Silbers und Krystalls begonnen und so jäh und finster geendet. Hier zwischen Trümmern und Scherben saß die arme Mutter beim trüben Scheine einer Kerze, ihre'Psalmen absolvirend, Capitel um Capitel andächtig abhaspelnd, als wenn an jedem derselben Leben und Heil ihres Kindes hinge. In Stunden der Gefahr und der Noth, wo das Schicksal mit schwerem Schritt an den Menschen tritt und das Unglück durch die Scheiben blickt, oder sich bereits in die Thüre drückt, da wenden sich selbst minder fromme Seelen einem unsichtbaren Helfer zu und rufen aus unmeßbaren Fernen den Retter an, um ihn in frohen Tagen zu vergessen, wie der Glückliche das Elend vergißt! Ach, wenn das Kind blos gestorben wäre! Sieben Trauertage in Asche und Sraub, eine Andacht für die entflohene Seele und ein Gebet für den Heimgegangenen Körper und es wäre vorüber — aber, entführt um gemißhandelt, oder noch schlimmer, um getauft zu werden. Getauft werden! Der Frau schauderte. Der Nimbus, der fleckenlose Glanz der ganzen, so ehrbaren Familie, der weitreichende Ruf der Frömmigkeit, die weitverzweigten Verbindungen mit den erlauchtesten Namen des orthodoxen Judenthums — Alles, Alles hin und der kleine, unfreiwillig zum Christenthum bekehrte Junge, ein giftiger Pilz an dem blühenden Stammbaum ihres Hauses! Vor wenigen Jahren lebte im selben Orte eine angesehene wohlhabende Familie, eine Zierde der Judengemeinde und der Stolz der Verwandten und in dieser Familie ein Sohn, der auf Abwege gerathen. Statt Talmud und Sohar, lernte er im Geheimen Latein und Griechisch und statt zu heiraten, flüchtete er auf die Charkower Universität, studirte Medicin, ging dann zur Armee und nahm mit einem Posten, die Taufe. Noch war das Bild des Jammers nicht verblaßt, der die Familie ergriffen, aber die Thränen der armen Eltern löschten das Brandmal nicht aus, das ihnen der Sohn aufdrückte. Kein Jude verkehrte mit der geschändeten Familie, ihr Laden stand leer, das Haus war wie verödet, die Freunde flohen, jede Verbindung war aufgehoben, der fromme Sinn der Juden zog einen Pesteordon um die räudige, für immer befleckte Familie, die die Heimat verlassen und in die Fremde ziehen mußte, wo sie verschollen, verloren und vergessen wurde. „Wenn er blos sterben würde!" seufzte die unglückliche Mutter und schlug das dicke Gebetbuch zu. Draußen, auf dem Bergpfad, der zum Kloster, das halb zwischen alten Linden versteckt, weit die Gegend überragte, hinaufführte, stand seit dem ersten Grauen des Morgens , ein kleiner Trupp Polizeisoldaten und voran der Pristav in seinen langen Mantel gehüllt. Es war ein scharfer, von Bäumen überhängter Winkel des sich aufwärts windenden Weges, in welchem die Männer ihre Aufstellung genommen und wo sie weder aus dem Kloster, noch von der Straße gesehen werden konnten. Die erste Person, die. aus der Stadt die Höhe hinaufstieg, einen großen Korb auf dem Kopfe, war ein Bäckerjunge. Er wurde angehalten. „Halt. Wohin?" redete ihn der Pristav an. „Jn's Kloster, mit Brot und Semmeln." „Zurück. Es darf Niemand hinauf." Der Junge trug seine Bürde wieder hinunter. Eine Stunde lang war es vollständig ruhig, kein Mensch versuchte hinauf, keiner herunter zu gehen; dann erst hörte man die hölzernen Pantoffeln eines Mönches klappern und um die Ecke bog arglos ein feistes Männlein mit einem vollen, glatten, glänzenden Gesichre und einem kleinen Käppchen auf dem kahlen Kopfe. Der Polizeibeamte vertrat ihm den Weg. „Wohin Väterchen?" „Zum Bäcker mein Sohn; der Schlingel läßt uns heute ohne Frühstück und sieben ist vorüber; wenn das Brot nicht zum Profeten kommt, geht der Profet zum Brote," lachte der gute Mann. Der Pristav winkte einem Soldaten, der sich an die Fersen des Mannes heftete und ihn zum Polizeimeister geleitete. „Was soll ich bei deinem Polizeimeister mein Sohn?" frug der Mönch den Soldaten, als er drunten in der Stadt denselben auf den rechten Weg zur Polizei brachte." „Das weiß ich nicht, lieb Väterchen, antwortete dieser, Befehl ist Befehl und weiter ist es meine. Sache nicht." „Ja, siehst Du, guter Freund, zu Deinem Polizeimeister kann ich auch später kommen, das Frühstück aber duldet keinen Aufschub. Grüße schön von mir Deinen Polkownik und sage

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