Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 10 (1893)
- Issue
- 18 (5.5.1893)
- Date
- 1893-05-05
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
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Seite 340 Oesterreichifrtze Wochenschrift Nr. 18 sechs Jahrhunderten gehört er zu den meistgenannten und populärsten Männern in der halachischen Literatur. Noch heute in unseren Tagen ist der Name dieses großen Lehrers von entscheidendem Einfluß auf halachischem Gebiete. Viele unserer religiösen Bräuche und liturgischen Einrichtungen tragen in unseren Ritualwerken den Namen „Rabbi Meir von Rothenburg" als Quelle an der Stirne und in zweifelhaften schwierigen Fällen bildet er noch heute eine der Hauptstützen und hat eine der Hauptstimmen für die zu treffende Entscheidung. Bis zu den letzten sieben Jahren vor seinem Tode verlief sein Leben im Ganzen ruhig und glücklich. Doch finster und traurig sollte sich sein Ende gestalten. Im Begriffe, mit seiner ganzen Familie eine überseeische Reise, wahrscheinlich um gleich vielen Anderen nach Palästina zu gehen, anzutreten und schon in der Lombardei angelangt, wurde er von einem jüdischen Apostaten, der sich im Gefolge des auf dem Rückwege von Rom durchreisenden Erzbischofs von Basel befand, erkannt und auf des letzteren Veranlassung durch den Stadthauptmann Meinhard von Görz gefangen genommen und an Kaiser Rudolf von Habsbnrg ausgeliefert, der ihn am 4ten Tamus 5046 28. Juni 1286 ins Gefängnis setzen ließ. Der eigentliche Grund dieser Gefangennahme und Verhaftung ist in keiner einzigen Quelle, weder in den jüdischen, noch in den hierüber berichtenden nichtjüdischen Quellen, angegeben, sondern wird bis zum heutigen Tage nur vermuthet. Man brachte ihn zuerst in den Gefängnisthurm zu Wasserburg, einem von hohen Bergen eingeschlossenen Städtchen am Inn in Baiern, hernach wurde er in den Thurm zu Ensisheim, einem Städtchen im Oberelsaß gebracht. Welchen Schrecken und welche Trauer dieses Ereigniß in ganz Israel hervorrief, geht schon daraus hervor, daß die Gemeinden die höchsten Summen — nach einer nichtjüd isch en Quelle 20.000, nach einer jüdischen Quelle 23.000 Mark Silber — anboten, um ihren gefeierten Lehrer aus der Haft zu befreien, doch dieser, so erzählt eine glaubwürdige Quelle aus dem sechzehnten Jahrhundert, gab es nicht zu, daß man ein solch' hohes Lösegeld für ihn erlege, weil er befürchtete, daß dieses Beispiel bei den geldbedürftigen und geldsüchtigen kaiserlichen Behörden Nachahmung finden könnte, die Verhaftung großer Männer in Israel als wirksames Gelderpressungsmittel öfter in Anwendung zu bringen. Und so blieb der allverehrte große Lehrer in edler Selbstverläugnung uud frommer Ergebung sieben volle Jahre im Gefängniß. Aber nur seinen Körper konnte man einkerkern, sein Geist jedoch durchbrach die finsteren Kerkerräume, und tx erreichte das Zugeständnis;, seine Lehrthätigkeit im Gefängniß fortsetzen zu dürfen. Ein ergreifendes Bild, wie es keine zweite Literatur aufzuweisen hat! Wie der gefangene greise Lehrer die Schüler zu sich in's Gefängniß kommen läßt und ihnen da unverdroffen mit ungebrochenem Geiste bei Ermanglung der nöthigsten Büch er seine Lehroorträge hält, die die ängstlich lauschenden Schüler mit der peinlichsten Gewissenhafügkeit und emsigsten Sorgfalt aufzeichnen und der Nachwelt überliefern. Der Kerker könnte den großen Lehrer nicht geistig todt machen, sondern umgekehrt, sein großer Geist verhalf dem winzigen, weltvergessenen Ensisheim zu ewigem Leben, zur Unsterblichkeit im Reiche der jüdischen Literatur. Der „Thurm von Ensisheim" kehrt so häufig wieder in den verschiedenen Werken seines einstigen großen Bewohners, daß seit fünf Jahrhunderten der Name „Ensisheim" den Männern der Halacha ebenso geläufig ist, wie zum Beispiel Cordova und Barzelona. Beide Städtchen, Rothenburg an der Tauber und Ensisheim, dürften wahrlich — wenn sie das Verständniß