Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 10 (1893)
- Issue
- 18 (5.5.1893)
- Date
- 1893-05-05
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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Nr. 18 Oestrrrrrchifche Wochenschrift Seite 341 risch Bedeutendsten des deutschen Schriftthums sprechen zu lassen. Kein Geringerer als der Bürgermeister von Berlin, Herr Zelle, laßt sich wie solgt vernehmen, was auch der Bürgermeister von Wien beherzigen sollte: Eifrig schürt die Flammen an, Blaset in die Wogen. Glaubt Ihr selber nicht daran, Nun so wird gelogen. Alle Hunde lasset los; Was da kroch im Duster Haue auf recht rücksichtslos, Nach berühmtem Muster. Himmel, ist das Maß nicht voll? Mach ein End' den Plagen! — dich, daß ich so hoffen soll In den Lantnertagen. Rudolf Bauvlbach schreibt: „Der Antisemitismus ist die Modekrankheit des geistigen Pöbels." Paul Heyse: „Ihr, die Ihr Euch rühmt der christlich reinen Gottesfurcht, wie redet Ihr?" Max Kalb eck: „Was nicht ein Ehrabschneider Alles kann! Er machte sich zum Musterbild der Sitten — Und wie? Der e-g'nen Schande flickt er an, Was er au Ehren Anderen abgeschnitten." Freiherr Krafft-Ebing: „Eine recht befremdliche und bedauerliche Erscheinung im Kulturleben gesitteter Nationen Europas, an der Neige des Jahrhunderts, stellt der die Gemüther verrohende Classen- und Rassenhaß dar." Hans Hopfen: „Es schwindeln und überlisten Dich, wenn die Gelegenheit lacht, Die Juden und auch die Christen In gleicher Niedertracht." Victor Blüthgen: „Wer ehrlich seinen Weg durchmißt, Dem wünsch' ich nichts zu Leide, Ein schlechter Jud, ein böser Christ, Der Teufel hol' sie Beide!" Friedrich Sundermann: „Widerwärtig! das richtige Wort! — Denn lärmend und lügend von Ort zu Ort, Jeglichem Pöbel erwünschter Sport, Führt es hinunter zu Raub und Mord." S. Fritz: „Man schafft jetzt neuen Lichterglanz Durch allerlei Motoren, Wann wird fürs Licht der Toleranz Die.ret te Kraft geboren?" Nur so viel, eigentlich nur so wenig sei hier angeführt, was die edelsten Dichter des deutschen Volkes wie Felix Dahn, Graf Schack, Paulus Cassel, Georg Ebers, Max Nordau, Freiherr von Doblhof, Otto Roquette, Julius Stettenheim, P. K. Rosegger u. s. w. in Zorn und Verachtung gegen den Antisemitismus aussprechen. Kein Gebildeter, aber nicht allein in jüdischen, vielmehr in christlichen Kreisen sollte es unterlassen, diese in edelster Form dargebotene Chrestomathie für seine Bibliothek anzuschaffen. Basedow und der Unterricht bei den Juden in Frankreich und Deutschland im XHI. Jahrhundert. (Ein Capitel aus der Geschichte des Erziehungswesens von Alexander Stößl, städt. Volksschullehrer, Wien. Nur Derjenige, welcher Gelegenheit hat oder den Berufspflicht hinstellt, sich mit einem Kinde von beiläufig sechs Jahren zum erstenmale unterrichllich zu beschäftigen, kennt die Schwierigkeiten, welche das Lehramt bisweilen verlangt. Unschuldig und unverdorben, rein wie aus der Hand des Schöpfers, aber auch geistig unentwickelt, empfängt am ersten Schultage der Lehrer eine Schaar junger Geschöpfe unter Begleitung der Mutter, Geschöpfe, die bis zu diesem Tage kaum eine Stunde lang zugebracht ohne die zärtliche und fürsorgliche Aufsicht der liebenden Mutter, die jeden Schritt überwacht und selbst den Schlaf belauscht. Und nun muß das theure Gut hinaus in die Schule unter fremde Aufsicht, unter einen fremden Hüter! Unsere Gefühle weilen bei der Mutter, welche daheim in banger Angst die Stunde erwartet, bis ihr liebes Kind sie wieder begrüßt und sie es in ihre liebenden Arme schließt. An den Lehrer, an den die Aufforderung gestellt wird, mit einer Schaar von siebzig unter solchen Umständen und Gefühlen Ueberlassener zum erstenmale zu hantiren, denkt freilich Niemand. Er ist sich selbst überlassen, aus sein Wissen und seine Kunst vertrauend, seine ganze Kraft einsetzend, in der freudigen