Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 10 (1893)
- Issue
- 18 (5.5.1893)
- Date
- 1893-05-05
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
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Seite 342 Vesterreichifche Wochenschrift Nr. 18 Lehre hat uns Moses gegeben, zum Erbtheil für die Gemeinde Jacobs", sowie die Worte: „Die Lehre sei mein Beruf" und der Vers aus dem dritten Buche Moses, welches Buch schon dem Säugling bei der Namengebung zu Häupten in die Wiege gelegt wurde, und womit von altersher der Unterricht begann; denn'mit diesem Buche, das vom Reinen — dem Opfer — handelte, sollten die Reinen — die Kinder — sich zuerst beschäftigen (Mid. Baj. Cap. 7.) „Der Lehrer machte nun den Knaben jeden Buchstaben namhaft, und dieser sprach ihn nach. Die vier letzten Buchstaben werden in einem Worte u' zw. sowohl in der üblichen Reihenfolge, wie in der umgekehrten ausgesprochen, weil diese Buchstaben den Zahlenwerth von 1000 ergeben und das zweimalige Aussprechen dieses Zahlenwerthes an die 2000 Jahre erinnern sollte, um welche nach dem Midrasch die Thora älter ist, als die Schöpfung. „Die Tafel war mit Honig bestrichen, und der Knabe mußte diesen von der Schrift ablecken, um gleichsam die Süßigkeit der Lehre zu kosten. Es war auch ein Honigkuchen, den eine Jungfrau zu backen pflegte, für diese Feierlichkeit vorberettet, auf welchem folgende Bibelverse standen: „Und er sprach zu mir: Dein Leib esse, und Deinem Eingeweide führe zu diese Rolle, welche ich Dir gebe. Und ich aß sie, und sie war in meinem Munde wie Honig so süß." (Jechesk. 3, 3.) „Gott der Herr hat mir eine gelehrige Zunge gegeben, zu erkennen, dem Müden ein Wort zur Zeit zu sagen, er wecket am Morgen, er erwecket am Morgen mein Ohr, der Belehrung zu lauschen. Gott der Herr hat mein Ohr geöffnet, und ich habe nicht gemurrt, zurück bin ich nicht gewichen" (Jes. 50, 4, 5.) „Womit kann ein Knabe rein erhalten seinen Weg? — Wenn er sich hält nach Deinem Wort" (Pf. 119, 9.) „In meinem Herzen barg ich Dein Wort, damit ich nicht sündige gegen Dich" (das. 12.) „Oeffne meine Augen, auf daß ich Wunderbares in Deiner Lehre erblicke" (das. 18.) „Mache mich verständig, daß ich Deine Lehre bewahre und sie bewahre mit ganzem Herzen" (das. 34.) „Wie liebe ich Deine Lehre, den ganzen Tag ist sie meine Unterhaltung" (das. 97.) „Der Anfang Deiner Worte Erleuchtet, macht Thoren verständig" (das. 130.) „Geläutert ist.Dein Wort durchaus und Dein Diener liebt es" (das. 140.) „Die Kuchen wurden aus drei Sorten Mehl bereitet zur Erinnerung an die Gaben Gottes in der Wüste, des Manas, der Brunnen und der Wachteln. Milch und Honig waren darein gemischt, was Bezug haben sollte auf: „Er ließ das Volk Honig aus dem Felsen und Oel aus dem Kiesel saugen" (fünfte Buch Moses, 32, 13.) „Honig und Milch sind unter Deiner Zunge" (Hl. 4, 11.) „Bei dieser Feierlichkeit gab es auch ein Ei, darauf folgende Verse geschrieben waren: Von allen meinen Lehren bin ich klug geworden, denn Deine Zeugnisse sind mein Gespräch" (Ps. 119, 99.) „Von Greisen nehme ich Erkenntniß an, denn Deine Befehle bewahre ich" (das. IM.) „Wie angenehm sind meinem Gaumen Deine Reden, süßer als Honig meinem Munde" (103.) „Eine Leuchte meinem Fuße ist Dein Wort und ein Licht meinem Pfade" (105.) „Der Lehrer las mit ihm alles und schenkte ihm dann die Leckerbissen (um sein Fassungsvermögen zu stärken). Abergläubisch sagte der Knabe: Ich beschwöre Dich Dämon der Vergeßlichkeit, daß Du das unkluge Herz aus mir, dem N . ., Sohn des N. ., beseitigst und entfernst und auf hohe Berge wirfst. — Zuletzt führte man den Knaben längs eines Flusses spazieren, weil die Thora dem Wasser verglichen wird und gemäß dem Bibelworte: „Es sollen strömen Deine Quellen nach außen hin, auf weiten Strecken Wafferbäche" (Spr., 5, 16.) Im Bilde des Waffers sollte ihm Gewalt und Bedeutung der Wissenschaft aufgehen, die gleich dem Wasser unaufhaltsam vordringt und überall hin ihre fruchtbare Wirksamkeit äußert". In dem mitgetheilten Berichte liegt ein Culturbild vor uns, welches die hohe Bedeutung, die die damaligen Juden dem Unterrichte beilegten, in Hellen Farben zeigt. Es zeigt uns nicht nur die hohe, ideale Begeisterung und den Feuereifer für Wissen und Wissenschaft, von welcher der Anfänger so bald als möglich inspirirt werden sollte, sondern auch ein Erziehungsmittel, welches ein Problem der