hiefür hätten — dem großen Manne ein Denkmal in ihrer Mitte errichten; denn beide haben es ihm zu verdanken, daß ihre Namen heute noch in der Ferne von tausenden Lippen ausgesprochen und von tausenden Händen niedergeschrieben werden. R. Meir erlangte die Freiheit nicht wieder, sondern starb im Kerker. Am 19. Jjar 5053 27. April 1293 genau fünfhundert Jahre vor dem Tode des Prager Rabbiners Jecheskel Landau — hauchte der edle, gottergebene Dulder seine große Seele in Ensisheim aus. So brachte R. Meir der Liebe zu seinen unglücklichen Glaubensbrüdern seine Freiheit, seine Gesundheit, ja sein Leben zum Opfer. Als unverwelkliche duftende Blume lege ich an diesem Tage auf sein Grab eine Stelle, die ich in einem von ihm im Gefängniß verfaßten Werke gefunden, das der einstige Prager Rabbiner Jom Tow Lippmann Heller dadurch der Vergessenheit entrissen hat, daß er es seinem Mischna-Commentar einverleibt hat. Die Stelle hat mich tief ergriffen und dürfte auch den Leser ergreifen. Es werden in einer Mischna die Erkennungsmerkmale bei äußerlichen Entzündungskrankheiten nach den verschiedenen Farben der einzelnen Menschenrassen gegeben, wo auch von der Durchschnittsfarbe des israelitischen Volksstammes und von dem mit ihr zusammenhängenden äußeren Symptome einer vorhandenen Entzündungskrankhett die Rede ist, was Rabbi Jsmael einleitet mit den Worten: „Die Kinder Israel, ich sei ihr Sühnopser." Dazu bemerkt unser Rabbi Meir: „Weil hier von einer etwaigen Israel heimsuchenden Krankheit die Rede sein soll, darum schickt R. Jsmael aus Liebe zu Israel diese Worte voran, mit welchen er sagen will: „Nichs Böses soll sie heimsuchen, lieber will ich ihr Sühnopfer sein." Als der vielgeprüfte Mann diese Worte im Gefängnisse niederschrieb, schwebte ihm gewiß sein eigenes schweres Schicksal vor, das er für Israel willig über sich ergehen ließ. Aber selbst sein Tod hat die jedes menschlichen Mitgefühls baare kaiserliche Regierung nicht versöhnt. Auch die entseelte Hülle des tief betrauerten Lehrers wurde, entweder aus Rache, weil er sie um das hohe ihr angebotene Lösegeld gebracht hatte, oder aus neuer Speculation, vierzehn Jahre lang im Thurme von Ensisheim zurückgehalten, bis es einem edlen Manne, Namens Süßkind Alexander ben Salomon Wimpfen aus Frankfurt a. M. gegen eine hohe Summe gelang, ihre Auslieferung durchzusetzen. Eine echt jüdische That von Chesed-chel-Emeth, für die der edle Mann ein goldenes Blatt in der Geschichte der Juden und der Humanität verdient. — Am 4. Adar 5067 1307 wurden die irdischen Ueberreste R. Meirs nach Worms gebracht und an der Begräbnisstätte seiner Väter beigesetzt. Als einzigen Gnadenlohn erbat sich der edle Bestatter, nach seinem Tode an der Seite R. Meirs begraben zu werden. Dieser fromme Wunsch sollte ihm bald in Erfüllung gehen. Im nächsten Tage Jom Kippur darauf starb Wimpfen und-wurde am 11. Tischri 6068 1307 an der Seite R. Meirs beigesetzt. So ruhen beide Männer nebeneinander. Zwei Leichensteine bezeichnen ihre Ruhestätten. Die Zuschriften bezeichnen nichts weiter als die hier gegebenen Daten. Und so scheiden wir heute vom Grabe R. Meirs mit dem Vorsatze, sein Leben und Wirken in einer eigenen umfangreichen Denkschrift in kürzester Frist zum erstenmale ausführlich und quellenmäßig darzustellen. Prag-Smichow, 30. April 1893. Dr. S a m u e l Back. „Freiheit, Liebe, Menschlichkeit" ist der Titel eines soeben in Berlin bei I. van Groningen und Comp, erschienenen glänzend illustrirten Prachtwerkes. Kostbarer ist aber noch sein Inhalt. Nicht weniger als 113 deutsche Dichter und Schriftsteller, darunter die glänzendsten Namen der Gegenwart sind in dem Werke durch Gedichte, Aphorismen, Gedenksprüche vertreten. Die Namen der Verfasser sind sacsimilirt beigegeben. Die Tendenz des Werkes ist, wie der Hingeschiedene Kaiser Friedrich den Antisemitismus nannte, gegen „die, Schmach, des Jahrhunderts", die Meinungen der litera-