Erwartung, das Beste für diese Schaar Kleiner und Unmündiger zu thun und seine Arbeit mit dem höchsten Erfolge gekrönt zu sehen. Belauschen wir ihn, und wir werden vielleicht die Frage beantworten — die noch.Wenige gestellt haben — was der Lehrer mit solchen siebzig Kindern am ersten Schultage macht. In der Regel stellen sich unsere Väter und Mütter dies als ein einfaches und recht mechanisches Geschäft vor, daß etwa sofort mit dem L begonnen und das Unterrichten flott weiter fortgesetzt wird. Dem ist nicht so. Dieser erste Schultag ist ein sehr aufregender, anstrengender und fordert des Lehrers ganze Kraft, Kunst und gesammelte Erfahrung. Die meisten Kinder weinen und wollen davonlaufen. Aufgewecktere reden so drein, wie wenn sie zu Hause im lieben Baterhause wären, noch andere begehen noch andere Streiche. Dem Lehrer obliegt die schwierige Aufgabe, vor allem Ruhe herzustellen, die Kinder daran zu gewöhnen, sie für das neu bezogene Heim zu gewinnen, sie langsam, aber sicher in das Lernen einzuführen. Die Hindernisse, welche diesen Anforderungen entgegentreten, thürmen sich in colossaler Weise. Es ftagt sich für den Pädagogen, was hat denn das Kind bis jetzt geliebt, gerne gesehen und womit hat es sich am liebsten beschäftigt? — Es liebte die Freiheit, es fand Gefallen an Leckerbissen aller Art, an einer Menge Spielsachen. Die Freiheit kann chm nicht wie früher gewährt werden; aber eine Kunst wird ausfindig gemacht, ihm seine anderen Gelüste zu ersetzen. An Stelle der Spielsachen I treten die Anschauungsmittel. Was aber an Stelle der Leckerbissen? Diese brachten einen geistreichen Pädagogen des vorigen Jahrhunderts, Johann Bernhard Basedow, bei Errichtung seines Philantropins in Dessau — „eine Schule der Menschenfreundfchaft für Lernende" — auf die Idee, Buchstaben aus Marzipan zu verfertigen, welche in auf Staatskosten eingerichteten „Buchstabenbäckereien" hergestellt und den Kindern verabreicht werden sollten. Hat es Basedow darauf abgesehen, durch gebackene Buchstaben als ganz natürliche Anschauungsmittel auf die Lust der Kleinen zu wirken, so finden wir ein Änalogon in der Geschichte des Erziehungswesens, welches eine ideale Richtung einschlug. Es hatte sich bei den Juden Frankreichs und Deutschlands im Mittelalter die Sitte eingebürgert, den ersten Schultag in erhebender, festlicher Weise zu begehen, wie im Nachstehenden mitgetheilt wird: Diese Mittheilung findet sich in dem ausgezeichneten Werke „Geschichte des Erziehungswesens und der Cultur der Juden in Frankreich und Deutschland" von Dr. M. Güdemann, welches Werk in keiner Bibliothek pädagogischer Werke fehlen sollte. Als einen kleinen Versuch, was in dem genannten Werke an Lehrreichem und Gediegenem gebotenwird, führe ich wlgende Mittheilung an, welche Dr. Güdemann einem handschriftlichen Sammelwerke, welches in den Rheingegenden von einem Unbekannten verfaßt wurde, entnimmt. „Das Kind wurde an dem Wochenfeste, als an dem Feste der Gesetzgebung dem Unterrichte überwiesen. Man fi'hrte den rein gewaschenen und nett gekleideten Knaben mit Morgenanbruch in das Gotteshaus vor die Thora, während daraus die für dieses Fest bestimmte Perikope aus dem zweiten Buche Moses, Cap. 19 — der Dekalog — vorgelesen wurde. Sodann wurde er dem Lehrer zugeführt. Sowohl auf diesem Wege, wie auf dem ins Gotteshaus, war das Kind in ein Tuch oder in einen Mantel eingehüllt, was Bezug haben sollte auf den Vers: „Sie standen unter dem Berge" (gleichsam verhüllt) das. 17. — Der Lehrer nahm den Knaben auf den Arm und setzte ihn dann zum Unterrichte nieder. „Wie der Wärter den Säugling trägt" (vierte Buch Moses 11, 12.) „Ich gängle Ephraim, ihn in den Armen haltend" (Hos. 11 3.) „Alsdann nahm der Lehrer eine Tafel, auf welcher die vier ersten und die vier letzten Buchstaben des Alphabets bezeichnet waren, ferner der Vers aus dem fünft. B. Mos. 33,4. „Eine