Pädagogik, wie der erste Schultag gehandhabt werden könne, löst. Daß die Juden des damaligen Jahrhunderts ihren Zeitgenossen im Punkte der Erziehung und des Unterrichtes in keiner Weise nachstanden, ja dieselben bei weitem — wenn auch in einseitiger Richtung — überflügelt hatten,, liegt auf der Hand. Nur in Bezug auf die Besoldung der Lehrkräfte hielten beide gleichen Schritt; beide kamen über ein Jahrgehalt von 50 fl. nicht hinaus. Und was die Schulpflicht anlangt, so finden wir in dem angegebenen Werke des gelehrten Verfassers, daß sich dieselbe auf sieben Jahre erstreckte, jedoch mit dieser Altersstufe nicht etwa abschloß, sondern sich noch auf weitere sieben Jahre erstreckte, welche Schulzeit aber den höheren Wissenszweigen jüdischer Gelehrsamkeit gewidmet war. Der Verfasser der Erziehungsgeschichte theilt uns ein Document — das einzige aus damaliger Zeit —mit, betitelt „Schulverfassung aus dem 13. Jahrhundert". In demselben wird uns wieder ein ideales Culturbild entrollt, wie sich die Begeisterung für Wissen nnd die denselben beigelegte Bedeutung schon bei der Geburt des Knaben äußerte, und wie man bestrebt war, dieselbe ideell dem Säugling mit der ersten Muttermilch einzuflößen. „Die Alten haben verordnet: Man soll den Erstgeborenen dem Studium weihen, so lange er noch im Mutterleibe ist. Ein Stützpunkt für diese Sitte findet sich in dem Verse Jer. 1, 4: „„Noch bevor ich Dich im Mutterleibe gebildet, erkannte ich Dich, und noch 'bevor Du aus dem Mutterschoße kamst, habe ich Dich geheiligt, zum Profeten über Völker habe ich Dich gesetzt."" Darauf deutet auch eine Stelle aus einem Beschneidungsgebete: „Der den Freund vom Mutterleibe an geheiligt hat." Mit dem Freunde ist nämlich Abraham gemeint, von welchem unsere Weisen sagen, daß er ebenso wie Jeremias vom Mutterleibe an von Gott ersehen war; denn wie es bei Jeremia heiße, „Gott habe ihn erkannt," so heißt es auch von Abraham (Erstes B. M. 18, 19.) Dennoch ist auch hier wie dort die „Erkennung" als vom Mutterleibe an zu verstehen. — Der Vater soll dann bei der ersten Schwangerschaft seiner Frau sagen: „Wenn meine Frau einen Sohn gebärt, so soll er heilig dem Ewigen sein (Dritter B. M. 28, 36) und mit seiner Lehre soll er sich beschäftigen Tag und Nacht" (Ps. 1, 2.) Alsdann am achten Tage nach. der Beschneidung lege man das Kind auf Polster und einen Pentateuch'ihüuW»HäupteNü und die Nettesten der Gemeinde oder das Schuloberhaupt sollen es segnen und also sprechen : „Der Herr gebe Dir vom Thau des Himmels!" (Erster B. M. 27), dann soll das Schuloberhaupt seine Hand auf den Knaben und den Pentateuch legen und dreimal sagen: „Dieser lerne und übe, was in diesem Buche geschrieben stehe!" Ferner: „Die Lehre Gottes sei in Deinem Munde!" (Zweiter B. M. 13.) „Die Lehre Gottes weiche nicht aus Deinem Munde!" (Jos. 1, 18) Dann soll der Vater ein Festmahl anrichten aus Anlaß des Bundes und der Absonderung, von der es bei der frommen Hanna heißt „Er (Samuel) soll dort weilen für ewig!" (Erster B. Sam. 1.) Wären die Juden des Mittelalters, welche von jedem Verkehr ausgeschlossen, denen die Hallen des öffentlichen Unterrichtes verschlossen blieben, die unter Druck und Beschimpfung namenlos litten, deren Existenz von einer einzigen Laune abhängig war und denen nur gleich die Wahl freistand, entweder den Tod unter grauenhaften Martern zu erdulden oder die angestammte Religion abzuschwören, oder den Wanderstab zu ergreifen; wären sie, wie oft behauptet wird, von Haus aus wirklich nur für den Handel und Schacher befähigt und angelegt und keine andere Neigung in ihrer Brust rege gewesen: so würden wir es für unmöglich halten, daß sich solche Sitte bei der Geburt und bei dem ersten Schulgange eingebürgert hätte, welche in gar keiner Weise dem Handel und dem Schacher das Wort spricht. In jenem mitgetheilten Feierlichkeiten, welche das Herz des jungen Lernenden ganz einnehmen und zur Begeisterung hinreißen sollte, erblicken wir ein wichtiges pädagogisches Moment, ein Erziehungsmittel von ganz besonderer Wirksamkeit, welches alle der späteren Zeiten zu Schanden machen. Studieren war der Trieb des Sohnes eines Israeliten, die Lehre war sein Element, aus ihr Wahrheit und Gerechtigkeit zu lernen und zu üben, sein Bestreben, sein Tummelplatz die Lehrstube und nicht der Marktplatz; sein Leitstern das Buch der Bücher — die Bibel — und nicht der Binkel.